Laksmi Pamuntjak: Alle Farben Rot

rotDas Rot zieht sich durch die Geschichte Ambas und der Menschen, die ihr begegnen. Im Indonesien der 60er Jahre ist es die Farbe des aufstrebenden Kommunismus, der Idee von einer besseren Gesellschaft, die die noch offenen Wunden der niederländischen Kolonialzeit heilen soll. Rot ist die Farbe des Blutes, das beim Kampf von Parteiverbänden und Jugendorganisationen im ganzen Land vergossen wird, das Familien trennt und neue Wunden aufreißt. Rot ist auch die Farbe der Liebe und Sinnlichkeit, die Amba und Bhisma verbindet, genauso, wie es in der hinduistischen Mythologie im Mahabharata[1] erzählt wird. Als sie Bhisma in den Wirren der Straßenkämpfe verliert, baut Amba sich ein neues Leben auf. Doch nach vierzig Jahren, als gealterte Frau, erfährt sie von seinem Tod weit weg auf der Insel Buru – einer ehemaligen Kolonie für politische Gefangene. Im Jahr 2006 macht sie sich auf und wandelt auf seinen Spuren in einem von Unsicherheit, Korruption und religiösen Spannungen geprägten Teil der Welt.

 

Alle Farben Rot erzählt Ambas Geschichte und dadurch zugleich viele andere: Als junge Frau muss Amba sich gegen die herrschenden Konventionen stellen und ihre Familie verlassen, um in der nächstgelegenen Stadt studieren zu können. Immer wieder klingt die Geringschätzung von Frauen im Alltagsleben an, ebenso aber auch ihre fast göttliche Überhöhung. Mehr aus Kompromissbereitschaft gegenüber ihren Eltern denn aus Liebe verlobt sich Amba mit dem Lehrer Salwa, der – rechtschaffen und mit Aussicht auf eine Karriere – selbst aus einem Elternhaus stammt, in dem Religiosität und politische Orientierung immer wieder zu Konflikten führen. Er selbst versucht sich mehr schlecht als recht aus den politischen Wirren der Zeit herauszuhalten. Ganz anders der Arzt Bhisma, der in Leipzig studiert hat und mit dem Kommunismus sympathisiert. Durch ihn lernt Amba Künstler und Aktivisten kennen, wobei sie das Gefühl hat, dass der von jeher gut situierte Bhisma unter ihnen ein Außenseiter bleibt. Ihr Ehemann dann, ein Ausländer, bleibt allen Schikanen zum Trotz aus Liebe zum Land und zu ihr in Indonesien. Zusammen mit einem ehemaligen Gefangenen macht Amba sich nach seinem Tod auf zur Inselgruppe der Molukken, zu Menschen, von denen viele den Niederländern bis zum Schluss die Treue hielten, die dann nach einem unabhängigen Staat strebten und nun in Armut und einem immer wieder aufflammenden Konflikt zwischen den Religionen gefangen sind.

 

Der wunderschön gestaltete Einband – violette Holzmaserung der Buchdeckel, tiefes Rot des Umschlags und des Lesebändchens – lassen die Farbenpracht und Fülle von Eindrücken erahnen, die auf einen Besucher Indonesiens einstürmen. Schon beim Lesen des Romans meint man, immer wieder die Gerüche der Speisen und das dunkle Dickicht des Dschungels zu riechen. Anders als beispielsweise indische Autoren, die ich zu diesem Zeitpunkt kannte, verliert sich die Autorin Pamuntjak aber nicht in ausufernden Beschreibungen dieser Fülle. Ihr Stil neigt zum Ausschmücken, ohne langatmig zu sein. Bemerkenswert ist vor allem, wie sie ihre Protagonistin Amba aufbaut: Als junge Frau entscheidet sie sich gegen den für sie vorgezeichneten Weg der frühen Ehe und einem Leben als Mutter und Hausfrau, schließt dieses aber nie ganz für sich aus, solange es ihre Unabhängigkeit nicht beeinträchtigt. Sie analysiert ihre Umgebung und die gesellschaftlichen Gegebenheiten mit scharfem Blick und reflektiert auch ihre Beziehung zu Bhisma immer wieder. Obwohl die Figur Bhismas das Potenzial hat, klischeehaft und überhöht dargestellt zu werden, zeigt die Autorin durch Ambas Augen seine Fehler auf, lässt ihn selbst mit Ängsten und Sorgen zu Wort kommen und porträtiert ihn dadurch auf vielschichtige Weise. Dies trifft auf die meisten Figuren in Alle Farben Rot zu: Keine ist nur „Mittel zum Zweck“, alle Figuren haben ihre eigene Geschichte, ihre Gedanken und Gefühle, auf die die Autorin mal länger mal kürzer eingeht. Als Leser bekommt man dadurch das Gefühl, es mit realen Menschen zu tun zu haben, die genauso oder zumindest ähnlich leben könnten.

