VII. Anselm oder Der bewiesene Gott

Dem Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury (auch von Aosta, nach seinem Geburtsort oder von Bec, nach dem Ort seines Wirkungsbeginns), ca. 1033–1109 n. Chr., widmet Wilhelm Weischedel nur einen kurzen Abschnitt. Dies verwundert, denn häufig ist zu lesen, dass Anselms Argumente zu den meist zitierten in der Philosophie gehören und sich u. a. Thomas von Aquin, Descartes und Kant an ihnen abgearbeitet haben. Er gilt als „Vater der Scholastik“, jener im Mittelalter häufig verwendeten Beweismethode, die wissenschaftliche – meist theologische – Fragen durch theoretische Erwägungen, ein Für und Wider der Argumente und deren Überprüfung, klären will.

NPG D23949; St Anselm after Unknown artist

Bildnis Anselms aus dem späten 16. Jhdt., unbekannter Künstler

Nachdem Anselm als Adelssohn gegen den Willen seiner Familie in ein Kloster eingetreten war, stieg er in dessen Hierarchie schnell auf. Die Weihe zum Bischof von Canterbury erhielt er dann, wie überliefert ist, wohl letztlich gegen seinen Willen, auch, so mutmaßt Weischedel, um von den politischen Querelen jener Zeit verschont zu werden. Es tobte nämlich gerade der Investiturstreit, der Streit um die Frage, ob weltliche Herrscher berechtigt seien, geistliche Ämter in ihrem Sinne zu besetzen.

Anselm von Canterbury ist besonders bekannt für seinen Gottesbeweis, in welchem er der Vernunft, anders noch als sein geistiger Vorgänger Augustinus, einen hohen Stellenwert einräumt. Der Erzbischof leitet eine Wechselbeziehung von Glaube und Vernunft her, indem er sagt, keine von beiden genüge für sich allein, um die Wahrheit zu erkennen. Er argumentiert, dass tiefe Einsicht nur aus dem Glauben heraus erwachsen könne („Ich glaube, damit ich einsehe“), weil der Glaube als Liebe zu gut dazu führe, Gott erkennen zu wollen. Da Gott sowohl als Schöpfer der Vernunft wie auch des Glaubens ist, gebe es keinen Widerspruch zwischen den beiden. Folglich könne man auch auf die Vernunft vertrauen, um Gott erkennen zu wollen.

Sein vernünftiger Gottesbeweis sieht so aus: Gott muss als das absolut Größte verstanden werden. Wenn wir uns also Gott vorstellen, dann muss es Gott auch geben, da größer als die reine Vorstellung nur die Vorstellung und das Sein ist.

Dieser Gedankengang wird in den folgenden Jahrhunderten häufig aufgenommen, abgelehnt, vor allem aber diskutiert. Auch ein Mönch äußerte Kritik an Anselms Beweisführung, wie Weischedel erzählt: Wenn man auf diese Art Gott beweisen könne, dann müsste ja auch eine perfekte Insel, die man sich vorstellt in der Wirklichkeit existieren, denn auch sie sei ja nur vollkommen, wenn sie tatsächlich existiere. Überliefert ist eine anschließende Klosterhaft jenes Mönches.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 86–89.

Albert Camus: Der Fremde (1942)

Albert Camus – Viel zu lange habe ich mich von diesem großen Namen abschrecken lassen. In der Schule nie in die Verlegenheit gekommen, Camus lesen zu müssen, hat sich vor allem eines herausgestellt: „Der Fremde“ ist nicht nur tiefsinnig, sondern auch äußerst lesbar.

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Im Algerien der 1930er Jahre besucht der junge Meursault die Beerdigung seiner Mutter. Besonders mitzunehmen scheint ihn das Ganze nicht. Auch sonst erscheint er seltsam distanziert von seinem eigenen Leben: Als ihn seine Freundin fragt, ob er sie heiraten wolle, erwidert er, für ihn sei es „in Ordnung“. Als ein Nachbar ihn bittet, seine Geliebte zu überlisten, um sie verprügeln zu können, stimmt er bereitwillig zu, „weil er so nett gefragt wurde“. Als er schließlich wegen Mordes vor Gericht steht und zum Tode verurteilt wird, zieht all das wie in Ferne an ihm vorbei. Doch schließlich, als der Geistliche mit ihm in seiner Zelle über den nahenden Tod und alles, was danach kommt, sprechen will, braust Meursault zum ersten Mal auf: Nach dem Tod komme nichts. Er habe so gelebt und nicht anders, seine letzten Minuten wolle er nicht „mit Gott vertrödeln“.

Camus schildert detailliert Meursaults Tagesablauf, er lässt ihn Eier braten, mit dem Nachbarn über dessen Hund sprechen und arbeiten gehen. Der Leser verfolgt all das und versteht lange Zeit doch nicht, was der Protagonist ihm sagen soll. Seltsam gedankenleer, schnell gelangweilt, erscheint er ­– fremd irgendwie. Dabei erfährt man erst ganz zum Schluss, als der Protagonist, vom Geistlichen zur Trauer ob seines eigenen Todes genötigt, nicht mehr an sich halten kann, was es mit dem Verhalten Meursaults auf sich hat: Er lebt, wie er es für richtig hält, als überzeugter Atheist vertraut er darauf, dass der Tod einfach nur Tod bedeutet und damit nicht mehr zum Leben gehört. Die Zeit, die einem gegeben ist, sei so auszufüllen, wie man eben möchte.

