Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution

HochgeschwenderWie wurden die USA was sie heute sind? Gerade in diesen Nachwahlwochen blickt die Welt auf die USA – wie sie es seit ihrer Gründung getan hat. Doch wer sind „die Amerikaner“; was bewegte sie zur Unabhängigkeit? Michael Hochgeschwender liefert auf knapp 450 Seiten eine umfassende, fundierte und sehr lesbare Antwort für die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.

Der Münchener Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte konzentriert sich auf die Jahre 1763-1815 und zeichnet minutiös die Ereignisse nach, die zur Unabhängigkeit der ehemals britischen Kolonien führten. Die bekannte Tea-Party nimmt dabei nicht mehr Raum ein, als viele andere, ebenso wichtige Ereignisse. Hochgeschwender knüpft an amerikanische Geschichtsforschung an und zeigt, wo möglich, Kontinuitäten bis in die heutige Zeit auf. Seine Darstellung endet nicht mit der Unabhängigkeit der USA, vielmehr beschreibt er auch die ersten schwierigen Jahrzehnte nach der Revolution und zeigt dabei auf, dass es das eine amerikanische Interesse nie gegeben hat, dass Religion, Grundbesitz, Familienzugehörigkeiten und Verbindungen nach Großbritannien lange Zeit eine große Rolle spielten.

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Christopher Clark: Die Schlafwandler

Clark - SchlafwandlerAls Clarks Sachbuch zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs punktgenau 2014, 100 Jahre nach Kriegsausbruch, erschien, hagelte es Lob und Kritik gleichermaßen.

Bemerkenswert war zuerst einmal, dass sich ein australischer Historiker daran machte, ein neues Standardwerk zum Ersten Weltkrieg zu verfassen. Clark wartet mit einer nuancierten Bewertung der Kriegsschuldfrage auf und hielt sich mit einem historischen Sachbuch wochenlang auf Platz Eins der Bestsellerlisten [1]. Die Kritiker, unter ihnen auch zahlreiche Buchblogger, bemängelten nicht etwa die durchaus vorhandene Genauigkeit und die Materialauswahl (eine schier unüberschaubare Fülle), sondern waren häufig schlicht anderer Meinung als der Autor. Besonders aus Clarks Gewichtung der Ereignisse, aus der Rolle, die er ihnen für den Kriegsausbruch beimaß, speiste sich die Kritik. Daran kann und möchte ich mir an dieser Stelle gar nicht beteiligen, denn mir fehlt schlicht die Historiker-Ausbildung, die mir erlauben würde, eine eigenständige Bewertung der von Clark verwendeten Dokumente vorzunehmen. Schon aus Problemen der Zugänglichkeit heraus, ist es wohl leichter, vergleichbar umfangreiche Werke zum gleichen Thema zu lesen, um hier bewusst mit anderen Meinungen konfrontiert zu werden. Dass Clark seine Meinung auf Grundlage der von ihm ausgewerteten Dokumente kundtut, ist als Historiker nun einmal seine Aufgabe.

Für mich war die Lektüre seines Werkes „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ bereichernd. Beim Lesen spürte man eine gewisse Distanz des Autors zu den Ereignissen, die vielleicht aus seiner Rolle als australischer Historiker, der sich nicht um die gerade vorherrschenden Strömungen und gewissermaßen die „Befindlichkeiten“ der europäischen und nationalen Geschichtswissenschaften kümmern muss, herrührt. Besonders beeindruckt hat mich der ausführliche und tiefgehende Einblick in die serbische Geschichte. Clark gesteht Serbien eine nicht zu unterschätzende Rolle für den Kriegsausbruch zu und schildert detailverliebt die Ansichten verschiedener Nationalisten und die Planung des Attentats auf Franz Ferdinand. Für mich waren diese Feinheiten neu und lesenswert; in Serbien selbst hingegen, sorgte die komprimierte und nicht immer schmeichelhafte Darstellung der Landesgeschichte – schmeichelhaft ist bei Clarks Buch die Darstellung keiner nationalen Geschichte – für Aufregung [2]. Interessant, wie auch noch hundert Jahre später ein Geschichtsbuch die Gemüter erregen kann.

Beeindruckend waren auch die große Anzahl der ausgewerteten Dokumente und die detaillierten Angaben der Fundstellen im Glossar, die es ermöglicht, sich bei Interesse ggf. selbst ein Bild des Sachverhalts zu machen. Clark reiht dabei nicht nur historische Fakten aneinander, auch, wenn der Text insgesamt sehr dicht ist und es sich empfiehlt, die eine oder andere Passage zweimal zu lesen. Der Autor schreibt so unterhaltsam, wie es für ein seriöses Sachbuch über die Vorgeschichte eines Weltkrieges möglich scheint. An einigen Stellen erschien mir persönlich Clarks Schreibstil aber zu locker; unangenehm aufgefallen ist hier besonders die Titulierung des jungen Zar Nikolaus als „Teenager Nicky“.

