[Leserunde] #Ecolesen: „Ketzer“-Gruppen im Überblick

Beitrag 4
In welchem nicht der inhaltliche Fortgang der Geschichte geschildert, sondern eine Übersicht der namentlich bekannten sogenannten Ketzergruppierungen dargeboten wird.

In Umberto Ecos „Der Name der Rose“ tauchen immer wieder verschiedene Ketzergruppierungen auf. Ein Thema, das den jungen Novizen Adson fasziniert und das die älteren Mönche ihm nur schwer auseinanderzusetzen wissen. Einige Gruppen spielen im weiteren Verlauf eine größere Rolle; oft betreibt Eco nur Namedropping. Hier habe ich versucht, die wichtigsten Informationen zu den einzelnen im Teil „Dritter Tag – Nona“ genannten Gruppen zusammenzutragen. Vieles fand ich in der Online-Enzyklopädie, einiges auf anderen Webseiten. Weiterführende Informationen in den Kommentaren sind wie immer willkommen!

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Gruppierung Kurzinfo
Anhänger der Bewegung des Freien Geistes

„Die Brüder und Schwestern des freien Geistes waren eine pantheistisch-mystische Glaubensgruppe im Mittelalter. Sie stand den Amalrikanern nahe und wurde von Papst Clemens V. auf dem Konzil von Wien im Jahre 1311 als häretisch verdammt.
[…] Die Bewegung aber überlebte und ihre Anhänger radikalisierten sich. Zentrale katholische Glaubensvorstellungen wie die der Schöpfung und Erlösung wurden zurückgewiesen. Da alles Gott sei, könne es auch keine Sünde geben, jedwede Handlung sei erlaubt. […] Die Überzeugungen einiger Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft dürften dem Atheismus nahe gekommen sein.“
Quelle (wohl mit einiger Vorsicht zu genießen, jedoch eine der wenigen Internetquellen zu der Bewegung)

Apostoliker, auch: Apostler, Apostelbrüder, Apotaktiker, Dolcinellen

„Apostoliker, auch Apostelbrüder oder Angehörige des Apostelordens genannt, bezeichnet die Anhänger verschiedener Sekten, die im Gegensatz zur Verweltlichung der Kirche Rückkehr zu apostolischer Einfachheit forderten.
Die im 3. und 4. Jahrhundert in Kleinasien auftretenden Apostoliker (auch Apotaktiken genannt) hielten Besitz und Ehe für unvereinbar mit der Erlösung, ihre Bewegung wurde jedoch bald unterdrückt. Im 12. Jahrhundert bezeichnete sich ein Teil der Katharer am Niederrhein als Apostoliker.
In erster Linie bezeichnet der Name aber die Anhänger einer im 13. Jahrhundert in Oberitalien entstandenen antikirchlichen Partei, die dort später von der Inquisition verfolgt wurde. Ihr Stifter war Gerardo Segarelli, ein Händler aus Parma, der seinen Gütern entsagte und ab 1260 wie die Apostel gekleidet, bettelnd und Buße predigend das Land durchzog. […]

Zum Nachfolger Segarellis als Führer der Apostoliker erklärte sich Fra Dolcino, der in prophetischen Sendschreiben den Untergang des Papsttums und das Erscheinen eines endzeitlichen Kaisers zu beschwören begann. Nachdem Dolcino und seine Anhänger sich der Verfolgung durch die Inquisition zunächst als Wanderprediger im Untergrund entzogen hatten, gingen sie ab 1304 zu offenem militärischem Widerstand über. Sie verschanzten sich auf einem Berg namens ,Parete Calva‘ und begannen in den umliegenden Diözesen Novara und Vercelli einen Guerillakrieg gegen das gegen sie aufgebotene Militär, wobei sie ihren Unterhalt durch Raubzüge und Brandschatzungen in der Umgebung sicherten.

