[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa”

Dieses Mal gibt es einen echten Geheimtipp: Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, an dieser Stelle den ersten von zwei Teilen eines Gastbeitrags veröffentlichen zu dürfen, der uns mitnimmt in die ernste, manchmal grausame, in jedem Fall aber bunte Welt der afrikanischen Literatur.

Bücherauswahl-1

(c) emerald notes

„Stories matter. Many stories matter.“
Die amerikanisch-nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie zählt schon jetzt zu den ganz Großen der Weltliteratur und vor allem zu den prominentesten zeitgenössischen Stimmen Afrikas. 2009 hielt die Bestsellerautorin einen TED Talk zum Thema „The Danger of a Single Story“, in dem sie argumentierte, dass das wiederholte Erzählen einer einzigen, einseitigen Geschichte über Menschen und Orte schnell die definierende Geschichte über diese werden kann. In diesem Zusammenhang führt sie auch Folgendes an:

„The single story creates stereotypes. And the problem with stereotypes is not that they are untrue, but that they are incomplete. They make one story become the only story.”

Die Konsequenz von solchen „single stories“: Differenzen würden betont und Menschen ihrer Würde beraubt. Das ist vor allem auch bei Afrika der Fall: Das eine Narrativ, in dem „Afrika ein Kontinent voller Katastrophen“ ist, wird seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitererzählt und ist dadurch zur einzigen ‚wahren’ Geschichte geworden. In und mit ihrer Rede betont Chimamanda Ngozi Adichie allerdings, dass es so viele anderen Geschichten aus und über Afrika gebe, die genauso bedeutend seien und erzählt werden sollten. Deshalb spricht sie sich für die Ablehnung der einseitigen Geschichtenerzählung aus, weil es nie nur eine Geschichte über Menschen oder Orte geben könne und immer unterschiedliche Perspektiven betrachtet werden sollten. Sie resümiert: „Stories matter. Many stories matter.“

Adichie selbst, aber auch viele andere afrikanische Schriftsteller/innen scheinen sich ihr Plädoyer zu Herzen genommen zu haben oder zumindest sehr ähnlicher Meinung zu sein. In ihren Werken bieten sie unterschiedliche, vor allem einheimische Perspektiven auf die Geschichte und den Status Quo ihres jeweiligen Landes sowie das dortige Leben. Während der letzten Jahre, in denen ich mich studienschwerpunkt- und interessenbedingt oft und ausgiebig mit Literatur aus und über Afrika beschäftigt habe, bin ich auf viele wunderbare Bücher gestoßen, die einen guten Einstieg in die Thematik bieten:

Achebe_Home-and-Exile

(c) emerald notes

Home and Exile von Chinua Achebe: Der nigerianische Autor gilt als einer der berühmtesten afrikanischen Autoren, sein Debütroman Things Fall Apart wird so gut wie immer aufgezählt, wenn es um afrikanische Literatur geht. In seiner Essaysammlung Home and Exile, einem seiner spätesten Werke, schildert er anhand unterhaltsamer Anekdoten aus seinem Leben seine Erfahrungen mit (Post-)Kolonialismus, Rassismus, der Globalisierung und der großen Bedeutung von Geschichten. Er plädiert in einem der Essays unter anderem auch für eine „balance of stories“ (die Adichie übrigens auch in ihrer Rede erwähnt), die dadurch zustande kommt, indem Völker, die bis jetzt nicht zu Wort gekommen sind, ihr eigenes Narrativ zurückholen und ihre eigene Geschichte schreiben. Achebes Stil zeichnet sich durch eine scharfsinnige und nicht selten konfrontative Ausdrucksweise aus, die nicht nur eine unterhaltsame, sondern auch lehrreiche Lektüre garantiert.

