Buchmesse-FOMO

LBM17_LeipzigLiest_rgb

Morgen geht’s los zur Leipziger Buchmesse und nach Tagen des Programmwälzens schlägt die Fear of Missing Out (FOMO!) zu. So viele Veranstaltungen, so viele interessante Lesungen! Ein paar habe ich mir rausgesucht; besonders gespannt bin ich auf das Schwerpunktland Litauen, aber auch auf die Länder-Stände – hier gibt es garantiert Unbekanntes zu entdecken.

Viel Politisches ist auch in diesem Jahr dabei: Da geht es um den Zusammenhalt in Europa, Feminismus, um Populismus und Terrorismus. Spannend. Nachdem das im letzten Jahr so ausgezeichnet funktioniert hat, wird auch morgen bestimmt genug Zeit sein, um sich einfach treiben zu lassen. Das hilft am besten gegen FOMO. Allen Besuchern unter euch viel Spaß – vielleicht sieht man sich ja!

Deutschland als Mittelpunkt litauischer Literatur? Die Zeit von 1945 bis 1949.

„Es heißt, dass von den insgesamt etwa 100.000 aus ihrer Heimat geflohenen Litauern etwa 58.000 Personen in DP [Displaced Persons] Camps auf deutschem Boden gelebt haben. Unter ihnen befand sich der größte Teil der politischen und kulturellen Elite des Landes, die den Krieg überlebt hatten und den sowjetischen Massendeportation entgangen waren. Da ab 1944 in Litauen selbst eine grausame stalinistische Sowjetisierung im Gange war, kann gesagt werden, dass etwa von 1945 bis 1949 Westdeutschland Standort und Schauplatz der litauischen Kultur (und also auch der litauischen Literatur) gewesen ist.“[1]

lithuania-1570508_640

Weiterlesen

Antanas Škėma: Das weiße Leintuch (1958/2017)

 

Skema- LeintuchDie Sehnsucht nach Litauen vergeht nie. In den geschäftigen Straßen von New York trifft man seine Landsleute; die Literatur – sie lebt im Exil fort. Fernab der sowjetischen Herrschaft schreibt manch einer mit litauischem Nationalpathos, ein anderer pflegt durch zahlreiche Anspielungen Geschichte und Kultur des Landes. Zu letzteren gehört der bereits 1961 verstorbene Dichter Antanas Škėma. Im US-amerikanischen Exil verfasste er mit „Das weiße Leintuch“ sein – zumindest außerhalb Litauens – bekanntestes Werk.

Škėmas Protagonist, der litauische Schriftsteller Antanas Garšva, lebt im New Yorker Exil. Von den Sowjets gefoltert, floh er über Deutschland in die USA, wo er nun als Liftboy arbeitet. Er raucht, trinkt und verliert sich in Affären, von denen er sich mal mehr, mal weniger verspricht. Lebensbedrohlich krank, schiebt er das klärende Gespräch mit dem Arzt vor sich her; gemeinsam mit seiner Geliebten will er leben, dabei schreiben und auch endlich wieder dichten.

Die Parallelen zum Leben des Autors stechen sofort ins Auge und auch sein Dichtertum merkt man der Erzählweise an: Seitenlange Assoziationsketten, die sich Bildern aus der baltischen, römischen oder griechischen Mythologie bedienen; dann historische und politische Andeutungen, die ohne die hilfreichen Anmerkungen des Verlages gar nicht zu verstehen wären. Orte, Plätze, Zeiten – alles verschwimmt und schon bald fühlt man sich ebenso gehetzt wie der Protagonist des Romans. Das schien auch der Autor gesehen zu haben, denn fast lacht man erleichtert auf, als er eine andere Figur das Werk seines Protagonisten kritisieren lässt: „Du jonglierst nur mit Bildern. Ohne Sinn.“ (S. 203)
Dann lässt Škėma Antanas Garšva etwas Luft holen; in fein formulierten Rückblicken entblättert er nach und nach die litauische Geschichte. Vom Krieg gegen Polen, der Unzugänglichkeit der Hauptstadt Vilnius, der deutschen und sowjetischen Besatzung, dem Widerstand, von Flucht und Vertreibung erzählt Škėma und geht dabei nicht über den Horizont seines Protagonisten hinaus. Diese Rückblicke sind viel lesbarer, verständlicher. Sind mehr Prosa als Lyrik.

