Klein und frei: Bei unabhängigen Verlagen zu Gast – Teil 2/2

Wo es heute häufig um optimiertes Marketing und Auflagen in Millionenhöhe geht, gibt es sie öfter als man denkt: Die ein-zwei-drei-Mann oder –Frau-Verlage, die ihre Bücher selbst machen. Von Hand und von Anfang bis Ende. Mit viel Liebe und noch mehr Herzblut. Auf der Leipziger Buchmesse organisierte Barbara Miklaw vom Mirabilis Verlag bei Meißen einen kleinen Bloggerrundgang bei einigen ihrer Kollegen, die sich viel Zeit nahmen, von ihrer Arbeit zu berichten.
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Klein und frei: Bei unabhängigen Verlagen zu Gast – Teil 1/2

Wo es heute häufig um optimiertes Marketing und Auflagen in Millionenhöhe geht, gibt es sie öfter als man denkt: Die ein-zwei-drei-Mann oder –Frau-Verlage, die ihre Bücher selbst machen. Von Hand und von Anfang bis Ende. Mit viel Liebe und noch mehr Herzblut. Auf der Leipziger Buchmesse organisierte Barbara Miklaw vom Mirabilis Verlag bei Meißen einen kleinen Bloggerrundgang bei einigen ihrer Kollegen, die sich viel Zeit nahmen, von ihrer Arbeit zu berichten.

Wer sich mit unabhängigen Verlagen beschäftigt, stößt zuerst auf die Kurt-Wolff-Stiftung, die sich seit 2000 die Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene in Deutschland zur Aufgabe gemacht hat. Was als „klein“ und „unabhängig“ gilt, wird anhand von Größe, Einkommen und einiger weiterer Kriterien festgemacht. Vier Publikationen im Jahr müssen es dann schon sein. Weil das aber kein Pappenstiel ist, bin ich auf der Leipziger Buchmesse auch auf Verlage gestoßen, die (noch) nicht bei der Stiftung gelistet werden. Gerade hier lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen, denn es gibt wahre Schätze zu entdecken: Weiterlesen

Leipziger Buchmesse 2017: Die Nachlese

Die Leipziger Buchmesse ist vorbei, noch schmerzen die Füße und die Erinnerungen sind frisch und präsent. Daher eine Messenachlese.

Die Buchmesse wird politischer
Im Vergleich zum letzten Jahr ­­– und das ist, wie auch der Rest hier ein ganz subjektiver Eindruck – erschien mir die diesjährige Messe viel politischer zu sein als ihre Vorgängerin. Natürlich stand das Kriegsland Syrien im Mittelpunkt, hier gab es viele Vorträge und Lesungen mit syrischen Autoren. Auch ich freue mich schon auf Niroz Maleks Der Spaziergänger von Aleppo, das geduldig auf meinem Schreibtisch wartet. Daneben waren 20170324_094031aber auch viele weitere Konfliktherde Thema: Das Gesprächsforum Café Europa bot im
Halbstunden- und Stundentakt eine interessante Veranstaltung nach der anderen. Ich habe mir mit Interesse die Podiumsdiskussion von Kateryna Mishchenko, Aleksander Skidan und Serhij Zhadan angehört, die mithilfe von Dolmetschern über die schwierige Situation für Künstler in der Ukraine und in Russland sprachen. Der Konflikt ist in den Medien in den Hintergrund gerückt, gerade so als habe man sich schon mit den geschaffenen Tatsachen abgefunden; das genau dies von russischer Seite aus forciert zu werden scheint, darüber sprach der Schriftsteller Aleksander Skidan ausführlich. Da weitgehend Einigkeit darüber herrschte, dass in beiden Staaten die Zivilgesellschaft gestärkt werden muss, war das Gespräch weniger Diskussion als vielmehr informativer Vortrag von unmittelbar Betroffenen. Im Publikum fanden sich überwiegend Zuhörer im Seniorenalter oder aber in den Zwanzigern. Gerade so, als sei Europa eine Sache dieser beiden Altersgruppen. Diese Momentbeobachtung war aber gewiss nicht repräsentativ für alle Veranstaltungen im Café Europa.

