Sowjetunion erlesen: 10 aktuelle Bücher

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Erst folgt ein Roman auf den anderen, schließlich wird der Wissensdurst so groß, dass Sachbücher her müssen. Und die erscheinen zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution reichlich, eines umfangreicher als das andere. Ganz ähnlich wie Romane zum Thema Nordkorea bietet sich die Geschichte der Sowjetunion eine Bandbreite von möglichen Herangehensweisen: Soll es unterhaltsam zugehen, werden die Marotten Stalins und die schizophrenen Verhaltensweisen, die das System seinen Bürgern abverlangt, in den Vordergrund gerückt. Für Comiczeichner bietet sich das natürlich besonders an.

Dagegen sind Erfahrungsberichte aus den sowjetischen Gulags äußerst schmerzlich zu lesen. Schmerzlicher noch als die nüchterne Herangehensweise der Sachbücher, die dafür ungleich mehr Fakten bieten. Fiktive Lebensgeschichten bieten die Freiheit, sich einige dieser Aspekte herauszugreifen. Kurzum, zur Geschichte der Sowjetunion gibt’s derzeit was für jede Stimmung und jeden Geschmack. Dabei greift der Titel „Russisch lesen“ zu kurz, denn spannende Literatur bieten z. B. auch das Baltikum und der Südkaukasus, insbesondere Georgien mit vielen Neuerscheinungen im Rahmen des Gastlandjahres auf der Frankfurter Buchmesse. Eine kleine Auswahl von Werken der letzten zwei Jahre habe ich hier zusammengestellt.   Weiterlesen

Stalin ist mir weggestorben – zweimal

Manchmal kommt ja eins zum anderen und dann hat man plötzlich in einer Woche mehr zum Tode Stalins gelesen als im gesamten Leben zuvor. Ein Tod, von dem ich wusste, dass sich Mythen darum ranken, mit dessen näheren Umständen ich mich aber gar nicht auskannte. Auch in dem Sachbuch zur Russischen Revolution, das zuletzt den Weg in mein Bücherregal fand, wurde der Tod des Diktators nur kurz behandelt. Hier zwei Tipps zu einem Roman und einem Comic, die den Tod Joseph Stalins in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellen.

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Julian Barnes: Der Lärm der Zeit (2017)

Wie Künstler sein in der Diktatur? Für das Regime oder dagegen? Ist ein Zwischenweg denkbar? Julian Barnes schreibt anhand belegter Eckpunkte die fiktive Lebensgeschichte des bekannten russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch, der zwischen diesen Fragen zerrieben wird und dem es dennoch gelingt, mit beachtlicher Produktivität unter Stalin und Chruschtschow tätig zu sein.

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Benjamin Lacombe, Éliette Abécassis: Der Schatten des Golem

Seit einer Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin fasziniert mich die Golem-Legende. Im 16. Jahrhundert (im Buch später) soll Rabbi Löw in Prag einen mächtigen Lehmmenschen erschaffen haben, um die jüdische Gemeinschaft vor den allgegenwärtigen Angriffen zu schützen. Der Golem tat seinen Dienst, doch konnte ihn der Rabbi schon bald nicht mehr kontrollieren.

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„Der Schatten des Golem“ ist auf jüngere Leser zugeschnitten und erzählt die Legende eines Mädchens, das Zeugin der Golem-Erschaffung wird und sich daraufhin mit dem Rabbi und seiner Frau anfreundet. Auch, wenn diese Seite der Geschichte sehr (sehr, sehr) romantisiert daherkommt, verschweigt dieses Kinderbuch nicht, dass es erst wegen der vielen Ausschreitungen gegen die jüdische Gemeinschaft nötig wurde, den Golem zu erschaffen.

Ich habe das Buch im Rahmen des Gratis-Comic-Tags im Mai gekauft. Es war mein erster bewusster Besuch in einem Comicladen. Dort wurde ich schnell aufgeklärt, dass „Der Schatten des Golem“ kein Graphic Novel sei – was ich zuerst aufgrund der vielen Bilder gedacht hätte –, sondern einfach eine illustrierte Geschichte.

Die Illustrationen sind wunderschön, doch die kindgerecht aufbereitete Geschichte war für mich so gar nichts. Ein nettes Lesen zwischendurch, bestimmt auch zum Vorlesen geeignet, aber ich empfand die Geschichte stark vereinfacht und romantisiert. Die Illustrationen sind wirklich schön, aber auch hier habe ich schnell gemerkt, dass das eher eine nette Zugabe ist, es mir hierauf aber nicht ankommt. Warum ich mit Comics, Mangas und Graphic Novels nicht warm wurde, erzähle ich in diesem Beitrag.

