Meine literarische Nemesis

 

Nemesis

Ich brauche dieses Wort im Plural. Denn es gibt gleich drei Bücher, die ich als meine persönliche „literarische Nemesis“ bezeichnen kann (Übertreibung als Stilmittel). Während ich andere Bücher „weggeatmet“ habe, sind es diese drei Bücher, die sich bisher nicht bezwingen ließen – und damit vielleicht so etwas wie „ausgleichende Gerechtigkeit“ für all die, deren tiefere Bedeutung mir aufgrund des Schnelllesens vielleicht entgangen ist.

Bei zweien meiner drei Bücher bin ich bis zur Hälfte vorgedrungen, bei einem habe ich es nicht einmal bis dahin geschafft. Und der Ulysses, der brandneu und noch unaufgeschlagen im Regal steht, ist noch gar nicht dabei. Vielleicht hat jeder mindestens ein solches Buch: Ein Werk, das man unbedingt lesen will, das man aber aus irgendwelchen wichtigen oder weniger wichtigen Gründen abgebrochen hat und das seitdem halb ausgelesen herumsteht. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Bei mir können die Gründe fürs Abbrechen nicht so wichtig gewesen sein, denn ich erinnere mich nicht an sie. Irgendwann wanderte das Buch mitsamt des noch herausragenden Lesezeichens zurück ins Regal. Wo es seitdem steht und guckt. An schlechten Tagen anklagender als an anderen. Vielleicht ärgern sie sich auch nur über den Staub, den sie langsam ansetzen.

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Platz 1 der Nemesis-Liste: Thomas Mann – Der Zauberberg

Hans Castorp und ich gingen den Weg ins Sanatorium gleich zweimal zusammen. In der Mitte des Buches ließ ich ihn dann allein zurück und stelle mir jetzt manchmal vor, wie er in seinem Liegestuhl liegt und unter seiner Wolldecke hervor in die Berge schaut. Ohne mich allerdings. Aber irgendwann möchte ich den Zauberberg erklimmen, der Literaturschlüssel dazu steht nämlich schon ebenso lange im Regal wie das Buch selbst. Zehn Jahre müssen es mittlerweile sein.

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Platz 2: David Foster Wallace – Unendlicher Spaß

Dieses Buch habe ich mir ironischer weise als Belohnung nach einer bestandenen Zwischenprüfung gekauft. Es sah zu gut aus da auf diesem Büchertisch. Die Kraft, es gleich zu lesen, konnte ich damals nicht aufbringen. Und kann es bis heute nicht. Nach ein paar wenigen Seiten warf ich das Handtuch und habe seitdem wohl mehr über dieses Buch und den Autor gelesen als im Werk selbst. Dafür feiere ich mit jeder Bloggerin, die dieses Monstrum bezwingt (und noch Spaß dabei hat).

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Platz 3: Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten

Die 1400 Seiten umfassende spannende und gleichermaßen verstörende fiktive Biografie eines homosexuellen SS-Offiziers tat schon beim Lesen weh. Die Schilderung von Massenerschießungen und anderen Grausamkeiten verlangt dem Leser einiges ab; gepaart mit einem Protagonisten, dessen Verhalten mir als stellenweise skurril in Erinnerung geblieben ist, ist Die Wohlgesinnten bestimmt keine gemütliche Feierabendlektüre. Nichtsdestotrotz lesenswert, denn man lernt so unglaublich viel über den Komplex Drittes Reich/Holocaust, dass man nach dem Lesen schlauer zurückbleibt. Oder halb-schlau wie ich, denn aus unerfindlichen Gründen habe ich genau auf der Hälfte der Strecke abgebrochen. Das Lesezeichen ragt seitdem mahnend genau aus der Hälfte des Buches hervor. Eigentlich könnte ich es genauso herausnehmen, denn ich habe das Buch vor vier Jahren begonnen und müsste sowieso von vorn anfangen.

Striche klein

Kommt euch das Beschriebene bekannt vor; habt ihr auch eine persönliche „literarische Nemesis“? (Der Titel kommt mir mittlerweile selbst übertrieben vor; nachdem ich die Bücher gelesen habe, wird er ja auch nicht mehr zutreffend sein.) Habt ihr euch vielleicht sogar auch an einem der Bücher von oben die Zähne ausgebissen? Oder sie souverän durchgelesen? Ich bin gespannt!

