Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo

 57 kurze Texte, oftmals nur eine halbe Seite lang, die Aleppo zeigen, wie es heute ist. Zerstört, fremdbestimmt, gefährlich. Zwischen Stromausfällen und Explosionen wohnen hier noch Menschen wie der 1946 geborene Schriftsteller Niroz Malek. Sie sind hier, weil sie wollen, nicht, weil sie nicht anders können. Seine Familie ist mittlerweile geflohen; viele seiner Verwandten haben in Deutschland Zuflucht gefunden. So auch seine Tochter, die die französische Ausgabe in eine rheinischen Buchhandlung mitbrachte und dort auf den Verleger Stefan Weidle traf. Ein Foto, ein Entschluss – so findet das Buch jetzt auch deutschsprachige Leser.

Malek

Eigentlich möchte man, dass einem jede einzelne dieser 57 Miniaturen vorgelesen wird. Damit sie wirken. Damit man nicht mit den Augen schnell über den Schrecken der Zeilen hinweghuschen kann. Hinweghuschen, weil man es vom täglichen Lesen der Nachrichten aus Syrien mittlerweile so gewohnt ist. Einen feinen älteren Herrn stellt man sich dazu vor, mit müder Stimme aber wachen Augen, der bestimmt, vielleicht auch ein wenig starrköpfig, an seiner Entscheidung festhält, in Aleppo zu bleiben.

Die Geschichten sind sehr unterschiedlich; häufig sind es kleine Beobachtungen oder Gedanken des Autors. Erinnerungen an vergangene Lieben, Erzählungen von Freunden, Berichte über Spaziergänge in den zerstörten Straßen, den allgegenwärtigen Checkpoints mit ihren vermummten Soldaten zum Trotz. Den Geschichten gemeinsam ist der tief sitzende Schmerz, das Leid, das aus ihnen strömt. Das kurze Aufflackern des Glücks wird jäh zerstört, wenn sich herausstellt, dass der gute Freund tot ist, dass die erste Liebe erschossen wurde. Bedeutsam ist die schreckliche Erkenntnis, dass in Aleppo, in diesem Höllenloch aus den Nachrichten, Menschen sitzen wie ich, die sich im Café mit ihren Freunden treffen, die sich an Spaziergängen erfreuen, die lieben und die lesen, lesen und schreiben bis spät in die Nacht. Da in Aleppo sitzen noch Menschen wie wir. Und das ist die bedrückendste Erkenntnis, die diese Miniaturen uns bringen.

Niroz Malek, Der Spaziergänger von Aleppo (OT: Tahta sam’il harb, aus dem Arabischen von Larissa Bender) 144 S., 17 €, ISBN: 978-3-938803-83-7.

Weitere Besprechungen finden sich u. a. bei
aus-erlesen
Mona Lisa
dem Grauen Sofa
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Klappentexterin.

Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie

 

Schwarze MagnolieHyeonseo ist ein normaler Teenager: Sie mag Mode, streitet sich mit ihrem jüngeren Bruder, schaut gerne Fernsehserien – und lebt in Nordkorea.

Mehrmals zieht ihre Familie innerhalb des Landes um, der Vater bekleidet einen gehobenen Rang in der Armee, daher sind Fernseher und Kühlschrank für sie keine Fremdworte. Die Familie ist auch nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten, hin und wieder gelingt es Hyeonseo, sich eine südkoreanische Soap anzusehen oder eine Kassette mit Pop-Musik zu ergattern. Ansonsten sind ihre Tage eine Aneinanderreihung von Schule, „freiwilligen“ Arbeitsdiensten und erschöpfenden Proben für Massenveranstaltungen.

Als der Vater hingerichtet wird und es den Rest der Familie an den Yalu-Fluss nahe der chinesischen Grenze verschlägt, weiß Hyeonseo: Jetzt oder nie, denn einmal erwachsen, wird sie keine Möglichkeit mehr haben, sich ungestraft außerhalb der Landesgrenzen zu bewegen. Sie will nur für eine Nacht die gegenüberliegende chinesische Stadt erkunden und ahnt nicht, dass ihr der Rückweg für immer versperrt sein wird. In den nächsten Jahren lebt sie als Flüchtling, schlägt sich unter falschem Namen durch und kann ihre Heimat Nordkorea dabei doch nie vergessen.

