Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts erkennt einer die Begabung des jungen und politisch unbedeutenden Feldherrn Karl Alexander schnell: Joseph Süß Oppenheimer, der sich bereitwillig als Finanzmann in die Dienste des jungen Adligen stellt. Als dieser dann tatsächlich Herzog von Württemberg und einer der mächtigsten Männer zwischen Preußen und Wien wird, erlebt auch „Jud Süß“, wie Oppenheimer gemeinhin genannt wird, einen kometenhaften Aufstieg. Als einer der reichsten Männer des Reiches residiert er in Prunk, sammelt Frauenbekanntschaften und Edelsteine; er hält alle Fäden in der Hand. Ein Geheimnis verbirgt der bedeutendste Mann des Reiches jedoch lange vor der Hofgesellschaft: Seine uneheliche Tochter, die fernab der restlichen Welt mit seinem Onkel, einem geheimnisumwitterten Kabbalisten, tief im jüdischen Glauben verwurzelt heranwächst. Oppenheimer liebt sie über alles und als sie sich vor dem zudringlichen Herzog in den Tod flüchtet, plant der Finanzminister sorgsam seine Rache.

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[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa” – Somalia

Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, heute den zweiten Teil eines Gastbeitrags veröffentlichen zu können, der sich mit einem ganz besonderen und tragischen Land beschäftigt: Somalia.

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[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa”

Dieses Mal gibt es einen echten Geheimtipp: Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, an dieser Stelle den ersten von zwei Teilen eines Gastbeitrags veröffentlichen zu dürfen, der uns mitnimmt in die ernste, manchmal grausame, in jedem Fall aber bunte Welt der afrikanischen Literatur.

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Kleffner, Meisner (Hg.): Unter Sachsen (2017)

Unter Sachsen_VS-Cover_final.inddWer sich den Nachrichten nicht völlig versperrt, hört immer wieder von rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten, häufig in Ostdeutschland und besonders häufig in Sachsen. Aber warum gerade hier? Warum scheinen die Sachsen so anfällig zu sein für fremdenfeindliche Parolen und rechtes Gedankengut? Diesen Fragen geht das sehr wichtige Buch „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“ nach.

In einem Wechsel zwischen literarischen Texten, politischen Analysen und Interviews berichten bekannte und weniger bekannte Autoren, Journalisten und Kunstschaffende über verschiedene Aspekte rechtsextremer Gewalt in Sachsen. Da geht es um den Kleinstkosmos sächsischer Dörfer, in die sich zwar seit Jahren kein Ausländer verirrt hat, die aber wie selbstverständlich von dem örtlichen kriminell-rechtsextremen Vandalen terrorisiert werden. Wer nicht in die Schusslinie geraten will, hält besser den Mund. Neben den „offensichtlichen Zielscheiben“ wie Flüchtenden oder Deutschen mit Migrationshintergrund sind nämlich oftmals auch Helfer, gesellschaftlich engagierte Bewohner, die Willkommensinitiativen oder Gesprächskreise starten, von blankem Hass bis hin zu offenen Morddrohungen vom Nachbarn drei Häuser weiter betroffen. Längere Texte werden in „Unter Sachsen“ von kurzen „Zwischenrufen“, persönlichen Eindrücken von Politikern, lokalen Künstlern und Betroffenen abgelöst, die Erfahrungen mit Rechtsextremismus sächsischer Spielart konzentriert wiedergeben.

Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Autoren – mal sachlich-nüchtern, mal sehr persönlich – zeichnet „Unter Sachsen“ ein umfassendes Bild davon, wie das menschliche Miteinander in Stadt und Land unter der weiten Streuung rechtsextremen Gedankengutes leidet. Pauschal kritisiert werden „die Sachsen“ nicht; vielmehr sind die vielen vorgestellten Initiativen für Toleranz und respektvollen Umgang bemerkens- und begrüßenswert. Absolut deutlich wird dabei aber auch, dass diese ohne eine nachdrückliche Unterstützung aus Politik und einer mutigen Presse, die nicht zögert, Rechtsextremismus beim Namen zu nennen, nicht funktionieren können. Daher sparen viele der Autoren auch nicht mit Kritik an langjährig CDU-dominierter Regierung, an Polizeibehörden und schleppend laufenden Justizverfahren.

