Lize Spit: Und es schmilzt (2017)

Spit_Und es schmilztIrgendwas stimmt hier nicht, denkt der Leser von Lize Spits Debütroman „Und es schmilzt“. Die Seiten fliegen dahin, das Gefühl wird stärker. Am Ende bleibt der Leser verstört und traurig zurück.

Evas Kindheit im kleinen flämischen Dorf Bovenmeer könnte so behütet sein: Tägliche Schwimmausflüge mit Freunden, eigenes Haus mit Garten, das Stück Wurst von der befreundeten Metzgerin über die Theke gereicht. Das alles passiert. Auch. Daneben: Die täglichen, manchmal halb-öffentlichen Trinkgelage der Eltern, vor denen Eva so oft wie möglich aus dem Haus flieht. In Gedanken bei ihrer kleinen Schwester, die sich in ein Netz von Zwangsstörungen und Selbstgeißelungen verstrickt, während ihr Bruder für die Schule lernt, um so schnell wie möglich weg zu kommen. Dann ihre beiden besten und einzigen Freunde, für die Freundschaft bedeutet, mit ihrer Hilfe möglichst viele Klassenkameradinnen begrapschen zu können. Und dann noch Jans Tod. Jan, der einzige Junge, der Eva hübsch fand. Weiterlesen

Jonas Lüscher: Kraft (2017)

Ein Blick auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017.

Was ursprünglich als Dissertation geplant war, wird zum Roman: Jonas Lüscher erzählt in „Kraft“ mit geistreichem Witz und skurrilem Humor die Geschichte eines Tübinger Rhetorik-Professors, der im Silicon Valley vor den Trümmern seines Lebens steht.

Lüscher_Kraft„Warum alles was ist, gut ist und wie wir es dennoch verbessern können“ – Zu dieser durch und durch optimistischen Weltanschauung soll Kraft als einer von vielen Geisteswissenschaftlern eine Argumentation liefern und dafür von einem reichen Investor eine Million Dollar einstreichen. Nichts leichter als das, denkt sich Kraft und reist für einen Monat ins Silicon Valley, um sich seinem Vortrag zu widmen. Was man mit einer Million nicht alles machen könnte: Sich von seiner Frau und seinen pubertierenden Zwillingen loskaufen, endlich die Unterhaltsschulden für die anderen beiden Kinder loswerden, noch einmal ganz neu anfangen,… Je länger Kraft auf den derzeitigen Zustand der Welt im Allgemeinen und sein bisheriges Leben im Besonderen blickt, merkt er: Eigentlich ist nichts gut, wie es ist. Eigentlich ist alles sogar ziemlich verkorkst.

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Lukas Bärfuss: Hagard (2017)

Bärfuss_HagardObwohl hochgelobt in diesem Jahr, wurde ich mit „Hagard“ (französisch für „verstört, verängstigt“) des Schweizer Autors Lukas Bärfuss nicht warm: Die Idee einer Flucht aus dem Alltag toll, der Erzählton unsympathisch herablassend.

Philip, ein aus der Form geratener Mittvierziger, verkauft Lebensabendimmobilien in Ferienregionen an Senioren. Als er in einer Stadt, die Zürich sein könnte, von einem Geschäftskontakt versetzt wird, fällen ihm zufällig die Schuhe einer jungen Frau ins Auge. Aus einem Impuls heraus verfolgt er sie: durch die Stadt, in die Vorstadt, bis zu ihrem Haus und am nächsten Tag zu ihrer Arbeitsstelle. Ohne ihr Gesicht zu sehen, ohne zu wissen, warum. Anderthalb Tage einer schier unerklärlichen Besessenheit, die ihn Auto, Schuh und Würde kosten. Was treibt Philip an? Wie lässt sich ein so radikaler Ausstieg aus dem eigenen Alltag erklären? Das sind die Fragen, die Bärfuss in seinem Buch stellt. Weiterlesen

Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts erkennt einer die Begabung des jungen und politisch unbedeutenden Feldherrn Karl Alexander schnell: Joseph Süß Oppenheimer, der sich bereitwillig als Finanzmann in die Dienste des jungen Adligen stellt. Als dieser dann tatsächlich Herzog von Württemberg und einer der mächtigsten Männer zwischen Preußen und Wien wird, erlebt auch „Jud Süß“, wie Oppenheimer gemeinhin genannt wird, einen kometenhaften Aufstieg. Als einer der reichsten Männer des Reiches residiert er in Prunk, sammelt Frauenbekanntschaften und Edelsteine; er hält alle Fäden in der Hand. Ein Geheimnis verbirgt der bedeutendste Mann des Reiches jedoch lange vor der Hofgesellschaft: Seine uneheliche Tochter, die fernab der restlichen Welt mit seinem Onkel, einem geheimnisumwitterten Kabbalisten, tief im jüdischen Glauben verwurzelt heranwächst. Oppenheimer liebt sie über alles und als sie sich vor dem zudringlichen Herzog in den Tod flüchtet, plant der Finanzminister sorgsam seine Rache.

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Kleffner, Meisner (Hg.): Unter Sachsen (2017)

Unter Sachsen_VS-Cover_final.inddWer sich den Nachrichten nicht völlig versperrt, hört immer wieder von rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten, häufig in Ostdeutschland und besonders häufig in Sachsen. Aber warum gerade hier? Warum scheinen die Sachsen so anfällig zu sein für fremdenfeindliche Parolen und rechtes Gedankengut? Diesen Fragen geht das sehr wichtige Buch „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“ nach.

In einem Wechsel zwischen literarischen Texten, politischen Analysen und Interviews berichten bekannte und weniger bekannte Autoren, Journalisten und Kunstschaffende über verschiedene Aspekte rechtsextremer Gewalt in Sachsen. Da geht es um den Kleinstkosmos sächsischer Dörfer, in die sich zwar seit Jahren kein Ausländer verirrt hat, die aber wie selbstverständlich von dem örtlichen kriminell-rechtsextremen Vandalen terrorisiert werden. Wer nicht in die Schusslinie geraten will, hält besser den Mund. Neben den „offensichtlichen Zielscheiben“ wie Flüchtenden oder Deutschen mit Migrationshintergrund sind nämlich oftmals auch Helfer, gesellschaftlich engagierte Bewohner, die Willkommensinitiativen oder Gesprächskreise starten, von blankem Hass bis hin zu offenen Morddrohungen vom Nachbarn drei Häuser weiter betroffen. Längere Texte werden in „Unter Sachsen“ von kurzen „Zwischenrufen“, persönlichen Eindrücken von Politikern, lokalen Künstlern und Betroffenen abgelöst, die Erfahrungen mit Rechtsextremismus sächsischer Spielart konzentriert wiedergeben.

Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Autoren – mal sachlich-nüchtern, mal sehr persönlich – zeichnet „Unter Sachsen“ ein umfassendes Bild davon, wie das menschliche Miteinander in Stadt und Land unter der weiten Streuung rechtsextremen Gedankengutes leidet. Pauschal kritisiert werden „die Sachsen“ nicht; vielmehr sind die vielen vorgestellten Initiativen für Toleranz und respektvollen Umgang bemerkens- und begrüßenswert. Absolut deutlich wird dabei aber auch, dass diese ohne eine nachdrückliche Unterstützung aus Politik und einer mutigen Presse, die nicht zögert, Rechtsextremismus beim Namen zu nennen, nicht funktionieren können. Daher sparen viele der Autoren auch nicht mit Kritik an langjährig CDU-dominierter Regierung, an Polizeibehörden und schleppend laufenden Justizverfahren.

Meine Sorge, in diesem Buch mit lauter linker Rhetorik und damit einhergehenden Kampfbegriffen konfrontiert zu werden, hat sich nicht bestätigt. Sicher, viele der Beiträge sind streitbar, einige in ihrer Kritik zu tendenziös. Aber genau dadurch setzt beim Leser ein Denkprozess, eine eigene Meinungsbildung ein, die dazu anregt, am Rande des Bewusstseins vorbeiflatternde Nachrichtenfetzen in Zukunft mit mehr Aufmerksamkeit wahrzunehmen. „Unter Sachsen“ stößt gekonnt in eine Lücke, die jüngere gesellschaftliche Entwicklungen aufgetan haben und kommt daher genau zum richtigen Zeitpunkt.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.), Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Ch. Links Verlag 2017, 312 S., 18€, ISBN: 978-3-86153-937-7.