 

Im Deutschen trägt das Buch den Titel „Schwarze Magnolie – Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“. Das ist unnötig reißerisch, denn zum einen kann man sich als Leser vorstellen, dass eine Biografie eines nordkoreanischen Flüchtlings keine Wohlfühl-Lektüre ist, zum anderen fängt der Untertitel die Stimmung des Buches nicht ein. Das Besondere an dieser Geschichte ist gerade, dass sie – ganz anders etwa als das vor einigen Jahren erschienene „Flucht aus Lager 14“ – Nordkorea differenziert betrachtet. Das Land ist nicht ausschließlich „Hölle“, sondern eben auch Heimat und Kindheitsort der Autorin. Das bedeutet nicht, dass Grausamkeiten ausgespart werden, auch hier spielen die regelmäßig stattfindenden Hinrichtungen, Hungersnot, politische Indoktrination und eine alles überwachende Geheimpolizei eine Rolle. Aber es sind auch die schneebedeckten Berge und der familiären Zusammenhalt, den die Autorin beschreibt. An manchen Stellen merkt man der Erzählung dabei deutlich an, dass sie literarisch aufbereitet wurde, etwa, wenn die Autorin sich nach 15 Jahren noch daran erinnert, dass vor dem Fenster ein Eichelhäher sang. Doch das trägt auch dazu bei, dass dieser Bericht schafft, was vielen anderen nicht gelingt: Nicht nur die Sensationslust des westlichen Lesers zu befriedigen, sondern ebenso zu zeigen, dass Nordkorea für viele Flüchtlinge eben nicht nur „Hölle“, sondern auch „Heimat“ ist.

Bemerkenswert ist, dass „Schwarze Magnolie“ nach der Flucht der Autorin, die relativ früh im Verlauf des Buches stattfindet, nicht abbaut. Viele Flucht- oder Ausstiegsgeschichten verlieren gerade dann an Spannung, hier aber kann das Interesse des Lesers aufrecht erhalten werden, auch dadurch, dass der Autorin immer wieder Zweifel kommen, ob die Flucht richtig war und sie versucht, den Kontakt zu ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Die Erzählung wirkt dadurch authentisch, dass auch vermeintlichen Kleinigkeiten Beachtung geschenkt wird, zum Beispiel, wenn die Autorin ihrem Bruder und ihrer Mutter moderne chinesische Kleidung mit bringt, damit sie jenseits der Grenze nicht sofort als Nordkoreaner auffallen. Man erfährt nicht nur Einzelheiten über das gesellschaftliche Leben in Nordkorea, auch Aspekte des chinesischen Gesellschaftslebens und der Umgang mit der koreanischen Community dort werden geschildert. Großen Raum nimmt auch die Eingewöhnung in Südkorea ein; der Kontrast zwischen dem temporeichen, sehr leistungsorientierten Leben im Süden und der weitestgehenden „Freiheit“ davon, Entscheidungen treffen zu müssen im Norden wird mehr als deutlich. Ebenso, dass viele Nordkoreaner nach erfolgreicher Flucht genau an diesem Unterschied scheitern.

Es wird hervorgehoben, dass die Autorin in Nordkorea ein privilegiertes Leben geführt hat, aber auch auf ihrer Flucht häufig Glück hatte. Da ist es aufschlussreich, dass kleine Geschichten anderer Flüchtlinge, die der Autorin begegnet sind, eingeflochten werden. Fälle, die zeigen, dass die Flucht nicht immer glimpflich abläuft, häufig von physischer und sexueller Gewalt, Demütigungen, Gefängnisaufenthalten und einem Gefühl des Ausgeliefertseins verbunden ist.