Schließlich gelang es dem Bischof von Vercelli, die Dolcinellen auf ihrem Berg einzuschließen, auszuhungern und gefangen zu nehmen. Dolcino wurde zusammen mit seiner Gefährtin und „spirituellen Schwester“ Margareta sowie 150 seiner Anhänger am 1. Juni 1307 auf dem Scheiterhaufen verbrannt, was im Wesentlichen das Ende der Bewegung bedeutete, obwohl es in den folgenden Jahrzehnten einige Male in Norditalien, Spanien und Frankreich zum kurzen Aufflammen kam.“
Quelle

Arnoldisten

Wohl nach dem italienischen Prediger Arnold von Brescia (*um 1090 in Brescia; † 1155). Vertrat die Auffassung, auch der Säkularklerus (d.h. die nicht in Orden inkarnierten Geistlichen) solle nach Vorbild der Mönche Besitzlosigkeit und Ehelosigkeit üben und auf jede politische Macht verzichten. Arnold war einer der Führer der Römischen Kommune und wurde 1155 im Verlauf des Romzugs Friedrich Barbarossas hingerichtet. Der Begriff „Arnoldisten“ ist nicht eindeutig und könnte auch die Anhänger des Arztes und Laienpriesters Arnaldus de Villanova bezeichnen.
Quelle

Begharden, fem. Beginen;

Auch: Lollarden

„Als Beginen (auch Begutten) und Begarden wurden ab dem 12. Jahrhundert in den Niederlanden und dem 13. Jahrhundert in Deutschland, Frankreich, Oberitalien und der Schweiz die Angehörigen einer christlichen Gemeinschaft genannt, die keine Ordensgelübde ablegten und nicht in Klausur lebten. Beginen (weibliche Mitglieder) und Begarden (männliche Mitglieder, auch Lollarden oder Lollharden genannt) führten ein religiöses, eheloses Leben in Gemeinschaft, in sogenannten Beginenhöfen oder -häusern. […]

Beginen und Begarden legten ein Gelübde auf Zeit ab, das in der Regel jährlich erneuert wurde. Beginen und Begarden war es gestattet, wieder aus der Gemeinschaft auszuscheiden, zu heiraten und sich ein bürgerliches Leben aufzubauen. Ihr Vermögen mussten sie in diesem Fall zurücklassen. Aus diesem Grunde lebten in der Blütezeit der Bewegung vorwiegend ältere Frauen in den Beginenhäusern. Manche Ordnungen schrieben vor, dass eine unverheiratete Frau nicht vor dem 40. Lebensjahr Begine werden könne. […]

,Absolute Armut und antiklerikale Opposition waren die Grundlagen, die sich bei allen häretischen Begardengemeinschaften finden, über die wir Quellen besitzen.‘“
Quelle

Fratizellen

Mit Fratizellen (it.: Fraticelli = Kleine Brüder oder „Brüderchen“) bezeichnete man Franziskaner, die sich im 13./14. Jahrhundert als „geistlich Gesinnte“ (Spiritualen) vom franziskanischen Hauptzweig abgesetzt hatten und eigene Untergruppen (Spirituale) bildeten. […]
Die Spiritualen und Fratizellen übten starke Kritik an der „fleischlich gesinnten“ Klerikerkirche unter Papst Johannes XXII. (1316–1334), der wie seine Vorgänger dem Nepotismus anhing und eine verhängnisvolle Finanzpolitik betrieb. Im politischen Kampf gegen den Papst fand Ludwig der Bayer Unterstützung bei den Franziskanern Michael von Cesena und Wilhelm von Ockham. Die Fratizellen griffen ebenfalls in den entflammten Armutsstreit ein.“ Quelle