Kennt ihr die Golem-Legende? Habt ihr vielleicht noch andere Lektüre-Tipps zum Thema?

Benjamin Lacombe, Éliette Abécassis; Der Schatten des Golem ; 184 Seiten mit 10 schwarz-weiß-Abbildungen und 40 farbigen Abbildungen; Übersetzt von Anja Kootz; 25€; ISBN 978-3-95728-046-6.

Lewis Carroll: Alice im Wunderland (1865)

Eine der bekanntesten Kindergeschichten der Welt – und ich kannte nur Bruchstücke. Das wollte ich ändern, deshalb stand „Alice’s Adventures in Wonderland“ schon früh für meine Klassiker-Leseliste fest. Als mir dann im Secondhand-Buchladen die ältere, ganz auf den Inhalt reduzierte Ausgabe mit den Original-Illustrationen von John Tenniel (die sind ein Muss!) in die Hände fiel, war das der Auslöser, endlich los zu lesen.

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Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie

Schon 2009 veröffentlichte der britische Historiker Peter H. Wilson seine Forschungen zum Dreißigjährigen Krieg. Ende des letzten Jahres erschien das Werk unter dem Titel „Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie“ auch auf Deutsch. Das allgemein wieder aufgeflammte Interesse an diesem großen, lang andauernden Konflikt kommt nicht von ungefähr, denn er begann 1618 und jährt sich damit 2018 zum 400. Mal. Wilsons Monumentalwerk macht den Konflikt greifbar.

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♫ Stefan Zweig: Schachnovelle (1942)

Als der Erzähler herausfindet, dass sich ein Schachgroßmeister mit ihm auf dem Kreuzfahrtschiff aufhält, will er unbedingt mehr über den stoischen, klotzhaften Champion herausfinden. Um ihn anzulocken beginnen er und einige Mitreisende, Schach zu spielen und tatsächlich lässt sich der Großmeister gegen Bezahlung auf eine Partie ein. Kurz vor einer vernichtenden Niederlage tritt ein unbekannter Mitreisender ans Brett, der den Amateurspielern wertvolle Tipps gibt und so zum Erstaunen aller ein Remis gegen den Champion herbeiführt. Doch wer ist der Unbekannte, der selbst angibt, seit Jahrzehnten nicht vor einem Schachbrett gesessen zu haben? Beim Spiel erfasst ihn der Wahnsinn und grauenhafte Erinnerungen an das NS-Regime werden wach.

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Zweig gelingt durch es, die Augen seines Erzählers sowohl das Psychogramm des Großmeisters als auch des schachsicheren Amateurs zu entwerfen. Dabei schließt er auf fast schon belustigende Weise von der Physis der Figuren auf ihre Charakterzüge. Durch seine Beschreibung der Gestapo-Folter arbeitet deutlich die Perfidität des NS-Regimes heraus; die Verbindung zum Schachspiel ist unerwartet und äußerst originell. Zweigs geschliffene Sprache macht das Zuhören zum Genuss und auch die Kürze des Hörbuchs von etwa zwei Stunden war auch für mich als ungeübte Hörerin in mehreren Etappen machbar. Eine wunderbare Novelle, die auf meiner Klassikerliste für 2018 stand.

Stefan Zweig (Autor),‎ Alexis Krüger (Sprecher),  Schachnovelle Hörbuch – Ungekürzte Ausgabe, Buchfunk 2013,  2 Stunden und 14 Minuten, ASIN: B00G5KPU6S.

Joseph Roth: Radetzkymarsch (1932)

Das erste richtige Scheitern auf der Klassiker-Mission. Mit Joseph Roths Epos wurde ich auch im dritten Anlauf nicht warm. Der Plan: ein paar Jahre ins Land ziehen lassen und dann, wenn einmal so viel Zeit und Muße ist, einen neuen Versuch wagen.

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Die Geschichte vom Niedergang der k. und k. Monarchie war in der Hörbuchfassung durchaus stimmungsvoll und interessante Einblicke in Militär und Gesellschaft jener Zeit gab es zuhauf. Dennoch überwogen selbst beim Hören (und da spielte man schon mit dem weichen Österreichisch der Sprecher und einigen Soundeffekten) deutlich die Längen und ich konnte mich auch nach mehreren Anläufen nicht aufraffen, die Geschichte bis zum Ende zu verfolgen. Etwa bis zur Hälfte bin ich gelangt, hier schon hatte ich den Eindruck, dass – zumindest in der gesprochenen Version – das Patriarchat ein wenig überzeichnet ist und dadurch unfreiwillige Komik entsteht. Als unfreiwillig komisch empfand ich auch den Sohn des Helden der Schlacht von Solferino in älteren Jahren, der seine Inflexibilität in ungeahnte Höhen treibt (die Post lag nicht wie seit Jahren üblich neben dem Frühstückstablett, also rührt nichts an) und an nach außen gestellter Emotionslosigkeit wohl nur noch durch britische Adelsgeschichten übertroffen wird. Die durchklingende Melancholie der Zeit soll nicht unerwähnt bleiben. Sie ist die Grundstimmung dieser Geschichte.