Es heißt, Das weiße Leintuch habe auch heute noch großen Einfluss auf die litauische Literatur. Das ist ohne Weiteres vorstellbar, denn hier wird thematisch so viel angerissen; eine Quelle, aus der jüngere Autoren jahrzehntelang schöpfen können. Dazu legt Antanas Škėma hier auf mehr als 250 Seiten seinen facettenreichen Stil nieder. Da lässt sich abschauen, kopieren, vielleicht auch kritisieren und ausbauen. Und für den Leser, der mit hilfreichen Anmerkungen und Biografien im Anhang erstmals in die litauische Literatur eintaucht, eröffnet sich eine ganz neue Welt, die geprägt ist von Ost und West, so europäisch und dabei doch so fremd.

Antanas Škėma, Das weiße Leintuch (OT: Balta drobulė, 1958, aus dem Litauischen von Claudia Sinnig), Guggolz 2017, 255 S., 21€, ISBN 978-3-945370-10-0.

 

Leipzig liest Litauisch

Bald ist es wieder so weit – Ende des Monats steht die Leipziger Buchmesse vor der Tür. Schwerpunktland wird in diesem Jahr Litauen sein. Obwohl gar nicht so weit entfernt, ist Litauen ein weißer Fleck auf meiner Leselandkarte. Dabei hat das Land literarisch einiges zu bieten und wird in diesem Jahr von gleich mehreren Verlagen entdeckt. So werden nicht nur Neuerscheinungen verlegt, sondern auch ältere Bücher, die die litauische Literatur bis heute beeinflussen. Antanas Škėmas Das weiße Leintuch gehört zum Beispiel dazu: In den 1950er Jahren geschrieben, wird es in diesem Jahr zum ersten Mal auf Deutsch verlegt. Wie schön, dass die Gast- und Schwerpunktland-Aktionen der Buchmessen für die Verlage einen Anreiz bieten, sich mit bislang unbekannter Literatur zu beschäftigen und sie dem deutschen Markt zugänglich zu machen – in diesem Jahr ein Glück für uns Leser, deren Litauischkenntnisse mehr als bescheiden sind.
Besonders gespannt bin ich auf diese Neuerscheinungen:

Litauische Bücher.JPG

Ulrich Rosengarten : Litauen. Ein europäischer Staat zwischen Ost und West ♦♦♦ Undinė Radzevičiūtė: Fische und Drachen  ♦♦♦ Jurgis Kunčinas: Tula ♦♦♦ Grigorijus Kanovičius: Die Freuden des Teufels ♦♦♦ Kęstutis Navakas: Die gelassene Katze ♦♦♦ Tomas Venclova: Der magnetische Norden ♦♦♦ Ruta Sepetys: Salz für die See ♦♦♦ Irena Ülkekul (Übersetzung): Ein glücklicher Mensch. Märchen aus Litauen ♦♦♦ Antanas Škėma: Das weiße Leintuch

Wer ein wenig weiterstöbern möchte: Einen Blog, der sich ganz der baltischen Literatur verschrieben hat, gibt es hier.

striche

 

L. Frank Baum: Der Zauberer von Oz (1900)

Dieses Märchen ist in meiner Kindheit fast völlig an mir vorüber gegangen. Grob konnte ich mich an ein kleines Mädchen erinnern, auch eine Vogelscheuche war da irgendwo. Dass „Der Zauberer von Oz“ sich als so fantasievolle, auch nicht aufdringlich lehrreiche und kunterbunte Geschichte entpuppen würde, die sich als Erwachsener mit Schmunzeln lesen lässt, hätte ich nicht gedacht.k800_oz
Weiterlesen

Was erwartest du von einem Buch?

