Lesung mit György Dragomán am Wannsee

v.l.n.r.: Thomas Geiger, György Dragomán, Nina West.

Thomas Geiger, György Dragomán, Nina West (v.l.n.r.)

Mit Blick auf den abendlichen Wannsee, umgeben von dunklem Holz in einer großzügigen Villa bei einem Glas Wein: So gediegen kann man sich die Lesung zu „Der Scheiterhaufen“ mit György Dragomán am Donnerstagabend vorstellen. Das Literarische Colloquium Berlin lud in sein Haus „Am Sandwerder“ zu einer der raren Deutschland-Lesungen des ungarischen Autors.

Thomas Geiger, Redakteur der Colloquiums-Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“, sprach mit Dragomán in vertrautem Ton über seine Kindheit und Jugend, seine Übersiedlung von Siebenbürgern in Rumänien ins ungarische Szombathély Ende der 80er Jahre und seine Inspiration. Dragomán antwortete auf Deutsch locker und ausführlich auf die Fragen. Er erzählte von seiner Kindheit in Rumänien und der guten Beziehung zu seinen Eltern, die sich zu Hause auch in seiner Gegenwart regimekritisch äußerten und – als das rumänische System nationalistischer wurde – als Ungarn per se zur Opposition gezählt wurden. Er habe damit gerechnet, schon aus diesem Grunde Verhören unterzogen zu werden, mit Schikanen zu leben. Mit dem Umzug nach Ungarn sei er erwachsen geworden, gleich in dem Moment, in dem er die Grenze übertrat. Doch obwohl Sprache und Kultur ihm vertraut waren, fühlte er sich anfangs fremd nahe der österreichischen Grenze. Doch wie seine Romanheldin Emma dachte er mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn: „Da kann ich alles schaffen. Da kann ich durch Wände gehen.“

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Autor György Dragomán

 Wie er denn dazu gekommen sei, aus der Sicht eines jungen Mädchens zu schreiben? Dragomán antwortete überraschend, beschrieb sich selbst als visuellen Typ, er habe einfach eine Hand vor sich gesehen und als er begann, die Geschichte aus der Sicht eines Jungen zu schreiben, wie schon in „Der weiße König“, da merkte er, dass irgendetwas nicht passte, dass die Hand, die er vor sich sah, viel zu schmal gewesen sei, um einem Jungen zu gehören. So nahm er dann die zunächst ungewohnte Mädchenperspektive ein, ohne, wie er betonte, häufig darüber nachzudenken, ohne mit dieser Perspektive spielen zu wollen. Dadurch erkläre sich auch der häufig nüchterne Ton der Beobachtungen der Protagonistin. Die Auswahl der beiden vorgelesenen Kapitel – ganz wunderbar von Nina West, der man ohne Zögern auch die Hörbuchversion von „Der Scheiterhaufen“ anvertrauen könnte – wirkte in diesem Zusammenhang dann ein wenig irritierend. Es waren genau zwei der wenigen Stellen, in denen das Mädchensein Emmas völlig in den Vordergrund tritt. Ich persönlich hätte mir einen Ausschnitt mit der Großmutter gewünscht, die eine so wichtige Rolle in dem Roman spielt. Dragomán selbst las dann ein kurzes Stück in rasendem Tempo auf Ungarisch, was die Stimmung zusätzlich lockerte. Im Anschluss an die Lesung nahm er sich viel Zeit für die lange Schlange von Interessierten, jeder mit einem Exemplar des Romans in der Hand.

„Der Scheiterhaufen“ wird bald in Stuttgart auf der Bühne zu sehen sein, eine Verfilmung ist ebenfalls geplant. Von György Dragomán wird man in nächster Zeit noch mehr hören und hoffentlich auch lesen.

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