[Leserunde] #Ecolesen: Der erste Eindruck

Beitrag Eins
Worin der erste Eindruck zum Roman im Allgemeinen festgehalten und besonderes Augenmerk auf den ersten Tag der Geschehnisse gelegt wird

Herzlich willkommen zur Eco-Leserunde! Passend zum Osterfest starten wir mit dem gemeinsamen Lesen. Die Vielzahl eurer Zusagen hat mich sehr gefreut. Einige haben „Der Name der Rose“ schon gelesen, einige lesen den Roman wie ich zum ersten Mal. Ich bin gespannt auf eure Eindrücke und würde mich über eine Diskussion in den Kommentaren freuen. Verlinkt dort gern auch eigene Beiträge zur Leserunde.

Logo_Leserunde_Eco_Name der Rose

Die Figuren

Ich habe das erste Kapitel, den Ersten Tag gerade ausgelesen und bin schon jetzt auf viel Bemerkenswertes gestoßen:
Erst einmal die Einleitung – Natürlich, eine alte Handschrift – fand ich grandios. Eine alte Handschrift, über deren Herkunft und Authentizität man grübeln kann, eine Übersetzung ist natürlich erforderlich, ein Stöbern in Bibliotheken und Archiven notwendig. Das war genau nach meinem Geschmack. Dieses Rätselraten und Spurenfolgen war in Elizabeth Kostovas „Der Historiker“ noch ausgeprägter und hat mich schon da vor Jahren begeistert. Könnt ihr ähnliche Bücher, in denen sich die Rätsel durch das Lesen und Forschen in Bibliotheken lüften, empfehlen?

Dann der Einstieg über die Erzählung des alten Adson: Der ist jetzt, nach den ersten hundert Seiten, ein Sympathieträger: Zum Zeitpunkt der Geschichte ein junger Novize (Wie alt schätzt ihr ihn? Ich bin mir da sehr unsicher und tippe so auf zwölf, dreizehn Jahre.), schreibt er als alter Mönch seine Erinnerungen nieder – nicht ohne eine nette Geschwätzigkeit. Sein Heimatkloster Melk (von dem ich durch die Lektüre zum ersten Mal überhaupt gehört habe), habe ich prompt in einer Reisereportage über die Donau wiedergesehen. Auch, wenn es zur Zeit Adsons wohl ganz anders ausgehen hat: Heutzutage strotzt es nur so von herrlichem Prunk und zeigt, wie viel Reichtum die einzelnen Orden anhäufen konnten – wenn sie es denn wollten.

Lehrmeister William erscheint mir dagegen zwar als aufgeklärter (oder gar aufklärerischer?) Gelehrter, aber bei mir hat sich der Eindruck festgesetzt, dass seine Intelligenz und sein Wille zur Vernunft mit einer gewissen Eitelkeit und hin und wieder einer selbstgerechten Art einhergehen. Welche Sympathien genießt William bei euch?

Wen ich bisher als durchweg unsympathische Figur erlebt habe, ist der alte Jorge von Borgas, mit dem William mehrere Gespräche über das Lachen führt. Hier könnte ich mir vorstellen, dass der Respekt vor dem Alter den einen oder anderen Mönch davon abhält, dem alten Rechthaber mal herzlich die Meinung zu sagen. Ich bin gespannt, welche Rolle die Figur noch spielen wird.

Kloster Melk

Heute ist das Heimatkloster des Novizen Adson von Melk ein prachtvolles Benediktinerkloster.©Pixabay

Heute ist das Heimatkloster des Novizen Adson von Melk ein prachtvolles Benediktinerkloster.©Pixabay

Duden und Lexikon als notwendige Begleitliteratur

Die vielen gelehrigen Abschweifungen Ecos haben meinen Ehrgeiz geweckt: unbekannte Kirchenorden, Konzile, historische Personen und oder einfach unbekannte Ausdrücke – ich habe mich mehr als einmal dabei ertappt, mich auf Wikipedia durch kirchengeschichtliche Artikel zu lesen und im Duden Wörter nachzuschlagen, die sich im kurzen Anhang mit Worterklärungen meiner Ausgabe nicht finden. Es ist ja überhaupt schon einmal bemerkenswert, dass ein Roman mit Anhang und dazu noch mit Worterklärungen daherkommt.

Dann die lateinischen Phrasen: Meiner Meinung nach fördert es den Charme des Romans ungemein, dass sie im Original übernommen wurden und unübersetzt blieben. Ich habe in der Schule Latein gelernt und es geliebt. Die Lektüre jetzt macht mir noch einmal die Bedeutung der Sprache vor knapp tausend Jahren deutlich – und auch, wie viel man in den lateinlosen Jahren wieder vergisst. Ich muss jedenfalls ständig im Anhang nachschauen, damit mir nichts entgeht.

Wie erlebt ihr das? Stört euch die ständige Bezugnahme auf heute weithin unbekannte Autoren, Werke und Begebenheiten? Schaut ihr jedes Mal nach, was Eco meint oder lest ihr eher großzügig darüber hinweg?