Ein Jahr Leseliste: Die Bilanz

Im Schweiße meines Angesichts habe ich damals meine 150-Bücher-Leseliste zusammen geschrieben. Seitdem ist ein Jahr vergangen und ich habe zwei Dinge bemerkt. Erstens, trotz aller Sorgfalt habe ich ein paar Bücher vergessen, die unbedingt noch drauf gehören:

Leseliste - fehlende Bücher

Aber der Zug ist abgefahren. Die 150er Liste steht felsenfest und obige Bücher packe ich vielleicht auf eine neue Liste oder schiebe sie zwischendurch (dann allerdings ohne das befriedigende Erlebnis des Abhakens) ein.

Zweitens: Es läuft super mit der Liste! 18 Werke haben im letzten Jahr einen Haken bekommen und das, obwohl viel anderes zwischendurch und drum herum gelesen wurde. Ein Blick auf die Liste macht die Buchauswahl leicht und spornt dazu an, Klassiker in die Hand zu nehmen. Von vielen Werken war ich begeistert, von einigen wenigen enttäuscht.

Striche klein

Die Highlights

Die Erwählten von Chaim Potok habe ich erwählt, weil mich der Hintergrund des Autors fasziniert hat: Selbst jüdisch-orthodox erzogen und zum Rabbi ausgebildet, war seine Familie von seinen schriftstellerischen Ambitionen gar nicht angetan. Nachdem Deborah Feldman mit Unorthodox mein Interesse für die chassidische Gemeinschaft in New York geweckt hatte, wollte ich einmal einen anderen (männlichen, positiven) Blick darauf werfen. Potok ist nicht unkritisch, nähert sich dem Thema aber sehr viel wohlwollender als Feldman und schafft es außerdem, den Zauber der Gelehrsamkeit und Bibliotheken aufleben zu lassen. Frauen kamen in diesem Buch leider mehr als kurz, aber davon abgesehen ist Die Erwählten eine wunderschöne Erzählung über die sehr ungewöhnliche Freundschaft zweier Jungen im New York der 40er und 50er Jahre. Der Folgeband Das Versprechen steht auf meiner Wunschliste.

Der Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész geht mit seinen kindlich-naiven Schilderungen der Schrecken des Holocausts unter die Haut. Gerade diese Erzählweise ist es, die das Buch von vielen anderen Erzählungen zum Thema abhebt und die bestimmt dazu beigetragen hat, Kertész zum Nobelpreisträger zu machen. Unbedingt lesen!

Wie ich merke, sind meine Highlights sehr vom Thema Judentum geprägt. Jud Süß von Lion Feuchtwanger hat mich nach einem schwierigen Einstieg mit seiner großartigen Sprache und seinen ambivalent-menschlichen Figuren beeindruckt. Er lässt das historische Württemberg vor dem Auge des Lesers auferstehen und auch, wer sich wie ich normalerweise nicht für historische Romane begeistern kann, findet Gefallen an den politischen Intrigen und Hinterzimmer-Machenschaften, die Feuchtwanger hier so glaubwürdig konstruiert. Religiöse Konflikte sind dabei allgegenwärtig und der Autor beweist seine herausragende Bildung immer wieder durch das Einstreuen von kleinen Details. Ich bin gespannt auf seine Jüdin von Toledo.

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Mein zuletzt beendetes Buch gehört definitiv zu den bisherigen Highlights der Leseliste: Madame Bovary von Gustave Flaubert. An alle, die in der Schule mit Effi Briest „gequält“ wurden – wenn ihr es noch mal, diesmal auf eigene Faust und besser, versuchen wollt mit jener Epoche, schnappt euch dieses Buch! Es lässt sich trotz seines Alters wunderbar lesen und Flauberts leise Ironie und sein scharfer Blick für die Fehler der Menschen machen es zu einem unterhaltsamen (und nicht gerade braven) Leseerlebnis. Madame Bovary verschwindet nicht mit ihren Geliebten „in den Dünen“ und überlässt den Rest der Fantasie des Lesers – so viel sei gesagt. Der Autor saß für diese Geschichte im Kittchen, also gebt Effis literarischem Vorbild eine Chance.

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Die Enttäuschungen

Enttäuscht war ich von Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena. Insgesamt zu albern, die Protagonisten, die demnächst über Wohl und Wehe ihres Königreiches entscheiden unreif, das Eintreten für einen geeinten deutschen Nationalstaat bestimmt zur damaligen Zeit berechtigt, aus heutiger Sicht aber ziemlich direkt, fast plump. Ich werde es zu gegebener Zeit noch einmal mit etwas Ernsterem von Büchner versuchen; mit seinem Lustspiel konnte er mich nicht überzeugen.

