Neues und Altbewährtes im Jahr 2017 – Meine 10 Favoriten

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und das ist immer eine gute Gelegenheit, die Lektüre des Jahres Revue passieren zu lassen. Während mein Finger durch meine Leseliste wandert, stellen sich die Erinnerungen an gute und weniger gute Leseerlebnisse ein und schnell habe ich zehn Favoriten beisammen.

Neu erschienen und sofort bestaunt

Bendixen

Katharina Bendixen – Ich sehe alles
Ein deutsches Au-pair in Budapest, das langsam aber sicher verrückt wird. Kein Thriller zwar, aber ein beeindruckendes Debüt mit großer Treffsicherheit in das Herz des leserlichen Unbehagens.

Jonas Lüscher – KraftLüscher_Kraft
Überkandidelt und dabei unheimlich komisch. Über Lüschers abgebrannten Professor Kraft konnte ich herrlich schmunzeln und fand bestätigt: Hochmut kommt vor dem Fall. Manchmal begleitet sie ihn auch.

Kang_MenschenwerkHan Kang – Menschenwerk
Nach „Die Vegetarierin“ wartete ich gespannt auf das Erscheinen von Han Kangs „Menschenwerk“ in deutscher Sprache. Eine so intensive, bedrückende Geschichtsstunde wie diese hier über das Massaker von Gwangju und die Niederschlagung der Demokratiebewegung dort, habe ich selten erhalten. Das Werk eröffnet dem europäischen Leser einen ganz neuen Blick auf ein Korea fernab von Hightech, Leistungsdruck und K-Pop-Welle. Unbedingt lesen und sich davon bewegen lassen.

Deborah Feldman – Überbittencover_350x240
Obwohl ihr neuestes Werk für mich nicht ganz an ihr Debüt „Unorthodox“ heranreicht, habe ich diese umfangreiche Geschichte über Selbstfindung, Ankommen in Europa und Reisen auf den Pfaden einer längst verschwundenen Familie verschlungen. Feldmans Sprache (und auch die Literaturtipps, die sie einstreut) sind einfach lesenswert.

Hochgeschwender

Michael Hochgeschwender – Die Amerikanische Revolution
Nach historischen Versatzstücken aus etlichen High-School-Komödien wollte ich es einmal ganz genau wissen: Wie wurden die USA zu dem, was sie heute sind? Dass Hochgeschwender hier als wahrer Kulturkenner schreibt, machte das Lesen angenehm und führte dazu, dass auch Themen, die in reinen Geschichtsbüchern keinerlei Beachtung finden (die Zusammensetzung der Trecks, die den Armeen hinter herzogen!) aufgegriffen werden. Ein sehr informatives Werk, das die Entstehung des Amerikas aus der Sicht europäischer Einwanderer und ihrer Nachfahren beleuchtet.

 

Altbewährtes lieben gelernt

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Oscar Wilde – The Importance of Being Ernest
Selten habe ich beim Lesen so gelacht. Dieses alte Stück hat doch genau meinen Humor getroffen und weil ich es bislang immer noch nicht geschafft habe, eine Verfilmung anzusehen, steht weiterer Spaß mit Wildes Zeilen noch aus.

Lion Feuchtwanger – Jud Süß
Anfangs hatte ich mit Feuchtwangers Sprache ganz schon zu kämpfen. Manche Sätze wurden gar dreimal gelesen. Nach den ersten Seiten war ich dann aber begeistert von der Atmosphäre, die er für den Leser erschafft. Ich fühlte mich im historischen Württemberg angekommen und habe mit Oppenheimer geschimpft und gelitten. Feuchtwanger hat hier eine äußerst ambivalente und dabei zutiefst menschliche Figur geschaffen. Sein feiner Humor gekleidet in gehobene Sprache haben seinen „Jud Süß“ zu einem meiner Jahreshighlights werden lassen.

