Wolfgang & Heike Hohlbein: Das Buch

Die fünfzehnjährige Leonie ist ganz schön genervt: Nur weil ihre Familie seit Generationen eine kleine Buchhandlung führt, drängt ihre Großmutter sie, ein Praktikum in der riesigen Zentralbibliothek zu machen- dabei interessiert sie sich doch überhaupt nicht für Bücher! Viel lieber hört sie laute Musik oder überlegt, wo sie sich das nächste Piercing stechen lassen soll.
Als dann allerdings im Beisein ihrer Großmutter merkwürdige Dinge geschehen, sie unheimliche Fratzen an Türen entdeckt, die es der Vernunft nach gar nicht geben sollte und eine kleine Maus anhänglicher als ein Schoßhund wird- da ahnt sie, dass es mit der langen Familientradition noch mehr auf sich haben muss. Nachdem sie einen nächtlichen Streit zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter belauscht hat, weiß sie, dass ihre Eltern ihr etwas verheimlichen. Etwas, das mit ihr und einer Gabe zu tun hat, die sie angeblich besitzen soll. Als sie ihre Eltern zur Rede stellen will, geschehen entsetzliche Dinge und die Wirklichkeit scheint im wahrsten Sinne des Wortes Kopf zu stehen. Eine geheimnisvolle Tür im Keller führt sie in die unbekannte Welt des Archivs, in dem schaurige Wesen Buch über das Leben jedes einzelnen Menschen  führen. Zunächst ganz auf sich allein gestellt, weiß sie nicht, wem sie trauen kann- in einem  Kampf gegen die Finsternis, bei dem es um nichts Geringeres als um das Fortbestehen der Welt geht.

Fazit: Mit seinen gut 850 Seiten ist ,,Das Buch“ ein Roman, der sich sehen lassen kann. Die Vielschreiber Hohlbein verwenden gerade anfangs sehr viel Energie darauf, die einzelnen Charaktere behutsam einzuführen und den Leser mit ihnen vertraut zu machen. Das ist auch bitter nötig, denn im weiteren Verlauf des Romans geht es drunter und drüber; neue Figuren rücken in den Vordergrund und sind nicht immer das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Gewollt wird der Leser hier in die Irre geführt und gerade auf den ersten zweihundert Seiten ist der Anreiz zum Weiterlesen groß, will man doch erfahren, worum genau es denn jetzt eigentlich geht. Diesen Gefallen tun die Hohlbeins dem Leser allerdings nicht; mit einer knappen erklärenden Bemerkung hier und da, wird er bei der Stange gehalten. Obwohl die vielen Schauplatzwechsel den Inhalt nur zu gut reflektieren, wird die Geschichte an einigen Stellen doch unnötig in die Länge gezogen. Gerade sprachlich fallen häufige Wiederholungen unangenehm auf und auch die Motivation für das Handeln der Figuren wird nicht immer deutlich. So fragt sich der Leser bis zum Schluss, warum sich die Figuren von einem ,,kalten Blick“ oder einer ,,energischen Handbewegung“ zurückhalten  lassen, wenn doch das Schicksal der Welt auf dem Spiel steht.

Inhaltlich würde man sich weniger Schlachtgetümmel, stattdessen einen Ausbau der Themen Macht und Utopie wünschen. Hier geben sich die Hohlbeins eine Chance, die sie (gewollt?) ungenutzt lassen. Trotz der runden Geschichte bleibt so das Gefühl zurück, bei der Lösung von Leonies persönlichem Problem zugegen gewesen – der eigentlichen, großen Schicksalsfrage dennoch kein Stück näher gekommen zu sein.

Wolfgang & Heike Hohlbein ,,Das Buch“, Heine 2009, 880 S., 9,95€

6 Gedanken zu “Wolfgang & Heike Hohlbein: Das Buch

  1. Sara schreibt:

    Ich fand damals „Midgard“ ganz toll! Mit dem „Buch“ konnte ich allerdings auch nichts anfangen. Spätestens ab der Mitte (?) des Buches, wo so viele Wechsel stattfanden, war es einfach nur noch nervig. Leider! Ich denke, man hätte daraus echt was Tolles machen können…Wie bei Stephen King merkt man aber, dass viel schreiben nicht (immer) gleichbedeutend mit gut schreiben ist.

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    • skaldenmet schreibt:

      Wie wahr! An Midgard habe ich auch eine positive Erinnerung, besonders die überraschende Wendung zum Schluss hat mir gefallen. Beim „Buch“ fannd ich anfangs die Sache mit dem Piercing noch ganz spannend, aber das verging auch. Ich denke, der Geschichte hätte ein größerer Personenkreis gut getan; die Verwandlung des Vaters zum friedenstiftenden Tyrann erschein mir nicht immer schlüssig.
      Du hast Recht, der Name allein ist nicht immer ein Garant für eine gute Geschichte. Nachdem King oft von Lob überschüttet wird, wollte ich mal etwas von ihm lesen und dachte, im Grunde wäre es egal, welches Buch ich nehme, da ja alle eine gewisse Qualität haben werden- ich hab mir dann „Carrie“, ein ziemlich frühes herausgesucht- und war bitter enttäuscht. Da ist mir doch tatsächlich erstmal die Lust auf King vergangen. Seitdem schließe ich auch nicht mehr vom Namen auf die Qualität.

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  2. Sara schreibt:

    „Carrie“ war wirklich nicht so prickelnd. Aber ein, zwei alte Sachen von King sind ganz gut gelungen. Bei „Es“ habe ich mich manchmal wirklich etwas gegruselt, obwohl es zum Ende hin teilweise schräg wurde. „Shining“ ist auch sehr gut, der Film hält sich teilweise sehr an das Buch. Versuchs doch mal mit einem der beiden! Und sag mir dann, wie es dir gefallen hat 😀
    Seine neueren Werke (Der schwarze Turm, Desperation und was weiß ich…) kann man aber alle getrost entsorgen, die sind sich super- ähnlich, ohne Sinn und Verstand. Besonders „Dreamcatcher“ hat mich sehr enttäuscht.

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    • skaldenmet schreibt:

      Dann sind „Shining“ und „Es“ also nicht zu Unrecht am bekanntesten? Friedhof der Kuscheltiere ist doch auch eins seiner Aushängeschilder, oder? Ich habe noch „Schwarz“ im Regal stehen; werd´s auf jeden Fall nochmal mit King probieren, danke für die Tipps!

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      • Sara schreibt:

        Kein Problem! „Schwarz“ ist doch der Anfang von „Der dunkle Turm“, oder? Hab gehört, dass es gut sein soll, aber ich würde mich nicht rantrauen. „Friedhof der Kuscheltiere“ ließ auch schon stark nach, vielleicht war ich auch einfach nicht dafür geeignet 😉 Manchmal liegt es ja nicht am Buch, sondern am Leser. Bestimmte Bücher gefallen mir auch erst beim zweiten Lesen…

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