Yeonmi Park: Meine Flucht aus Nordkorea (2015)

Park_Meine Flucht aus NordkoreaYeonmis Kindheit in Nordkorea ist ein Auf und Ab: Solange der Vater von seinen Schmuggelreisen genug Geld mit nach Hause bringt, kommt Reis auf den Tisch. Oft genug ist das aber nicht der Fall und die beiden Schwestern und ihre Mutter hungern und frieren. Als der Vater schließlich ins Straflager muss, entschließen sich Yeonmi und ihre Mutter zur Flucht nach China. Ihre Schwester hatte einige Tage zuvor die Flucht gewagt. Kaum auf der chinesischen Seite angekommen, geraten die beiden in die Fänge von Menschenhändlern. Die Mutter wird vor den Augen ihrer Tochter vergewaltigt und verkauft; das dreizehnjährige Mädchen ist gezwungen, monatelang mit einem der Menschenhändler als dessen „Geliebte“ zusammenzuleben und seine Geschäfte mit abzuwickeln. Doch irgendwann sind Mutter und Tochter wieder vereint, haben das Geld für die weitere Flucht beisammen und machen sich auf den beschwerlichen und gefahrvollen Weg nach Südkorea –  durch die winterliche Wüste Gobi. Weiterlesen

Randall Munroe: What if? Was wäre wenn? (2016)

Munroe_What ifEin goldener Tyrannosaurus, der mit einem Kran angehoben wird (Wahnsinn!) – dass die Leute in der Buchhandlung nicht vor diesem Buch Schlange standen, wundert mich noch heute. Auch das erste Hineinschauen war ein Erlebnis: Auf den ersten Blick völlig absurde Leserfragen und die schlüssigen Antworten eines Physikers hierauf, illustriert durch kleine Strichmännchen. Wenn das nichts fürs Wissenstagebuch ist!

Wirklich wissenschaftliche Antworten auf absurd hypothetische Fragen – und drin ist, was drauf steht. Neben der fast schon langweiligen Frage „Was würde passieren, wenn alle Menschen sich an einem Ort versammelten und gleichzeitig hüpften?“, beschäftigen die Leser der Homepage, aus der dieses Buch hervor gegangen ist, auch noch ganz andere Dinge:

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Theodor Fontane, Günter de Bruyn: Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862–1889/2017)

Fontane_WanderungenWenn man aus Westfalen nach Berlin zieht, erleidet man leicht einen kleinen Kulturschock. Die wochenendliche Flucht ins Umland hilft da zunächst nur wenig, denn es erwarten den Westfalen fremd klingende Ortsnamen und ein besonderer Schlag Mensch mit seinem ganz eigenen Humor. Und Sand. Viel Sand. Um das Berliner Umland einmal besser kennenzulernen und seine Geschichten zu hören, habe ich die Zusammenstellung des Fontane-Kenners Günter de Bruyn herangezogen. „Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ist eine Zusammenstellung der interessantesten Geschichten des umfangreichen Fontane-Werkes und zum Einstieg genau richtig. Weiterlesen

Han Kang: Menschenwerk (2014/2017)

Kang_MenschenwerkHan Kang wurde dem breiten deutschsprachigen Publikum durch die Übersetzung ihres Romans „Die Vegetarierin“ bekannt. Ihr neues Buch „Menschenwerk“ erzählt die Geschichte des Gwangju-Massakers, der Niederschlagung der Demokratiebewegung im Südkorea der 1980er Jahre in solch einer außergewöhnlichen Klarheit, dass es dem Leser fast körperliche Schmerzen bereitet. Ein Plädoyer für Humanismus und die Abkehr von Gewalt.

Die im südwestlichen Südkorea gelegene Millionenstadt Gwangju erfährt schlagartig landesweite Berühmtheit: Im Mai 1980 demonstrieren zunächst Studenten, bald schon große Teile der Bevölkerung gegen die herrschende Militärdiktatur und das verhängte Kriegsrecht unter Chun Doo-hwan, der sich 1979 an die Macht geputscht hat. Die Demonstrationen werden vom Militär mit äußerster Härte niedergeschlagen; unbewaffnete Zivilisten werden erschossen, verletzte Teilnehmer in Krankenhäusern hingerichtet. Folter und Schikanen im Nachgang des Aufstandes sind an der Tagesordnung und noch Jahrzehnte später leiden die beteiligten Zivilisten unter der unaussprechlichen Gewalt, die an ihnen verübt wurde. Weiterlesen

Jun-Hyung Park – Die Augen des Strafrechts (2016)

Dieses Jahr scheint im Zeichen koreanischer Autoren zu stehen: Nach Han Kangs „Die Vegetarierin“ und Yeonmi Parks „Meine Flucht aus Nordkorea“ war ich gespannt auf die Gedanken eines koreanischen Juristen zu Reformen des Strafrechts.