Meine Sorge, in diesem Buch mit lauter linker Rhetorik und damit einhergehenden Kampfbegriffen konfrontiert zu werden, hat sich nicht bestätigt. Sicher, viele der Beiträge sind streitbar, einige in ihrer Kritik zu tendenziös. Aber genau dadurch setzt beim Leser ein Denkprozess, eine eigene Meinungsbildung ein, die dazu anregt, am Rande des Bewusstseins vorbeiflatternde Nachrichtenfetzen in Zukunft mit mehr Aufmerksamkeit wahrzunehmen. „Unter Sachsen“ stößt gekonnt in eine Lücke, die jüngere gesellschaftliche Entwicklungen aufgetan haben und kommt daher genau zum richtigen Zeitpunkt.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.), Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Ch. Links Verlag 2017, 312 S., 18€, ISBN: 978-3-86153-937-7.

 

Deborah Feldman: Überbitten (2017)

cover_350x240Heute erscheint „Überbitten“, das dritte Buch der Wahlberlinerin Deborah Feldman. In ihrem Roman verarbeitet sie die Zeit nach dem Ausstieg aus einer isolierten jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York und beschreibt Ängste, Reisen und Freundschaften, die ihr Ankommen in der neuen Welt begleiten.

Sieben Jahre sind es, die sie nach ihrem Ausbruch schildert. Sieben Jahre, das letzte nach jüdischer Tradition das Sabbatjahr, in dem Schulden erlassen und Sklaven befreit werden. Eng sind der Aufbau dieses Buches und Feldmans Herkunft verwoben und bis zum Überbitten – etwa dem Verzeihen aus dem eigenen Glauben heraus, vielleicht sogar der Vernunft zuwider – ist es ein langer Weg, der die Autorin von Manhattan und dem Sorgerechtsstreit um ihren Sohn ins Europa ihrer Großeltern bis schließlich ins heutige Berlin führt.
Jedes einzelne Jahr nach dem Neuanfang ist anders: Während das erste noch von existenzieller Not geprägt ist, stellt sich mit der Zeit der schriftstellerische Erfolg ein, als „Unorthodox“ überraschend einschlägt und die Bestsellerliste der New York Times erklimmt. Die Sorge um Nahrung und Kleidung verschwindet, Feldman kann der Stadt nach Neuengland entfliehen, doch beim Ringen um die eigene Identität hilft Geld nur wenig. Die Autorin reist, viele Reisen führen sie nach Europa, wo sie die Wurzeln ihrer Großeltern weiß und doch nur tote, nach dem Holocaust auf ewig verbrannte Erde vermutet. Oft wird sie überrascht, manchmal bestätigt. Ihre Bekanntschaften zeigen: der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens ist für viele Europäer immer noch schwierig. Was sagen, was fragen, wie reagieren?

Während „Unorthodox“ der Literaturwelt unvergleichlich tiefe Einblicke in die abgeschlossene Welt des Chassidismus gab, gibt uns Feldman diesmal etwas noch Persönlicheres: Einblicke in die schwierige Suche nach der eigenen Identität, die in der Kindheit unter den Kollektiverfahrungen eines ganzen Volkes begraben wurde. Wer glaubt die traumatische Wirkung des Holocaust sterbe mit seinen letzten Überlebenden, wird hier eines Besseren belehrt. Es sind  auch die Nachkommen der zweiten Generation, die sich mit den Traumata ihrer Vorfahren auseinandersetzen müssen und in einigen Fällen immer noch um einen Umgang mit den Nachkommen der Täter ringen.

Siebenhundert Seiten stark ist „Überbitten“ geworden. Man merkt dem Werk an, dass Feldman sich hier eine Menge von der Seele schreiben musste. Wie sie es wollte gibt sie ihrem ganzen Leben unverkennbar eine erzählerische Struktur und vermeidet Wiederholungen, sodass man diesem besonderen Lebensweg Seite um Seite in gespannter Erwartung folgt. Ihr erstes Werk „Unorthodox“ sollte man zuvor gelesen haben, dann kann man sich gut vorbereitet auf dieses fesselnde und sehr persönliche Werk einlassen.

Deborah Feldman, Überbitten. Autobiographische Erzählung, aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2017, 704 S., 28 €, ISBN 978-3-906910-00-0

Hier gibt es ein Interview mit der Autorin zum Buch. Wenn ihr auch eine Rezension zum Buch verfasst habt, verlinkt euch gern in den Kommentaren!