 

Deborah Feldman: Überbitten (2017)

cover_350x240Heute erscheint „Überbitten“, das dritte Buch der Wahlberlinerin Deborah Feldman. In ihrem Roman verarbeitet sie die Zeit nach dem Ausstieg aus einer isolierten jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York und beschreibt Ängste, Reisen und Freundschaften, die ihr Ankommen in der neuen Welt begleiten.

Sieben Jahre sind es, die sie nach ihrem Ausbruch schildert. Sieben Jahre, das letzte nach jüdischer Tradition das Sabbatjahr, in dem Schulden erlassen und Sklaven befreit werden. Eng sind der Aufbau dieses Buches und Feldmans Herkunft verwoben und bis zum Überbitten – etwa dem Verzeihen aus dem eigenen Glauben heraus, vielleicht sogar der Vernunft zuwider – ist es ein langer Weg, der die Autorin von Manhattan und dem Sorgerechtsstreit um ihren Sohn ins Europa ihrer Großeltern bis schließlich ins heutige Berlin führt.
Jedes einzelne Jahr nach dem Neuanfang ist anders: Während das erste noch von existenzieller Not geprägt ist, stellt sich mit der Zeit der schriftstellerische Erfolg ein, als „Unorthodox“ überraschend einschlägt und die Bestsellerliste der New York Times erklimmt. Die Sorge um Nahrung und Kleidung verschwindet, Feldman kann der Stadt nach Neuengland entfliehen, doch beim Ringen um die eigene Identität hilft Geld nur wenig. Die Autorin reist, viele Reisen führen sie nach Europa, wo sie die Wurzeln ihrer Großeltern weiß und doch nur tote, nach dem Holocaust auf ewig verbrannte Erde vermutet. Oft wird sie überrascht, manchmal bestätigt. Ihre Bekanntschaften zeigen: der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens ist für viele Europäer immer noch schwierig. Was sagen, was fragen, wie reagieren?

Während „Unorthodox“ der Literaturwelt unvergleichlich tiefe Einblicke in die abgeschlossene Welt des Chassidismus gab, gibt uns Feldman diesmal etwas noch Persönlicheres: Einblicke in die schwierige Suche nach der eigenen Identität, die in der Kindheit unter den Kollektiverfahrungen eines ganzen Volkes begraben wurde. Wer glaubt die traumatische Wirkung des Holocaust sterbe mit seinen letzten Überlebenden, wird hier eines Besseren belehrt. Es sind  auch die Nachkommen der zweiten Generation, die sich mit den Traumata ihrer Vorfahren auseinandersetzen müssen und in einigen Fällen immer noch um einen Umgang mit den Nachkommen der Täter ringen.

Siebenhundert Seiten stark ist „Überbitten“ geworden. Man merkt dem Werk an, dass Feldman sich hier eine Menge von der Seele schreiben musste. Wie sie es wollte gibt sie ihrem ganzen Leben unverkennbar eine erzählerische Struktur und vermeidet Wiederholungen, sodass man diesem besonderen Lebensweg Seite um Seite in gespannter Erwartung folgt. Ihr erstes Werk „Unorthodox“ sollte man zuvor gelesen haben, dann kann man sich gut vorbereitet auf dieses fesselnde und sehr persönliche Werk einlassen.

Deborah Feldman, Überbitten. Autobiographische Erzählung, aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2017, 704 S., 28 €, ISBN 978-3-906910-00-0

Hier gibt es ein Interview mit der Autorin zum Buch. Wenn ihr auch eine Rezension zum Buch verfasst habt, verlinkt euch gern in den Kommentaren!

Ergänzung: Bei Lobe den Tag wird auch über Überbitten geschrieben.

