Mark Dunn: Nollops Vermächtnis

In Mark Dunns Roman „Nollops Vermächtnis“ hat sich südlich der USA ein Inselstaat etabliert, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die englische Sprache zu pflegen. So findet sich als überragendes Denkmal der Unabhängigkeit ein Pangramm, ein Satz, der alle Buchstaben des Alphabets enthält, das der Genialität des verehrten Staatsgründers Nollop entsprungen ist. Als sich nach über hundert Jahren eine der Kacheln – das Z – löst, beschließt der Rat, der den Inselstaat leitet, dass es sich um ein Zeichen Nollops handeln müsse, und verbietet fortan den Gebrauch des Buchstabens in Wort und Schrift bei Todesstrafe. Wie schon der Verzicht auf einen einzigen Buchstaben die Inselbewohner einschränkt, wird in Form von Briefen zweier Familien erzählt. Als sich nach und nach weitere Buchstaben zu lösen beginnen, nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

So aberwitzig der Hintergrund von Dunns Roman beim ersten Lesen auch klingen mag, er zeigt am ureigensten Kommunikationsmittel von Gesellschaften – der Sprache – wie fatal sich die irrige Meinung einiger weniger Herrschender auf ihre Untertanen auswirken kann. Zu Beginn erscheint das Inselvolk gerade Buchliebhabern sympathisch: Der Inselrat hat beschlossen, auf entbehrliche technische Neuerungen zu verzichten, die Inselbevölkerung ist ein Volk von Briefeschreibern, deren liebstes Hobby das Lesen ist, die ihre Sprache pflegt und schon die Jüngsten zu wahren Sprachkünstlern heranzieht. Als dann jedoch die alten Buchstabenkacheln morsch werden und sich zu lösen beginnen, versteifen sich die Herrschenden darauf, dass es sich um ein himmlisches Zeichen handeln muss und führen drakonische Strafen für jeden ein, der eine andere Meinung vertritt. Plötzlich sind die Bewohner in allen Bereichen ihres Lebens eingeschränkt, es wird lebenswichtig, dass die Sprachschere im Kopf jeden unstatthaften Buchstaben aus den eigenen Äußerungen entfernt. Das Postgeheimnis wird aufgehoben, Nachbarn denunzieren sich gegenseitig, andere halten zusammen und planen den Aufstand. Hilfe von außen ist aufgrund der selbstgewählten Isolation nur schwer erreichbar. Dunn skizziert in seinem Roman das schrittweise Entstehen eines totalitären Systems, dass sich einer völlig abwegigen Ideologie verschrieben hat und diese mit aller Macht durchsetzt. Dabei ist sein Roman auf jeden anderen Staat, auf jede x-beliebige Ideologie übertragbar – und genau das macht „Nollops Vermächtnis“ lesenswert. Für Sprachliebhaber sind die vielen Wortspiele, die oft gehobene und im Laufe der Geschichte gezwungenermaßen immer ausgefallenere Wortwahl ein Genuss. Der Übersetzer Henning Ahrens hat hier gute Arbeit geleistet und viele Wortspiele ins Deutsche hinübergerettet.

Mark Dunn „Nollops Vermächtnis“ (OT: Ella Minnow Pea: A Progessively Epistolary Fable), Piper 2004, 239 S., 9€

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