Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses (2016)

Zwischen Meeresfrüchten und Pralinen im Kreise der Istanbuler High Society stellt sich die dreifache Mutter Peri nur eine Frage: Wo ist Gott? Aufgewachsen zwischen tiefreligiöser Mutter, kemalistischem Vater, marxistischen und nationalistischen Brüdern, beginnt schon als Kind über philosophische Fragen nachzudenken. Von klein auf treibt sie die Frage um, warum Gott, so es ihn oder sie denn gibt, das Schlechte in der Welt geschehen lässt. Die Theodizee in Romanform. Dann beginnt sie als junge Frau ein Studium in Oxford. Als das Seminar „Gott“ zur Wahl steht, ist Peri Feuer und Flamme. Doch schon bald merkt sie, dass „Gott“ und ihre neuen Bekanntschaften sie in ihren Grundfesten erschüttern.

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Ich habe schon seit langer Zeit mehr kein Buch gelesen, in dem ein Protagonist die Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes als wesentlich für sein Dasein empfindet. Es war erfrischend und bereichernd, sich – hier anfangs aus Sicht des Islam und der islamischen Mystik, dann religions- und ideologieübergreifend – in Romanform mit philosophischen und theologischen Fragen zu befassen.
Mich hat es keinen Augenblick lang gewundert, als ich später gelesen habe, Shafaks Bücher seien in der Türkei heftig umstritten. Sie spart nicht mit Gesellschaftskritik und diskutiert besonders Nationalismus, patriarchale Strukturen und ein antiquiertes Verständnis des Islam. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund:

„‚Was sie da von sich geben, klingt nach reiner Paranoia‘, sagte sie leise. ‚Europäer, Westler, Russen, Araber … Wenn Sie diese Leute kennen würden – nicht als Kategorie, sondern individuell –, würden Sie besser sehen, dass wir alle einen Körper und eine Seele besitzen und mehr oder weniger gleich sind.‘ Sie stockte. ‚Uns selbst erkennen können wir nur im Gesicht des … anderen.‘“

Besonders anschaulich gelingt Shafak die Schilderung Peris innerer Zerrissenheit. Neben ihren Freundinnen „der Sünderin“ und „der Gläubigen“ sieht sie sich als Verwirrte. Sie ist erschöpft von den immer neuen Fragen, die sich ihr in ihren Studien stellen. Antworten erhält sie nur wenige. Weit weg von zu Hause, dazu geboren in eine Religion, die unter Beschuss steht, gelingt es der introvertierten und nachdenklichen Peri nicht immer, gut auf sich selbst zu achten.

„Wie ein geschickter Schneider hatte die Zeit die beiden Stoffe, die Peris Leben umhüllten, scheinbar nahtlos zusammengenäht: das, was die anderen von ihr dachten, und das, was sie von sich hielt. Diese beiden Stoffe bildeten ein so perfektes Ganzes, dass sie nicht mehr sagen konnte, wie viele Stimmen eines jeden Tages von den Erwartungen an sie bestimmt waren und wie viele von dem, was sie wirklich wollte.“

Shafaks Sprache ist wunderbar. Als sie das Make-up einer Figur als „Fahne eines Landes in Aufruhr, das nicht nur seine Unabhängigkeit, sondern auch seine Unberechenbarkeit erklärt hatte“ beschreibt, war ich vollends überzeugt. Die Autorin findet einen eigenen Ton zwischen den eher nüchternen Betrachtungen eines Entwicklungsromans und blumigen Anklängen als Hommage an nahöstliche Poesie. Dass die Handlung gegen Ende des Buches für meinen Geschmack ein wenig zu viel Fahrt aufnimmt, tut der Begeisterung für diese Geschichte keinen Abbruch. Elif Shafak ist eine wichtige Stimme der europäischen Literatur: kritisch, politisch und versöhnend. „Der Geruch des Paradieses“ war mein erstes, bestimmt aber nicht mein letztes Buch von ihr.