„Die Augen des Strafrechts – Denkanstöße für unser Rechtssystem“ von Jun-Hyung Park liefert tatsächlich einige Denkanstöße, die ich so noch in keiner anderen juristischen Schrift gefunden habe. Der Autor spricht sich grundsätzlich dafür aus, das Strafrecht zu vereinfachen; juristische und umgangssprachliche Begriffe sollten übereinstimmen, damit auch der Laie genau weiß, woran er ist. Der Gedanke ist natürlich Unterstützens wert, doch leider geht die Umsetzung mit einer (gar nicht so) latenten Wissenschaftsfeindlichkeit einher. In Bezug auf vermeintlich allzu komplizierte juristische Formulierungen zur Rechtswidrigkeit einer Tat schreibt er:

„Das liegt an dem sogenannten ‚wissenschaftlichen Vergnügen‘, weil die komplizierte Formulierung […] viel interessanter klingt als die einfache Aussage […].
Das ‚Vergnügen in der Wissenschaft‘ ist allgemein nicht falsch. Denn dadurch kann die Wissenschaft noch interessanter gestaltet und bereichert werden. Aber in der Rechtswissenschaft sollte man sich von dem wissenschaftlichen Spaß fernhalten.“
(S. 32 f.)

Außerdem bleibt bis zum Schluss unklar, auf welches Rechtssystem Park sich bezieht. Ist es das koreanische, in dem es den Straftatbestand des Raubes mit Vergewaltigung (S. 18 ff.) zu geben scheint? Wenn ja, warum besteht der Anhang dann aus einem hundert Seiten umfassenden Abdruck des deutschen Strafgesetzbuches? Auch gibt es hin und wieder einige sprachliche Ungenauigkeiten, was an der Übersetzung aus dem Koreanischen oder der fehlenden Vergleichbarkeit einiger Rechtsinstitute liegen könnte. Fußnoten fehlen völlig; Behauptungen wie

„Aber selbst das Gesetz aus der Bronzezeit war an der Resozialisierung von Straftätern nicht ganz desinteressiert.“ (S. 59) 

werden nicht belegt. Der übermäßige Gebrauch von Absätzen hat das Lesen für mich erschwert, da Sinnzusammenhänge auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen waren.

Insgesamt hatte ich mir mehr von diesem Büchlein versprochen. Es wäre für den deutschen Leser großartig gewesen, wenn Park sich auf das koreanische Strafrecht bezogen hätte, um hier Parallelen und Unterschiede zum deutschen Recht feststellen zu können. In seiner jetzigen Form ohne klare Bezugspunkte verwirrt das Büchlein den Laien und Juristen gleichermaßen.

Jun-Hyung Park, Die Augen des Strafrechts – Denkanstöße für unser Rechtssystem“, Verrai Verlag 2016, 74 S., 12,90€, ISBN 978-3-9818041-7-1.

 

 

Meine literarische Nemesis

 

Nemesis

Ich brauche dieses Wort im Plural. Denn es gibt gleich drei Bücher, die ich als meine persönliche „literarische Nemesis“ bezeichnen kann (Übertreibung als Stilmittel). Während ich andere Bücher „weggeatmet“ habe, sind es diese drei Bücher, die sich bisher nicht bezwingen ließen – und damit vielleicht so etwas wie „ausgleichende Gerechtigkeit“ für all die, deren tiefere Bedeutung mir aufgrund des Schnelllesens vielleicht entgangen ist.