In die Mitte des Buches wurden Bilder aufgenommen, die den beschriebenen Personen ein Aussehen geben. Es finden sich auch hilfreiche Karten, die die Umzüge der Familie innerhalb Nordkoreas und verschiedene Fluchtrouten zeigen. Diese netten Besonderheiten machen „Schwarze Magnolie“ zusammen mit seinem Detailreichtum und seinen differenzierten Beschreibungen zu einem der besten Berichte aus und über Nordkorea, die ich bisher gelesen habe.

Hyeonseo Lee mit David John, „Schwarze Magnolie. Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“ (OT: The Girl with Seven Names – A North Korean Defector’s Story), Heyne 2015, 415 S., 19,99€.

die Tipp!-Blase

Nordkorea; Gesellschaft in China, Südkorea

Ein lesenswerter Bericht zur schwierigen Integration nordkoreanischer Flüchtlinge wurde auch in den KAS Auslandsinformationen veröffentlicht.

 

Laksmi Pamuntjak: Alle Farben Rot

rotDas Rot zieht sich durch die Geschichte Ambas und der Menschen, die ihr begegnen. Im Indonesien der 60er Jahre ist es die Farbe des aufstrebenden Kommunismus, der Idee von einer besseren Gesellschaft, die die noch offenen Wunden der niederländischen Kolonialzeit heilen soll. Rot ist die Farbe des Blutes, das beim Kampf von Parteiverbänden und Jugendorganisationen im ganzen Land vergossen wird, das Familien trennt und neue Wunden aufreißt. Rot ist auch die Farbe der Liebe und Sinnlichkeit, die Amba und Bhisma verbindet, genauso, wie es in der hinduistischen Mythologie im Mahabharata[1] erzählt wird. Als sie Bhisma in den Wirren der Straßenkämpfe verliert, baut Amba sich ein neues Leben auf. Doch nach vierzig Jahren, als gealterte Frau, erfährt sie von seinem Tod weit weg auf der Insel Buru – einer ehemaligen Kolonie für politische Gefangene. Im Jahr 2006 macht sie sich auf und wandelt auf seinen Spuren in einem von Unsicherheit, Korruption und religiösen Spannungen geprägten Teil der Welt.

 

Alle Farben Rot erzählt Ambas Geschichte und dadurch zugleich viele andere: Als junge Frau muss Amba sich gegen die herrschenden Konventionen stellen und ihre Familie verlassen, um in der nächstgelegenen Stadt studieren zu können. Immer wieder klingt die Geringschätzung von Frauen im Alltagsleben an, ebenso aber auch ihre fast göttliche Überhöhung. Mehr aus Kompromissbereitschaft gegenüber ihren Eltern denn aus Liebe verlobt sich Amba mit dem Lehrer Salwa, der – rechtschaffen und mit Aussicht auf eine Karriere – selbst aus einem Elternhaus stammt, in dem Religiosität und politische Orientierung immer wieder zu Konflikten führen. Er selbst versucht sich mehr schlecht als recht aus den politischen Wirren der Zeit herauszuhalten. Ganz anders der Arzt Bhisma, der in Leipzig studiert hat und mit dem Kommunismus sympathisiert. Durch ihn lernt Amba Künstler und Aktivisten kennen, wobei sie das Gefühl hat, dass der von jeher gut situierte Bhisma unter ihnen ein Außenseiter bleibt. Ihr Ehemann dann, ein Ausländer, bleibt allen Schikanen zum Trotz aus Liebe zum Land und zu ihr in Indonesien. Zusammen mit einem ehemaligen Gefangenen macht Amba sich nach seinem Tod auf zur Inselgruppe der Molukken, zu Menschen, von denen viele den Niederländern bis zum Schluss die Treue hielten, die dann nach einem unabhängigen Staat strebten und nun in Armut und einem immer wieder aufflammenden Konflikt zwischen den Religionen gefangen sind.

