Klassiker – ein Tabuthema?

Rezensionen sind ja schön und gut. Klar, wenn man etwas über eine Neuerscheinung in Erfahrung bringen will, können sie unglaublich hilfreich sein. Was aber, wenn ich eine Meinung zu Thomas Mann oder dem Hauptwerk Nietzsches suche? Was, wenn ich eigentlich vorhatte, ,,Das Kapital“ von Karl Marx zu lesen und mich einfach mal umhören wollte, wie andere das Werk fanden? OK, Marx ist vielleicht ein schlechtes Beispiel- nehme man politisch weniger wirkungsvolle Lektüre, Eichendorffs ,,Taugenichts“ zum Beispiel. Ich möchte also eine Rezension zu Eichendorffs ,,Aus dem Leben eines Taugenichts“ lesen, habe schon mal von dem Buch gehört, wie das so ist, und suche jetzt eine Besprechung zu genau diesem Thema. Mhm. Schwierig.

Die Frage, die sich hier stellt ist doch, ob es zulässig ist, eine Rezension zu einem bedeutenden Werk der deutschen oder gar der Weltliteratur zu verfassen und, wenn ja, wie man dies schafft ohne anmaßend zu erscheinen.

Mal ganz im Ernst- wie bitte soll man Goethes ,,Faust“ subjektiv und frei heraus bewerten? Entweder man erstarrt in Ehrfurcht vor der Größe dieses Werkes und huldigt ihm ohne Unterlass, oder man stellt sich selbst peinlicher weise als vermeintlich ignoranten Nichtswisser bloß, da man die ungefähr tausend wichtigen Bücher bekannter Literaturkenner nicht genügend studiert hat, um zu wissen, was man denn nun von Goethe im Allgemeinen und von Faust im Besonderen zu halten hat. Denn eigentlich kommt es nicht darauf an, das Werk selbst gelesen zu haben, sondern nur den Platz zu kennen, den es in der öffentlichen Diskussion einnimmt (vgl. D. Schwanitz: Bildung- Alles, was man wissen muss). Was bedeutet das jetzt konkret? Darf eine Rezension einen Klassiker nur behandeln, wenn er gerade neu aufgelegt wurde, sodass die Möglichkeit besteht, sich mehr über das moderne Cover als über den Inhalt auszulassen? Oder darf man sich nur – sofern man über die entsprechenden fremdsprachlichen Fähigkeiten verfügt- zu der grauenhaften Neuübersetzung äußern? Was ist erlaubt?

Kritik zu Werken, die heute Marcel Reich-Ranickis Beifall finden, wurde früher frei heraus veröffentlicht. Da wurden heute gefeierte Schriften als ,,unterhaltsam“ bewertet oder man kritisierte die Protagonisten eines heute verehrten Schriftstellers als zu durchsichtig. Aber woran liegt das? Benötigt man einfach mehr Abstand, um die Größe eines Werkes zu erkennen? Muss man erst einige Jahrzehnte- oder Jahrhunderte- verstreichen lassen, um zu verstehen, welches Potenzial und welche Sprengkraft in manchen Schriften verborgen sind? Vielleicht.

Schade finde ich persönlich allerdings, dass dadurch, dass die ,,Klassiker“, die ,,wichtigen“ Werke, die, die jeder kennen sollte und mit denen man in der Schule vielleicht sogar gequält wurde, die Wenigsten interessieren.

Warum greift man zu Harry Potter statt zu E.T.A. Hoffmann? Warum liest man lieber einen x-beliebigen Krimi als einen Dostojevskij?