Humiliaten

„Die Humiliaten (lateinisch humilis ‚niedrig, demütig‘) waren Anhänger einer mittelalterlichen christlichen Armuts- und Bußbewegung in Norditalien. Ursprünglich als Gemeinschaft von Laien gegründet, stieg diese ab 1201 in den Rang eines Ordens auf.[…]
Die Humiliaten lebten von gemeinschaftlicher Arbeit in Handwerksgenossenschaften. Zweck ihrer Vereinigung war das Führen eines ihrem Verständnis nach gottgerechten einfachen und demütigen Lebens in der Nachfolge Christi. Die Richtschnur dafür bildeten die Evangelien der Bibel. Sie hielten als Laien Predigten ab und widmeten sich der Bekämpfung von Häretikern. Ihre Mitglieder durften heiraten, lehnten es jedoch ab, Eide zu schwören.
Zum Konflikt mit der katholischen Kirche kam es insbesondere wegen der Ausübung der Laienpredigt, die nur Klerikern gestattet war. […]
Die weiblichen Humiliaten, die nach ihrer Stifterin, der Mailänderin Clara Blassoni auch Blassonische Nonnen genannt werden, existieren in Italien bis heute.“ Quelle

Joachimiten

„Joachimiten sind die Anhänger der Prophetie des Joachim von Fiore (†1201), der für 1260 den Anbruch des ‚Zeitalters des Geistes‘ verkündet hatte. Es sollte auf das Zeitalter des Vaters und des Sohnes folgen und die verweltlichte Kirche in urchristliche Zustände zurückversetzen. Den Joachimiten galt anfänglich der staufische Kaiser Friedrich II., später der Papst als Antichrist. Der Joachimismus wurde von der schroffen Richtung der Franziskaner übernommen, die sich 1230 vom Hauptstamm abgespalten hatte, um das ursprüngliche Armutsideal wieder zu verwirklichen und dadurch in offenen Widerspruch zur Kurie geriet. Im 13. und 14. Jahrhundert wurden Joachimiten in Italien von der Inquisition verfolgt.“ Quelle

Was genau man sich unter einer  „schroffen Richtung der Franziskaner“ vorstellen muss, wird mir nicht ganz klar. Vielleicht eine besonders auf Armut bedachte Richtung.

Katharer, auch: Albigenser

„Katharer – ihr Name kommt vom griechischen „ktharos“, rein – ist die Bezeichnung für die weit verbreitete religiöse Bewegung des Mittelalters. Katharer zeichneten sich durch das Einhalten strenger Askese aus. Sie vertraten eine vom Manichäismus beeinflusste dualistische Theologie, der zufolge das Universum aus einer von Gott geschaffenen spirituellen und der vom Satan beherrschten materiellen Welt. […]
In Italien nahm die Zahl ihrer Anhänger im 11. und 12. Jahrhundert zu. […] Ihre stärkste Gefolgschaft versammelten die Katharer in Südfrankreich, wo sie Albigenser hießen.
Der Rückgang der Bewegung erklärt sich jedoch nicht nur durch die Verfolgung der katholischen Kirche, sondern auch durch die Verbreitung der Bettelorden, insbesondere der Franziskaner.“
Quelle

Lombarden

Unklar, welche Gruppierung Eco hier neben der Bevölkerung der Lombardei meinen könnte. Mglw. handelt es sich um die Lombardischen Pauperes, s. u.

Lombardische Pauperes, auch: Katholische Armen der Lombardei

Mglw. meint Eco hiermit eine in der Lombardei einberufene Versammlung der Waldenser, die der internationalen Kooperation diente. Quelle

Luziferianer

„Der in Deutschland wirkende Inquisitor Konrad von Marburg († 1233) glaubte an die Existenz einer eigenen Sekte von Luziferianern [Teufelsanbetern]. 1233 beschrieb Papst Gregor IX. diese angebliche Häresie in seinem Brief Vox in Rama. Dass eine solche Häresie außerhalb kirchlicher Klischees und Propaganda je im Mittelalter existiert habe, wird von der Wissenschaft weitgehend abgelehnt.“ Quelle