Hier zeigt sich, warum „Der Fremde“ als eines der Hauptwerke des Existenzialismus gilt: Der Protagonist gestaltet seine Existenz selbst, völlig losgelöst von den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Handlungen in bestimmten Situationen gestellt werden. Warum raucht er neben dem Sarg seiner Mutter? – Weil ihm danach war. Warum erschießt er am Strand einen Araber? – Er weiß es nicht, auf jeden Fall machte die Hitze ihm zu schaffen.
Dass Handlungen ohne Grund passieren, ist für die anderen Figuren des Romans völlig unverständlich, vor Gericht versuchen sie, Meursaults Handlungen einzuordnen. Genau das ist es auch, was ihn das Leben kosten wird: Die Annahme, dass die Bedeutungslosigkeit seiner Handlungen auf emotionale Kälte, mithin eine mörderische Eigenschaft, hindeutet.

Albert Camus, „Der Fremde“ (OT: L‘Étranger), aus dem Französischen von Georg Goyert und Hans Georg Brenner, verschiedene Ausgaben.


So viel zu meinem kurzen ersten Eindruck des Romans. Wenn sich jemand eingehender mit „Der Fremde“ oder Camus‘ Gedanken beschäftigt oder Leseempfehlungen zum Thema hat, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

Dieser Titel ist Teil meiner
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VIII. Augustinus oder Die Dienlichkeit der Sünde

Mit Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) beginnt Weischedel seine Betrachtungen über christliche Philosophen. Augustinus spielt dabei eine besondere Rolle, denn durch seine Ansichten und sein Denken wird der Unterschied zu seinen antiken griechischen und römischen Vorgängern besonders deutlich.

In seiner Jugend sei Augustinus ein ziemlicher Herumtreiber gewesen, so Weischedel. Seine vielen Liebschaften und seinen großen Ehrgeiz, sich in der Rhetorik-Ausbildung ganz besonders hervorzutun, bereut Augustinus jedoch kurz nachdem er sich im Alter von 33 Jahren taufen lässt. Fortan zieht sich der weltgewandte Mann zurück und gründet ein Laienkloster. Später wird er Bischof von Hippo, einer antiken Küstenstadt im heutigen Algerien.

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VII. Plotin oder Die Gesichte des Entrückten

Plotin (205–270 n. Chr.) lehrte zunächst in Alexandrien, bis er nach Rom zog und dort öffentliche Vorlesungen hielt. Die Römer, besonders die römischen Senatoren, besuchten seine Vorträge rege; auch römische Frauen konnten ihnen, nicht selbstverständlich zu dieser Zeit, beiwohnen.

In seinen Vorlesungen ist Plotin auf der Suche nach dem Gottesbegriff. Er will sich Gott nähern, indem er alles beschreibt, was dieser nicht ist. Zu diesem Zweck verneint er das Weltliche, das Endliche und das eigene Dasein. Er erkennt Gott als „das reine Eine“, das die Vielheit der Welt umfasst. Er sieht das Eine besonders in ekstatischen Erfahrungen, losgelöst von seinem Körper. Plotin will erklären, wie vom Einen her die Vielheit, die es umfasst, entsteht. Er nimmt an, dass das Eine so selbstgenügsam sei, dass es „überfloss“ und aus dieser Überfülle die Vielheit der Welt hervorgebracht hat. Die Weltwerdung des Einen vollziehe sich in vier Stufen:

  1. Das Eine ist rein, daher muss der Prozess dadurch in Gang gekommen sein, dass das Eine sich selbst erblickt hat.
  2. Dadurch sind die Abbilder des Einen, der Geist und die geistige Welt entstanden. Sie entbehren aber der Reinheit des Einen, was sich schon daran zeigt, dass sie zu zweit auftreten.[1]
  3. Der Geist blickt hinab, dadurch entsteht die Weltenseele.
  4. Die Weltenseele blickt hinab und erschafft damit den Kosmos, die Sinneswelt und die Welt der Dinge mit ihrer unbeschreiblichen Vielheit.

Durch diese Herleitung vom Einen her gelangt Plotin zu einer „völligen Gotthaftigkeit der Welt“. Das Ziel des Menschen müsse es sein, zu seinem Ursprung, dem Einen, zurückzukehren. Wie das geschehen soll, beschreibt Plotin konsequenterweise auch in vier Stufen:

  1. Der Mensch muss sich vom persönlichen Genuss ab- und Tugenden wie Gerechtigkeit und         Besonnenheit zuwenden.
  2. Dann muss eine Abwendung von allen sinnlichen Genüssen erfolgen, sodass die Seele sich auf sich selber besinnt und dadurch die Ebene des Übermenschlichen erreicht.
  3. Es muss ein Aufstieg des Seelischen hin zum Geistigen erfolgen. Auf dieser Stufe entspringt die philosophische Existenz.
  4. Alles einzelne, auch Ideen, müssen fallen gelassen werden, sodass man in das „Unbetretbare         der Seele“ gelangt. Hier sollen Mensch und der Gott dann Eins werden.

