Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie

 

Schwarze MagnolieHyeonseo ist ein normaler Teenager: Sie mag Mode, streitet sich mit ihrem jüngeren Bruder, schaut gerne Fernsehserien – und lebt in Nordkorea.

Mehrmals zieht ihre Familie innerhalb des Landes um, der Vater bekleidet einen gehobenen Rang in der Armee, daher sind Fernseher und Kühlschrank für sie keine Fremdworte. Die Familie ist auch nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten, hin und wieder gelingt es Hyeonseo, sich eine südkoreanische Soap anzusehen oder eine Kassette mit Pop-Musik zu ergattern. Ansonsten sind ihre Tage eine Aneinanderreihung von Schule, „freiwilligen“ Arbeitsdiensten und erschöpfenden Proben für Massenveranstaltungen.

Als der Vater hingerichtet wird und es den Rest der Familie an den Yalu-Fluss nahe der chinesischen Grenze verschlägt, weiß Hyeonseo: Jetzt oder nie, denn einmal erwachsen, wird sie keine Möglichkeit mehr haben, sich ungestraft außerhalb der Landesgrenzen zu bewegen. Sie will nur für eine Nacht die gegenüberliegende chinesische Stadt erkunden und ahnt nicht, dass ihr der Rückweg für immer versperrt sein wird. In den nächsten Jahren lebt sie als Flüchtling, schlägt sich unter falschem Namen durch und kann ihre Heimat Nordkorea dabei doch nie vergessen.

 

Im Deutschen trägt das Buch den Titel „Schwarze Magnolie – Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“. Das ist unnötig reißerisch, denn zum einen kann man sich als Leser vorstellen, dass eine Biografie eines nordkoreanischen Flüchtlings keine Wohlfühl-Lektüre ist, zum anderen fängt der Untertitel die Stimmung des Buches nicht ein. Das Besondere an dieser Geschichte ist gerade, dass sie – ganz anders etwa als das vor einigen Jahren erschienene „Flucht aus Lager 14“ – Nordkorea differenziert betrachtet. Das Land ist nicht ausschließlich „Hölle“, sondern eben auch Heimat und Kindheitsort der Autorin. Das bedeutet nicht, dass Grausamkeiten ausgespart werden, auch hier spielen die regelmäßig stattfindenden Hinrichtungen, Hungersnot, politische Indoktrination und eine alles überwachende Geheimpolizei eine Rolle. Aber es sind auch die schneebedeckten Berge und der familiären Zusammenhalt, den die Autorin beschreibt. An manchen Stellen merkt man der Erzählung dabei deutlich an, dass sie literarisch aufbereitet wurde, etwa, wenn die Autorin sich nach 15 Jahren noch daran erinnert, dass vor dem Fenster ein Eichelhäher sang. Doch das trägt auch dazu bei, dass dieser Bericht schafft, was vielen anderen nicht gelingt: Nicht nur die Sensationslust des westlichen Lesers zu befriedigen, sondern ebenso zu zeigen, dass Nordkorea für viele Flüchtlinge eben nicht nur „Hölle“, sondern auch „Heimat“ ist.

Bemerkenswert ist, dass „Schwarze Magnolie“ nach der Flucht der Autorin, die relativ früh im Verlauf des Buches stattfindet, nicht abbaut. Viele Flucht- oder Ausstiegsgeschichten verlieren gerade dann an Spannung, hier aber kann das Interesse des Lesers aufrecht erhalten werden, auch dadurch, dass der Autorin immer wieder Zweifel kommen, ob die Flucht richtig war und sie versucht, den Kontakt zu ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Die Erzählung wirkt dadurch authentisch, dass auch vermeintlichen Kleinigkeiten Beachtung geschenkt wird, zum Beispiel, wenn die Autorin ihrem Bruder und ihrer Mutter moderne chinesische Kleidung mit bringt, damit sie jenseits der Grenze nicht sofort als Nordkoreaner auffallen. Man erfährt nicht nur Einzelheiten über das gesellschaftliche Leben in Nordkorea, auch Aspekte des chinesischen Gesellschaftslebens und der Umgang mit der koreanischen Community dort werden geschildert. Großen Raum nimmt auch die Eingewöhnung in Südkorea ein; der Kontrast zwischen dem temporeichen, sehr leistungsorientierten Leben im Süden und der weitestgehenden „Freiheit“ davon, Entscheidungen treffen zu müssen im Norden wird mehr als deutlich. Ebenso, dass viele Nordkoreaner nach erfolgreicher Flucht genau an diesem Unterschied scheitern.

Es wird hervorgehoben, dass die Autorin in Nordkorea ein privilegiertes Leben geführt hat, aber auch auf ihrer Flucht häufig Glück hatte. Da ist es aufschlussreich, dass kleine Geschichten anderer Flüchtlinge, die der Autorin begegnet sind, eingeflochten werden. Fälle, die zeigen, dass die Flucht nicht immer glimpflich abläuft, häufig von physischer und sexueller Gewalt, Demütigungen, Gefängnisaufenthalten und einem Gefühl des Ausgeliefertseins verbunden ist.

In die Mitte des Buches wurden Bilder aufgenommen, die den beschriebenen Personen ein Aussehen geben. Es finden sich auch hilfreiche Karten, die die Umzüge der Familie innerhalb Nordkoreas und verschiedene Fluchtrouten zeigen. Diese netten Besonderheiten machen „Schwarze Magnolie“ zusammen mit seinem Detailreichtum und seinen differenzierten Beschreibungen zu einem der besten Berichte aus und über Nordkorea, die ich bisher gelesen habe.