Die Antwort kann nicht nur im Alter der Werke zu suchen sein. Viele haben an Aktualität nichts eingebüßt. Goethes Werther zum Beispiel. Liebeskummer ist heute genauso aktuell wie im 18. Jahrhundert. Mit ein bisschen Respektlosigkeit kann man sogar behaupten, dass Fontanes Effi Briest noch heute die ein oder andere Soap in den Schatten stellt. Warum also diese Zurückhaltung? Um eine Neuauflage der Schiller-Gesamtausgabe gibt es selten so viel Rummel wie um das Erscheinen des Neuesten ,,Bis(s)“- Bandes. Häufig fehlt es auch an der Werbung oder persönlichen Empfehlungen.
Klassiker lesen ist anstrengend. Es gibt Durststrecken. Und bei manch einer antiquierten Redewendung kratzt man sich am Kopf. Doch das Gefühl, wenigstens den Hauch einer Ahnung davon zu bekommen, warum das gelesene Werk zu den Größen der Weltliteratur gehört, oder aber, ganz anders, zu meinen, dass es völlig überbewertet wird und deutliche Schwächen aufweist- für dieses Gefühl allein lohnt sich die Lektüre. Ein Plädoyer für das Lesen von wichtigen Büchern also.

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Wie sieht es aber mit Rezensionen aus? Standardphrasen wie ,,der Stil des Autors ist sehr ausgefeilt“ ziehen bei Goethe eher wenig, dazu könnte man Bücher schreiben- oder die bereits Verfassten lesen. Vor einer rein subjektiven Bewertung allerdings schreckt man in den meisten Fällen zurück, zu groß erscheint das Gelesene, und doch: Ist es nicht diese Unantastbarkeit, diese Ehrfurcht, welche die breite Masse der Leser auf ,,leichter Verdauliches“ ausweichen lässt?

Es ist ein sensibles Thema, doch warum eine gelungene Rezension zu Jules Verne nicht ebenso interessiert lesen wie zum letzten Hohlbein-Buch? Spannende, romantische, lustige, melancholische und nachdenkliche Geschichten gab es immer – damals wie heute.

6 Gedanken zu “Klassiker – ein Tabuthema?

  1. jackie :] schreibt:

    hallo skaldenmet,
    eine wirklich interessante Frage, die du hier stellst. Ich denke, es ist wirklich ein Problem, dass man es nicht wagen darf, etwas Negatives in einer Klassiker-Rezension zu schreiben und wer will schon eine Rezension schreiben, ohne auch nur den Hauch einer negativen Meinung äußern zu dürfen? Ich merke es bei mir selbst; ich kann mit Goethe einfach nichts anfangen… Das kann ich nicht mal richtig begründen, aber wenn ich das irgendwo bloß andeute, heißt es gleich ich wäre zu blöd für klassische Literatur und als nächstes gehts dann pauschal los mit Sätzen wie „Die Jugend ist so dumm heutzutage!“. Das ist schrecklich, weil ich eigentlich wirklich gerne lese und nicht nur moderne Bücher à la „Biss…“. Schiller zum Beispiel verehre ich!
    Dazu kommt, dass es heute leider gleich streberhaft ist, wenn man überhaupt liest, von Klassikern mal ganz abgesehen. Erst letzte Woche saß eine Freundin von mir, die ich schon lange kenne, in meinem Zimmer, deutete auf Flauberts „Madame Bovary“ und meinte „Denkt man gar nicht, dass du sowas liest“ und ich frage mich, wieso das so unwahrscheinlich ist…

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    • skaldenmet schreibt:

      Hallo jackie,
      du hast Recht, was das Lesen allgemein und besonders das von Klassikern betrifft: Es scheint wirklich so, als ob man sich geradezu schämen müsste, als junger Mensch von der TV-Zeitschrift auf ein Buch und dann auch noch auf klassische Literatur umzusteigen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, woran das liegt, aber mir gefällt diese Entwicklung auch nicht. Wenn man allerdings erstmal das Lesen als Hobby für sich entdeckt hat, dann kann man auch darüber stehen. 🙂
      Sich nicht für jeden hochgerühmten Schriftsteller und Dichter begeistern zu können, ist ja auch auf keinen Fall etwas Verwerfliches, vielmehr zeigt es doch, dass man sich mit den Werken beschäftigt hat- und das kann ja auch beileibe nicht jeder von sich behaupten. Gerade deshalb finde ich es schade, dass Rezensionen so ein Tabuthema sind. Vielleicht würden sie ja doch den ein oder anderen dazu anregen, das besprochene Werk zu lesen, sodass wieder eine Disskusion entstehen würde- denn die ist meines Empfindens nach schon seit Ewigkeiten eingeschlafen…