Zu Plotin selbst hält Weischedel fest, dass dieser stets von Abscheu vor der körperlichen Existenz getrieben war, was sich besonders in seinen Essgewohnheiten – ein Stück Brot am Tag – und seiner Abneigung gegen Medikamente und ärztliche Behandlungen ausdrückt. Er schreibt es Plotins körperverachtendem Verhalten zu, dass dieser schließlich langsam dahinsiechte. Seine Abneigung gegen den Körper bringt Weischedel mit der weltlichen Abkehr aufgrund von Überdruss in Plotins Philosophie in Verbindung. Plotin bezeichnet das Leben in dieser Welt als „Verbannung und Fluch“. Ihm werden okkulte Fähigkeiten zugeschrieben, so soll er im Alltag sehr hellsichtig gewesen sein, magischen Angriffen widerstanden haben und einiges mehr. Er habe häufig „ekstatische Erlebnisse“ gehabt, durch die er versucht habe, dem Einen näher zu kommen.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 70–76.

[1] Wie die Prämisse zustande kommt, dass sich das Eine genau zwei Abbilder schaffe – und nicht etwa lediglich eins, was den nachfolgenden Gedankengang zum Einsturz brächte, wird nicht weiter ausgeführt.

VI. Epikur und Zenon oder Pflichtloses Glück und glücklose Pflicht

Weischedel baut die Ansichten der Epikureer und der Stoiker als Antagonismus auf. Er beginnt mit den Ansichten des Epikur (371–271/70 v.Chr.).

Marmorbüste des Epikur. Röm. Kopie des griech. Originals. 2./3. Jhdt. v. Chr.

Marmorbüste des Epikur. Röm. Kopie des griech. Originals. 2./3. Jhdt. v. Chr.

Die Überlieferung bzgl. Epikurs ist von Widersprüchen geprägt. Zum einen wird er als sehr lustbetonter, der Völlerei fröhnender „Wüstling“ dargestellt, seine Schüler verehren ihn jedoch als selbstgenügsam und milde. Als höchstes Lebensziel deklariert er das Glück. Das Glück sei besonders die Vermeidung von Schmerz und Gewinnen von Lust, unter der er das gute Gespräch, die Kunst, Musik und besonders die Philosophie versteht. Wahres Glück könne nur erreicht werden, wenn sich die Seele „im ruhigen Gleichmaß“ befinde. Daher müsse alles Störende vermieden werden. Das könne am besten gelingen, wenn der Mensch selbstgenügsam und zurückgezogen im Privaten lebe, öffentliche Aufgaben meide. Der Epikureer ist dabei kein Eremit – als höchstes Gut gilt die Freundschaft zu anderen, die Epikur bei Versammlungen in seinem Garten praktizierte.
Als störend erscheint auch die Bedrohlichkeit der Umwelt. Epikur lehnt daher die bedrohlich wirkenden Mythen ab und begreift die Natur im Sinne der Atomlehre Demokrits. Alles sei aus Atomen aufgebaut, wobei auch ein gewisser Zufall eine Rolle spiele. Auf diesen könne der Philosoph keinen Einfluss nehmen, sodass er die Welt ruhigen Gewissens sich selbst überlassen kann. Die Existenz der Götter bestreitet Epikur nicht; er verbannt sie allerdings in eine Zwischenwelt, aus der heraus sie keinen Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen können. Auch dem Tod nimmt er seinen Schrecken: Menschen könnten nur empfinden, was für sie Realität hat. Der Tod aber sei nicht zu empfinden, er sei daher ein „Nichts“, vor dem man sich nicht zu fürchten brauche. Das Glück könne durch Philosophieren gewonnen werden – daher ist es nach Epikur nie zu spät, damit anzufangen.