Abani_Song-for-Night

(c) emerald notes

Song for Night von Chris Abani: Der nigerianische Autor, Dichter und Literaturprofessor Chris Abani schildert in seiner Novelle Song for Night einen nicht weiter definierten Bürgerkrieg in Westafrika aus der Sicht eines Kindes: Von seiner Truppe von Kindersoldaten nach einer Explosion getrennt und traumatisiert, begibt sich der stumme Igbo-Waisenjunge My Luck auf die Suche nach seinen Kameraden. Unterwegs in einer alptraumhaften Schreckenslandschaft, wird der Junge immer wieder mit seiner Vergangenheit, dem schrecklichen Schicksal seiner Familie und diversen traumatischen Kriegserfahrungen konfrontiert. In einer ausgesprochen lyrischen Sprache und mit einem wunderschönen Schreibstil beschreibt Abani so die Schrecken des Krieges, aber auch die Möglichkeit und das Bestehen von Menschlichkeit im Krieg und liefert damit eine unglaublich berührende und erschütternde Geschichte, die lange Zeit nachhallt.

Mezlekia_Notes from the Hyena's Belly

(c) Penguin Canada

Notes from the Hyena’s Belly: An Ethiopian Boyhood von Nega Mezlekia In seinen Memoiren schildert der äthiopische Autor seine Kindheit und Jugend in den 70ern und 80ern und seinen Werdegang vom Jungen vom Land zum Soldaten. Er liefert damit ein eindringliches Porträt der sozialen, kulturellen und politischen Lage Äthiopiens zur Zeit nach dem Sturz Haile Selassies, als das Land von einer Militärjunta regiert wurde und in einen blutigen Bürgerkrieg stürzte. Mezlekias Roman ist von einer ausgesprochen bildhaften und symbolischen Sprache geprägt, mit der es ihm gelingt, seinen Lesern einen bedeutenden Teil der Geschichte seines Landes auf beeindruckende Weise näher zu bringen.

Mengiste_Beneath-the-Lions-Gaze

(c) emerald notes

Beneath the Lion’s Gaze von Maaza Mengiste (im Deutschen unter dem Titel Unter den Augen des Löwen bei Wunderhorn erschienen): Mengistes Debütroman nimmt seine Ausgangslage in Addis Abeba im Jahr 1974, am Abend vor der Revolution. Die Geschichte verfolgt eine Familie durch die Wirren und die Gewalt, die das Land anschließend befallen. Anhand der Persönlichkeiten und Schicksale der einzelnen Hauptcharaktere illustriert die Autorin den Einfluss von Politik auf einfache Leute, die auf unterschiedliche Weise in die turbulenten Vorgänge verwickelt werden, und stellt damit verschiedenste Haltungen zur Schau. Im Fokus steht hier vor allem die Beziehung zwischen einem Vater und seinen zwei sehr unterschiedlichen Söhnen und damit die Stärke familiärer Bande und Liebe. Besonders die ausführlichen Charakterisierungen der Romanfiguren und deren Gedanken und Gefühle haben mich hier sehr überzeugt und oft auch tief berührt. In einer bemerkenswert poetischen Sprache und auf eine packende Weise liefert Mengiste einen Roman, der das Interesse an Äthiopien und/oder afrikanischer Literatur noch stärker weckt.

