Christian Dittloff: Das weiße Schloss (2018)

In einer nicht allzu fernen Zukunft können wohlhabende Paare im „Weißen Schloss“ Kinder bestellen, austragen und von einer Leihmutter erziehen lassen. Alles im Dienste individueller Freiheit; die betreffenden Paare wollen sich ja nicht einschränken, ein monatlicher Besuch beim Kind muss genügen. Christian Dittloff schreibt zu einer Frage, die wohl viele Menschen in ihren Zwanzigern und Dreißigern und darüber hinaus umtreibt: Wie lassen sich Selbstverwirklichung und Familie miteinander vereinbaren?

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In seiner Geschichte um das Paar Ada und Yves verweist Dittloff durchgehend auf Aspekte, die die derzeitige Diskussion prägen: Leihmutterschaft, Einwanderungskontrolle und Selbstverwirklichung bis hin zum Kind als Lifestyleobjekt, welches das bisherige Leben möglichst nicht antasten soll. Offene Beziehungen, hippe Großstadtyuppies und noble Villenvororte geben dem Ganzen den Anstrich eines möglichen zukünftigen Berlins.

Und doch bleibt das Geschehen für mich seltsam farblos. Bis zum Ende wurde für mich nicht deutlich, warum sich die Protagonistin eigentlich ein Kind wünscht. Weil sie den gesellschaftlichen Erwartungen an eine Frau in ihren Dreißigern entsprechen will? Von solchen Erwartungen scheint sie sich aber an anderen Stellen auch völlig frei machen zu können. Oder will Dittloff hier den Anachronismus gesellschaftlicher Ansprüche an den Einzelnen aufzeigen? Ich verbleibe ratlos.

Als nachvollziehbarer erscheint da schon die Entscheidung, das Kind im exquisiten Gebärhaus „Weißes Schloss“ auf die Welt kommen zu lassen. Aber auch hier geizt der Autor mit Details. Eine entfernte Erinnerung an Kazuo Ishiguros „Alles was wir geben mussten“ flammt auf, die Geschichte wird jedoch als ungleich detailreicher und tiefer ausgearbeitet zur Seite geschoben.
Als seltsam überspannt empfand ich die Sexszenen in etlichen denkbaren Konstellationen und hatte dabei stets  das Gefühl, dass sich das Paar eigentlich gar nicht richtig kennt und jeder für den anderen – und für sich selbst? Für wen eigentlich? – den Schein der absoluten Unabhängigkeit wahrt. Dazu kam das ernüchternde Gefühl, dass auch eine Vielzahl und Exklusivität von Entscheidungsmöglichkeiten den einzelnen nicht glücklicher macht.

Ob Dittloff genau das ausdrücken wollte, ist schwer zu sagen. Die Geschichte wirkt für mich skizzenhaft, die Figuren haben zu wenig Tiefe und eine Grundaussage wird für mich, obwohl sie in dem Szenario offensichtlich angelegt ist, nicht deutlich. Die Geschichte ist auf Provokation angelegt, das ja. Aber woran genau man sich hier stoßen soll, dem Einwanderungssystem, der Ansicht, Kinder seinen Störfaktoren des eigenen hippen Lifestyles oder an dem kommerzialisierten „Bestellen“ des eigenen Nachwuchses, bleibt für mich bis zum Schluss unklar. Trotz einer interessant angelegten Dystopie wollte der Funke bei mir nicht überspringen.

Christian Dittloff, Das weiße Schloss, Berlin Verlag 2018, 304 S., 22€.


Weitere Besprechungen:
Renies Lesetagebuch
Angelika liest
MsCaulfield
und ein Interview mit dem Autor bei Exlibris

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Hasel, Verena Friederike: Lasse
Ishiguro, Kazuo: Alles, was wir geben mussten

3 Gedanken zu “Christian Dittloff: Das weiße Schloss (2018)

  1. Lesen... in vollen Zügen schreibt:

    Na, du bist ja lustig… Erst „Befreit“ und jetzt „Das weiße Schloß“? Das lese ich nämlich auch gerade?
    Haben wir zufällig den gleichen Bücherstapel daheim liegen? 😉
    Ich bin erst auf Seite 100, mal sehen wie es mir mit dem Buch geht.
    Die Intention der Zeugung liegt für mich auch ziemlich im Dunklen.

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Ich sehe schon, wir haben einen ähnlichen Geschmack. Die beiden Bücher habe ich schon vor ein paar Wochen gelesen, doch hatte erst jetzt Zeit, sie zu besprechen.
      Dann bin ich gespannt, wie es dir gefällt und was als nächstes auf unserem Bücherstapel liegt. 😉

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      • Lesen... in vollen Zügen schreibt:

        Ich bin mittlerweile fertig und je näher ich den Ende kam, desto öfter habe ich „Waaaruuuuum?“ in die Seiten gebrüllt!
        Warum will ich ein Kind, wenn ich Kinder nicht leiden kann, nicht sehen will, mir über mindestens 200 Seiten versichere, wie toll es ist keine Kinder zu haben und wie scheiße das Leben mit ihnen wäre?!?
        Sorry, das hat mich wahnsinnig gemacht! Ich muss aufpassen, daß ich nicht „all caps“ gehe…. 😉
        Gab es eigentlich in dem ganzen Buch ein vernünftiges Argument für Kinder?!?

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