Marmorbüste des Zenon

Zenon von Kition (333/332–262/261 v.Chr.) dagegen lehnt die Lehren Epikurs ab. Er selbst ist der Überlieferung nach durch Zufall zur Philosophie gekommen: Als er mit seinem Handelsschiff Schiffbruch erlitt, wohnte er zeitweise bei einem Buchhändler, der ein philosophisches Buch las. Da beschloss dann auch Zenon, sich der Philosophie zu widmen. Als ernster, zurückhaltender und fast asketischer Mann beschrieben, gab er seinen Unterricht in einer bemalten Säulenhalle – daher stammt der Name der Schule „Stoa“ (Vorhalle). Zenon galt als angesehener und verehrter Bürger Athens, schon zu Lebzeiten erhielt er eine Statue und andere Auszeichnungen. Er versteht die Philosophie als „Kunst der Lebensführung“, deren Ziel es sei, in Übereinstimmung mit sich selber zu leben. Hier taucht dann auch zum ersten Mal der Begriff der Persönlichkeit und Selbstverwirklichung auf: Die Selbstverwirklichung sei nichts Subjektives sondern ein Gesetz, das es erfordere, nach dem zu leben, was die einem  innewohnende Vernunft vorgebe. Diese innere Vernunft steht aber mit der Natur, mit dem großen Ganzen, im Einklang. Die Natur besteht bei den Stoikern nicht aus einer Vielzahl von Atomen, sondern ist etwas Lebendiges und wird mit dem höchsten Gott gleichgesetzt. Weil der Mensch an diesem Göttlichen teilhat, kann er die Vernunft auch in sich selbst erwecken. Auf diesen Gedanken beruft sich später auch der Apostel Paulus in seiner Rede auf dem Areopag (jenem Felsen oder vor dem gleichnamigen Rat in Athen). Der Mensch soll also nicht eine allgemeine, von außen vorgegebene Tugend verwirklichen, sondern das in ihm als Individuum Angelegte. Die Freiheit scheint bei der Befolgung des inneren Gesetzes kurz zu kommen. Nach Zenon ist frei, wer der Vernunft folgt, sich also freiwillig in die letztendlich göttliche Ordnung fügt. Freiheit durch Pflichterfüllung. Um seiner Pflicht nachzukommen, müsse sich der Mensch gerade nicht ins Private zurückziehen, sondern öffentliche Aufgaben übernehmen. Der Mensch sei von Natur aus gesellig, eine allgemeine Menschenliebe solle in ihm wachsen. Dabei solle er sich nicht von Leidenschaften beherrschen lassen, denn diese würden das Gleichgewicht der Seele stören (die Apatheia als Abwesenheit von Affekten). Idealerweise steht der Mensch den Widrigkeiten des Lebens und Schicksalsschlägen unbewegt gegenüber – stoisch eben.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 60–69.

IV. Platon oder Die philosophische Liebe

Kopf des Platon, römische Kopie. Das Original war bald nach dem Tod (348 v. Chr.) in der Akademie aufgestellt worden., Künstler: Silanion

In seinem Kapitel über Platon (ca. 428-348 v.Chr.) geht Weischedel besonders auf den durch dessen Ansichten geprägten Begriff der „platonischen Liebe“, einer Liebe, welche nicht auf Begehren, sondern auf seelischer Zuneigung und Respekt vor dem anderen gründet, ein. Was sich so wohlwollend gegenüber Menschen beiderlei Geschlechts anhört, schränkt Platon selbst wieder durch seine  misogyne Sicht ein. In seinem Denken war das Weibliche ein Fluch, der dem Männlichen auferlegt worden war; die Ehe diente nur der Zeugung und Aufzucht von möglichst wohlgeratenen Kindern und sollte keine private Sache, sondern Angelegenheit des Staates sein. Nach Platons Vorstellung sollte die Frau in den Besitz des Mannes übergehen, nachdem dieser sich das Recht zu heiraten durch kriegerische Leistungen erworben hatte.
Der Begriff „platonische Liebe“ ist einer Begebenheit aus Platons Werk Symposion, aus welchem sich auch ein großer Teil unseres Wissens über Sokrates speist, entnommen: Der junge Alkibiades berichtet von seinen Annäherungsversuchen, nachdem ihm zu Ohren gekommen war, dass sein Lehrer Sokrates eine Schwäche für schöne Jünglinge haben solle (was im Griechenland dieser Zeit schon fast zum guten Ton gehörte). Sokrates bedeutet Alkidiades jedoch, dass er eine innere Schönheit in ihm sehe, die sehr viel mehr wert sei, als sein jugendliches Äußeres.
Den Weg von der sinnlichen zur philosophischen (platonischen) Liebe beschreibt Platon im Symposion, indem er Sokrates berichten lässt, was er als Geheimnis von Diotima, einer Seherin, erfahren habe: Die sinnliche Liebe sei die Sehnsucht nach dem Schönen; wer aber nach Schönem strebe, der trachte von Natur aus danach, es ewig besitzen zu wollen, d.h. er trachtet nach Unsterblichkeit und zeugt Kinder, um durch diese unsterblich zu werden. Der Junge wendet sich also äußerer Schönheit zu und liebt einen einzigen Menschen. Dann bemerkt er die Schönheit eines anderen und erkennt, dass diese der seines Geliebten ähnlich und verwandt ist. Er kommt zu der Erkenntnis, dass alle Schönheit gleich ist und liebt, aus dieser Schlussfolgerung heraus, nun alle Menschen und nicht nur einen einzigen. Er beginnt, die Schönheit der Seele für wichtiger zu halten als die Schönheit des Körpers und gelangt schließlich zu der Erkenntnis, was das Wesen des Schönen in Wahrheit ist.
Teil der platonischen Liebe ist damit nicht allein das Zurückdrängen der Lust, sondern auch die Erkenntnis, was das Wesen der Schönheit selbst ist. Dieser Gedanke ist wiederrum eng verbunden mit Platons Ideenlehre.