was-erwartest-du-von-einem-buch

Lesehighlights gab es für mich im letzten Jahr einige. Totale Flops dagegen keine. Schlimmstenfalls mittelmäßige Bücher, die nicht länger im Gedächtnis blieben. Überhaupt kann ich mich an wenige „richtig schlechte“ Bücher erinnern, die ich gelesen habe. Ist ja auch immer Geschmackssache, aber selbst dann. Liegt das an persönlicher Anspruchslosigkeit oder an der rigiden Vorauswahl, die Fehlgriffe unwahrscheinlicher macht? Denn besonders „Überraschungspackungen“ gegenüber bin ich skeptisch; ein unbekanntes Buch allein wegen des Covers kaufen? – Spätestens dann schlurfe ich mit Hasenfuß aus der Buchhandlung und vertiefe mich in meine sorgsam zusammengestellte Wunschliste.

Was erwarte ich überhaupt von einem Buch? Soll es mich unterhalten, bezaubern, entführen, alles um mich herum vergessen lassen, aufheitern, traurig stimmen oder einfach Fakten liefern? Das kommt ganz darauf an: Bei Klassikern, hier besonders bei Romanen, will ich natürlich gut unterhalten werden. Aber in erster Linie will ich verstehen, warum das betreffende Werk so berühmt geworden ist. Ist es seine originelle Geschichte und finde ich persönlich sie auch aus heutiger Perspektive noch originell? „Die Maschine steht still“ von E. M. Forster war so ein Fall; auch die Jules Verne-Romane oder Robinson Crusoe. An Theaterstücke gehe ich hingegen möglichst unvoreingenommen heran. Zuletzt gab es wahre Glücksgriffe wie Oscar Wildes „Ernst sein ist alles“, während ich von anderen, wie von Büchners „Leonce und Lena“ enttäuscht war. Das bezieht sich alles aber erst einmal aufs reine Lesen, denn auf der Bühne gesehen habe ich beide Stücke noch nicht und es kann ja sein, dass die Inszenierung hier einiges umkehrt. Das unterscheidet das Lesen von Theaterstücken wohl sehr von Romanen – hier kann einen schlechten Roman wohl nur eine noch schlechtere Verfilmung besser machen.

Bei Sachbüchern steigen dann erstaunlicherweise die Ansprüche (vielleicht, weil es mehr Zeit und Anstrengung kostet, sie zu lesen?): Der Text muss verständlich und anschaulich geschrieben sein – aber bloß nicht zu unterhaltsam, Richard David Precht lässt grüßen. Das Buch darf sich auch ruhig an ein Fachpublikum richten, zu dem ich nicht gehöre, solange es sich nicht in Bezugnahmen ohne Erklärungen verliert. Karten und Schaubilder sind sehr wichtig; ebenso ein ausführlicher Anhang. Der hat mich schon häufiger gerettet, wenn Originalbezeichnungen aus der jeweiligen Fremdsprache zunächst unkommentiert in den Fließtext eingebaut wurden. Meine Begeisterung fürs auf-die-Landkarte-Schauen wird zum Glück wohl von den Verlegern meiner derzeitigen Lektüre Hochgeschwender: „Die amerikanische Revolution“ geteilt.

Dann gibt es noch die Schamkategorie der Self-Publisher-E-Books (ja… aber vielleicht ist ja doch mal ein Schatz dabei!). Hier erwarte ich erst einmal weniger als von im Buchhandel Erhältlichem, besonders was eine bis ins Letzte ausgefeilte Geschichte angeht. Ein Mindestmaß an Rechtschreibung (man kann ja auch mal einen Bekannten drauf schauen lassen) und keine allzu platten Wortwendungen und -wiederholungen erwarte ich dann aber doch. Wenn man sich schon Autor nennen können möchte, sollte man hierauf Wert legen. In dieser Kategorie habe ich schon mehrmals danebengegriffen – auf Bewertungen verlasse ich mich seitdem nur noch eingeschränkt.