Bei zweien meiner drei Bücher bin ich bis zur Hälfte vorgedrungen, bei einem habe ich es nicht einmal bis dahin geschafft. Und der Ulysses, der brandneu und noch unaufgeschlagen im Regal steht, ist noch gar nicht dabei. Vielleicht hat jeder mindestens ein solches Buch: Ein Werk, das man unbedingt lesen will, das man aber aus irgendwelchen wichtigen oder weniger wichtigen Gründen abgebrochen hat und das seitdem halb ausgelesen herumsteht. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Bei mir können die Gründe fürs Abbrechen nicht so wichtig gewesen sein, denn ich erinnere mich nicht an sie. Irgendwann wanderte das Buch mitsamt des noch herausragenden Lesezeichens zurück ins Regal. Wo es seitdem steht und guckt. An schlechten Tagen anklagender als an anderen. Vielleicht ärgern sie sich auch nur über den Staub, den sie langsam ansetzen.

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Platz 1 der Nemesis-Liste: Thomas Mann – Der Zauberberg

Hans Castorp und ich gingen den Weg ins Sanatorium gleich zweimal zusammen. In der Mitte des Buches ließ ich ihn dann allein zurück und stelle mir jetzt manchmal vor, wie er in seinem Liegestuhl liegt und unter seiner Wolldecke hervor in die Berge schaut. Ohne mich allerdings. Aber irgendwann möchte ich den Zauberberg erklimmen, der Literaturschlüssel dazu steht nämlich schon ebenso lange im Regal wie das Buch selbst. Zehn Jahre müssen es mittlerweile sein.

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Platz 2: David Foster Wallace – Unendlicher Spaß

Dieses Buch habe ich mir ironischer weise als Belohnung nach einer bestandenen Zwischenprüfung gekauft. Es sah zu gut aus da auf diesem Büchertisch. Die Kraft, es gleich zu lesen, konnte ich damals nicht aufbringen. Und kann es bis heute nicht. Nach ein paar wenigen Seiten warf ich das Handtuch und habe seitdem wohl mehr über dieses Buch und den Autor gelesen als im Werk selbst. Dafür feiere ich mit jeder Bloggerin, die dieses Monstrum bezwingt (und noch Spaß dabei hat).

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Platz 3: Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten

Die 1400 Seiten umfassende spannende und gleichermaßen verstörende fiktive Biografie eines homosexuellen SS-Offiziers tat schon beim Lesen weh. Die Schilderung von Massenerschießungen und anderen Grausamkeiten verlangt dem Leser einiges ab; gepaart mit einem Protagonisten, dessen Verhalten mir als stellenweise skurril in Erinnerung geblieben ist, ist Die Wohlgesinnten bestimmt keine gemütliche Feierabendlektüre. Nichtsdestotrotz lesenswert, denn man lernt so unglaublich viel über den Komplex Drittes Reich/Holocaust, dass man nach dem Lesen schlauer zurückbleibt. Oder halb-schlau wie ich, denn aus unerfindlichen Gründen habe ich genau auf der Hälfte der Strecke abgebrochen. Das Lesezeichen ragt seitdem mahnend genau aus der Hälfte des Buches hervor. Eigentlich könnte ich es genauso herausnehmen, denn ich habe das Buch vor vier Jahren begonnen und müsste sowieso von vorn anfangen.

Striche klein

Kommt euch das Beschriebene bekannt vor; habt ihr auch eine persönliche „literarische Nemesis“? (Der Titel kommt mir mittlerweile selbst übertrieben vor; nachdem ich die Bücher gelesen habe, wird er ja auch nicht mehr zutreffend sein.) Habt ihr euch vielleicht sogar auch an einem der Bücher von oben die Zähne ausgebissen? Oder sie souverän durchgelesen? Ich bin gespannt!

Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht (2007)

Auf Jay Ashers Jugendroman „Tote Mädchen lügen nicht“ (OT: Thirteen reasons why) bin ich überhaupt erst durch die Ankündigung der gleichnamigen Netflix-Serie aufmerksam geworden. Jetzt konnte ich mir selbst eine Meinung bilden und muss sagen: Puh, ob dieses Buch geeignet ist, das Thema Suizid bei Teenagern adäquat zu behandeln, kann zu Recht bezweifelt werden.

Asher_Tote Mädchen

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Gustave Flaubert: Madame Bovary (1857)

Flaubert_BovaryHier sitzt jedes Wort: Mit hinreißender sprachlicher Eleganz entlarvte Gustave Flaubert jede menschliche Schwäche und schuf zugleich ein für die Zeit freizügiges Sittengemälde, das stilbildend für viele spätere Romane um unglückliche Frauen war.   