Auch von Frühlings Erwachen von Frank Wedekind hatte ich mir mehr versprochen. Überrascht war ich von der Offenheit, mit der entgegen aller wilhelminischen Zurückhaltung Sex thematisiert wurde. Genervt haben mich die ewig langen Monologe und das, was ich zunächst als positiv registriert hatte: Es wurde eben nur Sex thematisiert. Gewalt zu Hause und in der Schule, die konservativ vorgezeichneten Wege der Geschlechter, Obrigkeitshörigkeit: Andere Themen haben sich angeboten, wurden aber nicht aufgegriffen oder höchstens gestreift. Kann man lesen – oder sich die Verfilmung von Nuran David Çalış ansehen.

Striche klein

Der Ausblick

Damit geht’s auf ins nächste Jahr mit der Leseliste und ich hoffe, ich kann die 18 Bücher im ersten Jahr toppen, denn ein ganzes Jahrzehnt sollte das Lesen eigentlich nicht dauern. Aber selbst wenn – der Weg ist ja bekanntlich das Ziel.

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#Bubla17: Buchblog-Award 2017

BuchblogAward_Logo_CMYK.pngLiebe Leserinnen und Leser,

wenn euch die Beiträge hier gefallen, nehmt euch doch eine Sekunde Zeit und stimmt für das Wissenstagebuch beim ersten Buchblog-Award ab. Die Blogs mit den meisten Publikumsstimmen kommen auf eine Shortlist und werden von einer Jury bewertet. Das würde ich natürlich gern erleben, deshalb freue ich mich über jede Stimme. Vielen Dank!

 

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10 Fragen zu Büchern – Stoff zum Nachdenken

Birgit von Sätze und Schätze hat schon vor einer Ewigkeit (2015) zehn Fragen zu Büchern gestellt, auf die sich Buchbloggerinnen und -blogger nur so gestürzt haben. An mir ist diese interessante Welle persönlicher Eindrücke damals vorbeigeschwappt und ich bin erst durch Xeniana von Familienbande darauf aufmerksam geworden als sie begonnen hat, jeder Frage einen eigenen Beitrag zu widmen. Über die Fragen musste ich manchmal ganz schon nachgrübeln, aber jetzt bin ich mit meinen Antworten zufrieden – und froh, dass immer nur nach einem einzigen Buch gefragt wurde.

10 Fragen zu Büchern

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Wer schreibt hier und warum?

Seit Begründung des Wissenstagebuchs im Jahr 2010 habe ich meine „Über mich“-Beschreibung kaum verändert. Die Beiträge sollen für sich stehen, habe ich damals gedacht und tatsächlich denke ich auch heute noch so. Nachdem ich mich aber immer wieder selbst dabei ertappe, bei anderen zuallererst die Selbstbeschreibung zu lesen, erscheint mir eine Überarbeitung meiner eigenen hier nunmehr einmal wirklich notwendig. Außerdem hat das Wissenstagebuch vor kurzem die 150-Follower-Marke geknackt! Das freut mich riesig, vielen Dank an alle, die hier regelmäßig mitlesen, kommentieren und kritisieren!

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Ursprünglich als Raum zum reinen Horten von Wissen gestartet, hat sich das (der?!) Blog „Wissenstagebuch“ immer mehr auf lesenswerte Bücher zur persönlichen Wissenserweiterung konzentriert. Weil auch die Autorin von Wissen nicht genug bekommen kann, hat sie ein Zweitstudium aufgenommen und widmet sich nach vormals breit angelegten Inhalten neben der Arbeit jetzt der Juristerei mit all ihren Schönheiten und Schrecken. Weil die Autorin aber auch gern einmal etwas anderes als Gesetzestexte liest, geht es hier um andere Themen, insbesondere Klassiker der Weltliteratur, Geschichte, Kultur, Religion und die Literaturregionen Mittel- und Osteuropas, wie sie in Romanen und Sachbüchern aufbereitet werden. In heißen Klausurphasen wird der Wissensdurst gezwungenermaßen anderweitig gestillt. In dieser Zeit finden sich im Wissenstagebuch vermehrt Besprechungen zu Jugendbüchern oder aktuellen Bestsellern.

