Scott Westerfeld: Ugly (2005)

Die Prüfungsphase dauert noch an, deshalb gibt es heute mal den Einstieg in eine entspannt lesbare Jugendbuchreihe.

Tally Youngblood wartet sehnsüchtig auf ihren sechszehnten Geburtstag. Dann endlich darf sie die umfassenden Schönheitsoperationen vornehmen lassen, die sie zum Höhepunkt der menschlichen Entwicklung werden lassen. Sie kann ihr Wohnheim in Uglyville verlassen, nach New Pretty Town umziehen und rauschende Feste mit ihren ebenfalls „hübschen“ Freunden feiern – jahrelang. Doch einige Wochen vor dem großen Tag trifft sie auf die gleichaltrige Shay, die sich tausend bessere Dinge vorstellen kann, als sich einer Ganzkörperumwandlung zu unterziehen, um dann auszusehen wie alle anderen auch. Man könnte doch die Stadt verlassen und nach der geheimnisvollen Siedlung Smoke suchen, wo jeder sein „hässliches“ Selbst bleibt und sein Leben selbst gestaltet. Als Shay schließlich verschwindet, bleibt Tally. Doch den Behörden ist das aufständische Smoke schon lange ein Dorn im Auge und so wird Tally losgeschickt, um die Siedlung zu suchen – und zu verraten.

Westerfeld I

Westerfeld verpackt im ersten Band seiner ursprünglich als Trilogie angelegten vierbändigen Reihe eine Menge Gesellschaftskritik: Das Leben im dystopisch erscheinenden New Pretty Town ist geprägt von exzessivem, aber nachhaltigen Konsum, einer egozentrischen Fixierung aufs eigene Glück, einer Entfremdung vom Leben der eigenen Vorverfahren, gepaart mit Verachtung für deren Lebensweise. Zudem herrscht absolute Technikabhängigkeit; der Interface-Ring eines jeden (hallo, Smartphone!) ermöglicht eine allumfassende Überwachung jedes Bewohners ­– natürlich nur zu seinem Besten. Hinzu kommen allgemeine Verblödung, Fixierung auf das Aussehen, denn Jahrtausende menschlicher Evolution und die Wissenschaft können nicht irren.
Auf der anderen Seite steht dafür eine Welt ohne Elend, Armut und Krankheit, ohne Krieg und Raubbau an der Natur, ohne Unglücke und Verlustängste. Aber eben auch ohne große Freiheit.

Die Stärke von „Ugly“ liegt definitiv an jenen Stellen, die besonders an einen Abenteuerroman erinnern. Die Schilderungen von Wildwasserflügen und riskanten Rettungsaktionen, Sprüngen ins Nichts und den Unannehmlichkeiten des Lebens in der Wildnis sind mitreißend und anschaulich.
Als weniger ansprechend beschrieben empfand die Gefühlswelt der sechzehnjährigen Protagonistin. Ihr innerer Konflikt blieb für mich nachvollziehbar, lud allerdings nicht zum Mitempfinden ein; insgesamt blieb die Figur für mich zu blass, noch zu beliebig. Mehr Details hätte ich mir auch bei der Schilderung der gesellschaftlichen Dystopie gewünscht: Wie funktionieren die Städte, wie genau kam es zu ihrem Erbau, wer hält sie am Laufen? Hier setzt wohl allerdings auch der zweite Band an, sodass man hier auf eine neue Perspektive und mehr Informationen hoffen darf.

Ich lese die Reihe in der deutschen Übersetzung. Leider wirkten dadurch manche Sätze unfreiwillig komisch:

 „Wir können zusammen sein. Wenn du erst hübsch bist.“

Dieses „hübsch“ hat mich einige Male schmunzeln lassen und ich frage mich immer noch, ob man das englische „pretty“ – ein Wort, das eine wirklich tragende Rolle in dem Roman spielt und bestimmt auch bewusst gewählt worden ist, weil die Menschen ihre neuen Gesichtszüge und Körper anziehen wie hübsche neue Kleider – im Deutschen nicht besser mit „schön“ wiedergegeben hätte.
Kritik erfährt auch ganz klar die Figur der Dr. Cable, einer bösen Antagonistin – kinogeschädigt von stellt man sie sich unweigerlich ganz in weiß gekleidet mit strenger Frisur vor. Mir persönlich ist eine solch klischeehafte Figur einfach schon zu oft da gewesen. Fairer weise ist anzumerken, dass Westerfelds Roman schon vor vielen der assoziierten Romane – Divergent-Reihe, Maze Runner – erschien. Hier wurde offenbar von ihm abgekupfert, wenn man das denn so nennen will. Warum muss einer weiblichen Protagonistin zur Zeit eigentlich immer ein weiblicher Bösewicht gegenüberstehen? Bei Panem klappte es anders doch auch ganz gut.

Insgesamt ist „Ugly“ eine unterhaltsame Jugendbuch-Dystopie, die mich nach dem ersten Band zwar noch nicht vollends überzeugt hat, aber die Neugierde auf den zweiten Band durch einen konsequent weitergeführten Handlungsstrang aufrecht erhalten kann.

Sub#6

Scott Westerfeld, Ugly. Verlier nicht dein Gesicht, aus dem Englischen von Gabriele Haefs, Carlsen 2007.

Weitere Meinungen zum Buch finden sich u. a. bei Anja, Bücherfantasien, The Disaster Diary und Yvonnes Lesewelt.

2 Gedanken zu “Scott Westerfeld: Ugly (2005)

  1. dystopia13 schreibt:

    Ich habe die Reihe auch vor ein paar Jahren gelesen. Bin darauf aufmerksam geworden, weil die Bücher einfach auch hübsch aussehen. Mir haben im Großen und Ganzen alle Bücher gefallen. Wie immer war aber der erste Teil wieder mal der Beste.

    Gefällt 1 Person

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