Ergänzung: Bei Lobe den Tag wird auch über Überbitten geschrieben.

Vladimir Nabokov: Lolita (1955)

Lolita. Ein Name, zur Bezeichnung geworden für lasziv dreinblickende junge Mädchen, ständig bereit, ältere Männer zu verführen. Immer hatte ich „Léon – Der Profi“ vor Augen und bin zudem ein wenig vor diesem Roman zurückgeschreckt. Schlussendlich siegte doch die Neugier und bescherte mir ein außergewöhnliches Leseerlebnis, hin und hergerissen zwischen Empörung in Anbetracht der Handlung und Bewunderung für die einmalig kluge und fesselnde Sprache Nabokovs.

Lolita

Der Mittvierziger Humbert Humbert (allein der Name: grandios!) berichtet aus dem Gefängnis heraus über die Tat, die ihm vorgeworfen wird: Der lästerliche jahrelange Roadtrip  mit der zu Beginn zwölfjährigen Dolores (Lolita), die Mutter tot, er als ihr Stiefvater übriggeblieben – Tennisunterricht und sexuelle Dienste inklusive. Sie führen eine Art von Beziehung, in der es stellenweise so scheint, als dominiere das junge Mädchen den Erwachsenen vollends, der ihr, unterwürfig, jeden Wunsch von den Augen abliest. Dass Lolita die Flucht gelingt, verbessert die ohnehin angeschlagene psychische Gesundheit Humberts nicht und er macht sich zu einem blutigen Rachefeldzug gegen Lolitas „Entführer“ auf.

Spannend sind so viele Dinge an diesem Buch, dass eine kurze Aufzählung sie nur andeutungsweise umfassen kann: Die Namen der Figuren sind sehr ausgesucht gewählt, Nabokov gibt hierzu Erläuterungen im Nachwort. Oft fragt man sich, wer gerade eine Äußerung getätigt hat: War es Humbert im Zuge seiner apologetischen Schilderungen, dabei psychisch angeschlagen, oft angetrunken und daher ein unzuverlässiger Erzähler? Der fiktive Herausgeber der Aufzeichnungen oder der Autor Nabokov selbst? Wird hier aus europäischer Sicht Kritik an den Vereinigten Staaten geübt? Oder andersrum? Wo finden sich Querverbindungen in andere Sprachen? Wortspiele aus dem Englischen, Russischen, Deutschen und Französischen, die wohl nur der versteht, der all diese Sprachen beherrscht. Wie gelingt es dem Autor, die Geschichte zwischen den beiden unsympathischen Figuren derart fesselnd zu gestalten und dabei immer den einen oder anderen Witz einzustreuen? Was ist am Ende „Wahrheit“, was Wahn?

Schon beim Lesen musste ich immer wieder nach Interpretationshilfen suchen und einzelne Begriffe nachschlagen. Ausgestattet mit den hilfreichen Anmerkungen meiner Freundin, die „Lolita“ in der Uni gelesen hatte, konnte ich mit viele – wenn auch bei weitem nicht alle – Anspielungen verstehen; es zeigten sich bemerkenswerte Querverbindungen, die immer und immer wieder Nabokovs umfassende Bildung offenbarten. Einschübe aus dem Französischen, manchmal Deutschen wurden unübersetzt übernommen, dem Leser wird hier einiges abverlangt.
Wenn auch nicht der Protagonist, so wurde mir der Autor sympathisch: Wunderbare Wortschöpfungen, schier unendliche Wortspiele mit dem Namen Humbert Humbert und ein Wortschatz, der in heutigen englischsprachigen Werken seinesgleichen sucht und nur schwerlich findet. Erst mit der Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten vor Augen ging mir auf, wie vielschichtig dieses Werk ist ­­– was zunächst hinter der krassen Thematik zurücktrat. Im englischen Original empfand ich „Lolita“ auch sprachlich als schwierige Lektüre, was die Bewunderung für den russischsprachigen Nabokov, der dieses Werk als sein erstes in englischer Sprache verfasste, nur steigert.