 

Der wunderschön gestaltete Einband – violette Holzmaserung der Buchdeckel, tiefes Rot des Umschlags und des Lesebändchens – lassen die Farbenpracht und Fülle von Eindrücken erahnen, die auf einen Besucher Indonesiens einstürmen. Schon beim Lesen des Romans meint man, immer wieder die Gerüche der Speisen und das dunkle Dickicht des Dschungels zu riechen. Anders als beispielsweise indische Autoren, die ich zu diesem Zeitpunkt kannte, verliert sich die Autorin Pamuntjak aber nicht in ausufernden Beschreibungen dieser Fülle. Ihr Stil neigt zum Ausschmücken, ohne langatmig zu sein. Bemerkenswert ist vor allem, wie sie ihre Protagonistin Amba aufbaut: Als junge Frau entscheidet sie sich gegen den für sie vorgezeichneten Weg der frühen Ehe und einem Leben als Mutter und Hausfrau, schließt dieses aber nie ganz für sich aus, solange es ihre Unabhängigkeit nicht beeinträchtigt. Sie analysiert ihre Umgebung und die gesellschaftlichen Gegebenheiten mit scharfem Blick und reflektiert auch ihre Beziehung zu Bhisma immer wieder. Obwohl die Figur Bhismas das Potenzial hat, klischeehaft und überhöht dargestellt zu werden, zeigt die Autorin durch Ambas Augen seine Fehler auf, lässt ihn selbst mit Ängsten und Sorgen zu Wort kommen und porträtiert ihn dadurch auf vielschichtige Weise. Dies trifft auf die meisten Figuren in Alle Farben Rot zu: Keine ist nur „Mittel zum Zweck“, alle Figuren haben ihre eigene Geschichte, ihre Gedanken und Gefühle, auf die die Autorin mal länger mal kürzer eingeht. Als Leser bekommt man dadurch das Gefühl, es mit realen Menschen zu tun zu haben, die genauso oder zumindest ähnlich leben könnten.

 

Die politische Situation Indonesiens ist die Grundlage, aus der die persönlichen Geschichten der Figuren erwachsen. Besonders dankenswert ist hierbei das angefügte Glossar, das eine kurze Erklärung der aus dem Indonesischen übernommenen Wörter bietet. Ich kam allerdings nicht umhin, häufig noch in anderen Quellen nach bestimmten Namen und Orten zu suchen, da ich bei meiner bis dato völligen Unkenntnis der indonesischen Geschichte nie sicher sein konnte, ob Personen, Orte und Geschehnisse real sind oder durch die Autorin hinzugedacht wurden, um die Geschichte abzurunden. Sehr hilfreich wäre eine Karte (Süd-)Indonesiens gewesen, denn viele Städte und gar ganze Inseln waren mir bis zur Lektüre des Buches unbekannt.

 

Alle Farben Rot war mein erster Roman aus dem Indonesischen und hat mich sehr beeindruckt. Ich wusste zuvor nur wenig über die Geschichte des Landes, die in diesem Buch eine so große Rolle spielt und so viel mehr Gelegenheit für weitere Erzählungen bietet. Das Straflager auf Buru, dessen menschenverachtende Organisation hier nur angedeutet wurde,[2] brachte z.B. die Buru-Tetralogie hervor, deren Autor Pramoedya Ananta Toer auch eine kleine Rolle in diesem Buch spielt. Bereits nach diesem Roman habe ich den Eindruck, dass die Frankfurter Buchmesse mit Indonesien 2015 ein so spannendes, vielschichtiges und interessantes Land ausgewählt hat, dass es sich durchaus lohnt, die dortigen Veröffentlichungen weiter zu verfolgen.

 

Laksmi Pamuntjak „Alle Farben Rot“, aus dem Indonesischen übersetzt von Martina Heinschke, ullstein 2015, ISBN-13 9783550080869, 672 S., 24,00€.

 

Tipp-BlaseIndonesische Geschichte, Kultur und Mythologie, Suharto, Massaker 1965–1966, Kommunismus in Indonesien, Strafkolonie Buru

 

[1] Eine vollständige Übersetzung des Mythos ist frei zugänglich: http://www.mahabharata.pushpak.de/ .

[2] Ein lesenswerter Artikel des Hamburger GIGA-Instituts zur Vergangenheitspolitik in Indonesien findet sich unter https://giga.hamburg/de/system/files/publications/gf_asien_1403.pdf .