Der Inhalt

Der mäßig begabte Charles wird auf Drängen seiner ehrgeizigen Mutter hin Arzt und schafft es auch tatsächlich, dem einen oder anderen Leiden seiner Patienten abzuhelfen. Als er eines Tages das Bein eines Hofbesitzers schient, verliebt er sich in dessen Tochter. Muss er nur noch abwarten, bis seine Ehefrau stirbt, um die junge Emma zu heiraten. Klappt auch. Emma ist des eintönigen Ehealltags und ihres ebenso eintönigen Ehemanns aber bald überdrüssig und sieht sich nach anderweitigen Vergnügungen um. Die findet sie auch bald – in Form verschiedener Schwärmereien und Affären. Der gutgläubige Charles ahnt nichts davon, zumal es Madame Bovary gelingt, ihre horrenden Geldausgaben geheim zu halten. Dass das alles auf Dauer nicht gut gehen kann, ist ja klar.

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SuB am Samstag #8

Sub#8

Unterschiedlicher könnten die jüngsten Neuzugänge auf meinem Stapel ungelesener Bücher (SuB) nicht sein:

Colson Whitehead: The Underground Railroad

Der Roman des diesjährigen Pulitzer Preis-Gewinners Colson Whitehead über ein geheimes Fluchtnetzwerk für Sklaven im US-amerikanischen Süden ist derzeit in aller Munde. Ich habe mir das Original besorgt und hoffe, viele Querverbindungen ziehen zu können – sowohl zur deutschen als auch zur amerikanischen Gegenwart.

Courtney Sullivan: Sommer in Maine

…ist mir im heimischen Büchertauschschrank in die Hände gefallen und ich hoffe auf eine dramatische, alles in allem aber entspannt zu lesende Familiengeschichte um vier ungleiche Frauen. Und ich hoffe inständig, dass sich am Ende des Buches niemand umbringt. Davon habe ich nach den letzten fünf Büchern wirklich genug.

Randall Munroe: What if? Was wäre wenn?

Dieses Buch hat mich auf den ersten Blick in der Buchhandlung angesprochen: Wunderschöne Schwarz-Gold-Prägung und – zumindest auf den ersten Blick – genau mein Humor bei der höchst wissenschaftlichen Beantwortung hypothetischer Fragen. Wenn das mal nichts fürs Wissenstagebuch ist!

Theodor Fontane, Günter de Bruyn: Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Dieses Buch habe ich ganz bewusste ausgewählt, um endlich mal die Umgebung Berlins besser kennen zu lernen. Und wie sollte das besser gehen als mit dem großen Spaziergänger Fontane. Ich bin gespannt, von Orten zu lesen, die ich schon besucht habe und auch darauf, viele neue Ausflugsziele zu entdecken.

Habt ihr schon eines von den Büchern gelesen? Ich habe gerade mit ,,What if?“ begonnen, welches sollte ich mir danach vornehmen?

 

 

 

Ein Jahr Leseliste: Die Bilanz

Im Schweiße meines Angesichts habe ich damals meine 150-Bücher-Leseliste zusammen geschrieben. Seitdem ist ein Jahr vergangen und ich habe zwei Dinge bemerkt. Erstens, trotz aller Sorgfalt habe ich ein paar Bücher vergessen, die unbedingt noch drauf gehören:

Leseliste - fehlende Bücher

Aber der Zug ist abgefahren. Die 150er Liste steht felsenfest und obige Bücher packe ich vielleicht auf eine neue Liste oder schiebe sie zwischendurch (dann allerdings ohne das befriedigende Erlebnis des Abhakens) ein.

Zweitens: Es läuft super mit der Liste! 18 Werke haben im letzten Jahr einen Haken bekommen und das, obwohl viel anderes zwischendurch und drum herum gelesen wurde. Ein Blick auf die Liste macht die Buchauswahl leicht und spornt dazu an, Klassiker in die Hand zu nehmen. Von vielen Werken war ich begeistert, von einigen wenigen enttäuscht.

