Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt (2017)

Letztes Jahr habe ich Hochgeschwenders „Geschichte der Amerikanischen Revolution“ gelesen. Das Buch hat mir gut gefallen, ich fand es informativ. Doch es erzählt ausschließlich die Geschichte des weißen Amerikas. Zwar gibt es ab und an Einschübe über die Kriege gegen Ureinwohner, doch ein Thema findet keinerlei Beachtung: Die Sklaverei, die durch die Europäer in Nordamerika Einzug hielt. Rassismus wird nicht thematisiert. Deshalb reizt es mich umso mehr, Ibram Kendis Sachbuch vorzustellen: Allein unter dem Gesichtspunkt „Rassismus“ erzählt er die Geschichte der Vereinigten Staaten vom Einlaufen der ersten Sklavenschiffe bis zur Wahl Obamas. Ein neuer, stark akzentuierter und hochdetaillierter Blick auf die amerikanische Geschichte.

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Eine lange Reise

Kendi gliedert sein Werk in fünf Teile, die chronologisch der Geschichte des Rassismus  anhand bekannter Persönlichkeiten nachgehen.

I. Zur Zeit des puritanischen Geistlichen Cotton Mather im 17./18. Jahrhundert wird eine menschliche „Rangordnung“ entwickelt, die schwarze Menschen gerade über Affen ansiedelt. Kenntnis afrikanischer Geschichte und Wissen über ehemalige Großreiche ist nicht vorhanden. Umso enthusiastischer werden afrikanische Sklaven eingeschifft. Doch bald schon entbrennt ein lang andauernder Streit darüber, ob man diese nicht christianisieren müsse; vielleicht würde dies ihren Gehorsam steigern?

II. Unter dem bekannten Präsident (und Sklavenhalter) Thomas Jefferson kommt die Theorie „Verbesserung durch Selbstverbesserung“ auf: Schwarze könnten weißer Verachtung dadurch begegnen, dass sie sich weißen Normen anpassen und dadurch zeigen, dass sie Menschenwürde (und später Bürgerrechte) tatsächlich verdienen. In dieser Zeit entstehen auch Stereotype, die bis heute überdauert haben: „dicke Hintern“, überdimensionierte äußere Geschlechtsmerkmale, Hypersexualität.

III. Kendi begleitet den Verleger und Sklavereigegner William Lloyd Garrison auf dem langen Weg der schrittweisen Gleichstellung der schwarzen Bevölkerung im 19. Jahrundert und setzt sich mit der in dieser Zeit gewichtigen Behauptung auseinander, Schwarze seien nicht bereit für die Freiheit. Sie müssten zunächst „zivilisiert“ werden. Die „Verbesserung durch Selbstverbesserung“ hat Hochkonjunktur.

IV. Mit W. E. B. du Bois sind wir schließlich im 20. Jahrhundert angekommen und begleiten erstmals einen Vertreter der schwarzen Elite durch die Jahrzehnte. Doch hier wird immer offenbarer, dass es auch unter der schwarzen Bevölkerung keine einheitliche „Front“ gibt:

„Andererseits betrachtete Du Bois wie auch die anderen Angehörigen der schwarzen Elite die Attacken seiner Kritiker gegen arme Schwarze und schwarze Frauen nicht unbedingt als rassistisch.“ (S. 307)

Immer offensichtlicher wird, dass hart erkämpfte Rechte gerade Frauen vorenthalten werden. Schwarze Frauen mit geringem Einkommen stehen ganz am Ende der rassistischen Nahrungskette. Beispielhaft ein Zitat des afroamerikanischen Schriftstellers William Hannibal Thomas (1846–1935):

 „90 Prozent der schwarzen Frauen, erklärte er, seien ‚von Natur aus lüstern und dem körperlichen Verlangen verfallen’, sie würden ein Leben voll Schmutz führen, das ‚in der modernen Zivilisation ohne Beispiel‘ sei.“ (S. 314)

V. Folgerichtig widmet sich Kendi dann auch im fünften Teil seines Buches der schwarzen Feministin und Bürgerrechtlerin Angela Davis (*1944). Hier gelangt der Leser über Black Power, Klu-Klux-Klan, Law-and-Order-Politik und wirtschaftliche Benachteiligung endlich ins Heute.

Eine schmerzhafte Reise

Die Reise, auf die Kendi seine Leser mitnimmt ist lang und mitunter schmerzhaft. Selten habe ich mich beim Lesen eines Buches so über himmelschreiende Ungerechtigkeit und Heuchelei geärgert. Das Buch hat mir geholfen zu verstehen, wie rassistische Mechanismen funktionieren und wie tief sie – sei es strukturell oder durch unbedachte Äußerungen – in unserer Gesellschaft verwurzelt sind.

An manchen Stellen ging mir Kendi zu weit, etwa wenn er dem einzigen Richter am Obersten Gericht, der sich gegen die Rassentrennung in Zugabteilen ausgesprochen hat – und dies sauber antirassistisch am Gesetzeswortlaut begründet – den in der Entscheidungen zum Ausdruck kommenden Antirassismus nicht zugesteht (S. 302). Oder wenn er Gefängnishaft mit Angela Davis pauschal als „Sklaverei“ bezeichnet (S. 448).