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      • jackie :] schreibt:

        Andererseits ist es ja auch so, dass man, wenn man so oder so keine Bücher mag, wahrscheinlich auch keine Rezension lesen wird, erst recht nicht zu einem klassischen Buch.
        Und wenn man sich vornimmt, etwas zu lesen, könnte man ja die unzähligen Kommentare im Internet, auf Amazon zum Beispiel, lesen, die auf jeden Fall einen guten Überblick über das jeweilige Buch geben, was den meisten vermutlich sogar nützlicher sein wird als die Rezension eines Literaturkritikers, der sich jeden Tag damit beschäftigt, der das Buch ja praktisch von berufs wegen loben muss bzw. die zu lobenden Dinge am Buch bemerkt, die einem Normalsterblichen eher egal sind und ein Buch nicht gerade lesenswerter machen. Dann liest man doch lieber, was die Leute sagen, die einem ähnlicher sind und entscheidet dann, ob das Buch was für einen ist oder nicht…

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        • skaldenmet schreibt:

          Da hast du vermutlich recht. Ein Mensch, der sowieso nicht gern liest, wird nicht auf die Suche nach Buchempfehlungen gehen.
          In Tageszeitungen gibt es aber häufig auch neutrale Literaturkritiker, die das jeweilige Werk eben anhand von verschiedenen Kriterien auf seine literarische Qualität hin untersuchen, dabei meiner Meinung nach aber auch häufig über´s Ziel hinaus schießen und so hochtrabend schreiben, dass sich geradezu der Verdacht aufdrängt, ihnen sei die Darstellung ihrer eigenen Kompetenz wichtiger als die eigentliche Beurteilung des Werkes. Nun ja, da läuft man bei Rezensionen zu Jugendbüchern ja eher selten in Gefahr. Gerade deshalb glaube ich auch, dass man sich eher mit Buchempfehlungen von ,,Gleichgesinnten“ auseinandersetzt, als auf eines dieser übertriebenen Essays zu vertrauen.

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  2. jacquysthoughts schreibt:

    Wirklich interessante Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Ich selber rezensiere keine Klassiker, weil ich es mir selbst nicht zutraue. Zwar waren das früher ganz normale Bücher, aber ich weiß nicht, ob ich sie aus heutiger Sicht wirklich fair bewerten könnte. Für mich gelten da einfach nicht die gleichen Kriterien, weil ich ganz andere Ansprüche habe. Da kann ich nicht sagen, dass mir in „Kabale und Liebe“ zu viel unnötiges Drama war – das ist ja quasi der Punkt der Geschichte.
    Auch gerade deshalb weil es schon unfassbar viele Meinungen und Auseinandersetzunegn damit gibt, finde ich auch oft, dass es da gar nicht mehr nötig ist, dass gerade ICH etwas darüber schreibe, was über ein kurzes Fazit hinausgeht. Alles andere findet man ohnehin schon zuhauf.
    Das ist allerdings eine ganz persönliche Einschätzung und ich finde, dass sich niemand davon abgehalten fühlen sollte, gelesene Klassiker auch zu rezensieren. Ich lese solche Rezensionen nämlich wirklich gerne, gerade wenn ich das Buch selber kenne und die Meinung dann mit meiner vergleichen kann. Auch wenn ich selbst sie nicht angemessen in Worte fassen konnte. 🙂

    Liebe Grüße!
    Jacqueline

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