Obwohl ich durchaus Interesse an den historischen Umständen des Niedergangs der österreichisch-ungarischen Monarchie habe und das Zusammenspiel von Militär und Gesellschaft famos gelingt, konnte mich die Darstellung Roths nicht bei der Stange halten. Vielleicht später noch einmal.

 

Dalia Grinkevičiūtė: Aber der Himmel – grandios (1949/2016)

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Als junges Mädchen wird Dalia in einen Gulag ans Polarmeer verbannt. Tausende Kilometer von ihrer Heimat Litauen entfernt, den Tod durch Hunger, Kälte und Krankheit direkt vor Augen. Als ihr schließlich die Flucht gelingt, schreibt sie ihre Erinnerungen auf und vergräbt sie im heimischen Garten – gerade noch rechtzeitig, bevor sie vom KGB gefasst und zurückgebracht wird. Erst 1991 wird das Manuskript wiederentdeckt und gehört seitdem zum Kanon der litauischen Nationalliteratur. Ein wahrer – und deshalb umso verstörender – Erfahrungsbericht aus dem Inneren eines menschenverachtenden Systems.

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[Leserunde] #Ecolesen: Abschluss und Fazit

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In welchem die Leserunde zum Abschluss gebracht, Resümee gezogen und „Der Name der Rose“ endgültig zugeschlagen wird.

Mit „Der Name der Rose“ hat auf dem Wissenstagebuch-Blog die erste Leserunde überhaupt stattgefunden. Und wisst ihr was? Ich würde es wieder tun! Der Austausch hier und auf Twitter und das Lesen eurer eigenen Blogbeiträge hat den Roman für mich zu einem größeren Vergnügen gemacht.

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Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses (2016)

Zwischen Meeresfrüchten und Pralinen im Kreise der Istanbuler High Society stellt sich die dreifache Mutter Peri nur eine Frage: Wo ist Gott? Aufgewachsen zwischen tiefreligiöser Mutter, kemalistischem Vater, marxistischen und nationalistischen Brüdern, beginnt schon als Kind über philosophische Fragen nachzudenken. Von klein auf treibt sie die Frage um, warum Gott, so es ihn oder sie denn gibt, das Schlechte in der Welt geschehen lässt. Die Theodizee in Romanform. Dann beginnt sie als junge Frau ein Studium in Oxford. Als das Seminar „Gott“ zur Wahl steht, ist Peri Feuer und Flamme. Doch schon bald merkt sie, dass „Gott“ und ihre neuen Bekanntschaften sie in ihren Grundfesten erschüttern.

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Ich habe schon seit langer Zeit mehr kein Buch gelesen, in dem ein Protagonist die Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes als wesentlich für sein Dasein empfindet. Es war erfrischend und bereichernd, sich – hier anfangs aus Sicht des Islam und der islamischen Mystik, dann religions- und ideologieübergreifend – in Romanform mit philosophischen und theologischen Fragen zu befassen.
Mich hat es keinen Augenblick lang gewundert, als ich später gelesen habe, Shafaks Bücher seien in der Türkei heftig umstritten. Sie spart nicht mit Gesellschaftskritik und diskutiert besonders Nationalismus, patriarchale Strukturen und ein antiquiertes Verständnis des Islam. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund:

„‚Was sie da von sich geben, klingt nach reiner Paranoia‘, sagte sie leise. ‚Europäer, Westler, Russen, Araber … Wenn Sie diese Leute kennen würden – nicht als Kategorie, sondern individuell –, würden Sie besser sehen, dass wir alle einen Körper und eine Seele besitzen und mehr oder weniger gleich sind.‘ Sie stockte. ‚Uns selbst erkennen können wir nur im Gesicht des … anderen.‘“

Besonders anschaulich gelingt Shafak die Schilderung Peris innerer Zerrissenheit. Neben ihren Freundinnen „der Sünderin“ und „der Gläubigen“ sieht sie sich als Verwirrte. Sie ist erschöpft von den immer neuen Fragen, die sich ihr in ihren Studien stellen. Antworten erhält sie nur wenige. Weit weg von zu Hause, dazu geboren in eine Religion, die unter Beschuss steht, gelingt es der introvertierten und nachdenklichen Peri nicht immer, gut auf sich selbst zu achten.