 

Die politische Situation Indonesiens ist die Grundlage, aus der die persönlichen Geschichten der Figuren erwachsen. Besonders dankenswert ist hierbei das angefügte Glossar, das eine kurze Erklärung der aus dem Indonesischen übernommenen Wörter bietet. Ich kam allerdings nicht umhin, häufig noch in anderen Quellen nach bestimmten Namen und Orten zu suchen, da ich bei meiner bis dato völligen Unkenntnis der indonesischen Geschichte nie sicher sein konnte, ob Personen, Orte und Geschehnisse real sind oder durch die Autorin hinzugedacht wurden, um die Geschichte abzurunden. Sehr hilfreich wäre eine Karte (Süd-)Indonesiens gewesen, denn viele Städte und gar ganze Inseln waren mir bis zur Lektüre des Buches unbekannt.

 

Alle Farben Rot war mein erster Roman aus dem Indonesischen und hat mich sehr beeindruckt. Ich wusste zuvor nur wenig über die Geschichte des Landes, die in diesem Buch eine so große Rolle spielt und so viel mehr Gelegenheit für weitere Erzählungen bietet. Das Straflager auf Buru, dessen menschenverachtende Organisation hier nur angedeutet wurde,[2] brachte z.B. die Buru-Tetralogie hervor, deren Autor Pramoedya Ananta Toer auch eine kleine Rolle in diesem Buch spielt. Bereits nach diesem Roman habe ich den Eindruck, dass die Frankfurter Buchmesse mit Indonesien 2015 ein so spannendes, vielschichtiges und interessantes Land ausgewählt hat, dass es sich durchaus lohnt, die dortigen Veröffentlichungen weiter zu verfolgen.

 

Laksmi Pamuntjak „Alle Farben Rot“, aus dem Indonesischen übersetzt von Martina Heinschke, ullstein 2015, ISBN-13 9783550080869, 672 S., 24,00€.

 

Tipp-BlaseIndonesische Geschichte, Kultur und Mythologie, Suharto, Massaker 1965–1966, Kommunismus in Indonesien, Strafkolonie Buru

 

[1] Eine vollständige Übersetzung des Mythos ist frei zugänglich: http://www.mahabharata.pushpak.de/ .

[2] Ein lesenswerter Artikel des Hamburger GIGA-Instituts zur Vergangenheitspolitik in Indonesien findet sich unter https://giga.hamburg/de/system/files/publications/gf_asien_1403.pdf .

 

„Alle Farben Rot“ wurde ebenfalls gelesen und besprochen von:

dem Leselupenblog
dem Lesekabinett Leipzig
Dragonviews

 

 

Kiran Nagarkar: Gottes kleiner Krieger

Krieger

Nicht in Staaten, nicht in Religionen –­ in diesem Buch wohnt der Extremismus im Menschen.