Elif Shafak, Der Geruch des Paradieses (OT: Havva’nın Üç Kızı, deutsche Ausgabe aus dem Englischen von Michaela Grabinger), verschiedene Ausgaben.

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Arion Golmakani: Beraubte Wut (2015)

Golmakani_Beraubte WutArion Golmakani wurde Ende der 50er Jahre im Iran geboren und erzählt heute, nach vielen Jahrzehnten seine erschütternde Kindheitsgeschichte. Er berichtet von Hunger, Kälte und davon, wie er trotz zweier Eltern wie ein Waisenkind aufwuchs. Die Geschichte gibt einen spannenden Einblick in die iranische Gesellschaft der 60er und frühen 70er Jahre.

Arion, eigentlich auf den Namen Alireza getauft, kommt bei einer Mutter zur Welt, die als 13-jähriges Dorfkind verheiratet wurde. Als sein Vater sich kurz nach seiner Geburt scheiden lässt und sich weigert, für seinen Unterhalt aufzukommen, weiß seine Mutter weder ein noch aus. Ohne Schulbildung, noch dazu in der streng konservativen Stadt Mashad gestrandet, kann sie keiner Arbeit nachgehen. Als ihr einziger Ausweg, eine neue Heirat, auftaucht und sie schnell wieder schwanger wird, ist für Alireza kein Platz mehr. Er tingelt von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, hofft auf die Unterstützung von Verwandten und leidet trotz Hilfe doch oft Hunger und Kälte. Doch mit Hartnäckigkeit und dem unbedingten Streben nach Bildung schafft er es, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich aus den Fängen der Armut zu befreien.

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Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo

 57 kurze Texte, oftmals nur eine halbe Seite lang, die Aleppo zeigen, wie es heute ist. Zerstört, fremdbestimmt, gefährlich. Zwischen Stromausfällen und Explosionen wohnen hier noch Menschen wie der 1946 geborene Schriftsteller Niroz Malek. Sie sind hier, weil sie wollen, nicht, weil sie nicht anders können. Seine Familie ist mittlerweile geflohen; viele seiner Verwandten haben in Deutschland Zuflucht gefunden. So auch seine Tochter, die die französische Ausgabe in eine rheinischen Buchhandlung mitbrachte und dort auf den Verleger Stefan Weidle traf. Ein Foto, ein Entschluss – so findet das Buch jetzt auch deutschsprachige Leser.

Malek

Eigentlich möchte man, dass einem jede einzelne dieser 57 Miniaturen vorgelesen wird. Damit sie wirken. Damit man nicht mit den Augen schnell über den Schrecken der Zeilen hinweghuschen kann. Hinweghuschen, weil man es vom täglichen Lesen der Nachrichten aus Syrien mittlerweile so gewohnt ist. Einen feinen älteren Herrn stellt man sich dazu vor, mit müder Stimme aber wachen Augen, der bestimmt, vielleicht auch ein wenig starrköpfig, an seiner Entscheidung festhält, in Aleppo zu bleiben.

Die Geschichten sind sehr unterschiedlich; häufig sind es kleine Beobachtungen oder Gedanken des Autors. Erinnerungen an vergangene Lieben, Erzählungen von Freunden, Berichte über Spaziergänge in den zerstörten Straßen, den allgegenwärtigen Checkpoints mit ihren vermummten Soldaten zum Trotz. Den Geschichten gemeinsam ist der tief sitzende Schmerz, das Leid, das aus ihnen strömt. Das kurze Aufflackern des Glücks wird jäh zerstört, wenn sich herausstellt, dass der gute Freund tot ist, dass die erste Liebe erschossen wurde. Bedeutsam ist die schreckliche Erkenntnis, dass in Aleppo, in diesem Höllenloch aus den Nachrichten, Menschen sitzen wie ich, die sich im Café mit ihren Freunden treffen, die sich an Spaziergängen erfreuen, die lieben und die lesen, lesen und schreiben bis spät in die Nacht. Da in Aleppo sitzen noch Menschen wie wir. Und das ist die bedrückendste Erkenntnis, die diese Miniaturen uns bringen.