Die Annäherung Humberts an Lolita in der ersten Hälfte des Romans war deutlich spannender zu lesen als der lange Roadtrip durch die USA und die Suche nach dem „Entführer“ des Mädchens. Da zogen sich einige Beschreibungen für meinen Geschmack zu sehr in die Länge und ich wartete darauf, dass Humbert endlich ins Gefängnis wandert. Mit dieser kleinen Einschränkung war Nabokovs „Lolita“ ein ausnehmend bereichernder und tiefgründiger Roman.

Vladimir Nabokov, Lolita, verschiedene Ausgaben.

Weitere (und im Tenor völlig unterschiedliche) Besprechungen finden sich u. a. bei Nettebuecherkiste, Büchereulen und muromez.

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter (2015)

9783328100188_CoverNein, nein, nein. Ich bin schon mit Skepsis an dieses Buch herangegangen. Zuerst musste natürlich „Wer die Nachtigall stört“ gelesen werden. Danach definitiv: Nein.

Scout kehrt nach einigen Jahren in New York für einen Sommer nach Maycomb zurück. Mitte zwanzig, erscheint ihr die Stadt kleiner und enger als je zuvor. Ihr Bruder Jem ist tot, doch sie freut sich auf ihren Vater Atticus und ihren vielleicht-bald-Verlobten-man-wird-sehen Henry. Als sie miterleben muss, wie beide in einem sogenannten Bürgerrat den hetzerischen rassistischen Ausschweifungen eines geladenen Redners lauschen, will sie empört wieder abreisen.

Dieses wiederentdeckte und von der Autorin nicht zur Veröffentlichung bestimmte Werk fällt qualitativ gegenüber „Wer die Nachtigall stört“ stark ab. Zu unausgereift ist die Geschichte, zu wenig plastisch die Charaktere, zu unausgegoren die Auflösung am Schluss. Die Sprache ist lange nicht so ausgefeilt und Figuren, denen in der „Nachtigall“ zum Glück eine viel größere Rolle zugestanden wird – Jem, Calpurnia! – kommen hier nur am Rande vor. Scout wirkt als junge Frau etwas aus ihrer Heimatumgebung gefallen, zu schnoddrig ist ihr Ton, zu schamlos ihre Bemerkungen; ihre detaillierte Darstellung als Kind in der „Nachtigall“ ist um einiges glaubwürdiger geraten.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“, der Titel einem Psalm entlehnt, ist deutlich als Sittenbild des Südens angelegt. Die Umsetzung ist allerdings aufdringlicher und weniger differenziert als in der „Nachtigall“. Man kommt gar nicht umhin, beide Werke zu vergleichen – bei diesem Vergleich zieht „Gehe hin“ leider deutlich den Kürzeren. Auch die kommentarlose Veröffentlichung ist schade. So ein Jahrhundertfund hätte schon ein ausführliches Nachwort verdient.

Trotz allem war es interessant, die liebgewonnenen Figuren einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten; zu erfahren, wie anders die Autorin das Thema ursprünglich angehen wollte. Obwohl mir das Buch nicht gefallen hat, schmälert es den Ruhm der Autorin nicht. Es zeigt auf, welche Entwicklungen eine erstmals erdachte Geschichte nehmen kann und wie viel Feinarbeit nötig ist, bis man einen Pulitzer-würdigen Roman vorlegt. „Wer die Nachtigall stört“ strahlt nach der Veröffentlichung dieses Manuskriptes noch heller.

Weitere Besprechungen finden sich u. a. bei Sätze und Schätze, minoherba und Papiergeflüster.

Harper Lee; Gehe hin, stelle einen Wächter (OT: Go, set a watchman, aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann); 320 S., 10 €, DVA 2016; ISBN-10: 3328100180.

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Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (1960)

mockingbird.jpgDie Kleinstadt Maycomb, Alabama liegt in den 1930er Jahren fernab allen Übels, nur eine Zugstrecke verbindet sie mit dem Rest des Landes. Die Depression schlägt zwar auch hier zu, doch die neunjährige Scout verlebt mit Bruder Jem, Vater Atticus und ihrer mütterlichen Haushälterin Calpurnia eine glückliche Kindheit. Die schwarzen Einwohner des Ortes sind aus der Sklaverei entlassen worden, leben jedoch in ärmlichen Verhältnissen, sind Analphabeten und arbeiten immer noch unter Aufsicht der weißen Farmer. Man bleibt unter sich. Als Atticus vor Gericht einen schwarzen Arbeiter und mutmaßlichen Vergewaltiger einer weißen Frau verteidigt, offenbaren sich die Risse, die tief durch das idyllische Maycomb und den ganzen Süden der USA gehen.