„Die Schlafwandler“ eröffnet einen weit differenzierteren Blick, als er im Schulunterricht ermöglicht wird. Denn egal, ob man den Thesen des Autors folgt oder nicht, so wird anhand des Buches deutlich, dass es durchaus möglich ist, die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges und besonders die Schuldfrage, aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Wer also seine Geschichtskenntnisse vertiefen oder auffrischen will, ist mit der Lektüre sehr gut beraten. Um Längen zu vermeiden, ist es auch möglich, bestimmte Kapitel herauszugreifen und sich eingehender mit den Ereignissen eines bestimmten europäischen Landes zu befassen.

Christopher Clark „Die Schlafwandler. Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog“ (OT: The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914), Pantheon Verlag 2015, 2. Auflage, 896 S., 19,99€.

[1] http://www.zeit.de/2014/18/erfolg-historische-sachbuecher

[2] http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-erster-weltkrieg-geschichtsbuch-treibt-serbiens-elite-um-1.1869422

Seit langer Zeit kann ich wieder einmal die Tipp-Blase anheften, denn die Lektüre der „Schlafwandler“ war ein echter Wissensgewinn.

Tipp-BlaseEuropäische Geschichte des 19./20. Jahrhunderts

Golo Mann- Grundtatsachen der dt. Geschichte

Das erste Kapitel seines Werkes Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts widmet Golo Mann den Grundtatsachen der deutschen Geschichte, nachdem er im Vorwort rigoros mit A.J.P. Taylors These, der deutsche Nationalsozialismus habe sich über Jahrhunderte hinweg angekündigt, aufgeräumt hat.

Mann macht in seinen Betrachtungen über Staat und Nation deutlich, dass es sich auch bei dem Nationalstaat an sich – und er spricht hier nicht nur vom deutschen- um ein ambivalentes Gebilde handelt. Er stellt die Einheit der europäischen Kultur der Vielfalt der Nationen gegenüber und bestätigt eine Interdependenz der Entwicklung der europäischen Nationalstaaten, wobei er Englands Geschichte für ,,glücklicher“ hält als die der kontinentalen Völker. Dabei betont er, dass natürliche Grenzen, wie sie Deutschland ja oft abgesprochen werden -denn Mann hält das Meer im Norden und die Berge im Süden für ebenso natürliche Grenzen, wie sie auch Frankreich oder England besitzen- nicht von allzu großer Bedeutung für die politische Entwicklung eines Landes seien. Deutschland bildet, durch seine geografische Offenheit nach sowohl nach Westen als auch nach Osten die Mitte zwischen Romanen und Slawen, eine Tatsache, die für Deutschlands weitere Geschichte von Bedeutung ist. Die ,,slawische Nachbarschaft“ sowie die ,,Geringfügkeit der See-„, dafür aber eine ,,Weite an Landverbindungen“ stellen somit nach Mann Grundtatsachen der deutschen Geschichte dar.

Im Weiteren liefert Mann einen Abriss der deutschen Geschichte, wobei er besonders das  Hl. Röm. Reich als Staat in Westeuropa als vergleichsweise rückständig charakterisiert, und anhand von ,,Luthers Rebellion schildert, wie das Reich durch innere Unruhen zuerst von sich Reden machte, um sich nach dem Erstarren der Revolution um 1600 wieder zurückzuziehen. Des Weiteren nimmt Deutschland nicht an der beginnenden Europäisierung der Welt teil, was mit oben genannten schlechten Seeverbindungen zusammenhängt und stürzt sich stattdessen in den Dreißigjährigen Krieg.

Das von Friedrich II. emporgehobene Preußen hingegen stellt keine Grundtatsache der deutschen Geschichte, sondern eine ,,Haupttatsacheebendieser.

Einen wertenden Überblick gebend, bietet Golo Mann im ersten Kapitel seines Werkes einen kurzen Abriss der deutschen Geschichte, wobei seine Betrachtungen sich neben politischen auch auf geisteswissenschaftliche Entwicklungen richten, sodass der Königsberger Philosoph Immanuel Kant durch sein Schaffen Deutschlands Position ,,auf dem Gipfel europäischer Geistigkeit“ markiert, während er sich gleichzeitig verachtend über das Mittelalter als eine ,,unbegreifliche Verirrung des menschlichen Geistesaussprach.