Selasi_Ghana-Must-Go

(c) emerald notes

Ghana Must Go von Taiye Selasi (im Deutschen unter dem Titel Die Dinge geschehen nicht einfach so bei Fischer erschienen): Ähnlich wie Mengiste erzählt die britische Autorin mit ghanaischen und nigerianischen Wurzeln in ihrem Erstlingswerk die Geschichte einer Familie. Nach dem Tod Kweku Sais, eines angesehenen Chirurgen, jedoch gescheiterten Vaters und Ehemannes, kommt seine über mehrere Kontinente verstreute Familie, die er vor Jahren verlassen hatte, wieder in ihrer Heimat Accra zusammen. Während die einzelnen Familienangehörigen in ihrem ehemaligen Zuhause zusammenkommen, werden die Ursachen für ihr Auseinanderdriften sowie ihre Bemühungen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und wieder zueinander zu finden, ausführlich geschildert. Interessant ist hierbei vor allem auch der globalere Charakter des Romans, der die Geschichte von Accra über Lagos und London bis nach New York trägt, dabei jedoch seinen Fokus auf die jeweiligen Wurzeln eines Menschen setzt. Selasis Werk hebt sich von den anderen hier erwähnten Romanen nicht nur durch seine originelle Sprache ab, die es nicht selten wie ein Prosagedicht wirken lässt, sondern auch durch seine teilweise doch etwas schwierigere Zugänglichkeit – doch die Annahme dieser Herausforderung lohnt sich allemal!

Während sich dieser Teil nun auf literarische Stimmen aus Nigeria, Äthiopien und Ghana konzentrierte, wird sich der zweite Teil meines Gastbeitrags speziell mit Büchern über ein ganz bestimmtes afrikanisches Land beschäftigen, das mir besonders am Herzen liegt: Somalia.

10 Gedanken zu “[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa”

  1. nettebuecherkiste schreibt:

    Ich entdecke auch gerade die afrikanische Literatur für mich, „Stay With Me“ der nigerianischen Autorin Ayobami Adebayo mochte ich sehr, völlig verzaubert hat mich „Homegoing“ bzw. „Heimkehren“ der ghanaisch-amerikanischen Autorin Yaa Gyasi 🙂

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Was für ein schöner Zufall. Ich persönlich kenne beide Bücher noch nicht, die afrikanische Literatur ist für mich völliges Neuland. Bist du durch Chimamanda Ngozi Adichies „Americanah“ auf afrikanische Literatur aufmerksam geworden? Bei mir war es das erste Buch, dass das Thema etwas in den Fokus gerückt hat.

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  2. tobiaslindemann schreibt:

    Schön, hier etwas über afrikanische Literatur zu lesen! Ich schreibe dazu seit einiger Zeit auch auf meinem Blog, allerdings nicht nur über Literatur aus Afrika, sondern auch über Literatur aus der afrikanischen Diaspora. Was mir nicht so gut gefallen hat war die Einführung mit der „ernsten, manchmal grausamen“ Welt. In Afrika gibt es weit mehr als Grausamkeit und ernste Themen. Und wenn ich mir das 20. Jahrhundert in Europa anschaue, dann war es auch ganz schön grausam, aber niemand würde von der „grausamen Welt der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ sprechen. Ansonsten: bitte mehr davon!

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Danke für deinen Kommentar; die afrikanische Diaspora ist bestimmt noch einmal ein anderes, ebenfalls weites Feld.
      Die Einführung geht auf mein Konto; ich habe mich bei meiner Beschreibung „ernst, manchmal grausam“ an den vorgestellten Büchern orientiert – die ja von weiblicher Genitalverstümmelung, Krieg, Kindersoldaten, Diktatur und Flucht handeln. Daneben gibt es bestimmt noch eine Menge mehr, nur legt dieser Gastbeitrag eher einen Schwerpunkt auf die ernste Seite der afrikanischen Literatur. Von der „grausamen Welt der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ würde ich auf jeden Fall sprechen! Vielleicht nicht so in Reinform – dazu gibt es zu viele Bücher, die nicht in diese Rubrik fallen – aber diese Beschreibung trifft auf viele Werke zu, gerade auf solche, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg, anderen (Kolonial-)Kriegen und dem Holocaust beschäftigen. Ich gebe dir aber Recht darin, dass der Begriff auch die afrikanische Literatur bestimmt nicht erschöpfend zu beschreiben vermag (was auch schlimm wäre!). Ich würde mich freuen, wenn du einige deiner Besprechungen verlinken würdest! Der nächste Teil des Gastbeitrages mit Schwerpunkt Somalia folgt am Mittwoch.

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