Patricia Schröder: Auserwählt

Die Mutter der sechzehnjährigen Yara meditiert seit Jahren und will nun auch sie und ihre jüngere Schwester auf den „Weg des Lichts“ führen. Nachdem sie ihre Tochter bereitwillig von einer Party abholt, beschließt Yara, ihrer Mutter einen Gefallen zu tun und sie zu dem Lehrmeister, den sie besucht, zu begleiten. Sie hört, dass sie eine „Auserwählte“ sei, ein ganz besonderes Mädchen, das die Menschen in eine bessere Zeit führen solle. Ihr wird Bewunderung und Anerkennung zu teil und auch ihre Freundin Francine, die sich ihr und ihrer Mutter angeschlossen hat, bestärkt Yara darin, eine Art „Engelswesen“ zu sein. Sie findet sich immer mehr in die Gruppe um den religiösen Führer Bajiu-Ra ein und muss sich entscheiden- zwischen ihrer Liebe zu ihrem Freund Jasper und ihrer Aufgabe als Lichtgestalt.

In diesem Jugendbuch gelingt es Patricia Schröder, den Weg, der ein sechzehnjähriges Mädchen in eine Psychosekte führen kann, nachzuzeichnen. Die Beziehung zwischen Yara und ihrer Mutter, die sich immer mehr in die allumfassenden, aber in sich nicht schlüssigen Lehren  ihres Gurus hineinsteigert, wird sehr ausführlich beschrieben; der Leser verfolgt, wie sich die beiden Schritt für Schritt vom Rest der Familie entfernen und sich von ihrer Umwelt isolieren.
Da die Geschichte größtenteils während der Ferienzeit spielt, erzählt die Autorin kaum, wie es Yara in der Schule ergeht- dafür aber umso ausführlicher, wie sie den Spagat zwischen ihrem Freund Jasper und der Sekte hält. Einfühlsam beschreibt Schröder die Beziehung der beiden vom ersten Kennenlernen bis zu dem Zeitpunkt, an dem Jasper eine unersetzliche Stütze für Yara wird- ihr einziger Anker in der Realität.
Einzig Yaras Erkenntnis, was für einem Schwindel sie auf den Leim gegangen ist, kommt in der letzten Sekunde und geht für meinen Geschmack ziemlich schnell von statten. Viele Informationen zur Sekte selbst, oder gar den vertretenen Lehren gibt es auch nicht, was dadurch begründet wird, dass praktisch alles vom „Lehrer“, der vermeintlichen Reinkarnation eines hinduistischen Gottes, frei erfunden ist. Daher kann Yaras „Werdegang“, ihr Weg in die Sekte als allgemeingültig für jede geschlossene Gruppe dieser Art verstanden werden.

Fazit: Kennt man andere Bücher zum Thema Sekte und Gehirnwäsche, die als Tatsachenberichte dargestellt werden, so wird man sich mit diesem Jugendbuch, das zudem fiktional -aber trotzdem realistisch- daherkommt, wohl eher langweilen. Für jüngere Jugendliche, die sich vielleicht zum ersten Mal mit diesem Thema auseinandersetzen, bietet das Werk, das weniger auf Fakten, als vielmehr auf Yaras Gedanken und Gefühle setzt, einen guten Einstieg.


Patricia Schröder „Auserwählt“, Fischer 2009, 296S., 7,95€

5 Gedanken zu “Patricia Schröder: Auserwählt

  1. mentizidal schreibt:

    Da ich auf der Suche nach modernen Romanen mit Bezug zu Religion/Kirche/Esoterik/Glauben/Sinnsuche bin, danke ich für Deinen Einblick: an Jugendbücher hatte ich noch gar nicht gedacht. Wenn Dir oder geneigten Lesern weitere Beispiele in den Sinn kommen, freue ich mich sehr über einen Hinweis!

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    • skaldenmet schreibt:

      Als wirklich schockierendes Buch zum Thema Sekte kann ich „Vater unser in der Hölle“ (schon allein der Titel ist drastisch) empfehlen. Mit Esoterik beschäftige ich mich eher weniger; ein Buch zum Thema Sinnsuche, das mir häufiger empfohlen wurde, ist „Die Hütte“. Kennst du das? Ich hab´s bisher noch nicht gelesen und kann deshalb nicht allzu viel dazu sagen.

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        • Ulla Fröhling schreibt:

          „Vater unser in der Hölle“ erscheint seit 2015 in einer aktualisierten Neuausgabe als TB und E-Book bei mvg. Das Buch erzählt Leben und Therapie einer Frau, die durch extreme Gewalt und sexuellen Missbrauch seit frühester Kindheit eine multiple Persönlichkeit entwickelte. (Medizinjargon: dissoziative Identitätsstörung). Täter: Familie & satanistische Gruppe & fundamentalistische christliche Sekte. Die Frau lebt wirklich, ich habe sie „Angela Lenz“ genannt, um ihre Identität und ihr Leben – so gut wie möglich – zu schützen.
          Leserinnen und Leser finden das Buch sehr packend geschrieben, es verändere die Weltsicht. Betroffene möchte ich bitten, vor dem Lesen gut zu prüfen, ob sie sich dieses Thema aktuell zumuten wollen.
          Ulla Fröhling, Autorin.

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          • Wissenstagebuch schreibt:

            Liebe Frau Fröhling, vielen Dank für den Hinweis auf die aktualisierte Neuauflage. Ich habe das Buch schon vor einigen Jahren gelesen; es ist mir nie wieder aus dem Kopf gegangen. Ich habe auch den Eindruck, dass es vielen Leserinnen und Lesern ebenso damit ergangen ist. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit. Mit herzlichen Grüßen, Jana Issel

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