Striche klein

Die Highlights

Die Erwählten von Chaim Potok habe ich erwählt, weil mich der Hintergrund des Autors fasziniert hat: Selbst jüdisch-orthodox erzogen und zum Rabbi ausgebildet, war seine Familie von seinen schriftstellerischen Ambitionen gar nicht angetan. Nachdem Deborah Feldman mit Unorthodox mein Interesse für die chassidische Gemeinschaft in New York geweckt hatte, wollte ich einmal einen anderen (männlichen, positiven) Blick darauf werfen. Potok ist nicht unkritisch, nähert sich dem Thema aber sehr viel wohlwollender als Feldman und schafft es außerdem, den Zauber der Gelehrsamkeit und Bibliotheken aufleben zu lassen. Frauen kamen in diesem Buch leider mehr als kurz, aber davon abgesehen ist Die Erwählten eine wunderschöne Erzählung über die sehr ungewöhnliche Freundschaft zweier Jungen im New York der 40er und 50er Jahre. Der Folgeband Das Versprechen steht auf meiner Wunschliste.

Der Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész geht mit seinen kindlich-naiven Schilderungen der Schrecken des Holocausts unter die Haut. Gerade diese Erzählweise ist es, die das Buch von vielen anderen Erzählungen zum Thema abhebt und die bestimmt dazu beigetragen hat, Kertész zum Nobelpreisträger zu machen. Unbedingt lesen!

Wie ich merke, sind meine Highlights sehr vom Thema Judentum geprägt. Jud Süß von Lion Feuchtwanger hat mich nach einem schwierigen Einstieg mit seiner großartigen Sprache und seinen ambivalent-menschlichen Figuren beeindruckt. Er lässt das historische Württemberg vor dem Auge des Lesers auferstehen und auch, wer sich wie ich normalerweise nicht für historische Romane begeistern kann, findet Gefallen an den politischen Intrigen und Hinterzimmer-Machenschaften, die Feuchtwanger hier so glaubwürdig konstruiert. Religiöse Konflikte sind dabei allgegenwärtig und der Autor beweist seine herausragende Bildung immer wieder durch das Einstreuen von kleinen Details. Ich bin gespannt auf seine Jüdin von Toledo.

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Mein zuletzt beendetes Buch gehört definitiv zu den bisherigen Highlights der Leseliste: Madame Bovary von Gustave Flaubert. An alle, die in der Schule mit Effi Briest „gequält“ wurden – wenn ihr es noch mal, diesmal auf eigene Faust und besser, versuchen wollt mit jener Epoche, schnappt euch dieses Buch! Es lässt sich trotz seines Alters wunderbar lesen und Flauberts leise Ironie und sein scharfer Blick für die Fehler der Menschen machen es zu einem unterhaltsamen (und nicht gerade braven) Leseerlebnis. Madame Bovary verschwindet nicht mit ihren Geliebten „in den Dünen“ und überlässt den Rest der Fantasie des Lesers – so viel sei gesagt. Der Autor saß für diese Geschichte im Kittchen, also gebt Effis literarischem Vorbild eine Chance.

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Die Enttäuschungen

Enttäuscht war ich von Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena. Insgesamt zu albern, die Protagonisten, die demnächst über Wohl und Wehe ihres Königreiches entscheiden unreif, das Eintreten für einen geeinten deutschen Nationalstaat bestimmt zur damaligen Zeit berechtigt, aus heutiger Sicht aber ziemlich direkt, fast plump. Ich werde es zu gegebener Zeit noch einmal mit etwas Ernsterem von Büchner versuchen; mit seinem Lustspiel konnte er mich nicht überzeugen.

Auch von Frühlings Erwachen von Frank Wedekind hatte ich mir mehr versprochen. Überrascht war ich von der Offenheit, mit der entgegen aller wilhelminischen Zurückhaltung Sex thematisiert wurde. Genervt haben mich die ewig langen Monologe und das, was ich zunächst als positiv registriert hatte: Es wurde eben nur Sex thematisiert. Gewalt zu Hause und in der Schule, die konservativ vorgezeichneten Wege der Geschlechter, Obrigkeitshörigkeit: Andere Themen haben sich angeboten, wurden aber nicht aufgegriffen oder höchstens gestreift. Kann man lesen – oder sich die Verfilmung von Nuran David Çalış ansehen.

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Der Ausblick

Damit geht’s auf ins nächste Jahr mit der Leseliste und ich hoffe, ich kann die 18 Bücher im ersten Jahr toppen, denn ein ganzes Jahrzehnt sollte das Lesen eigentlich nicht dauern. Aber selbst wenn – der Weg ist ja bekanntlich das Ziel.

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