Litauen und die Welt
Besonders spannend sind die Länderstände, mit Literatur in der Landessprache im Gepäck. Der koreanische Musikpavillon war ein Ruhepol im hektischen Messetreiben; Norwegen, Finnland, Schweden und Island schlossen sich gleich zusammen und präsentierten im Nordischen Forum ihre Literatur. Besonders gefreut hat mich, dass das Schwerpunktland Litauen so gut anzukommen schien. Mit einem besonders großen Stand 20170324_1544051.jpgin der Hallenmitte präsent, erkannte ich dort all die Werke wieder, zu denen hier zuvor gelesen und geschrieben worden war. Als mir dann die Broschüre zu litauischer Literaturgeschichte ins Auge fiel, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen: Erst zwei Wochen zuvor hatte ich die Tiefen des Internets zu genau diesem Thema durchkämmt und mich über jedes Fitzelchen Information gefreut. Jetzt hatte ich Informationen; so schnell, so kompakt.

Danach verschlug es mich ins (auch auf der Messe) nahe gelegene Lettland, das mit einem ungleich kleineren Stand u. a. wunderschön illustrierte Kinderbücher bot. Schwierig sei es, lettische Bücher bei deutschen Verlagen unterzubringen; bei britischen fiel es jetzt leichter. Kein Wunder, denn die Londoner Buchmesse macht im nächsten Jahr die Literatur der baltischen Staaten zum Mittelpunkt. Hier sei unbedingt auch auf die baltic sea library, eine wachsende online-Textsammlung aus dem Ostseeraum, hingewiesen.

Ein wenig enttäuscht war ich vom ungarischen Stand, der zwar eine kunstvolle und kreative Einführung in die Bedeutung des Leerraumes zwischen den Worten bot. Ich hätte trotzdem lieber ungarische Bücher gesehen.
Einen näheren Blick sollte man in nächster Zeit unbedingt nach Georgien werfen: Die Vorträge zu georgischer Dichtung im Allgemeinen und zur Stadt Tiflis im Besonderen machen Lust auf den dicken Katalog georgischer Neuerscheinungen im deutsch- und englischsprachigen Raum.

Schlurfende Schritte und starrer Messeblick: Es ist wohl schon nach vier
Am Samstagmorgen hatte ich das Glück, über die zeitgleich zur Buchmesse stattfindende Manga-Comic-Con flitzen zu können. Es war wie ein Eintauchen in eine Parallelwelt, in der alles bunt, süß und mit Rüschen besetzt zu sein scheint (wenn man die lebensgroßen Figuren der Alien-Filme außer Acht lässt). Für die Cosplayer ist die Messe definitiv ein Highlight im Jahresplan und es waren viele echte Hingucker-Kostüme dabei, mit denen auch mein exzentrischstes Messeoutfit (rote Schuhe) nicht mithalten konnte. Doch auch dieser bunte Teil des Publikums war froh, draußen in der Nachmittagssonne die müden Füße ausruhen zu können.

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Der Fantasy-Autor Matthias Teut hatte das Unglück, am späten Samstagnachmittag in mir zwar eine interessierte potentielle Leserin, dafür aber nach drei Messetagen eine auch hundemüde sich dahin schleppende Messebesucherin vor sich zu haben. Seine High-Fantasy-Welt Erellgorh klang gut ausgearbeitet, die Geschichte spannend, die kolorierten Bilder waren wunderschön – und zudem ist der Autor noch für den Deutschen Phantastik Preis 2017 nominiert. Trotzdem wurde ich beim Gedanken, seine beiden Bücher durch die Hallen tragen zu müssen gleich noch müder. Ich versprach, beim Phantastik-Preis online für ihn abzustimmen und beschloss, den Samstag in eine Ecke des Café Puschkin gekuschelt bei einer Lesung von Arno Dahmers Erzählungen Manchmal eine Stunde, da bist Du ausklingen zu lassen. Eine gute Entscheidung.