 

„Alle Farben Rot“ wurde ebenfalls gelesen und besprochen von:

dem Leselupenblog
dem Lesekabinett Leipzig
Dragonviews

 

 

Kiran Nagarkar: Gottes kleiner Krieger

Krieger

Nicht in Staaten, nicht in Religionen –­ in diesem Buch wohnt der Extremismus im Menschen.

Die Geschichte von „Gottes kleinem Krieger“ nimmt seinen Anfang in der indischen Oberschicht. Die Kindheit von Zia Khan wandelt sich rapide, als der Vater unverschuldet sein Vermögen verliert und die Familie ungewollt in das hektische Leben einer indischen Großstadt eintauchen muss. Von seiner Tante, einer gläubigen Muslima, lernt Zia, hingebungsvoll zu Gott zu beten. Dabei schreckt er auch vor Selbstgeißelung nach schiitischem Ritus nicht zurück. Schnell stellt sich heraus, dass Zia über eine ungewöhnliche Begabung im Umgang mit Zahlen verfügt. Eine Freundin der Familie aus England hält schützend ihre Hand über ihn, sodass er nach einem indischen Elite-Internat ein Studium in Cambridge beginnen kann. Doch während er das Studium mit links erledigt, hadert er immer wieder mit sich und seinem Glauben, bis er sich schließlich in die Idee verrennt, dass Gott ihn den Autor Salman Rushdie töten lassen will.

Zia flieht nach Kashmir, wo er eine Gruppe Dschihadisten im Kampf gegen die indische Armee führt. Doch hier nimmt sein Leben eine Wende. Überzeugt, gesündigt zu haben und im Glauben, eigentlich katholisch getauft worden zu sein, setzt er sein Leben als Mönch in den USA fort. Unter neuem Namen kämpft er gegen die Abtreibungsgesetze, koordiniert Protestaktionen und schreckt auch hier vor Mord nicht zurück. Er gründet Waisenhäuser und baut eine gesellschaftliche Parallelstruktur auf. Das Geld dafür beschafft er als Börsenspekulant und Waffenhändler. Schließlich gerät er unter den Einfluss eines indischen Tantrikers, wechselt erneut seinen Namen  und kann doch nicht länger vor seiner Vergangenheit fliehen.

Was sich wie eine abenteuerliche Aneinanderreihung abstruser Ereignisse liest, wird in „Gottes kleiner Krieger“ zu einer runden Geschichte verflochten.  Kiran Nagarkar versucht in Romanform nachzuzeichnen, wie Fanatismus entsteht und zeigt dabei auf, dass er im Menschen selbst und nicht etwa in einer Religion begründet liegt. Sein Protagonist ist in allem, was er tut extrem, egal, ob es um sexuelle Exzesse in seiner Jugendzeit, das Lernen an der Universität, das Versinken in einer Depression oder eine andere Wendung in seinem Leben geht. Nur sein Bruder Amanat hält trotz aller Widerstände Briefkontakt zu Zia, zeigt ihm seine Schwächen auf und vergleicht sein Leben, in dem bei Weitem nicht alles nach Plan läuft, mit dem seines Bruders. Doch alle, die Umgang mit Zia pflegen, werden unweigerlich in den Strudel der Gewalt, den er immer wieder aufs Neue in Gang setzt, hineingezogen. Mit seiner überheblichen Selbstgerechtigkeit verprellt er die Menschen, die ihm wohlgesonnen sind und lässt sie, wie seine Verlobte, in Verzweiflung zurück.

Nagarkars Roman ist besonders wegen seiner nicht abflauenden Aktualität interessant. Aufgrund der abenteuerlichen Wendungen im Leben des Protagonisten fühlt man sich häufig an eine Parabel auf den Fanatismus erinnert. Aber trotz der abwechslungsreichen Geschichte hat der Roman seine Längen: Die ausschweifenden Briefe Amanats an seinen Bruder passen zwar gut zur Beschreibung von dessen Figur, nehmen dem Roman aber viel von seiner Schnelligkeit und machen ihn langatmig. Außerdem schafft der Autor eine verschwindend geringe Zahl sympathischer Figuren, was die Identifikation mit den Charakteren erschwert. „Gottes kleiner Krieger“ ist daher eine Empfehlung für alle, die sich vor Länge nicht fürchten und vor ernstem Hintergrund in verschiedene Welten eintauchen wollen.