Hyeonseo Lee mit David John, „Schwarze Magnolie. Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“ (OT: The Girl with Seven Names – A North Korean Defector’s Story), Heyne 2015, 415 S., 19,99€.

die Tipp!-Blase

Nordkorea; Gesellschaft in China, Südkorea

Ein lesenswerter Bericht zur schwierigen Integration nordkoreanischer Flüchtlinge wurde auch in den KAS Auslandsinformationen veröffentlicht.

 

Kenzaburo Oe: Eine persönliche Erfahrung

Oe ErfahrungDer 27-jährige Bird wird Vater. Während seine Frau in den Wehen liegt, resümiert er darüber, dass er sich noch nicht dazu bereit fühlt; der Spitzname, der ihm aus Jugendtagen geblieben ist, deutet darauf hin. Er wird ins Krankenhaus gerufen, die Ärzte teilen ihm mit, sein Kind sei mit einer Gehirnhernie zur Welt gekommen –  sein Gehirn quelle aus einem Loch in seiner Schädeldecke hervor. Und tatsächlich sieht Bird das Baby mit einer so großen Beule am Kopf, „dass man meinen könnte, es hätte zwei Köpfe“. Die Ärzte räumen dem Kind geringe Überlebenschancen ein, überhaupt sei es, sollte es denn überleben, nur zu einer „pflanzenhaften Existenz“ fähig. Bird nimmt diese Einschätzung rückhaltlos an, er lässt das Kind in eine Spezialklinik bringen, hat das Gefühl, von den Ärzten und schwangeren Frauen auf den Fluren ob seines entstellten Kindes gedemütigt zu werden. Im Einvernehmen mit der Schwiegermutter beschließt er, das Kind „verschwinden“ zu lassen, noch bevor es seine Frau zu Gesicht bekommt. Er weist an, es mit Zuckerwasser statt Milch zu füttern, dass es schließlich eines Schwächetodes stürbe. Das sei „für alle Beteiligten das Beste“. Die ungewissen Stunden bis zum Tod des Kindes verbringt er bei seiner Freundin Himiko, die schnell seine Geliebte und Komplizin wird. Doch die Entscheidungen über Leben und Tod, die er trifft, lasten schwer auf ihm.

Der Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe (1994 für „Der stumme Schrei“/“Die Brüder Nedokoro“) schildert hier tatsächlich anhand persönlicher Erfahrungen die Gefühlswelt Birds nach der Geburt seines Kindes. Sein eigener erwachsener Sohn leidet auch an einer Gehirnhernie und bedarf rund um die Uhr der Pflege seiner Eltern.
Der Protagonist Bird entschließt sich schnell, das Kind nicht anzunehmen. Er identifiziert sich nicht mit ihm, nimmt es nicht als sein Kind an, leugnet gar jede Ähnlichkeit mit ihm. Er erkennt den Jungen als etwas Fremdes, Feindliches, das in seine bis dahin unbeschwerte Welt eindringt und seinen großen Traum von einer geplanten Afrika-Reise zunichte macht. Bird erscheint dabei nicht als vorausschauender Planer, dem das Kind einen Strich durch sein geordnetes Leben macht. Vielmehr ist Bird ein chaotischer Charakter, der den Teenager-Jahren noch nicht richtig entwachsen scheint. Er betrank sich einen Monat hindurch, brach sein Studium ab und begreift diese Episode als etwas im Hintergrund Lauerndes, das er nicht begreift, vor dem er sich aber fürchtet. Dabei ist er von Freunden und Bewunderern umgeben, kein Einzelgänger, wenn auch etwas verschroben.
Bird ist durch und durch Egoist, was er bis zum Schluss bleibt und kaum reflektiert. Er hadert mit seinem „Monster-Baby“, denkt aber immer mehr über den Mord nach, den er bei den Ärzten in Auftrag gegeben hat und beschließt, teils aus Misstrauen, teils aus einem merkwürdigen Verantwortungsgefühl heraus, das Kind zu sich zu holen und sich selbst um seinen Tod zu kümmern.

Selten in diesem Buch, das nur einige wenige intensiv durchlebte Tage umfasst, geht es um Schuld. Und doch geht es um nichts anderes, denn sie schwingt unterschwellig mit, bei jedem Satz. Es gibt keine Ächtung der Vorstellung, ein behindertes Kind aus egoistischen Motiven zu töten. Dieses Verhalten wird nicht ein einziges Mal reflektiert. Birds Betrug an seiner Frau, die noch im Wochenbett liegt, während er in die Arme einer anderen flieht, wird nicht ein einziges Mal thematisiert. Sein Egoismus ist neben der Zerrissenheit wegen seines Mordplans das nie explizit dargebotene Hauptthema dieses Werkes von Oe. Nie wird die moralische Frage gestellt, ob die Eltern – ja gar der Vater allein gegen den Willen der Mutter – über den Tod eines behinderten Kindes entscheiden dürfen. Denn in diesem Werk Oes geht es vordergründig nicht um Moral, sondern um die persönliche Entwicklung des Protagonisten, seine gelebte Selbstliebe. Wer das aushält, entdeckt hier ein Tabuthema in originellen Sprachbildern – einen streitbaren Schatz.

 Oe, Kenzaburo, Eine persönliche Erfahrung, verschiedene Ausgaben.

Ein Interview mit Oe zu seinem Werk in der Zeitung Die Zeit.