Auf der anderen Seite fand ich großartig, dass Kendi nicht davor zurückscheut, die rassistischen Äußerungen (gegen Schwarze wohlgemerkt) afroamerikanischer Persönlichkeiten zu benennen und besonders auf die Sexismus-Problematik hinweist.  Er rüttelt am historischen Bild bekannter Persönlichkeiten wie Jefferson, und Nixon, indem er deren Einstellung gegenüber Schwarzen offenlegt. Afroamerikanische Schriftstellerinnen und Bürgerrechtlerinnen finden in seinem Werk besondere Beachtung. Ein wenig mehr Informationen hätte ich mir aber zur Black-Panther-Bewegung gewünscht. Was genau waren ihre Ziele, welche Auswirkungen hatten ihre Anschläge auf die Bürgerrechtsbewegung?

Noch nie habe ich aus einem Werk so viele Zitate herausgeschrieben. Noch immer muss ich beim Durchblättern schlucken. Über „Tarzan“ und „Planet der Affen“ grüble ich seit dem Lesen dieses Buches; die US-amerikanische Anti-Drogen-Politik halte ich für noch problematischer als zuvor. Kendi hat mir historische Persönlichkeiten vorgestellt, von deren Existenz ich bislang nichts geahnt hatte. Er hat „Gebrandmarkt“ als Historiker und Aktivist geschrieben, das sollte man sich beim Lesen immer wieder klarmachen. Dann wird man mit diesem Buch aber prächtig zu Recht kommen und die Welt nach dem Lesen ein wenig mit anderen Augen sehen.


Ibram X. Kendi, „Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika“ (OT: Stamped from the Beginning, aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel und Heike Schlatterer), C. H. Beck 2017, 604 S., 34€, ISBN: 978-3-406-71230-2.

Zum Buch auf die Verlagsseite

Wissenstipp: Geschichte USA, Sklaverei, Rassismus, Gesellschaft

12 Gedanken zu “Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt (2017)

  1. Niamh O'Connor schreibt:

    Vielen Dank für diese informative und ausgewogene Besprechung! Ich habe mich mit dem Thema nie wirklich im Detail, sondern immer nur „am Rande“ beschäftigt. Angeregt durch den Black History Month werde ich das jetzt ändern, und Kendi ist da, trotz der angesprochenen Schwächen, sicher ein ausgezeichneter Ausgangspunkt.

    Gefällt 2 Personen

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Ich freue mich, dass die Empfehlung dich erreicht hat. Mir ging es genauso: Immer mal ein Schnipsel zu Sklaverei und Rassismus, irgendwie im Kopf, dass die US-Drogen-Politik auch in diesem Zusammenhang sehr problematisch ist, dann der Film „12 Years a Slave“. Kendi bringt alles chronologisch und, wie ich finde auch verständlich, zusammen. Die Kausalverläufe derart komprimiert und von allem Überflüssigen befreit vor Augen geführt zu bekommen, ist sehr ernüchternd und hat mich wütend gemacht.

      Ich wünsche dir viel Spaß und viele neue Erkenntnisse beim Lesen!

      Gefällt 1 Person

  2. franzischoenbach schreibt:

    Wow vielen Dank für diese ausführliche Besprechung! Ich lese sehr gerne solche Bücher, egal wie unbequem und schwierig sie sein mögen, weil ich mich sehr gerne weiterbilde und einfach wichtig finde, dass soclhe Themen nicht in Vergessenheit geraten und besser verstanden werden. Also daher vielen vielen Dank für diesen wundervollen Buchtipp, das wird auf jeden Fall bei mir einziehen! glg Franzi

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  3. Daniela schreibt:

    Hallo Jana,
    eine super ausführliche Besprechung eines Buches, das garantiert nicht Mainstream ist und doch ein wirklich wichtiges Buch zu sein scheint. Ich bin froh, dass es solche Bücher gibt, die den Geist erweitern.
    Ich hab über #litnetzwerk hergefunden.
    LG,
    Daniela, der Buchvogel

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Hallo Daniela,
      danke für deinen Kommentar. Ich freue mich auch immer sehr über diese Bücher, auch wenn ich beim Lesen eines Sachbuches fast nie das Gefühl habe, alle relevanten Daten und Fakten mitgenommen zu haben. Dazu ist wohl ein zweites oder drittes Lesen notwendig.
      Liebe Grüße
      Jana

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  4. Lieblingsleseplatz schreibt:

    Moin,

    ich bin über das #litnetzwerk auf deinen schönen Blog gestoßen – und ich muss sagen, es gefällt mir richtig gut hier! Folge Dir nun via wordpress…

    Eine tolle Rezension, Du hast mich neugierig gemacht!

    Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Sonntag und morgen einen guten Wochenstart!

    Herzliche Grüße von meinem Lieblingsleseplatz,
    Verena

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