Bookster & Blogger, Marketing & Social Media
Ein neues In-Wort geisterte über die Buchmesse: Bookster. Nach meinem Verständnis jemand, der hobbymäßig irgendwas mit Büchern macht…? Korrigiert mich. Von den organisierten Bookster-Blogger-Veranstaltungen der großen Verlage habe ich keine mitgenommen; dafür habe ich zwei Messevorträgen gelauscht. Der erste beschäftigte sich mit Social Media-Nutzung und Literaturbloggern aus Autorensicht: „Schreibt den Bloggern doch einfach eine E-Mail und bittet sie, euer Buch zu besprechen.“ Guter Tipp, ich war erstaunt, dass viele Neuautoren mit dem Begriff „Literaturblogger“ gar nicht viel anfangen konnten. Da merkt man erst, wie sehr man in seiner eigenen Bloggerblase lebt.
Die zweite Veranstaltung war eine gut besuchte Gesprächsrunde zum Thema Urheberschutz/Bildrecht beim Bloggen. Hier zeigte sich auch das wahre Gesicht des Literaturbloggers (zumindest von hinten, wo ich stand): Dreiviertel der Zuhörer waren weiblich, brünett und zwischen 15 und 40 Jahren alt. Hm.
Hier merkte ich auch, wie winzig klein mein Blog im Gegensatz zu anderen ist, die sich mit Werbeterminen großer Verlage und Massen an unfreiwillig zugesandten Rezensionsexemplaren rumschlagen und selbst schon mit QR-Code-Shirts die Werbetrommel für ihren Blog rühren. Puh.

Als die Füße sich dann am Sonntagabend auf dem Balkon gen Abendsonne streckten und ich zum ersten Mal seit Tagen entspannt ein Buch las, wusste ich: Die Leipziger Buchmesse ist gigantisch, phänomenal und toll – aber gut, dass sie nur einmal im Jahr stattfindet.

Deutschland als Mittelpunkt litauischer Literatur? Die Zeit von 1945 bis 1949.

„Es heißt, dass von den insgesamt etwa 100.000 aus ihrer Heimat geflohenen Litauern etwa 58.000 Personen in DP [Displaced Persons] Camps auf deutschem Boden gelebt haben. Unter ihnen befand sich der größte Teil der politischen und kulturellen Elite des Landes, die den Krieg überlebt hatten und den sowjetischen Massendeportation entgangen waren. Da ab 1944 in Litauen selbst eine grausame stalinistische Sowjetisierung im Gange war, kann gesagt werden, dass etwa von 1945 bis 1949 Westdeutschland Standort und Schauplatz der litauischen Kultur (und also auch der litauischen Literatur) gewesen ist.“[1]

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Leipzig liest Litauisch

Bald ist es wieder so weit – Ende des Monats steht die Leipziger Buchmesse vor der Tür. Schwerpunktland wird in diesem Jahr Litauen sein. Obwohl gar nicht so weit entfernt, ist Litauen ein weißer Fleck auf meiner Leselandkarte. Dabei hat das Land literarisch einiges zu bieten und wird in diesem Jahr von gleich mehreren Verlagen entdeckt. So werden nicht nur Neuerscheinungen verlegt, sondern auch ältere Bücher, die die litauische Literatur bis heute beeinflussen. Antanas Škėmas Das weiße Leintuch gehört zum Beispiel dazu: In den 1950er Jahren geschrieben, wird es in diesem Jahr zum ersten Mal auf Deutsch verlegt. Wie schön, dass die Gast- und Schwerpunktland-Aktionen der Buchmessen für die Verlage einen Anreiz bieten, sich mit bislang unbekannter Literatur zu beschäftigen und sie dem deutschen Markt zugänglich zu machen – in diesem Jahr ein Glück für uns Leser, deren Litauischkenntnisse mehr als bescheiden sind.
Besonders gespannt bin ich auf diese Neuerscheinungen:

