Frank Wedekind: Frühlings Erwachen (1891)

Es gibt Bücher, die schreien schon Schullektüre!, kaum hat man sie begonnen. Da geht’s ums Erwachsenwerden, am besten gepaart mit Historischem und Gesellschaftskritik. „Frühlings Erwachen“ passt da genau ins Bild – und ich bin heilfroh, dass es mir zu Schulzeiten erspart geblieben ist.

Zu Kaisers Zeiten herrschte eine verklemmte Sexualmoral. Schwierig für Heranwachsende, die nicht wissen wohin mit sich und der Welt. Da ist der intelligente Melchior, der weiß, wie es läuft und dies schriftlich für seinen Freund Moritz niederlegt – ungünstig, dass der Zettel in die Hände der Schulleitung gerät. Melchior steht auf Wendla, die er gern auch mal einvernehmlich schlägt. Wendla, die nicht weiß, wie es so funktioniert, wird schwanger. Und am Ende sind Wendla und Moritz tot.

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Vielleicht merkt man es schon: Besonders gestört hat mich an diesem Werk das Überzeichnete, die teils absurd drastischen Konsequenzen der einzelnen Handlungen. Als ich später gelesen habe, dass sich Mitschüler Wedekinds selbst das Leben nahmen, wurde alles ein wenig verständlicher. Dennoch ist man beim erstmaligen Lesen erstaunt über die Aneinanderreihung dramaturgischer Zuspitzungen. Das macht das Lesen jedoch auch unterhaltsam; langweilig wird es nicht, auch wenn die teils wie Monologe geführten Gespräche etwas ermüdend sind. Das muss man wohl auch richtig inszeniert auf einer Theaterbühne erleben. Was mir vor dem Lesen auch nicht bewusst war, ist, dass sich das Stück fast ausschließlich auf das Thema bürgerliche Sexualmoral im Kaiserreich beschränkt. Zwar werden kurz Schulsorgen, Gewalt in der Erziehung und Armut angerissen, dann aber schnell wieder der Schwenk zum eigentlichen Thema gemacht. Das mit einer Gruppe pubertierender Halbstarker im Unterricht zu besprechen, ist bestimmt ein Erlebnis.

Gespannt bin ich allerdings darauf, die von mehreren Seiten hochgelobte in unsere Zeit verlegte Verfilmung des Regisseurs Nuran David Çalış zu sehen. Dieses Stück ins Jetzt zu verlegen, ohne albern zu wirken und ein Thema zu behandeln, dessen gesellschaftliche Wahrnehmung sich in manchen Bereichen vollständig umgekehrt hat, ist eine spannendes Unterfangen.


Wedekind, Frank, „Frühlings Erwachen“, 1891, eine kostenlose Version stellt u. a. das Projekt Gutenberg  bereit.

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