Die Ideenlehre
Inspiriert von der Enttäuschung über die Politik seiner Zeit, und der Ungerechtigkeit der Hinrichtung Sokrates´ schlussfolgert Platon: Wenn der Mensch im Staat zugrunde geht, stimmt etwas mit dem Staat selbst nicht. Die Lösung liege in der radikalen Besinnung auf sein Fundament, d.h. auf Gerechtigkeit. So gelangt Platon bei der Frage nach richtigem Verhalten zu dem Schluss, dass jeder Mensch wisse, was es mit den Tugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit, Frömmigkeit und Weisheit auf sich habe, da er in seiner Seele die Urbilder dieser Tugenden trage, welche seine Handlungen bestimmen können und sollen.
Weiter führt er aus, dass der Zusammenhang zwischen Realität und Urbild bei allen Dingen bestehe: So kann der Mensch den Baum als Baum erkennen, weil der bereits in seinem Innern weiß, was ein Baum ist.

„Die Erkenntnis der gesamten Wirklichkeit wird allein dadurch möglich, dass der  Mensch in seiner Seele Urbilder des Seienden besitzt.“  S.46

Alles strebe danach, im Dasein seine Idee zu verwirklichen, der Baum also danach, möglichst Baum zu sein und der Mensch, möglichst Mensch. Damit ist die Welt ein Ort des stetigen Dranges zur Vollkommenheit und die Dinge bloße Abbilder der Ideen, welche sie wirklich sind. Die Ideen sind im Gegensatz zu den Dingen der Welt ewig und unvergänglich.
Daraus ergibt sich die Frage, woher der Mensch die Urbilder in seiner Seele erhalten hat? Platon meint, er könne sie nicht durch Erfahrung während seiner zeitlichen Existenz erworben haben (um einen Baum zu erkennen, muss man wissen, was ein Baum ist). Das Erkennen der Dinge sei lediglich ein Wiedererkennen, denn dem Menschen sei das Wissen um die Urbilder bereits vor  seiner zeitlichen Existenz zugekommen, in einem Dasein vor seiner Geburt. Platon spricht sich also für eine Präexistenz der Seele und ihre Unsterblichkeit aus. Seine Vorstellung vom Dasein vor der zeitlichen Existenz beschreibt er in seinem Werk Phaidros: Die Seelen fahren zusammen mit den Göttern durch den Himmel, wo sie dann die Urbilder erblicken. Die Sehnsucht nach diesem Erlebnis begleite den Menschen sein ganzes Leben lang und bilde den Antrieb, sich von allem Sinnlichen zu befreien. Dies sei auch Philosophie: Die Anstrengung des Menschen, schon im irdischen Leben wieder das Wahrhaftige zu sehen.

III. Sokrates oder Das Ärgernis des Fragens

Ganz im Gegensatz zu der herausragenden Bedeutung, die Sokrates auch heute noch hat, ist Weischedels Kapitel sehr knapp gehalten- was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass Sokrates keine Theorie ausgearbeitet, oder schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen hat. So haben ihm hauptsächlich seine glühenden Anhänger auf das Podest eines Philosophen von Weltrang gehoben.

Der Philosoph
Zu Beginn dieses Kapitels charakterisiert Weischedel den bekannten Philosophen über seine –fast ebenso bekannte- Frau Xanthippe, die ihn durch ihre unangenehme Art erst hinaus auf die Straße und damit ins philosophische Gespräch gebracht und so bedeutenden Anteil an seiner heutigen Größe habe. Sie soll sich über die Bedürfnislosigkeit ihres Mannes geärgert haben, der, barfuß durch die Straßen laufend, das Gespräch mit reichen Aristokraten ebenso wie mit Eseltreibern suchte.
Sokrates wurde  469 v.Chr. in Athen geboren und starb ebenda 399 v.Chr. durch den Schierlingsbecher. Als Soldat nahm er an diversen Feldzügen teil, als Philosoph versammelte er eine Schar und Schülern um sich, zu der auch Alkibiades und Platon gehörten.

Die Theorie
Da Sokrates keinerlei Schriften hinterließ, stützt man sich auf Aufzeichnungen seiner Schüler, die „sokratische Dialoge“ verfassten. Daher kann man in Sokrates´ Fall weniger von „Theorie“ als vielmehr von „Technik“ sprechen.

Sokrates führte den Menschen durch  geschicktes Fragen ihre eigene Unwissenheit vor Augen; glaubten sie etwas von Geld, Staat oder Frömmigkeit zu verstehen, so stieß er sie mit dem Kopf darauf, dass ihnen echtes Verständnis abgehe und brachte sie wie von selbst dazu, über ihr bisheriges Leben vor sich selbst Rechenschaft abzulegen.
Sein Ziel war es, die Menschen durch seine Fragen zum Nachdenken zu bewegen- darüber, wie sie sich verhalten müssten, um „wahrhaft“ Mensch zu sein. Er erkannte als einer der ersten die bevorstehende Krise des Staates und der griechischen Gesellschaft und hatte, trotz seines ungewöhnlichen Lebenswandels, leidenschaftliche Schüler, wie zum Beispiel Alkibiades, der zusammenfasste, dass ihn an seinem Lehrer gerade die Schonungslosigkeit, mit der er Menschen auf ihr Unwissen stoße, fasziniere.
Dabei gesteht Sokrates ausdrücklich, dass er selbst keinerlei Antworten auf die Fragen nach Wahrheit und rechtschaffenem Handeln habe und dass sein einziger Vorsprung vor seinem Gesprächspartner eben sei, dass er sich diese Unwissenheit bewusst gemacht habe. So kommt man auch zu der paraphrasierten Aussage Sokrates´:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Die Athener hingegen sahen den spazierenden Philosophen kritisch, denn sie ließen sich nicht gern ihr eigene Unwissenheit vor Augen führen- zumal von einem, der zugab, selbst keine Antworten zu haben. Indem er Sichergeglaubtes infrage stellt, gefährde er die sowieso schon gefährdete Religion, sowie das Staatswesen. Dass er auch noch eine Schar von jugendlichen Anhängern um sich sammelt, machte die Sache nicht besser. Er wird schließlich der Gottlosigkeit und Verführung der Jugend angeklagt.
Als sein Prozess ansteht, entschuldigt sich Sokrates nicht etwa und bittet um Gnade, sondern fordert Dankbarkeit für seinen Dienst an der Stadt Athen und gibt an, im Namen Apollons zu handeln. Er wird schließlich zum Tode verurteilt und die Gewissheit, das Richtige zu tun, lässt ihn sein Urteil annehmen.
Diese Gewissheit sei die wahre Entdeckung Sokrates´, meint Weischedel: Die Entdeckung, dass sich der Mensch im Grunde seines Herzens dazu verpflichtet fühle, Richtiges zu tun.

II. Parmenides und Heraklit oder Die gegensätzlichen Zwillinge

Der Titel dieses Kapitels rührt daher, dass man Heraklit von Ephesos gemeinhin als „Philosoph des Werdens“, Parmenides hingegen als „Philosoph des Seins“ betrachtet. Über beide gibt es relativ wenige Informationen.

Parmenides von Elea (ca. 540- 483 v. Chr.)
Parmenides lebte im 6. Jahrhundert vor Christus in Elea, Unteritalien und soll ein durchaus reicher Politiker gewesen sein. Ebenso soll er Reisen nach Athen unternommen haben, wo er auf den jungen Sokrates traf. Er drückte seine philosophischen Gedanken in Versform aus. So ist sein Lehrgedicht „Über die Natur“ überliefert, in welchem er die Ansicht vertritt, dass Wahrheit nicht durch Nachdenken erfahren werden kann, sondern dass der Mensch aufgeschlossen sein muss, um sie zu erkennen.
(Wobei sich diese beiden Dinge meiner Meinung nach nicht widersprechen müssen.)

Die Theorie
Parmenides unterscheidet zwischen Wahrheit und Meinung, d.h. der Art, wie der Mensch die Wirklichkeit sieht. Der Mensch gelange zur Meinung, indem er nicht das große Ganze wahrnehme, sondern nur das einzelne Ding, welches er dann für wirklich halte. Er übersehe die allem zu Grunde liegende Einheit, weil er die Welt von Gegensätzen dominiert sehe und halte außerdem das Vergängliche für das wirklich Existierende. Daraus ergibt sich für Parmenides die Aufgabe des Philosophen, zu erkennen, was wirklich ist, indem er hinter den „Schein“ der Dinge schaut.
Nach dieser Erkenntnis gibt es für ihn drei Möglichkeiten (Pfade) zu leben:
1. Man erkennt weiterhin die vermeintliche „Wahrheit“ der Meinung an und geht damit den Weg des Unwissens. –Parmenides jedoch warnt vor dieser Möglichkeit.
2. Man behauptet bei der Betrachtung von Sein und Nichtsein, dass das Nichts sei. –
Dies hält Parmenides für unmöglich, da er das Nichts für unerkennbar und damit unwahr hält.
3. Man sucht, was Sein ist. –Parmenides definiert das Sein als das, was übrigbleibt, wenn ein Ding vergeht, es also ins Nichts sinkt, und damit als die wahre Wirklichkeit.
Aus dieser dritten Möglichkeit kommt man zu dem berühmten Ausspruch:

„Das Sein ist.“

Die Merkzeichen des Seins sind ebenso definiert: Das Sein ist eins, d.h. es ist nicht aufgespalten in verschiedene Einzelteile wie endliche Dinge und enthält keine Gegensätzlichkeit, sondern Ganzheit. Daraus ergibt sich, dass es nicht vergänglich, sondern ewig ist. Der Gedankengang, der in Parmenides´ Philosophie begründet liegt, ist damit der folgende:
→Wer das Wahrhaftige sucht, darf sich nicht an die ihn umgebenden vergänglichen Dinge, sondern muss sich an das Ewige, Unvergängliche halten.

Diesen „Weltverlust“ wie Weischedel ihn nennt, findet man bei Heraklit nicht.

Heraklit von Ephesos (ca. 550-480 v.Chr.)
Über den Philosophen Heraklit, der aus Ephesos in Kleinasien stammt, ist, obwohl von seinen Werken selbst nichts überliefert ist, etwas mehr  bekannt als über Parmenides. So handelte es sich bei Heraklit wohl um einen politisch aktiven Aristokraten, welcher sich zu einem späteren Zeitpunkt in seinem Leben ins Gebirge zurückzog. Die kuriose Anekdote, dass er dort an Wassersucht erkrankte und sich mit Rindermist bedeckte, um sich selbst zu kurieren und seinen Körper auszutrocknen, erwähnt Weischedel ebenfalls. Heraklit wird auch „Der Dunkle“ genannt, da von seinem Werk nur rätselhafte Wortspiele und schwer verständliche Fragmente überliefert werden, die das Verständnis seiner Philosophie erschweren.

Die Theorie

Ebenso wie Parmenides spricht Heraklit sich gegen die „Meinung“ aus; die Menschen, die ihr anhingen, würden sich nur einbilden, die Welt zu verstehen. Einzig der Philosoph besitze die Einsicht. Daher äußert er sich auch kritisch gegenüber „Vielwissern“ wie Hesiod, Xenophanes, Pythagoras und sogar Homer, da sie kein „echtes“ Verstehen besäßen. Auch in der Religion, bei der Anbetung der Götter fehle es an Einsicht, am Logos.
Heraklit glaubt, dass der Logos bei den meisten Menschen durchaus vorhanden sei; die Aufgabe des Philosophen sei es, diesen zum Vorschein zu bringen. Mit dem Ausspruch „Der Seele ist ein Logos eigen“ richtet Heraklit als erster den Blick in das Innere des Menschen, zwar nicht im heutigen psychologischen Sinne, jedoch auch, um Antworten auf die Frage nach der Wahrheit zu erhalten.

Für Heraklit erscheint die Wirklichkeit in sich widersprüchlich; schon im einzelnen Seienden sah er Widersprüche. So nennt er als Beispiel das Meerwasser, das für Fische rein und vollkommen sei, für Menschen jedoch ungenießbar. Er hält in seiner Theorie an der Welt fest- ganz im Gegensatz zu Parmenides, der sie für Schein hält- da sie die Wirklichkeit des Menschen darstelle.
So seien alle Dinge durch ihre Gegensätze miteinander verbunden, was sich schon daran zeige, dass diese auch ineinander umschlagen können: „Kaltes erwärmt sich, Warmes kühlt ab.“
Die ganze Welt sei ein einziger Kreislauf von Verwandlungen: „Für Seelen ist es Tod, Wasser zu werden, für Wasser aber Tod, Erde zu werden; aus Erde aber wird Wasser, aus Wasser Seele.“ Das zentrale Symbol für Heraklit ist aber das Feuer, das verlöscht, aber immer wieder aufglimmt- in einem ewigen Kreislauf.

Schlussfolgerung
Weischedel kommt zu dem Schluss, dass die Teilung „Philosoph des Werdens“ für Heraklit und „Philosoph des Seins“ für Parmenides zu vereinfachend sei, da Heraklit zwar die Zerrissenheit der Welt beschreibe, aber ebenso, und darin nähern sich Parmenides und er an, die allem innewohnende Einheit erkenne. So ist die Formel „Alles ist eins“ der gemeinsame Nenner der beiden.
Ein signifikanter Unterschied bleibt allerdings bestehen: Für Heraklit existiert Vielheit durch die Verwandlung des Seins („Alles fließt“); für Parmenides ist Vielheit Schein und allein die Einheit wahrhaftig.

I. Thales oder Die Geburt der Philosophie

Thales von MiletDie eigentliche „Geburt“ der Philosophie liegt im Dunkeln, was schon früher Anlass zu diversen Spekulationen und vermeintlichen Beweisen  gab. So stellt der evangelische Theologe Jakob Brucker (1696-1770) im 18. Jahrhundert in seinem Werk „Kritische Geschichte der Philosophie“ die These auf, die Philosophie entspringe sich selbst und gehe demnach noch hinter die Sintflut zu Adam und Noah zurück. Er kommt dann aber zu der Überlegung, dass Adam und seine Söhne wohl doch nicht die ersten Philosophen gewesen sein konnten, da sie, laut der Bibel, viel zu „beschäftigt“ gewesen seien, sich selbst am Leben zu erhalten und die ihnen zugedachte Aufgabe zu erfüllen. Die „Sorge um den Leib“ hielt sie vom Philosophieren ab.
Ganz ähnlich denkt auch Aristoteles (384-322 v.Chr.): Er sagt, die Philosophie und die Wissenschaft allgemein –wobei anfangs ja teilweise deckungsgleich- würden erst möglich, wenn der Mensch versorgt ist und daher einen gewissen Freiraum zu anderen Überlegungen gewonnen hat. Dies sei zum ersten Mal im alten Ägypten der Fall gewesen, wo sich Priester der Mathematik und Astronomie widmen konnten. Die Philosophie sei aber erst bei den Griechen entstanden, dort nämlich bei einem reichen Händler aus der Stadt Milet. So gilt Thales von Milet (um 625-547 v.Chr.) als erster Philosoph der Geschichte.
In verschiedenen Erzählungen wird er als gerissener Geschäftsmann porträtiert; sicher ist, dass er sich mit Mathematik, Astronomie und Politik beschäftigte. Er berechnete eine Sonnenfinsternis voraus- als diese dann auch tatsächlich eintrat, erlangte er Berühmtheit, was den Spruch begründete „Die Philosophie der Griechen begann mit dem 28.Mai 585“.