Die Geschichte von „Gottes kleinem Krieger“ nimmt seinen Anfang in der indischen Oberschicht. Die Kindheit von Zia Khan wandelt sich rapide, als der Vater unverschuldet sein Vermögen verliert und die Familie ungewollt in das hektische Leben einer indischen Großstadt eintauchen muss. Von seiner Tante, einer gläubigen Muslima, lernt Zia, hingebungsvoll zu Gott zu beten. Dabei schreckt er auch vor Selbstgeißelung nach schiitischem Ritus nicht zurück. Schnell stellt sich heraus, dass Zia über eine ungewöhnliche Begabung im Umgang mit Zahlen verfügt. Eine Freundin der Familie aus England hält schützend ihre Hand über ihn, sodass er nach einem indischen Elite-Internat ein Studium in Cambridge beginnen kann. Doch während er das Studium mit links erledigt, hadert er immer wieder mit sich und seinem Glauben, bis er sich schließlich in die Idee verrennt, dass Gott ihn den Autor Salman Rushdie töten lassen will.

Zia flieht nach Kashmir, wo er eine Gruppe Dschihadisten im Kampf gegen die indische Armee führt. Doch hier nimmt sein Leben eine Wende. Überzeugt, gesündigt zu haben und im Glauben, eigentlich katholisch getauft worden zu sein, setzt er sein Leben als Mönch in den USA fort. Unter neuem Namen kämpft er gegen die Abtreibungsgesetze, koordiniert Protestaktionen und schreckt auch hier vor Mord nicht zurück. Er gründet Waisenhäuser und baut eine gesellschaftliche Parallelstruktur auf. Das Geld dafür beschafft er als Börsenspekulant und Waffenhändler. Schließlich gerät er unter den Einfluss eines indischen Tantrikers, wechselt erneut seinen Namen  und kann doch nicht länger vor seiner Vergangenheit fliehen.

Was sich wie eine abenteuerliche Aneinanderreihung abstruser Ereignisse liest, wird in „Gottes kleiner Krieger“ zu einer runden Geschichte verflochten.  Kiran Nagarkar versucht in Romanform nachzuzeichnen, wie Fanatismus entsteht und zeigt dabei auf, dass er im Menschen selbst und nicht etwa in einer Religion begründet liegt. Sein Protagonist ist in allem, was er tut extrem, egal, ob es um sexuelle Exzesse in seiner Jugendzeit, das Lernen an der Universität, das Versinken in einer Depression oder eine andere Wendung in seinem Leben geht. Nur sein Bruder Amanat hält trotz aller Widerstände Briefkontakt zu Zia, zeigt ihm seine Schwächen auf und vergleicht sein Leben, in dem bei Weitem nicht alles nach Plan läuft, mit dem seines Bruders. Doch alle, die Umgang mit Zia pflegen, werden unweigerlich in den Strudel der Gewalt, den er immer wieder aufs Neue in Gang setzt, hineingezogen. Mit seiner überheblichen Selbstgerechtigkeit verprellt er die Menschen, die ihm wohlgesonnen sind und lässt sie, wie seine Verlobte, in Verzweiflung zurück.

Nagarkars Roman ist besonders wegen seiner nicht abflauenden Aktualität interessant. Aufgrund der abenteuerlichen Wendungen im Leben des Protagonisten fühlt man sich häufig an eine Parabel auf den Fanatismus erinnert. Aber trotz der abwechslungsreichen Geschichte hat der Roman seine Längen: Die ausschweifenden Briefe Amanats an seinen Bruder passen zwar gut zur Beschreibung von dessen Figur, nehmen dem Roman aber viel von seiner Schnelligkeit und machen ihn langatmig. Außerdem schafft der Autor eine verschwindend geringe Zahl sympathischer Figuren, was die Identifikation mit den Charakteren erschwert. „Gottes kleiner Krieger“ ist daher eine Empfehlung für alle, die sich vor Länge nicht fürchten und vor ernstem Hintergrund in verschiedene Welten eintauchen wollen.

Kiran Nagarkar, Gottes kleiner Krieger (OT: God’s little soldier), A 1 Verlag 2006, 696 S.