Lukas Bärfuss: Hagard (2017)

Bärfuss_HagardObwohl hochgelobt in diesem Jahr, wurde ich mit „Hagard“ (französisch für „verstört, verängstigt“) des Schweizer Autors Lukas Bärfuss nicht warm: Die Idee einer Flucht aus dem Alltag toll, der Erzählton unsympathisch herablassend.

Philip, ein aus der Form geratener Mittvierziger, verkauft Lebensabendimmobilien in Ferienregionen an Senioren. Als er in einer Stadt, die Zürich sein könnte, von einem Geschäftskontakt versetzt wird, fällen ihm zufällig die Schuhe einer jungen Frau ins Auge. Aus einem Impuls heraus verfolgt er sich: durch die Stadt, in die Vorstadt, bis zu ihrem Haus und am nächsten Tag zu ihrer Arbeitsstelle. Ohne ihr Gesicht zu sehen, ohne zu wissen, warum. Anderthalb Tage einer schier unerklärlichen Besessenheit, die ihn Auto, Schuh und Würde kosten. Was treibt Philip an? Wie lässt sich ein so radikaler Ausstieg aus dem eigenen Alltag erklären? Das sind die Fragen, die Bärfuss in seinem Buch stellt. Weiterlesen

Enid Blyton zum 120. Geburtstag: Entzauberung einer Kindheitsheldin

Einer der Vorteile davon, viele ältere Cousinen zu haben ist es, dass die große Kiste mit Kinder- und Jugendbüchern bereitsteht, sobald man lesen gelernt hat. Meine absoluten Lieblinge damals waren neben diversen Pferdebüchern natürlich die Reihen von Enid Blyton (1898–1968). Lissy, Dolly, Hanni und Nanni und besonders die Fünf Freunde habe ich derart verschlungen, dass meine Eltern froh gewesen sein müssen, dass der Nachschub dank besagter Kiste auf die nächste Zeit gesichert war. Viele von Enid Blytons Figuren waren mir vertrauter als meine Grundschulfreunde. Im Wald habe ich nach Heidekraut Ausschau gehalten, um wie die Fünf Freunde notfalls ein Zelt dort aufzuschlagen; das Internat war dank Dolly, Hanni und Nanni ein Sehnsuchtsort.

Spätestens nach dem elften, zwölften Lebensjahr verschwanden die Bücher allerdings wieder im Karton und gerieten auf einige Jahre in Vergessenheit. Als Teenagerin stieß ich einmal darauf, dass trotz der burschikosen George  (nach deren Vorbild ich mir ebenfalls die Haare abschneiden ließ) die Rollenbilder bei Blyton doch sehr traditionell waren. Eigentlich hatte immer Julius das Sagen, Anne kümmerte sich ums Essen. Und gab es eigentlich auch männliche Handarbeitslehrer an den Internaten? Warum waren „die Zigeuner“ eigentlich immer kriminell? Doch beim Lesen als Kind waren Ort und Zeit der Geschichten unwichtig, man merkte ihnen ihr Alter auch kaum an. Dass das gerade bei den deutschen Ausgaben wohl bewusst so gehalten war, um die Bücher zeitlos zu machen, las ich vor kurzem. Es hat ja funktioniert. Auch, dass die Reihen von Ghostwritern fortgeführt wurden. Es störte mich nicht besonders.

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Scott Westerfeld: Ugly (2005)

Die Prüfungsphase dauert noch an, deshalb gibt es heute mal den Einstieg in eine entspannt lesbare Jugendbuchreihe.

Tally Youngblood wartet sehnsüchtig auf ihren sechszehnten Geburtstag. Dann endlich darf sie die umfassenden Schönheitsoperationen vornehmen lassen, die sie zum Höhepunkt der menschlichen Entwicklung werden lassen. Sie kann ihr Wohnheim in Uglyville verlassen, nach New Pretty Town umziehen und rauschende Feste mit ihren ebenfalls „hübschen“ Freunden feiern – jahrelang. Doch einige Wochen vor dem großen Tag trifft sie auf die gleichaltrige Shay, die sich tausend bessere Dinge vorstellen kann, als sich einer Ganzkörperumwandlung zu unterziehen, um dann auszusehen wie alle anderen auch. Man könnte doch die Stadt verlassen und nach der geheimnisvollen Siedlung Smoke suchen, wo jeder sein „hässliches“ Selbst bleibt und sein Leben selbst gestaltet. Als Shay schließlich verschwindet, bleibt Tally. Doch den Behörden ist das aufständische Smoke schon lange ein Dorn im Auge und so wird Tally losgeschickt, um die Siedlung zu suchen – und zu verraten.