Die Autorin kann als angehende Juristin von Listen und Rankings so ganz doch nicht lassen und hat sich daher eine persönliche Leseliste erstellt und 150 Klassiker der Weltliteratur herausgesucht, die sie – am besten mit einem ihrer beiden Kater in Kraulreichweite – in der nächsten Zeit lesen möchte. Messbarer Fortschritt macht gleich mehr Spaß.

Ansonsten fühlt sich die Mittzwanzigerin in der meist unaufgeregten Buchbloggerszene und auch im wahren Leben auf Buchmessen sehr wohl und findet im Lesen und Schreiben einen Ausgleich zum überbordenden Stadtleben Berlins. An Hörbücher hat sie sich noch nicht so richtig herangewagt, ab und zu beim Joggen versucht sie es mal. Das sollte sie auch öfter tun – also das Joggen – denn sie kocht, backt und isst gern und lässt sich hier auch von Blogs inspirieren.

Über anregende Kommentare oder Gastbeiträge zu Themen, von denen ich bislang keinen Schimmer habe, freue ich mich sehr und hoffe auf regen Austausch!

Herzlich,
Jana

Enid Blyton zum 120. Geburtstag: Entzauberung einer Kindheitsheldin

Einer der Vorteile davon, viele ältere Cousinen zu haben ist es, dass die große Kiste mit Kinder- und Jugendbüchern bereitsteht, sobald man lesen gelernt hat. Meine absoluten Lieblinge damals waren neben diversen Pferdebüchern natürlich die Reihen von Enid Blyton (1898–1968). Lissy, Dolly, Hanni und Nanni und besonders die Fünf Freunde habe ich derart verschlungen, dass meine Eltern froh gewesen sein müssen, dass der Nachschub dank besagter Kiste auf die nächste Zeit gesichert war. Viele von Enid Blytons Figuren waren mir vertrauter als meine Grundschulfreunde. Im Wald habe ich nach Heidekraut Ausschau gehalten, um wie die Fünf Freunde notfalls ein Zelt dort aufzuschlagen; das Internat war dank Dolly, Hanni und Nanni ein Sehnsuchtsort.

Spätestens nach dem elften, zwölften Lebensjahr verschwanden die Bücher allerdings wieder im Karton und gerieten auf einige Jahre in Vergessenheit. Als Teenagerin stieß ich einmal darauf, dass trotz der burschikosen George  (nach deren Vorbild ich mir ebenfalls die Haare abschneiden ließ) die Rollenbilder bei Blyton doch sehr traditionell waren. Eigentlich hatte immer Julius das Sagen, Anne kümmerte sich ums Essen. Und gab es eigentlich auch männliche Handarbeitslehrer an den Internaten? Warum waren „die Zigeuner“ eigentlich immer kriminell? Doch beim Lesen als Kind waren Ort und Zeit der Geschichten unwichtig, man merkte ihnen ihr Alter auch kaum an. Dass das gerade bei den deutschen Ausgaben wohl bewusst so gehalten war, um die Bücher zeitlos zu machen, las ich vor kurzem. Es hat ja funktioniert. Auch, dass die Reihen von Ghostwritern fortgeführt wurden. Es störte mich nicht besonders.

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In eigener Sache: Enid Blyton-Beitrag

Liebe Leserinnen und Leser,
beim Verfassen meines geplanten Beitrages zur bekannten Kinderbuchautorin habe ich den Text versehentlich kurz veröffentlicht. Ich habe ihn dann gleich wieder offline genommen, leider war da bereits schon ein Newsletter mit dem Beitrag verschickt worden. Der dort angegebene Link funktioniert nicht. Der Beitrag erscheint pünktlich zu Enid Blytons 120. Geburtstag am 11. August. Bitte entschuldigt die Unannehmlichkeiten!

