Suzanne Collins: Die Tribute von Panem- Tödliche Spiele

Wo früher einmal Nordamerika war, ist jetzt Panem. Ein Land, in dem sich die nach Kriegen und Naturkatastrophen verbliebenen Menschen zusammengeschlossen haben. In zwölf Distrikte geteilt wird es von einer Regierung geführt, die jeden Akt der Rebellion hart bestraft. Um den Sieg über die eigenen Untertanen zu feiern, werden jedes Jahr die sogenannten Hungerspiele veranstaltet, bei denen jeder Distrikt ein Mädchen und einen Jungen –die Tribute- bereit stellen muss. In einer großen Arena kämpfen diese dann zur Belustigung der Hauptstadtbewohner gegeneinander; sie töten einander, bis schließlich nur einer übrig ist. Die Bewohner aller Distrikte müssen sich die als große Show inszenierten Grausamkeiten alljährlich ansehen. So weiß die sechzehnjährige Katniss auch ganz genau, wie es ihrer jüngeren Schwester Prim ergehen wird, als diese als Tribut ausgelost wird. Um sie zu retten, meldet sie sich freiwillig, in dem Wissen, dass es ihr sicherer Tod sein wird. Sie wird jeden anderen Tribut töten müssen, um zu überleben, auch den gleichaltrigen Peeta, der ihr einmal das Leben rettete und ebenfalls in der Arena antreten muss. Um zu überleben muss sich die starke Katniss nun von einer ganz anderen Seite zeigen.

Auch, wenn es der Klappentext vermuten lässt, geht es im ersten Band der Trilogie nicht nur um eine zarte Liebesgeschichte, sondern hauptsächlich ums nackte Überleben. Mit wenigen Worten führt Suzanne Collins den Leser nach Panem ein; in eine Dystopie, die in der Zukunft liegt und bei der es dem Leser –zumindest bis zum Erscheinen der Verfilmung im März 2012- selbst überlassen bleibt, zu welchen Teilen Natur und Technik zusammenfließen.
Die lebendigen Beschreibungen und der handlungsreiche Verlauf der Geschichte sind fesselnd, ohne hektisch zu wirken. Collins lässt Katniss stets an den richtigen Stellen zur Ruhe kommen, sodass der Leser nicht nur handfeste Action erlebt, sondern auch die Gedanken und Gefühle der Protagonistin. Einzig unverständlich blieb mir, wie sich Katniss mit der hochmodernen Technik der Hauptstadt zurechtfindet, wo sie doch in ihrem Distrikt nicht einmal fließend Wasser und Strom zur Verfügung hatte? Die Autorin wirft außerdem Fragen auf, die sich nicht nur ihre Heldin –die übrings stark an Kristin Cashores Katsa aus „Die Beschenkte“ erinnert- sondern auch der Leser für sich beantworten muss: Was bedeutet es, Teil eines Systems zu sein? Will man die zugewiesene Rolle spielen? Was bedeutet Auflehnung und was Identität?

Erschreckend ist schon ganz zu Beginn, dass man von Panem liest und ständig das beunruhigende Gefühl verspürt, dass die Autorin eine Art verschärfte Realität abbildet: Ein fast allmächtiger Staat. Eine reiche Oberschicht, welche den unterprivilegierten Großteil der Bevölkerung ausbeutet und Armut und Unterdrückung zulässt, um selbst im Luxus leben zu können. Menschen, die über die nächste Schönheitsoperation nachdenken, während andere verhungern. Intelligente Technologien, die für die einen Bequemlichkeit, für die anderen den sicheren Tod bedeuten. Vergnügungssucht, Überwachung, verkümmerte Moral.
Am Ende von „Tödliche Spiele“ hat man die Geschichte einer fiktiven Heldin in einer grausamen, aber auf den ersten Blick ebenso fiktiven Welt gelesen. Auf den zweiten Blick kommen einem heiß diskutierte Hinrichtungsvideos auf YouTube in den Sinn, geschickte Informationspolitik, Hunger und Armut, aber auch Maßlosigkeit und rasender Fortschritt. Und schließlich drängt sich die Frage auf, ob wir uns nicht schon selbst auf dem Weg in unser eigenes Panem befinden.

Suzanne Collins „Die Tribute von Panem- Tödliche Spiele“ (OT: The Hunger Games), Oetinger 2009, 414S., 17,90€

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