Kiran Nagarkar, Gottes kleiner Krieger (OT: God’s little soldier), A 1 Verlag 2006, 696 S.

Kenzaburo Oe: Eine persönliche Erfahrung

Oe ErfahrungDer 27-jährige Bird wird Vater. Während seine Frau in den Wehen liegt, resümiert er darüber, dass er sich noch nicht dazu bereit fühlt; der Spitzname, der ihm aus Jugendtagen geblieben ist, deutet darauf hin. Er wird ins Krankenhaus gerufen, die Ärzte teilen ihm mit, sein Kind sei mit einer Gehirnhernie zur Welt gekommen –  sein Gehirn quelle aus einem Loch in seiner Schädeldecke hervor. Und tatsächlich sieht Bird das Baby mit einer so großen Beule am Kopf, „dass man meinen könnte, es hätte zwei Köpfe“. Die Ärzte räumen dem Kind geringe Überlebenschancen ein, überhaupt sei es, sollte es denn überleben, nur zu einer „pflanzenhaften Existenz“ fähig. Bird nimmt diese Einschätzung rückhaltlos an, er lässt das Kind in eine Spezialklinik bringen, hat das Gefühl, von den Ärzten und schwangeren Frauen auf den Fluren ob seines entstellten Kindes gedemütigt zu werden. Im Einvernehmen mit der Schwiegermutter beschließt er, das Kind „verschwinden“ zu lassen, noch bevor es seine Frau zu Gesicht bekommt. Er weist an, es mit Zuckerwasser statt Milch zu füttern, dass es schließlich eines Schwächetodes stürbe. Das sei „für alle Beteiligten das Beste“. Die ungewissen Stunden bis zum Tod des Kindes verbringt er bei seiner Freundin Himiko, die schnell seine Geliebte und Komplizin wird. Doch die Entscheidungen über Leben und Tod, die er trifft, lasten schwer auf ihm.

Der Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe (1994 für „Der stumme Schrei“/“Die Brüder Nedokoro“) schildert hier tatsächlich anhand persönlicher Erfahrungen die Gefühlswelt Birds nach der Geburt seines Kindes. Sein eigener erwachsener Sohn leidet auch an einer Gehirnhernie und bedarf rund um die Uhr der Pflege seiner Eltern.
Der Protagonist Bird entschließt sich schnell, das Kind nicht anzunehmen. Er identifiziert sich nicht mit ihm, nimmt es nicht als sein Kind an, leugnet gar jede Ähnlichkeit mit ihm. Er erkennt den Jungen als etwas Fremdes, Feindliches, das in seine bis dahin unbeschwerte Welt eindringt und seinen großen Traum von einer geplanten Afrika-Reise zunichte macht. Bird erscheint dabei nicht als vorausschauender Planer, dem das Kind einen Strich durch sein geordnetes Leben macht. Vielmehr ist Bird ein chaotischer Charakter, der den Teenager-Jahren noch nicht richtig entwachsen scheint. Er betrank sich einen Monat hindurch, brach sein Studium ab und begreift diese Episode als etwas im Hintergrund Lauerndes, das er nicht begreift, vor dem er sich aber fürchtet. Dabei ist er von Freunden und Bewunderern umgeben, kein Einzelgänger, wenn auch etwas verschroben.
Bird ist durch und durch Egoist, was er bis zum Schluss bleibt und kaum reflektiert. Er hadert mit seinem „Monster-Baby“, denkt aber immer mehr über den Mord nach, den er bei den Ärzten in Auftrag gegeben hat und beschließt, teils aus Misstrauen, teils aus einem merkwürdigen Verantwortungsgefühl heraus, das Kind zu sich zu holen und sich selbst um seinen Tod zu kümmern.