Westerfeld I

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Matthias Oden: Junktown (2017)

Oden_JunktownKommen wir gleich zur Sache: Junktown ist ein verkommenes Drecksloch. In einer dystopischen Zukunft ist der Drogenkonsum oberste Bürgerpflicht und wird von der Einheitspartei genauestens überwacht. Die Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen Zuchtreihen mit unterschiedlicher Genqualität zusammen; die Straßen sind leer, denn alle liegen sediert zu Hause rum. Als dann eine Brutmutter, eine riesige Gebärmaschine mit mehreren hundert Föten, umgebracht wird, nimmt sich der Ermittler Solomon Cain des Falles an. Seit sich seine Frau aus Liebe zur Partei den Goldenen Schuss gesetzt hat, kämpft er mit seinen Dämonen – und als seine Ermittlungen voranschreiten bald auch mit dem Staatsapparat.   Weiterlesen

In eigener Sache: Enid Blyton-Beitrag

Liebe Leserinnen und Leser,
beim Verfassen meines geplanten Beitrages zur bekannten Kinderbuchautorin habe ich den Text versehentlich kurz veröffentlicht. Ich habe ihn dann gleich wieder offline genommen, leider war da bereits schon ein Newsletter mit dem Beitrag verschickt worden. Der dort angegebene Link funktioniert nicht. Der Beitrag erscheint pünktlich zu Enid Blytons 120. Geburtstag am 11. August. Bitte entschuldigt die Unannehmlichkeiten!

Herzlich,
Jana

Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts erkennt einer die Begabung des jungen und politisch unbedeutenden Feldherrn Karl Alexander schnell: Joseph Süß Oppenheimer, der sich bereitwillig als Finanzmann in die Dienste des jungen Adligen stellt. Als dieser dann tatsächlich Herzog von Württemberg und einer der mächtigsten Männer zwischen Preußen und Wien wird, erlebt auch „Jud Süß“, wie Oppenheimer gemeinhin genannt wird, einen kometenhaften Aufstieg. Als einer der reichsten Männer des Reiches residiert er in Prunk, sammelt Frauenbekanntschaften und Edelsteine; er hält alle Fäden in der Hand. Ein Geheimnis verbirgt der bedeutendste Mann des Reiches jedoch lange vor der Hofgesellschaft: Seine uneheliche Tochter, die fernab der restlichen Welt mit seinem Onkel, einem geheimnisumwitterten Kabbalisten, tief im jüdischen Glauben verwurzelt heranwächst. Oppenheimer liebt sie über alles und als sie sich vor dem zudringlichen Herzog in den Tod flüchtet, plant der Finanzminister sorgsam seine Rache.

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[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa” – Somalia

Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, heute den zweiten Teil eines Gastbeitrags veröffentlichen zu können, der sich mit einem ganz besonderen und tragischen Land beschäftigt: Somalia.

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(c) emerald notes

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Sub am Samstag #7 – Fette Beute

Ich glaube, in der Modeblogger-Welt nennt man das, was ich heute gemacht habe, „Haul“. Nur, dass der Beutezug nicht bei einer Drogeriekette oder einem Modekaufhaus stattfand, sondern im heiß geliebten Antiquariat des Café Tasso am Frankfurter Tor in Berlin. Weil man hier auch ein Herz für Klassiker hat, bin ich gleich mit dem größten Leinenbeutel losgezogen, den mein nicht-Hipster-Haushalt hergab. Zum Glück, denn die Reise hat sich mehr als gelohnt! Besonders freue ich mich, endlich endlich Miguel Angel Asturias Roman „Die Maismänner“ (auch unter dem Titel „Die Maismenschen“ erschienen) gefunden zu haben – nach diesem meist vergriffenen Buch habe ich ein Jahr lang gesucht. Außerdem habe ich eine schöne zweibändige Ausgabe von Rabelais‘ „Gargantua und Pantagruel“ erstanden. Dieses Werk wollte ich unbedingt in gedruckter Form lesen, um es mit vielen Post-it-Zettelchen versehen zu können. Seit heute bin ich auch stolze Besitzerin von Orwells „1984“, das ich –  Asche auf mein Haupt –  auch in trumpesken Zeiten immer noch nicht gelesen habe. Insgesamt war der Ausflug ein voller Erfolg!

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Kaum zur Tür hinein wurde meine Freude allerdings beim Anblick des Bücherregals etwas getrübt – das ist mittlerweile nämlich definitiv zu klein…

 

[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa”

Dieses Mal gibt es einen echten Geheimtipp: Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, an dieser Stelle den ersten von zwei Teilen eines Gastbeitrags veröffentlichen zu dürfen, der uns mitnimmt in die ernste, manchmal grausame, in jedem Fall aber bunte Welt der afrikanischen Literatur.

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(c) emerald notes

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