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Ulrich Rosengarten : Litauen. Ein europäischer Staat zwischen Ost und West ♦♦♦ Undinė Radzevičiūtė: Fische und Drachen  ♦♦♦ Jurgis Kunčinas: Tula ♦♦♦ Grigorijus Kanovičius: Die Freuden des Teufels ♦♦♦ Kęstutis Navakas: Die gelassene Katze ♦♦♦ Tomas Venclova: Der magnetische Norden ♦♦♦ Ruta Sepetys: Salz für die See ♦♦♦ Irena Ülkekul (Übersetzung): Ein glücklicher Mensch. Märchen aus Litauen ♦♦♦ Antanas Škėma: Das weiße Leintuch

Wer ein wenig weiterstöbern möchte: Einen Blog, der sich ganz der baltischen Literatur verschrieben hat, gibt es hier.

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Meine persönlichen Favoriten 2016

Bevor das Jahr zu Ende geht, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um meine persönlichen Favoriten aus diesem Jahr vorzustellen. Es sind wieder alte Perlen und neu erschienene Schmuckstücke dabei. Außerdem bedanke ich mich bei euch fürs Mitlesen, für Kommentare und Anregungen und hoffe, euch im nächsten Jahr gesund und munter wieder hier begrüßen zu dürfen. Bis dahin!

potok-die-erwahltenLiterarisch bin ich in diesem Jahr ins Judentum eingetaucht. Begeistert hat mich Chaim Potoks „Die Erwählten“ (1967), das die jüdische Gelehrsamkeit feiert und den ideologischenk800_cache_2471261852 Grabenkampf um die Gründung Israels anhand der Freundschaft zweier New Yorker Jungen erzählt. Außerdem kann ich allen, die sich für das Thema interessieren nur die Autobiografie der Wahlberlinerin Deborah Feldman „Unorthodox“ (2016) ans Herz legen. Sie erzählt von den altertümlich anmutenden Gebräuchen der chassidischen Gemeinde im heutigen New Yorker Stadtteil Williamsburg und gibt Einblicke, die ich so tief und detailliert noch nirgendwo lesen konnte.

Winkler: BlauschmuckSchockierend, schmerzhaft bis zum Weglegen war Katharina Winklers „Blauschmuck“ (2016), das den Weg eines anatolischen Mädchens von der Kinderbraut bis zur Haussklavin erzählt. Verstörend und in einer faszinierend reduzierten Sprache verfasst.

wink-der-letzte-beste-ortEbenfalls hart, aber bedeutend besser auszuhalten war Calan Winks „Der letzte beste Ort“ (2016), das mich für Kurzgeschichten begeistern konnte. Die Erzählungen kreisen um Menschen in Montana, vom kindlichen Katzenmörder bis hin zur alternden Bäuerin. So rau wie die Natur sind die Menschen, „schön“ im eigentlichen Sinne sind die Geschichten nicht, aber sie lassen einen glauben, ganz nah ishiguro-alles-was-wir-geben-musstendran zu sein an den Seen und Bergen, Wäldern und Feldern Montanas.

Zuletzt ist da noch das viel gerühmte „Alles, was wir geben mussten“ (2005) von Kazuo Ishiguro. Dieser Roman über das Klonen war leise, unaufgeregt, sogar melancholisch und hat mich doch wie im Sog weiterlesen lassen. An der Menschlichkeit der Protagonisten, deren Lieben und Leiden, Lachen und Weinen man hautnah miterlebt hat, besteht am Ende kein Zweifel.

Welche waren eure Bücher des Jahres?

Literaturzeitschrift: Wortschau

Zum ersten Mal die Vorstellung einer Literaturzeitschrift. Eine Zeitschrift nicht über, sondern mit  Literatur. Diese gehen im allgemeinen Getöse um Neuerscheinungen und Long-/Short-/Bestseller-Listen ziemlich unter. Dabei finden sich gerade hier feine unaufgeregte Texte, die sich nicht am Mainstreamgeschmack messen lassen müssen.