Durch die Augen und Scout und Jem erfährt man nach und nach mit kindlicher Unschuld von dem Unrecht, das für die schwarze Bevölkerung allgegenwärtig ist. Diese wird nicht als einheitliche Masse beschrieben; mit Calpurnia, dem Pfarrer und Calpurnias Sohn greift Lee einige Figuren heraus, die einen kleinen Einblick in das Leben der Gemeinde geben.
Die vermeintlichen weißen Opfer entpuppen sich schnell als Lügner, die ihr ganzes Selbstbewusstsein daraus ziehen, in aller Armut und Erbärmlichkeit eben weiß und nicht schwarz zu sein – heute würde sie man wohl als „White Trash“ bezeichnen. Das Wissen um die Lüge hindert die Bewohner Maycombs allerdings nicht daran, Atticus und seine Familie zu bedrohen und als lynchender Mob durch die Straßen zu ziehen. Weiterlesen

Katharina Bendixen: Ich sehe alles (2016)

BendixenNach ihrem Bachelor-Abschluss beschließt die Protagonistin, ein Jahr lang als Au-Pair bei einer deutschen Familie in Budapest zu arbeiten. Sie scheint das große Los gezogen zu haben: In der Villa mit Haushälterin lässt es sich gut leben, die kleine Tochter ist süß, mit den anderen Au-Pairs kann man die Nächte durchtanzen. Wenn sich nur ihr Freund aus Hamburg endlich melden würde. Und warum stört es niemanden, dass das Mädchen nie etwas isst? Unsere Erzählerin sieht alles. Aber bald schon fragt sich der Leser, ob er ihr in dieser Geschichte überhaupt trauen kann.

Die Atmosphäre in Katharina Bendixens erstem Roman ist bedrückend: Budapest ein bedrohliches Moloch, das seine Bewohner nur duldet. Die Bilderbuchfamilie nicht so perfekt wie es zunächst scheint. Die Beziehung der Protagonistin zu ihrem Freund? Das bleibt offen, denn so langsam beginnt man sich zu fragen, ob der Freund, von dem sie allen, die es hören oder auch nicht hören wollen erzählt, wirklich existiert. Die Gedanken der Erzählerin werden immer obsessiver, Bendixens klare schnörkellose Sprache unterstreicht dies zusätzlich. Ein Geheimnis reiht sich an das nächste. Metaphern sind gekonnt gesetzt, die Budapester Außenwelt läuft parallel zur Innenwelt der Protagonistin immer weiter aus dem Ruder. Hier hat die Autorin die derzeit angespannte politische Situation in Ungarn weitergesponnen und in Straßenschlachten ausarten lassen. Gegen Ende wird gar alles etwas surreal; die Gastfamilie feiert ein rauschendes Fest, während draußen die Autos brennen.

Wem Veronika Friederike Hasels Roman „Lasse“ gefallen hat, der ist mit „Ich sehe alles“ gut beraten. Anders als bei Hasel wird hier allerdings schneller klar, dass die Erzählerin echte Probleme hat; das Buch ist in dieser Hinsicht durchschaubarer, weil es sich auf dieses Thema beschränkt. Wenn man die Geschichte, die einige Geheimnisse bis zum Schluss nicht preisgibt, aber durchschaut hat, beobachtet man das Geschehen immer noch mit echtem Interesse. Budapest-Besucher werden sich an viele Orte und Sehenswürdigkeiten erinnert sehen; ein bisschen fühlt man, dass der Stadt Unrecht getan wird: So schlimm, und so schön, also so schwarz-weiß, wie die Protagonistin sie erlebt, ist sie dann doch nicht. Als reiner „Thriller“ kann Bendixens Roman zwar nicht bezeichnet werden – einen unerwartet intensiven Sog entfaltet er dennoch.

Katharina Bendixen, Ich sehe alles, Poetenladen 2016, 160 S., Hardcover, 18,80 Euro, ISBN 978-3-940691-77-4.

Die Besprechungen sind bislang rar gesät, sie finden sich u. a. bei Fixpoetry und radioeins.