Was ich von einem Buch erwarte, hängt also insgesamt sehr von der Sparte ab. Nicht zuletzt will ich immer, wenn ich lese, etwas Neues erfahren und lernen – und sei es, welches Gebäck im viktorianischen England zum Tee gereicht wurde. Genau diesem Informationshunger ist auch der Titel des Blogs geschuldet.

Wie sieht’s bei euch aus? Was erwartet ihr von einem Buch?

Oscar Wilde: Ernst sein ist alles (1895)

Selten habe ich beim Lesen eines Theaterstückes so oft laut aufgelacht. Nicht, dass ich mich damit brüsten könnte, schon besonders viele Stücke gelesen zu haben, aber dennoch meine ich: Oscar Wildes Komödie schafft etwas wirklich Besonderes, denn sie ist beim Lesen einfach unglaublich lustig. Schon ohne Schauspieler, Bühne und Requisiten schmunzelt man leise oder laut vor sich hin und kommt sich nicht nur einmal vor, als lese man den Text zu einer heutigen Sitcom.

oskar_wilde_grau

Die Hauptpersonen sind schnell beschrieben (Achtung, sehr britisch gewählte Namen): Algernon möchte das Mündel seines Freundes Jack heiraten. Jack möchte Algernons Cousine heiraten. Gegen beides hat Algernons Tante Lady Bracknell eine Menge einzuwenden (Name, gesellschaftliches Ansehen, Geld, gesellschaftliches Ansehen, Geld). Die beiden Angebeteten hingegen sind begeistert, denn ihre jeweiligen Verlobten stellen sich ihnen unter dem ehrenwerten Namen „Ernest“ vor – welche Frau wünscht sich keinen Ernest an ihrer Seite? – und sind insgeheim sogar bereit, sich geschwind auf diesen Namen taufen zu lassen. Dumm nur, dass dann beide unerwartet aufeinander treffen, ohne sich abgesprochen zu haben.

Das Stück ließ sich im englischen Original gut lesen, die Witze waren pointiert und resultierten gerade zu Beginn häufiger aus Wortwitz als aus Situationskomik. Britischer Snobismus aus Jane Austen-Zeiten und beste-Freundinnen-Gehabe werden gnadenlos auf die Schippe genommen, der hedonistische Dandy triumphiert. Gerade zum Ende hin, wo Wilde mehr auf die Situationskomik gesetzt hat, droht das Stück ein wenig ins Alberne abzurutschen. Das trübt aber nur unwesentlich den heiteren Gesamteindruck, den ,,The Importance of Being Ernest“ beim Lesen hinterlässt.

Oscar Wilde, Ernst sein ist alles (OT: The Importance of Being Ernest), verschiedene Ausgaben.


Das erste Theaterstück, das ich in der Gutenberg-App auf meinem Smartphone gelesen habe: in angenehmer Schriftgröße und gut leserlichem Satz. Trotzdem ist es immer noch ermüdender, als einfach ein Buch in die Hand zu nehmen. Dafür allerdings leichter mit sich herum zu tragen. Der Link zur kostenlosen Vollversion beim Projekt Gutenberg:
http://www.gutenberg.org/ebooks/844

Dieser Titel ist Teil meiner k1024_leseliste

Georg Büchner: Leonce und Lena (1836)

georg_buchnerLeonce und Lena habe ich hauptsächlich zur Hand genommen, weil mir Büchner mit „Woyzeck“ sehr gefallen hat. Von dieser Mischung aus Komödie und politischer Satire war ich aber enttäuscht.

Zum Inhalt: Der gelangweilte und deshalb auch melancholische Anwärter auf den Königsthron Leonce flieht mit seinem launigen Diener und Freund Valerio vor einer arrangierten Heirat mit Prinzessin Lena. Lena befindet sich mit ihrer Gouvernante ebenso und aus dem gleichen Grund auf der Flucht. Die beiden treffen in einem Wirtshaus aufeinander und verlieben sich. Weiterlesen

Klaus Mann: Mephisto – Roman einer Karriere (1956)

Anders als sonst bin ich auf diesen Roman nicht durch Rezensionen oder auf eine Empfehlung hin aufmerksam geworden, sondern durch das Bundesverfassungsgerichtsurteil, das sich mit dem Roman beschäftigt. Ehrverletzend soll er sein, nach seinem Autor zwar explizit kein Schlüsselroman. Doch der Protagonist sei eindeutig der Schauspieler Gustav Gründgens, ein Opportunist, ein mit-den-Nazis-Anbandler. Gründgens Adoptivsohn strengte einen Prozess an – der Schauspieler und der Autor des Romans Klaus Mann waren da schon beide tot.
Kann man das Allgemeine Persönlichkeitsrecht einer verstorbenen Person verletzen? Man kann, urteilte das BVerfG und verbot die Verbreitung dieser „Schmähschrift in Romanform“ in Westdeutschland.mann-mephisto Weiterlesen

VII. Anselm oder Der bewiesene Gott

Dem Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury (auch von Aosta, nach seinem Geburtsort oder von Bec, nach dem Ort seines Wirkungsbeginns), ca. 1033–1109 n. Chr., widmet Wilhelm Weischedel nur einen kurzen Abschnitt. Dies verwundert, denn häufig ist zu lesen, dass Anselms Argumente zu den meist zitierten in der Philosophie gehören und sich u. a. Thomas von Aquin, Descartes und Kant an ihnen abgearbeitet haben. Er gilt als „Vater der Scholastik“, jener im Mittelalter häufig verwendeten Beweismethode, die wissenschaftliche – meist theologische – Fragen durch theoretische Erwägungen, ein Für und Wider der Argumente und deren Überprüfung, klären will.

NPG D23949; St Anselm after Unknown artist

Bildnis Anselms aus dem späten 16. Jhdt., unbekannter Künstler

Nachdem Anselm als Adelssohn gegen den Willen seiner Familie in ein Kloster eingetreten war, stieg er in dessen Hierarchie schnell auf. Die Weihe zum Bischof von Canterbury erhielt er dann, wie überliefert ist, wohl letztlich gegen seinen Willen, auch, so mutmaßt Weischedel, um von den politischen Querelen jener Zeit verschont zu werden. Es tobte nämlich gerade der Investiturstreit, der Streit um die Frage, ob weltliche Herrscher berechtigt seien, geistliche Ämter in ihrem Sinne zu besetzen.

Anselm von Canterbury ist besonders bekannt für seinen Gottesbeweis, in welchem er der Vernunft, anders noch als sein geistiger Vorgänger Augustinus, einen hohen Stellenwert einräumt. Der Erzbischof leitet eine Wechselbeziehung von Glaube und Vernunft her, indem er sagt, keine von beiden genüge für sich allein, um die Wahrheit zu erkennen. Er argumentiert, dass tiefe Einsicht nur aus dem Glauben heraus erwachsen könne („Ich glaube, damit ich einsehe“), weil der Glaube als Liebe zu gut dazu führe, Gott erkennen zu wollen. Da Gott sowohl als Schöpfer der Vernunft wie auch des Glaubens ist, gebe es keinen Widerspruch zwischen den beiden. Folglich könne man auch auf die Vernunft vertrauen, um Gott erkennen zu wollen.

Sein vernünftiger Gottesbeweis sieht so aus: Gott muss als das absolut Größte verstanden werden. Wenn wir uns also Gott vorstellen, dann muss es Gott auch geben, da größer als die reine Vorstellung nur die Vorstellung und das Sein ist.

Dieser Gedankengang wird in den folgenden Jahrhunderten häufig aufgenommen, abgelehnt, vor allem aber diskutiert. Auch ein Mönch äußerte Kritik an Anselms Beweisführung, wie Weischedel erzählt: Wenn man auf diese Art Gott beweisen könne, dann müsste ja auch eine perfekte Insel, die man sich vorstellt in der Wirklichkeit existieren, denn auch sie sei ja nur vollkommen, wenn sie tatsächlich existiere. Überliefert ist eine anschließende Klosterhaft jenes Mönches.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 86–89.