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Leselisten und meine 150 Bücher

In der letzten Zeit ging mir häufiger die Frage durch den Kopf, welche Bücher es sind, die „man“ im Laufe seines Lebens gelesen haben sollte. Ich habe mich durch einige dieser unzähligen Buchlisten gewühlt:

Die hundert besten Bücher der Weltliteratur, ausgewählt von Schriftstellern
• 1001 Books you must read before you die von Peter Boxall (wird gelesen auf diesem Blog)
Die 100 besten Bücher des 20. Jahrhunderts von Le Monde
Die 100 besten englischsprachigen Bücher 1923-2005 des Time-Magazins
Marcel Reich Ranickis Kanon lesenwerter deutschsprachiger Werke
Die Rory Gilmore-Leseliste
und andere mehr.

Völlig überzeugt hat mich keine der Listen. Viele beschränkten sich nur auf einen einzigen Sprachraum, der es nur bedingt zulässt, auch ein bisschen über den Tellerrand zu schauen. Andere waren mir einfach bei Weitem zu umfangreich (1001 Buch). Also habe ich mir aus allen Listen 150 Werke ausgesucht, die mich persönlich interessieren, die ich noch nicht (durch-)gelesen habe (die einzige Ausnahme ist ein Werk von Dostojewski, aber das ist schon so lange her, dass es gern wieder auf die Liste wandern konnte). Die Zeiteinteilungen sollen nur eine grobe Orientierung bieten; die Jahresangaben in Klammern beziehen sich auf das Erscheinen der Erstausgabe, bei älteren Werken auf den vermuteten Entstehungszeitpunkt.

Beim Durchlesen der fertigen Liste ist mir aufgefallen, dass sie am Ende doch sehr eurozentrisch geworden ist. Besonders aus dem deutschsprachigen Raum finden sich viele Werke. Die meisten Werke sind Romane und Erzählungen, Lyrik und Sachbücher finden sich fast gar nicht. Aber diese Liste ist nur ein erster Ansatzpunkt: persönlich, streitbar und zur Diskussion freigegeben.

Zu meiner persönlichen Liste:

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Lesung mit György Dragomán am Wannsee

v.l.n.r.: Thomas Geiger, György Dragomán, Nina West.

Thomas Geiger, György Dragomán, Nina West (v.l.n.r.)

Mit Blick auf den abendlichen Wannsee, umgeben von dunklem Holz in einer großzügigen Villa bei einem Glas Wein: So gediegen kann man sich die Lesung zu „Der Scheiterhaufen“ mit György Dragomán am Donnerstagabend vorstellen. Das Literarische Colloquium Berlin lud in sein Haus „Am Sandwerder“ zu einer der raren Deutschland-Lesungen des ungarischen Autors.

Thomas Geiger, Redakteur der Colloquiums-Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“, sprach mit Dragomán in vertrautem Ton über seine Kindheit und Jugend, seine Übersiedlung von Siebenbürgern in Rumänien ins ungarische Szombathély Ende der 80er Jahre und seine Inspiration. Dragomán antwortete auf Deutsch locker und ausführlich auf die Fragen. Er erzählte von seiner Kindheit in Rumänien und der guten Beziehung zu seinen Eltern, die sich zu Hause auch in seiner Gegenwart regimekritisch äußerten und – als das rumänische System nationalistischer wurde – als Ungarn per se zur Opposition gezählt wurden. Er habe damit gerechnet, schon aus diesem Grunde Verhören unterzogen zu werden, mit Schikanen zu leben. Mit dem Umzug nach Ungarn sei er erwachsen geworden, gleich in dem Moment, in dem er die Grenze übertrat. Doch obwohl Sprache und Kultur ihm vertraut waren, fühlte er sich anfangs fremd nahe der österreichischen Grenze. Doch wie seine Romanheldin Emma dachte er mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn: „Da kann ich alles schaffen. Da kann ich durch Wände gehen.“