Herzlich,
Jana

Sub am Samstag #7 – Fette Beute

Ich glaube, in der Modeblogger-Welt nennt man das, was ich heute gemacht habe, „Haul“. Nur, dass der Beutezug nicht bei einer Drogeriekette oder einem Modekaufhaus stattfand, sondern im heiß geliebten Antiquariat des Café Tasso am Frankfurter Tor in Berlin. Weil man hier auch ein Herz für Klassiker hat, bin ich gleich mit dem größten Leinenbeutel losgezogen, den mein nicht-Hipster-Haushalt hergab. Zum Glück, denn die Reise hat sich mehr als gelohnt! Besonders freue ich mich, endlich endlich Miguel Angel Asturias Roman „Die Maismänner“ (auch unter dem Titel „Die Maismenschen“ erschienen) gefunden zu haben – nach diesem meist vergriffenen Buch habe ich ein Jahr lang gesucht. Außerdem habe ich eine schöne zweibändige Ausgabe von Rabelais‘ „Gargantua und Pantagruel“ erstanden. Dieses Werk wollte ich unbedingt in gedruckter Form lesen, um es mit vielen Post-it-Zettelchen versehen zu können. Seit heute bin ich auch stolze Besitzerin von Orwells „1984“, das ich –  Asche auf mein Haupt –  auch in trumpesken Zeiten immer noch nicht gelesen habe. Insgesamt war der Ausflug ein voller Erfolg!

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Kaum zur Tür hinein wurde meine Freude allerdings beim Anblick des Bücherregals etwas getrübt – das ist mittlerweile nämlich definitiv zu klein…

 

Leipziger Buchmesse 2017: Die Nachlese

Die Leipziger Buchmesse ist vorbei, noch schmerzen die Füße und die Erinnerungen sind frisch und präsent. Daher eine Messenachlese.

Die Buchmesse wird politischer
Im Vergleich zum letzten Jahr ­­– und das ist, wie auch der Rest hier ein ganz subjektiver Eindruck – erschien mir die diesjährige Messe viel politischer zu sein als ihre Vorgängerin. Natürlich stand das Kriegsland Syrien im Mittelpunkt, hier gab es viele Vorträge und Lesungen mit syrischen Autoren. Auch ich freue mich schon auf Niroz Maleks Der Spaziergänger von Aleppo, das geduldig auf meinem Schreibtisch wartet. Daneben waren 20170324_094031aber auch viele weitere Konfliktherde Thema: Das Gesprächsforum Café Europa bot im
Halbstunden- und Stundentakt eine interessante Veranstaltung nach der anderen. Ich habe mir mit Interesse die Podiumsdiskussion von Kateryna Mishchenko, Aleksander Skidan und Serhij Zhadan angehört, die mithilfe von Dolmetschern über die schwierige Situation für Künstler in der Ukraine und in Russland sprachen. Der Konflikt ist in den Medien in den Hintergrund gerückt, gerade so als habe man sich schon mit den geschaffenen Tatsachen abgefunden; das genau dies von russischer Seite aus forciert zu werden scheint, darüber sprach der Schriftsteller Aleksander Skidan ausführlich. Da weitgehend Einigkeit darüber herrschte, dass in beiden Staaten die Zivilgesellschaft gestärkt werden muss, war das Gespräch weniger Diskussion als vielmehr informativer Vortrag von unmittelbar Betroffenen. Im Publikum fanden sich überwiegend Zuhörer im Seniorenalter oder aber in den Zwanzigern. Gerade so, als sei Europa eine Sache dieser beiden Altersgruppen. Diese Momentbeobachtung war aber gewiss nicht repräsentativ für alle Veranstaltungen im Café Europa.

Litauen und die Welt
Besonders spannend sind die Länderstände, mit Literatur in der Landessprache im Gepäck. Der koreanische Musikpavillon war ein Ruhepol im hektischen Messetreiben; Norwegen, Finnland, Schweden und Island schlossen sich gleich zusammen und präsentierten im Nordischen Forum ihre Literatur. Besonders gefreut hat mich, dass das Schwerpunktland Litauen so gut anzukommen schien. Mit einem besonders großen Stand 20170324_1544051.jpgin der Hallenmitte präsent, erkannte ich dort all die Werke wieder, zu denen hier zuvor gelesen und geschrieben worden war. Als mir dann die Broschüre zu litauischer Literaturgeschichte ins Auge fiel, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen: Erst zwei Wochen zuvor hatte ich die Tiefen des Internets zu genau diesem Thema durchkämmt und mich über jedes Fitzelchen Information gefreut. Jetzt hatte ich Informationen; so schnell, so kompakt.

Danach verschlug es mich ins (auch auf der Messe) nahe gelegene Lettland, das mit einem ungleich kleineren Stand u. a. wunderschön illustrierte Kinderbücher bot. Schwierig sei es, lettische Bücher bei deutschen Verlagen unterzubringen; bei britischen fiel es jetzt leichter. Kein Wunder, denn die Londoner Buchmesse macht im nächsten Jahr die Literatur der baltischen Staaten zum Mittelpunkt. Hier sei unbedingt auch auf die baltic sea library, eine wachsende online-Textsammlung aus dem Ostseeraum, hingewiesen.