Antanas Skema – Das weiße Leintuch
Litauen war für mich stets ein weißer Fleck auf der Landkarte. Dann stieß ich zufällig auf die Erstübersetzung dieses Klassikers und wurde sofort gefangen genommen von Sprache und Stil Skemas. Litauische Mythen und Sagengestalten wabern durch seine Erzählung, die im New York des 20. Jahrhunderts spielt. Erstaunt war ich auch darüber, wie viel litauische Literatur in Displaced-Persons-Camps in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entstand.

Gustave Flaubert ­– Madame Bovary
Ich gebe es zu, die Schullektüre „Effi Briest“ habe ich nicht sonderlich gemocht. Umso skeptischer näherte ich mich diesem, im Thema ähnlichen Werk. Aber was für eine Überraschung! Viel weniger verschämt, einer gewissen Komik nicht abgeneigt, schildert Flaubert hier die Liebschaften einer jungen Frau, die ziemlich unzufrieden mit sich und der Welt ist und sich über weite Strecken ihres Lebens langweilt. Naiv ist sie, dabei aber auch ein wenig verschlagen. Ach, macht euch selbst ein Bild, denn dieses Werk ist einfach ein sprachliches Meisterstück.

George Orwell – 1984
So viel habe ich über dieses Buch gehört – und dabei so wenig daraus gelesen. Als es dann soweit war, kamen mir viele dystopische Elemente gar nicht mehr neu vor. Aber mit den drastischen Schilderungen und den vielen kleinen Grausamkeiten, die in den Medien nie zitiert werden, hatte ich dann doch nicht gerechnet. Die Lektüre war eine echte Bereicherung und dass das Werk mit Amtsantritt Donald Trumps wieder auf den Bestsellerlisten auftauchte, erschreckt mich jetzt umso mehr.

Orwell_1984

Welche Bücher waren eure Favoriten in diesem Jahr? Habt ihr Neues oder doch eher Altbewährtes gelesen?

Euch allen ein gutes und gesundes Jahr 2018!

 

7 Gedanken zu “Neues und Altbewährtes im Jahr 2017 – Meine 10 Favoriten

  1. Silvia schreibt:

    Menschenwerk fand ich auch sehr lesenswert. Ich habe danach lange über die Geschichte dieses Landes gelesen.
    Bei den Klassikern steht bei mir noch Jud Süß aus. Obwohl ich das Gefühl habe, ich hätte es schon mal gelesen. Ach, hätte ich doch schon damals alles notiert.
    Grüße
    Silvia

    Gefällt 2 Personen

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Ja, ich hatte bislang immer nur zu Nordkorea gelesen und mich durch Han Kang zum ersten Mal intensiver mit dem Süden beschäftigt. Den Film ,,Reach for the SKY (공부의나라, Zur Leistung verdammt)“ über die südkoreanische Gesellschaft kann ich sehr empfehlen.

      Ansonsten liest du Jud Süß einfach nochmal ;-).

      Viele Grüße
      Jana

      Gefällt mir

  2. NadelNerd schreibt:

    Hallo,
    tatsächlich habe ich 1984 auch erst vor 2016 zum ersten Mal gelesen. Es ist immer noch aktuell und wenn man es erstmal kennt, dann merkt man wo überall immer wieder heimlich Bezug auf das Buch genommen wird. Daher fand ich es auch eine sehr große Bereicherung.
    Liebe Grüße
    Ariane

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Hallo Ariane,

      freut mich, dass es nicht nur mir so ging. Bei 1984 ist das durchgeschlagen, was ich bei Klassikern schon häufiger für mich beobachtet habe: Sobald ich ein berühmtes Buch, das ständig zitiert wird, selbst gelesen habe, bekomme ich einen besseren Blick auf den Kontext, in dem das Zitat steht und kann beim Zeitungslesen o. Ä. auch ziemlich schnell Journalisten ,,entlarven“, die aus einem Werk zitieren, weil es gerade ,,in“ ist, es aber nicht gelesen haben und den Kontext des Werkes daher um eine Nuance verfehlen. Allemal eine Bereicherung!

      Liebe Grüße
      Jana

      Gefällt 1 Person

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