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Autor György Dragomán

 Wie er denn dazu gekommen sei, aus der Sicht eines jungen Mädchens zu schreiben? Dragomán antwortete überraschend, beschrieb sich selbst als visuellen Typ, er habe einfach eine Hand vor sich gesehen und als er begann, die Geschichte aus der Sicht eines Jungen zu schreiben, wie schon in „Der weiße König“, da merkte er, dass irgendetwas nicht passte, dass die Hand, die er vor sich sah, viel zu schmal gewesen sei, um einem Jungen zu gehören. So nahm er dann die zunächst ungewohnte Mädchenperspektive ein, ohne, wie er betonte, häufig darüber nachzudenken, ohne mit dieser Perspektive spielen zu wollen. Dadurch erkläre sich auch der häufig nüchterne Ton der Beobachtungen der Protagonistin. Die Auswahl der beiden vorgelesenen Kapitel – ganz wunderbar von Nina West, der man ohne Zögern auch die Hörbuchversion von „Der Scheiterhaufen“ anvertrauen könnte – wirkte in diesem Zusammenhang dann ein wenig irritierend. Es waren genau zwei der wenigen Stellen, in denen das Mädchensein Emmas völlig in den Vordergrund tritt. Ich persönlich hätte mir einen Ausschnitt mit der Großmutter gewünscht, die eine so wichtige Rolle in dem Roman spielt. Dragomán selbst las dann ein kurzes Stück in rasendem Tempo auf Ungarisch, was die Stimmung zusätzlich lockerte. Im Anschluss an die Lesung nahm er sich viel Zeit für die lange Schlange von Interessierten, jeder mit einem Exemplar des Romans in der Hand.

„Der Scheiterhaufen“ wird bald in Stuttgart auf der Bühne zu sehen sein, eine Verfilmung ist ebenfalls geplant. Von György Dragomán wird man in nächster Zeit noch mehr hören und hoffentlich auch lesen.

Fantastische Lesung mit US-Autorin Julie Kagawa

Denis Abrahams übernahm den deutschen Part, Autorin Julie Kagawa las aus dem Original.

Denis Abrahams übernahm den deutschen Part, Autorin Julie Kagawa las aus dem Original.

In dieser Woche lud die Jugendbuch-Sparte des Heyne Verlags, Heyne fliegtzu einer Lesung mit US-Autorin Julie Kagawa ins Berliner Mein Haus am See.
Während oben die Gäste mit ihren Drinks in den dicken Sesseln versanken, lauschte unten in der düsteren Kellerbar ein kleiner Kreis der Geschichte von gefährlichen Drachen, Rittern und einer Liebe zwischen den beiden. Julie Kagawa war aus den USA angereist um den ersten Band ihrer neuen Reihe „Talon – Drachenzeit“ vorzustellen. Nach anderen fantastischen Reihen wie Plötzlich Fee, Plötzlich Prinz und Unsterblich, geht es diesmal um Drachen, die sich im Rahmen ihrer Ausbildung im Drachenorden Talon in Menschen verwandeln, um unter uns zu leben. Verknüpft mit einer Dreiecks-Beziehung und einem Kampf um Leben und Tod, bot das Buch einige Stellen, die sich perfekt zum Vorlesen für das (tatsächlich größtenteils weibliche) Publikum eigneten. Den deutschen Part übernahm dabei der Schauspieler Denis Abrahams, dessen phänomenale Lesestimme schlagartig auch das letzte aufgeregte Murmeln zum Verstummen brachte. Auch die Autorin selbst las eine Passage und beantwortete anschließend die zahlreichen Fragen aus dem Publikum nach ihrer Inspiration, ihren persönlichen Lieblingsbüchern und den Gedanken, die sie sich zu den einzelnen Figuren gemacht hatte. Dabei outete sie sich als sympathischer Nerd mit Hobbys wie Videospielen, Fantasy-Figuren basteln (die es dann auch zu gewinnen gab) und eben dem Schreiben von fantastischen Geschichten. Als ihre liebste Zielgruppe nannte Kagawa Teenager und junge Erwachsene, „weil in dem Alter so viel passiert; alles ist neu und aufregend“.
Ein „Kinderbuch“ ist Talon aber bestimmt nicht, besonders die vorgelesene Passage vom Kampf Ritter gegen Drachen (modern mit MG und Headset) ließen keinen Zweifel daran. Und nach Vampiren sind Drachen für den interessierten Fantasy- und/oder Dark Romance-Leser auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung.