Isabel Rohner- Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm- eine Biografie

Vor einiger Zeit besuchte ich eine Lesung der Autorin Isabel Rohner, die, zusammen mit der Historikerin Nicola Müller, seit 2006 die Werke der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831-1919) als kommentierte Gesamtausgabe herausgibt und im letzten Jahr eine Biografie dieser außergewöhnlichen Frau veröffentlicht hat. Zugegeben, der Name Hedwig Dohm hat nicht annähernd einen so großen Assoziationsgehalt wie die großen Herren der deutschen Literatur, Goethe oder Schiller. Doch, und das ist eine Überlegung, die Rohner anstellt und die genau ins Schwarze trifft: Was wäre aus dem jungen Schiller geworden, wäre er als kleine Friederike auf die Welt gekommen? Eine der größten Dichterinnen wohl, doch unerkannt, denn schließlich hätte sie sich mit Stricken, Kochen und anderen „Frauengeschäften“ herumschlagen müssen.
Hedwig Dohm kämpfte für allumfassende Frauen- und Menschenrechte; von ihr stammt auch der Ausspruch „ die Menschenrechte haben kein Geschlecht“. Mit ihren radikalen Forderungen eckte sie regelmäßig an; in ihren Romanen und Novellen porträtiert sie Frauengestalten auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz in der Gesellschaft. Die Biografie „Spuren ins Jetzt“ setzt genau hier an. Die Autorinnen stützen sich nicht allein auf das Werk Dohms um daraus ihr Leben abzuleiten, also autobiografische Züge in den verschiedenen Werken zu sehen, sondern durchforschten Archive und stießen so auf bisher unbekannte Briefzeugnisse Dohms. So ist es ihnen möglich, ein neueres Bild Hedwig Dohms und ihres Freunden- und Bekanntenkreises zu zeichnen, als es der Frauenbewegung der 70er Jahre möglich war, die Dohm zwar für sich entdeckte, an einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung ihres Lebens aber nur mäßiges Interesse hatte.
Rohner beginnt mit der Kindheit und Jugend Dohms, in welcher noch nicht viel darauf hindeutet, dass sie zu einer der berühmtesten Frauenrechtlerinnen Deutschlands werden sollte. Als ältestes Mädchen unter siebzehn (!) Geschwistern, dazu uneheliches Kind ihrer Eltern, war ihre Jugend wohl nicht dem radikalen Umdenken gewidmet. Im Laufe der Jahre jedoch, gerade nach ihrer Hochzeit, wird Hedwig Dohm als bemerkenswerte Autodidaktin vorgestellt, die nach Wissen und Bildung dürstet und sich bald schon mit ungeheurem Scharfsinn, Witz und Biss in die Debatte um das Frauenwahlrecht wirft. Die immer wieder eingefügten Auszüge ihrer Rezensionen und Leserbriefe zeigen ihren Unwillen, sich den großen (männlichen) Autoritäten der Zeit zu unterwerfen; stattdessen bietet sie rhetorisch geschickt Paroli und entlarvt alle „Argumente“ die gegen die Gleichstellung von Mann und Frau sprechen, als haltlos und abwegig.
Die Lücken in Dohms Biografie, so ihre Italienreise auf den Spuren Goethes, füllt Rohner geschickt durch verschiedene Perspektivenwechsel. So lernt der Leser sowohl ihren Ehemann Ernst Dohm als auch ihre drei Töchter kennen, die in Tagebuchaufzeichnungen oder im Briefwechsel mit Freunden von und über ihre Mutter berichten; Hedwig Dohm wird in ihrer Vielseitigkeit beleuchtet. Die Kapitel werden ergänzt durch schwarz-weiße Abbildungen; ebenso finden sich ausführliche Anmerkungen, eine Chronik sowie ein Personenregister am Ende der Biografie.

Fazit: Mit ihrer Arbeit leisten Isabel Rohner und Nicola Müller einen großen Beitrag dazu, die Frauenrechtlerin, Autorin und Publizistin Hedwig Dohm bekannter zu machen und sie, die bei der ganzen Kanondebatte unter den Tisch gefallen sein zu scheint, wieder aus der Versenkung zu holen. Und das lohnt sich, denn selten liest man so treffsichere und schlagfertige Gesellschaftskritik wie Hedwig Dohm sie schon vor über hundert Jahren angebracht hat. Ihre neu erschienene Biografie bietet einen wunderbaren Einstieg und macht Lust auf die weitere Beschäftigung mit ihrem Werk.

Isabel Rohner „Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm- Eine Biografie“, Helmer 2010, 153 S., 19,95 €

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