Die Abtei

Oh ja, die Abtei: Was für ein mystischer und schauriger Ort! Anhand der Beschreibung hatte ich allerdings Probleme, sie vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen und war froh, dass meiner Ausgabe ein Grundriss beigefügt war. Auch scheine ich mir den Gebäudekomplex noch als viel zu modern vorzustellen: Als es zu Beginn des zweiten Kapitels hieß, der Boden des Skriptoriums sei mit einem Strohteppich ausgelegt, war ich verblüfft, denn wie selbstverständlich hatte ich mit großen Steinplatten oder gar schon Holzdielen gerechnet. Auch muss die ganze Anlage insgesamt viel schmutziger gewesen sein, als ich sie mir vorstelle. Die Fehlvorstellungen sind vielleicht dadurch begründet, dass man Gebäude aus dem Beginn des zweiten Jahrtausends nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form besichtigen kann.

Die Abtei – oder vielmehr die allgegenwärtige Bibliothek – erscheint schon selbst wie ein Protagonist und Eco versteht es, die Spannung hier zu steigern: Ich bin sehr gespannt darauf, warum um die Einrichtung so ein großes Geheimnis gemacht wird.

Wie gefällt euch der Roman bisher? Erschreckt euch der Mord oder seid ihr das in der Zeit der skandinavischen Thriller schon lange gewohnt? Wie verteilen sich eure Sympathien und habt ihr auch hin und wieder (noch) Probleme, die einzelnen Mönche aufgrund ihrer heute ungewöhnlichen Namen auseinander zu halten? Begeistert euch Ecos gelehrter Erzählstil oder rollt ihr schon entnervt mit den Augen?

15 Gedanken zu “[Leserunde] #Ecolesen: Der erste Eindruck

  1. Lesen... in vollen Zügen schreibt:

    Oh, das finde ich ja ganz wunderbar, dir sozusagen in „Echtzeit“ beim Lesen über die Schulter schauen zu können.
    Als jemand, der das Buch in- und auswendig kennt musste ich an einer Stelle deines Berichts wissend in mich hineingrinsen und wenn du das Buch fertig hast und diesen Eintrag nochmal liest wird es dir ganz bestimmt genauso gehen.
    Viel Spaß noch und lass dich nicht von den längeren Passagen im Mittelteil abschrecken. 😉
    Liebe Grüße und frohe Ostern!

    Gefällt 3 Personen

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Dann bist du also ein großer Eco-Fan?
      Du hast so Recht; ich habe mittlerweile ein wenig weitergelesen und mich aber schnell dagegen entschieden, diesen ersten Beitrag mit meinem neuen Wissen abzuändern. Mittlerweile bin ich schon ein bisschen schlauer, aber die Abtei ist für mich immer noch ein Rätsel. 😉
      Dir auch schöne Ostertage!

      Gefällt 2 Personen

  2. Niamh O'Connor schreibt:

    Ich hab das mit „Beginn 1. April“ wörtlich genommen und gerade erst begonnen. Der erste Tag wird wohl noch einige Stunden in Anspruch nehmen, aber schon nach dem Prolog bekommt das Wort Lesevergnügen eine neue Dimension: Ich finde, man merkt, wie viel Spaß Eco beim Schreiben gehabt haben muss, ich habe dauernd das Gefühl, dass er uns Leser*innen zuzwinkert.
    Für die Übersetzungen aus dem Lateinischen bin ich sehr dankbar, es macht auch Spaß, zu überprüfen, was aus 6 Jahren Lateinunterricht hängengeblieben ist.
    Ich kenn zwar die Geschichte und ihren Ausgang in den Grundzügen, aber ich genieße jede Seite. Als ich das Buch zum ersten Mal las, gab es noch kein Internet und ich hatte nicht einmal ein Lexikon zur Hand; ich bin nicht sicher, ob ich jetzt googeln und damit sozusagen hinter die Kulissen schauen möchte. Aber ich denke, ich werde demnächst nach Stift Melk fahren, das ist nur eine Autostunde von Wien entfernt.
    Happy Easter!
    Niamh

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      ,,Zuzwinkern“ trifft es sehr gut; gerade bei der ausführlichen Schilderung verschiedener Ansichten (Frauen sind des Teufels, Wissen sollte nicht allen zugänglich sein, Lachen ist verboten), habe ich das Gefühl, dass Eco sich direkt an den heutigen Leser richtet.
      Oh, du wohnst so nah an Melk, wie schön! Ich habe es nur im Fernsehen gesehen und war schon da von all der Pracht beeindruckt. Wie kommst du mit dem Lesen voran?
      Viele Grüße!
      Jana

      Gefällt 1 Person

  3. Michael Kleu schreibt:

    „Könnt ihr ähnliche Bücher, in denen sich die Rätsel durch das Lesen und Forschen in Bibliotheken lüften, empfehlen?“

    Ich würde noch „Das Foucaultsche Pendel“ von Eco empfehlen, bei dem man sich allerdings nicht von den ersten beiden Kapiteln abschrecken lassen darf.

    Außerdem fällt noch „Der Club Dumas“ in die gesuchte Kategorie. Vielleicht hast Du mal „Die neun Pforten“ mit Johnny Depp gesehen. Der Film orientiert sich grob an diesem Buch, nimmt dann aber eine ganz andere Wendung als die Literaturvorlage.

    „Der Historiker“ kenne ich noch gar nicht. Brauche ich aber allem Anschein nach 😉

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