Selten in diesem Buch, das nur einige wenige intensiv durchlebte Tage umfasst, geht es um Schuld. Und doch geht es um nichts anderes, denn sie schwingt unterschwellig mit, bei jedem Satz. Es gibt keine Ächtung der Vorstellung, ein behindertes Kind aus egoistischen Motiven zu töten. Dieses Verhalten wird nicht ein einziges Mal reflektiert. Birds Betrug an seiner Frau, die noch im Wochenbett liegt, während er in die Arme einer anderen flieht, wird nicht ein einziges Mal thematisiert. Sein Egoismus ist neben der Zerrissenheit wegen seines Mordplans das nie explizit dargebotene Hauptthema dieses Werkes von Oe. Nie wird die moralische Frage gestellt, ob die Eltern – ja gar der Vater allein gegen den Willen der Mutter – über den Tod eines behinderten Kindes entscheiden dürfen. Denn in diesem Werk Oes geht es vordergründig nicht um Moral, sondern um die persönliche Entwicklung des Protagonisten, seine gelebte Selbstliebe. Wer das aushält, entdeckt hier ein Tabuthema in originellen Sprachbildern – einen streitbaren Schatz.

 Oe, Kenzaburo, Eine persönliche Erfahrung, verschiedene Ausgaben.

Ein Interview mit Oe zu seinem Werk in der Zeitung Die Zeit.

♫ Tschingis Aitmatow: Dshamilja

In „Dshamilja“ berichtet der fünfzehnjährige Said von einer der schönsten Liebesgeschichten der jüngeren Literatur. Wo sie sich zuträgt? Im Kirgistan des Jahres 1943.
Während Saids älterer Bruder an der Front weilt, kehrt ein anderer, vom Krieg gezeichneter Soldat in sein Heimatdorf zurück. Danijar, der still und verschlossen stets Außenseiter bleibt. Doch als Dshamilja, die Saids Bruder geheiratet hatte, kurz bevor er eingezogen wurde, und Said mit dem nachdenklichen Danijar täglich Getreidelieferungen zum nächsten Bahnhof bringen müssen, verlieben sich die verheiratete Frau und der Kriegsheimkehrer. Der junge Said wird Mitwisser einer Liebe, die in der patriarchalischen Tradition des ehemaligen Nomadenvolkes nicht gebilligt wird.

Entweder, man findet Aitmatows „Dshamilja“ kitschig, oder aber wunderschön. Ich tendiere zu letzterem, denn nicht nur die zaghaft gegen alle Widerstände aufkeimende Liebe, sondern auch die Steppenlandschaft, die eben so wichtig ist, wie jeder der Protagonisten, wird in ihrer unglaublichen Schönheit beschrieben. Der Arbeitsalltag in der Kolchose, körperlich harte Arbeit als alles überstrahlender Lebensinhalt, das scheint uns heute ein wenig fremd. Aitmatow schildert die Getreideernte und die familiären Bindungen so eingehend, dass man das kirgisische Dorf vor sich sieht, den Duft der Steppe ebenso riecht, wie den Mist der Pferde.
Mal weiß man mehr als der fünfzehnjährige Said, der seine eigene Liebe Dshamilja, seiner Schwägerin gegenüber, noch nicht einzuordnen vermag. Dann wieder lässt man sich bereitwillig ein auf die reflektierten Äußerungen von Saids älterem Ich, das sich immer wieder erklärend zu Wort meldet.

Ulrich Matthes gelingt es mit seiner angenehmen Stimme, einfach vom einfachen Leben zu erzählen und Pausen einzustreuen, um die Tiefe der Emotionen auch dem geneigten Hörer zu überbringen. Er trägt Aitmatows poetische Schilderungen so schlicht vor, dass sich die herbe, unbekannte Schönheit der Steppe vor den Augen des Hörers darstellt; dass er das Ächzen der vollbeladenen Wagen und das kraftvolle Rauschen des Flusses zu hören meint.

