Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do (2012)

Johnson_Jun DoDer 2013 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman ist schon aus einem Grunde etwas ganz Besonderes: Er spielt fast durchgehend in Nordkorea. Der Geliebte Führer Kim Jong-il ist genauso Nebenfigur wie ein texanischer Senator und eine CIA-Agentin. Sie alle treten in das Leben des Waisenjungen Jun Do, der partout kein Waise sein will und nach Tunnelkämpfen unter Südkorea und Entführungen von japanischen Opernsängerinnen aus einem Straflager flieht, um die Rolle eines landesweit bekannten Kommandanten einzunehmen und sich um dessen Frau und Kinder zu kümmern.

Was so aberwitzig klingt, liest sich auch so. Johnson macht sich all die grausamen und verrückten Details, die immer wieder aus dem abgeriegelten Nordkorea an die westliche Öffentlichkeit dringen zunutze, um eine Geschichte zu kreieren, die wohl so nur im glücklichsten Land der Welt funktioniert. Während ich ähnlich skurrile Geschichten wie „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ teils zu albern fand, geht es Johnson entschieden nicht um Witz, der die Leser erheitern soll. Vielmehr schildert er die Grausamkeiten, die mit den rasanten Wenden in Jun Dos Leben einher gehen, so detailliert und mit solcher Sachkenntnis (oder mit glaubhaften eigenen Ideen), dass die abrupten Wechsel auch dem Leser zu schaffen machen. Was schnell klar wird: In Nordkorea ist niemand Herr seines eigenen Lebens. An einem Tag arbeitet Jun Do auf einem Fischkutter ohne Toilette, am nächsten sitzt er im Flieger auf dem Weg zu Verhandlungsgesprächen in die USA. Er verhungert fast im Straflager, nur um kurz darauf an der Seite der schönsten Schauspielerin des Landes einzuschlafen.

Man lernt in diesem Roman viel über Nordkorea, denn Johnson streut fast beiläufig gut recherchierte Details über Kunst, Kultur, Alltag, Nahrung, Kleidung, Geheimpolizei, Straflager und Militär ein. Das Land entsteht vor dem inneren Auge des Lesers – und es ist beileibe kein schöner Anblick, denn Überwachung ist allgegenwärtig und reicht bis weit in die Familien hinein.

Der Protagonist Jun Do ist nicht per se sympathisch. Man weiß nicht so recht, wie man ihn einordnen soll: Ist er Opfer oder Täter, mitleid- oder furchterregend? Ist sein Kampf ums Überleben heroisch oder verwerflich? Diese Gratwanderung verleiht dem Roman eine Tiefe, die über die eigentliche Geschichte hinausgeht. Trotzdem hatte ich einen Hauch von … nun ja, schlechtem Gewissen, den Verbrechen in Nordkorea in Romanform zu begegnen. Obwohl der Roman definitiv nicht harmlos ist, reicht er meiner Meinung nach in seiner Ernsthaftigkeit dennoch nicht an Tatsachenberichte heran. Bei mir hat er weniger Betroffenheit erzeugt als jene zudem meist noch aus Betroffenenperspektive geschilderten Geschichten wie „Schwarze Magnolie“ oder „Meine Flucht aus Nordkorea“. Der Autor Johnson sagt dazu:

„Ehrlich gesagt hatte ich das Gefühl, Nordkoreas tatsächliche Schwärze noch etwas verharmlosen zu müssen. […] Wir wissen erst dann wirklich, wie man einen Roman schreibt, der in Nordkorea spielt, wenn nordkoreanische Autoren endlich selbst ihre Geschichten erzählen dürfen. Ich hoffe, dass dieser Tag bald kommt.“

Ich auch.

Adam Johnson, Das geraubte Leben des Waisen Jun Do (OT: The Orphan Master´s Son, aus dem amerikanischen Englisch von Anke Caroline Burger), Suhrkamp 2013, 685 S., 10,99 €, ISBN: 978-3-518-46522-6.

Der Suhrkamp-Verlag hat ein lesenswertes Interview mit dem Autor veröffentlicht, dem auch das obige Zitat entnommen wurde.


Weitere Meinungen zum Buch finden sich u. a. bei

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3 Gedanken zu “Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do (2012)

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