„Wie ein geschickter Schneider hatte die Zeit die beiden Stoffe, die Peris Leben umhüllten, scheinbar nahtlos zusammengenäht: das, was die anderen von ihr dachten, und das, was sie von sich hielt. Diese beiden Stoffe bildeten ein so perfektes Ganzes, dass sie nicht mehr sagen konnte, wie viele Stimmen eines jeden Tages von den Erwartungen an sie bestimmt waren und wie viele von dem, was sie wirklich wollte.“

Shafaks Sprache ist wunderbar. Als sie das Make-up einer Figur als „Fahne eines Landes in Aufruhr, das nicht nur seine Unabhängigkeit, sondern auch seine Unberechenbarkeit erklärt hatte“ beschreibt, war ich vollends überzeugt. Die Autorin findet einen eigenen Ton zwischen den eher nüchternen Betrachtungen eines Entwicklungsromans und blumigen Anklängen als Hommage an nahöstliche Poesie. Dass die Handlung gegen Ende des Buches für meinen Geschmack ein wenig zu viel Fahrt aufnimmt, tut der Begeisterung für diese Geschichte keinen Abbruch. Elif Shafak ist eine wichtige Stimme der europäischen Literatur: kritisch, politisch und versöhnend. „Der Geruch des Paradieses“ war mein erstes, bestimmt aber nicht mein letztes Buch von ihr.


Elif Shafak, Der Geruch des Paradieses (OT: Havva’nın Üç Kızı, deutsche Ausgabe aus dem Englischen von Michaela Grabinger), verschiedene Ausgaben.

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Sex and the City Anfang der Dreißiger? Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

Die achtzehnjährige Doris liebt das Leben und die Männer. Deshalb zieht es sie aus der mittleren Stadt nach Berlin. Wenn nur das Ankommen nicht so schwierig wäre! Wenn man doch eine Ausbildung und Geld in der Tasche hätte! Aber wozu gibt es die Männer, die einem Restaurantbesuche und auch sonst so einiges spendieren? Ist das Sex and the City Anfang der 30er Jahre?

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Freche Sprache und anzüglicher Witz

Auf die Schriftstellerin Irmgard Keun und ihr turbulentes Leben bin ich erst durch einen ausführlichen Beitrag auf dem Blog Sätze&Schätze aufmerksam geworden. „Das kunstseidene Mädchen“ wurde notiert und geriet dann für einige Zeit in Vergessenheit. Umso erstaunter war ich, als ich das Buch aufschlug und in einen Strudel aus schnippischer Sprache und frechem, auch mal anzüglichem Witz, geriet. Großartig ist die Stelle, an der Doris ihren Chef von den nicht vorhandenen Kommata in ihrem Schreiben ablenken möchte – um jeden Preis:

„Und musste das Pickelgesicht darum ablenken und machte ein Nasenflügelbeben wie ein belgisches Riesenkaninchen beim Kohlfressen.“

Die Figur der Doris ist herrlich ambivalent: Sie lügt, stiehlt und lässt sich guten Gewissens aushalten; dann wiederum wirkt sie zerbrechlich, selbstbewusst und ihrem Lebenswandel und politischen Desinteresse so weit von der Ideologie der erstarkenden Nationalsozialisten entfernt, dass man ihr schon allein deshalb Sympathie entgegenbringt. Ihre Aufzeichnungen sind unbefangen; die Goldenen Zwanziger klingen noch nach in ihrem Lebenshunger und der Suche nach Vergnügen, nach schönen Kleidern und dem Wunsch, in Berlin ein Glanz zu werden. In vielem ähnelt Keuns Doris der Figur Charlotte Ritter aus der Serie Babylon Berlin.

Kunstseiden oder halbseiden?

Doch auch den Schmutz und das Elend der großen Stadt lässt sie nicht aus: Berlin am Ende der Weimarer Republik frisst sie auf. Arbeitslosigkeit, Hunger, keine Bleibe – die Bedingungen, ein Glanz zu werden sind beileibe nicht die besten. Fehlende Aufstiegschancen aufgrund geringer Schulbildung, überhaupt die Schwierigkeit, als Frau eine Arbeit zu finden und dabei anständig zu bleiben. Von kunstseiden zu halbseiden ist es nur ein kleiner Schritt.

„Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld und nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm, dann ist sie eine deutsche Mutter und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld mit einem schläft ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein.“

Irmgard Keun schreibt Sätze, denen man aus ganzem Herzen zustimmen möchte, die man auch aufgrund ihrer kreativen Grammatik für authentisch hält und aus denen der Humor lacht. Sie schreibt aber auch Sätze, denen man widersprechen möchte, weil sie naiv oder altklug daherkommen. So oder so, eins ist ihr Buch garantiert nicht: altbacken. Denn manchen von Doris‘ Sätzen kann man eine immerwährende Gültigkeit zusprechen. So auch diesem hier:

„Liebe an sich strengt an.“

Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen, 1932.

J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe – Anhänge und Register (Erstausgabe 1954)

Die Anhänge geben einen knappen, gut strukturierten Überblick über die Zeitalter vor und die Jahre nach dem Herrn der Ringe. Die ersten drei Zeitalter, die mehrere tausend Jahre umfassen, werden hier anhand von Stammbäumen und Schlachten dargestellt. Wichtige Legenden, die auch – zumindest am Rande – eine Rolle in Tolkiens bekanntestem Werk spielen, finden sich ebenso wie die Hintergründe der Ringgefährten und ein Überblick über die verschiedenen Sprachen Mittelerdes sowie seine Zeitrechnungen.

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Sehr gelungen ist, dass in der deutschen Ausgabe die Anmerkungen des Übersetzers Wolfgang Krege zur Aussprache der deutschen und englischen Wörter beibehalten wurden. Die Ahnentafeln und Alphabete der elbischen Sprachen sind als übersichtliche Abbildungen abgedruckt und verleihen den Anhängen tatsächlich einen Charakter als hilfreiches Nachschlagewerk. Am Ende des Bändchens finden sich dann auch verschiedene Register, jeweils nach Sachen, Orten, Personen/Tieren und Liedern und Gesängen geordnet. Um diese benutzen zu können, muss man allerdings den Herrn der Ringe und das Silmarillion in der Ausgabe des Klett Cotta-Verlages lesen.

Problematisch fand ich die immer wieder eingestreuten Anmerkungen Tolkiens zur „Minderwertigkeit“ verschiedener Völker (von ihm als „Rassen“ bezeichnet). Dabei hat es weniger ungute Assoziationen geweckt, wenn phantastische Völker wie die Elben auf die Menschen u. a. wegen ihrer Kurzlebigkeit hinabsehen, sondern vielmehr, wenn ein Menschenreich auf das andere hinabsieht, weil seine Bewohner dunkle Haut haben und (deshalb) auch charakterlich „verschlagen“ sind. Im Nachgang habe ich einiges zum Rassismus in Tolkiens Werken gelesen, wobei mich das Hauptargument, man müsse die Zeit der Entstehung berücksichtigen, nicht überzeugte. Er schreibt als „Kind seiner Zeit“ ja schließlich auch von starken Königinnen oder einer Kriegerin, die als Mann getarnt den Erzfeind des Königreiches tötet. Man sollte an aus heutiger Sicht problematischen Stellen von Verlagsseite noch Fußnoten einfügen und ggf. auf Briefe Tolkiens oder Sekundärliteratur verweisen, um diese Stellen nicht unkommentiert stehen zu lassen.

Ich habe mich in den Anhängen und Registern durch die klare Struktur und strikte Chronologie gut zu Recht gefunden und eine Menge Neues über Mittelerde und seine Bewohner – insbesondere über die Ringgefährten – gelernt. Natürlich ist das Bändchen nur etwas für Fans von Tolkiens Werken, alle anderen werden die ausführlichen Beschreibungen (wüsste man es nicht besser, würde man Etliches für wahre Geschichtsschreibung halten) langweilen oder nichtssagend erscheinen. Allen Fans aber geben die Anhänge spannende Zusatzinformationen direkt aus Tolkiens Feder.

J. R. R. Tolkien, Der Herr der Ringe. Anhänge und Register, aus dem Engl. von Wolfgang Krege, vollständig aktualisierte und überarbeitete Übersetzung, Klett-Cotta 2016, 208 Seiten, 11,95€, ISBN: 978-3-608-93980-4.

Zum Buch auf die Verlagsseite

Die Anhänge erschienen ursprünglich im englischen Original als Teil des Bandes „Die Rückkehr des Königs“ und werden als eigenständiges Buch zusätzlich zur dreibändigen Ausgabe des Herrn der Ringe vom Klett Cotta-Verlag herausgegeben.
Die oben abgebildete Karte von Beleriand ist nicht in den Anhängen enthalten, sondern separat im Klett-Cotta Verlag erschienen.