Patarener

„Die Pataria war eine ekstatische religiöse Bewegung im 11. Jahrhundert in Oberitalien. […] Die Bewegung, die Mitte des 11. Jahrhunderts in Mailand entstanden war und spätestens seit 1075 als Pataria bezeichnet wurde, breitete sich vom Zentrum Mailands bis nach Cremona, Piacenza und Brescia aus und besaß auch Verbindungen nach Florenz. Der Name Patarener wurde in späterer Zeit pauschal und ohne historische Kontinuität für die Katharer weiterverwendet. […]
Seit ungefähr 1055 lässt sich Ariald, der Begründer der Pataria, nachweisen. Sein erstes Auftreten entsprach den Reformbestrebungen der Mitte des 11. Jahrhunderts. Er predigte teilweise unter dem Einfluss römischer Reformideen eine radikale Säuberung des Mailänder Weltklerus, dem vor allem die Sünde der Simonie [Käuflichkeit kirchlicher Ämter] vorgehalten wurde.“ Quelle

Spiritualen siehe Fratizellen
Waldenser

„Die Waldenser sind eine protestantische Kirche mit Verbreitung in Italien, Süddeutschland (Ötisheim) und Südamerika. Ursprünglich als Gemeinschaft religiöser Laien Ende des 12. Jahrhunderts durch den Lyoner Kaufmann Petrus Valdes in Südfrankreich gegründet, wurden die Waldenser während des Mittelalters von der katholischen Kirche ausgeschlossen und als Häretiker durch die Inquisition verfolgt. Trotz der Zwangsmaßnahmen breiteten sich ihre Glaubensvorstellungen rasch in Europa aus und beeinflussten später auch in die evangelischen Kirchen der Reformationszeit.[…]
Ab den 1230/1240er Jahren begann die Verfolgung durch die Inquisition. Diese Verfolgungen waren meist regional und für kürzere Zeiträume organisiert. Aber auch außerhalb der inquisitorischen Nachstellungen wurden Waldenser von lokalen Machthabern verfolgt. Bis in die Neuzeit kam es immer wieder zu zahlreichen Versuchen, das Waldensertum auch physisch auszurotten, insbesondere in Italien, Savoyen, Frankreich, Deutschland, Österreich und Böhmen. […]
Zusammenfassend lassen sich die frühen Waldenser in religiöser Auffassung und Lebensart in folgender Weise kennzeichnen:

  • hohe Bedeutung des persönlichen Bibelstudiums
  • hohe Bedeutung der Beichte
  • Verbreitung des Evangeliums durch Laienprediger (Predigt)
  • Leben in freiwilliger Armut bzw. persönlicher Besitzlosigkeit  (Vita apostolica)
  • Ablehnung der Heiligenverehrung
  • Ablehnung des Fegefeuers
  • Ablehnung des Ablasses
  • Ablehnung des Eides
  • Ablehnung aller Kirchensatzungen
  • Ablehnung der weltlichen Gerichtsbarkeit, insbesondere der Todesstrafe
  • Ablehnung der dualistischen Lehre der Katharer

Am 22. Juni 2015 bat Papst Franziskus die Waldenser für die erlittenen Verfolgungen um Verzeihung.“ Quelle

Wilhelmiten

Der Orden der Wilhelmiten („Orden der Eremitenbrüder des hl. Wilhelm“), selten auch Wilhelmiter oder Guglielmiten, war ein Mönchsorden, der vor allem in Italien, Frankreich, Deutschland, Österreich, in der Schweiz und in den Niederlanden vertreten war. […]
Mitte des 13. Jahrhunderts wurden mehrere Eremitenorden zu dem Bettelorden der Augustiner-Eremiten zusammengefasst. Der Wilhelmiterorden wurde 1256 aufgelöst und seine Angehörigen in die Augustiner-Eremiten integriert. Nach erheblichen Interventionen seitens der Wilhelmiten löste der übernächste Papst, Clemens IV., im Jahr 1266 diese wieder aus dem Orden der Augustiner-Eremiten heraus und stellte so den Wilhelmitenorden wieder her[…] Die Wilhelmiten bestanden bis ins 18. Jahrhundert. Quelle

*Die Zitate werden teilweise gekürzt wiedergegeben, Hervorhebungen erfolgten durch mich.

Wer ganz tief einsteigen möchte, findet hier eine ausführliche Literaturliste zu Ketzerbewegungen im Mittelalter.

 

 

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