Ein wenig enttäuscht war ich vom ungarischen Stand, der zwar eine kunstvolle und kreative Einführung in die Bedeutung des Leerraumes zwischen den Worten bot. Ich hätte trotzdem lieber ungarische Bücher gesehen.
Einen näheren Blick sollte man in nächster Zeit unbedingt nach Georgien werfen: Die Vorträge zu georgischer Dichtung im Allgemeinen und zur Stadt Tiflis im Besonderen machen Lust auf den dicken Katalog georgischer Neuerscheinungen im deutsch- und englischsprachigen Raum.

Schlurfende Schritte und starrer Messeblick: Es ist wohl schon nach vier
Am Samstagmorgen hatte ich das Glück, über die zeitgleich zur Buchmesse stattfindende Manga-Comic-Con flitzen zu können. Es war wie ein Eintauchen in eine Parallelwelt, in der alles bunt, süß und mit Rüschen besetzt zu sein scheint (wenn man die lebensgroßen Figuren der Alien-Filme außer Acht lässt). Für die Cosplayer ist die Messe definitiv ein Highlight im Jahresplan und es waren viele echte Hingucker-Kostüme dabei, mit denen auch mein exzentrischstes Messeoutfit (rote Schuhe) nicht mithalten konnte. Doch auch dieser bunte Teil des Publikums war froh, draußen in der Nachmittagssonne die müden Füße ausruhen zu können.

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Der Fantasy-Autor Matthias Teut hatte das Unglück, am späten Samstagnachmittag in mir zwar eine interessierte potentielle Leserin, dafür aber nach drei Messetagen eine auch hundemüde sich dahin schleppende Messebesucherin vor sich zu haben. Seine High-Fantasy-Welt Erellgorh klang gut ausgearbeitet, die Geschichte spannend, die kolorierten Bilder waren wunderschön – und zudem ist der Autor noch für den Deutschen Phantastik Preis 2017 nominiert. Trotzdem wurde ich beim Gedanken, seine beiden Bücher durch die Hallen tragen zu müssen gleich noch müder. Ich versprach, beim Phantastik-Preis online für ihn abzustimmen und beschloss, den Samstag in eine Ecke des Café Puschkin gekuschelt bei einer Lesung von Arno Dahmers Erzählungen Manchmal eine Stunde, da bist Du ausklingen zu lassen. Eine gute Entscheidung.

Bookster & Blogger, Marketing & Social Media
Ein neues In-Wort geisterte über die Buchmesse: Bookster. Nach meinem Verständnis jemand, der hobbymäßig irgendwas mit Büchern macht…? Korrigiert mich. Von den organisierten Bookster-Blogger-Veranstaltungen der großen Verlage habe ich keine mitgenommen; dafür habe ich zwei Messevorträgen gelauscht. Der erste beschäftigte sich mit Social Media-Nutzung und Literaturbloggern aus Autorensicht: „Schreibt den Bloggern doch einfach eine E-Mail und bittet sie, euer Buch zu besprechen.“ Guter Tipp, ich war erstaunt, dass viele Neuautoren mit dem Begriff „Literaturblogger“ gar nicht viel anfangen konnten. Da merkt man erst, wie sehr man in seiner eigenen Bloggerblase lebt.
Die zweite Veranstaltung war eine gut besuchte Gesprächsrunde zum Thema Urheberschutz/Bildrecht beim Bloggen. Hier zeigte sich auch das wahre Gesicht des Literaturbloggers (zumindest von hinten, wo ich stand): Dreiviertel der Zuhörer waren weiblich, brünett und zwischen 15 und 40 Jahren alt. Hm.
Hier merkte ich auch, wie winzig klein mein Blog im Gegensatz zu anderen ist, die sich mit Werbeterminen großer Verlage und Massen an unfreiwillig zugesandten Rezensionsexemplaren rumschlagen und selbst schon mit QR-Code-Shirts die Werbetrommel für ihren Blog rühren. Puh.

Als die Füße sich dann am Sonntagabend auf dem Balkon gen Abendsonne streckten und ich zum ersten Mal seit Tagen entspannt ein Buch las, wusste ich: Die Leipziger Buchmesse ist gigantisch, phänomenal und toll – aber gut, dass sie nur einmal im Jahr stattfindet.