Obwohl mit „Krieg“ und „Kolchose“ immer wieder auf den Sozialismus verwiesen wird, ja, „Dshamilja“ sogar Pflichtlektüre in den Schulen der DDR war, ist der Inhalt von Aitmatows Erzählung kein Politikum. Die  Bedingungen des Kolchose-Lebens gehören ebenso wie der Islam und der Respekt vor den nomadischen Ahnen zur Lebenswelt der Protagonisten, die man als Hörer interessiert annimmt. „Dshamilja“ ist nicht einfach nur eine Liebesgeschichte- denn davon gibt es viele. Aitmatows Erzählung führte mich in eine faszinierende, unbekannte Welt, mit deren Existenz ich mich bisher noch nie befasst hatte. Dieses Hörbuch war ein wahrer Glücksgriff.

Kirgistan, Kriegserleben, Kolchose-Alltag, Leben in nomadischer Tradition

Pearl Abraham: Die Romanleserin

abraham-romanleserinDie junge Rachel wächst in einer orthodoxen jüdischen Familie auf. Gar nicht so leicht für die 13-Jährige, zumal in New York und mit einem Rabbi als Vater. Als gläubige Chassid ist sie vielen Regeln unterworfen, auf deren Einhaltung nicht nur die strenge Mutter, sondern auch Nachbarn und Lehrer drängen. So führt die vermeintlich falsche Farbe ihrer Baumwollstrumpfhose zum Familieneklat; einen Mitgliedsausweis der Leihbücherei darf Rachel nur heimlich führen. Gemeinsam mit Schwester Leah jedoch probt sie die Auflehnung, boykottiert die Bräuche da, wo sie einengen und verschwindet in die Welt der Romane, deren Heldinnen ein so viel freieres Leben führen.
Ihr weltfremder Vater schmiedet indessen Pläne für den Bau einer neuen Synagoge und wird dabei von niemandem so richtig ernst genommen. Die Mutter ist mit der Versorgung der Großfamilie heillos überfordert und flieht zeitweise in ihr Heimatland Israel. Und Rachel? Die ist bereits einem jungen Mann versprochen, mit dem sie bei ihrem ersten Treffen über´s Wetter spricht. Noch vor ihrer Heirat hofft sie auf eine baldige Scheidung- ein ungeheuerlicher Gedanke, den sie vorerst für sich behält…

Fazit: Pearl Abraham, selbst chassidisch erzogen, entführt den Leser hier in eine  fremde und faszinierende Welt inmitten des modernen New Yorks. Viele religiöse Gebräuche muten ungewohnt und spannend an, engen die junge Rachel aber auch ein und führen sie in eine teilweise Isolation. So hat sie zumeist kaum Kontakt zu Nicht-Juden und sieht ihre Wünsche und Hoffnungen im starken Gegensatz zur traditionellen Frauenrolle. Zum Nachdenken regen besonders Kleinigkeiten, für den Leser vermutlich Alltäglichkeiten an, so z.B. dass Rachel lange dafür kämpfen muss, als Rettungsschwimmerin einen Badeanzug tragen zu dürfen.
Etwas irreführend ist jedoch der Titel „Die Romanleserin“, da Romane dem Mädchen zwar ein anderes Leben außerhalb den Grenzen ihrer Welt zeigen, ihr Lesen jedoch nur einen kleinen Teil der Rebellion ausmacht.
Gut gelungen ist auch die Darstellung der innerfamiliären Konflikte, die aus den Persönlichkeiten der Eltern, sowie dem strikten Festhalten an teilweise nicht mehr zeitgemäßen Ideen in einer modernen Welt resultieren.

Insgesamt ist „Die Romanleserin“ ein spannendes Buch zum Thema gelebtes Judentum, das Interesse weckt, sich, sofern nicht schon geschehen, näher mit dem Thema zu beschäftigen. Hilfreich hierbei ist auch das Glossar im Anhang, das erste Verständnisfragen klärt und einen ersten Einstieg bietet.

Pearl Abraham ,,Die Romanleserin“, aus dem Amerikanischen von Rosemarie Bosshard, Verlag  C. Bertelsmann Taschenbuch, München 2002, 343 S., 7,50€