Niroz Malek, Der Spaziergänger von Aleppo (OT: Tahta sam’il harb, aus dem Arabischen von Larissa Bender) 144 S., 17 €, ISBN: 978-3-938803-83-7.

Weitere Besprechungen finden sich u. a. bei
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Mona Lisa
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Klappentexterin.

Pearl Abraham: Die Romanleserin

abraham-romanleserinDie junge Rachel wächst in einer orthodoxen jüdischen Familie auf. Gar nicht so leicht für die 13-Jährige, zumal in New York und mit einem Rabbi als Vater. Als gläubige Chassid ist sie vielen Regeln unterworfen, auf deren Einhaltung nicht nur die strenge Mutter, sondern auch Nachbarn und Lehrer drängen. So führt die vermeintlich falsche Farbe ihrer Baumwollstrumpfhose zum Familieneklat; einen Mitgliedsausweis der Leihbücherei darf Rachel nur heimlich führen. Gemeinsam mit Schwester Leah jedoch probt sie die Auflehnung, boykottiert die Bräuche da, wo sie einengen und verschwindet in die Welt der Romane, deren Heldinnen ein so viel freieres Leben führen.
Ihr weltfremder Vater schmiedet indessen Pläne für den Bau einer neuen Synagoge und wird dabei von niemandem so richtig ernst genommen. Die Mutter ist mit der Versorgung der Großfamilie heillos überfordert und flieht zeitweise in ihr Heimatland Israel. Und Rachel? Die ist bereits einem jungen Mann versprochen, mit dem sie bei ihrem ersten Treffen über´s Wetter spricht. Noch vor ihrer Heirat hofft sie auf eine baldige Scheidung- ein ungeheuerlicher Gedanke, den sie vorerst für sich behält…

Fazit: Pearl Abraham, selbst chassidisch erzogen, entführt den Leser hier in eine  fremde und faszinierende Welt inmitten des modernen New Yorks. Viele religiöse Gebräuche muten ungewohnt und spannend an, engen die junge Rachel aber auch ein und führen sie in eine teilweise Isolation. So hat sie zumeist kaum Kontakt zu Nicht-Juden und sieht ihre Wünsche und Hoffnungen im starken Gegensatz zur traditionellen Frauenrolle. Zum Nachdenken regen besonders Kleinigkeiten, für den Leser vermutlich Alltäglichkeiten an, so z.B. dass Rachel lange dafür kämpfen muss, als Rettungsschwimmerin einen Badeanzug tragen zu dürfen.
Etwas irreführend ist jedoch der Titel „Die Romanleserin“, da Romane dem Mädchen zwar ein anderes Leben außerhalb den Grenzen ihrer Welt zeigen, ihr Lesen jedoch nur einen kleinen Teil der Rebellion ausmacht.
Gut gelungen ist auch die Darstellung der innerfamiliären Konflikte, die aus den Persönlichkeiten der Eltern, sowie dem strikten Festhalten an teilweise nicht mehr zeitgemäßen Ideen in einer modernen Welt resultieren.

Insgesamt ist „Die Romanleserin“ ein spannendes Buch zum Thema gelebtes Judentum, das Interesse weckt, sich, sofern nicht schon geschehen, näher mit dem Thema zu beschäftigen. Hilfreich hierbei ist auch das Glossar im Anhang, das erste Verständnisfragen klärt und einen ersten Einstieg bietet.

Pearl Abraham ,,Die Romanleserin“, aus dem Amerikanischen von Rosemarie Bosshard, Verlag  C. Bertelsmann Taschenbuch, München 2002, 343 S., 7,50€