Die Theorie
Thales wollte das Wesen der Dinge und ihren Ursprung erkennen; später bauen Platon und Aristoteles auf seinen Überlegungen auf, der Kaufmann aus Milet ist jedoch der erste, der sich die Frage nach dem Ursprung stellt. In seinem Denken konkurrieren eine Art früher Materialismus und die Frage nach der göttlichen Präsenz- eine heute noch aktuelle Kontroverse. Das Wasser nimmt bei Thales eine entscheidende Stellung ein, denn es gilt ihm als universeller Ursprung, sowohl der Natur als auch der menschlichen Seele. Dennoch ist für ihn „alles voll von Göttern“. Aristoteles interpretiert diese scheinbar widersprüchlichen Aussagen folgendermaßen: Thales habe an die mythischen Flüsse Okeanos, welcher die Erde umfließt und magischer Schöpfer ist, und Styx, den Totenfluss, auf welchen die Götter einen heiligen Eid leisten, gedacht und damit gemeint, dass das Göttliche alles auf der Erde durchdringt, ebenso wie das Wasser allem Lebenden innewohnt.

→Die Philosophie beginnt also, zu erfragen, was bisher mit Mythen erklärt wurde, ohne dabei den substanziellen Inhalt des Mythos –die Aussage, dass die Wirklichkeit göttliche Tiefe besitzt- zu bestreiten.

Eine weitere Frage, die sich dann unweigerlich stellte war, wie das Ewige das Vergängliche hervorbringen kann, wenn doch die vergängliche Welt

Anaximander, Detailansicht aus "Die Schule von Athen", Raphael Santi, 1510/11, Stanzen des Vatikans, Rom

auf dem ewig Göttlichen gründet?
Darauf fand der ebenfalls aus Milet stammende Anaximander (ca. 610-547 v.Chr.) eine Antwort: Das Untergehen eines Dinges sei die Buße einer Schuld, jener Schuld nämlich, dass das Ding länger im Dasein bleiben will, als ihm zusteht und es damit anderen Dingen die Möglichkeit nimmt, ins Dasein zu treten, also einen Platz besetzt hält, der ihm nur auf Zeit gegeben wurde. Aber auch gegen das Göttliche macht es sich schuldig, denn das Göttliche will als unaufhörliche Schöpfungskraft verstanden werden. Wenn das Ding nun die Schöpfung neuer Dinge hemmt, würde das Göttliche selbst starr und ohnmächtig.

→D.h. der Untergang der Dinge wird mit dem Göttlichen gerechtfertigt und Vergänglichkeit wird zur Grundfrage der Philosophie.

Weischedel selbst schließt, indem er Bezug auf eine Anekdote nimmt, der zufolge Thales so in Gedanken vertieft war, dass er einen Brunnenschacht übersah und  hinein fiel:
„Aber wer nicht riskiert, den Grund, auf dem er steht, zu verlieren, in der verwegenen Hoffnung, einen tieferen und sicheren Grund zu erlangen, der wird nie wissen, was das Philosophieren in seinen Anfängen bedeutet.“ (S.20)

Interessantes
Thales von Milet wird zu den Sieben Weisen gezählt, griechischen Staatsmännern und Philosophen des siebten und sechsten Jahrhunderts vor Christus, die erstmals bei Platon erwähnt werden.
1.Thales von Milet
2.Pitakos aus Mytilene
3.Bias aus Priene
4.Solon aus Athen
5.Kleobulos aus Lindos
6. Myson aus Chenai/ Periander aus Korinth
7.Chilon aus Sparta

Philosophie über die Hintertreppe

Vor einiger Zeit habe ich mir Wilhelm Weischedels Werk „Die philosophische Hintertreppe- Die großen Philosophen in Alltag und Denken“ zugelegt. Für mich, die ich Philosophie als Hobby betreibe -wenn man das denn so sagen kann- geben die 34 Kapitel von der Antike bis zu Wittgenstein einen guten Ein- und Überblick. In nächster Zeit werde ich hier Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel veröffentlichen, gefüttert mit weiterführenden Informationen. Natürlich gibt es immer jemanden, bestimmt sogar eine Menge Leute, die sich eingehender mit den entsprechenden Philosophen beschäftigt haben, doch ich hoffe, dass die Zusammenfassungen gerade für andere Laien interessant und informativ sind.