Vladimir Nabokov: Lolita (1955)

Lolita. Ein Name, zur Bezeichnung geworden für lasziv dreinblickende junge Mädchen, ständig bereit, ältere Männer zu verführen. Immer hatte ich „Léon – Der Profi“ vor Augen und bin zudem ein wenig vor diesem Roman zurückgeschreckt. Schlussendlich siegte doch die Neugier und bescherte mir ein außergewöhnliches Leseerlebnis, hin und hergerissen zwischen Empörung in Anbetracht der Handlung und Bewunderung für die einmalig kluge und fesselnde Sprache Nabokovs.

Lolita

Der Mittvierziger Humbert Humbert (allein der Name: grandios!) berichtet aus dem Gefängnis heraus über die Tat, die ihm vorgeworfen wird: Der lästerliche jahrelange Roadtrip  mit der zu Beginn zwölfjährigen Dolores (Lolita), die Mutter tot, er als ihr Stiefvater übriggeblieben – Tennisunterricht und sexuelle Dienste inklusive. Sie führen eine Art von Beziehung, in der es stellenweise so scheint, als dominiere das junge Mädchen den Erwachsenen vollends, der ihr, unterwürfig, jeden Wunsch von den Augen abliest. Dass Lolita die Flucht gelingt, verbessert die ohnehin angeschlagene psychische Gesundheit Humberts nicht und er macht sich zu einem blutigen Rachefeldzug gegen Lolitas „Entführer“ auf.

Spannend sind so viele Dinge an diesem Buch, dass eine kurze Aufzählung sie nur andeutungsweise umfassen kann: Die Namen der Figuren sind sehr ausgesucht gewählt, Nabokov gibt hierzu Erläuterungen im Nachwort. Oft fragt man sich, wer gerade eine Äußerung getätigt hat: War es Humbert im Zuge seiner apologetischen Schilderungen, dabei psychisch angeschlagen, oft angetrunken und daher ein unzuverlässiger Erzähler? Der fiktive Herausgeber der Aufzeichnungen oder der Autor Nabokov selbst? Wird hier aus europäischer Sicht Kritik an den Vereinigten Staaten geübt? Oder andersrum? Wo finden sich Querverbindungen in andere Sprachen? Wortspiele aus dem Englischen, Russischen, Deutschen und Französischen, die wohl nur der versteht, der all diese Sprachen beherrscht. Wie gelingt es dem Autor, die Geschichte zwischen den beiden unsympathischen Figuren derart fesselnd zu gestalten und dabei immer den einen oder anderen Witz einzustreuen? Was ist am Ende „Wahrheit“, was Wahn?

Schon beim Lesen musste ich immer wieder nach Interpretationshilfen suchen und einzelne Begriffe nachschlagen. Ausgestattet mit den hilfreichen Anmerkungen meiner Freundin, die „Lolita“ in der Uni gelesen hatte, konnte ich mit viele – wenn auch bei weitem nicht alle – Anspielungen verstehen; es zeigten sich bemerkenswerte Querverbindungen, die immer und immer wieder Nabokovs umfassende Bildung offenbarten. Einschübe aus dem Französischen, manchmal Deutschen wurden unübersetzt übernommen, dem Leser wird hier einiges abverlangt.
Wenn auch nicht der Protagonist, so wurde mir der Autor sympathisch: Wunderbare Wortschöpfungen, schier unendliche Wortspiele mit dem Namen Humbert Humbert und ein Wortschatz, der in heutigen englischsprachigen Werken seinesgleichen sucht und nur schwerlich findet. Erst mit der Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten vor Augen ging mir auf, wie vielschichtig dieses Werk ist ­­– was zunächst hinter der krassen Thematik zurücktrat. Im englischen Original empfand ich „Lolita“ auch sprachlich als schwierige Lektüre, was die Bewunderung für den russischsprachigen Nabokov, der dieses Werk als sein erstes in englischer Sprache verfasste, nur steigert.

Die Annäherung Humberts an Lolita in der ersten Hälfte des Romans war deutlich spannender zu lesen als der lange Roadtrip durch die USA und die Suche nach dem „Entführer“ des Mädchens. Da zogen sich einige Beschreibungen für meinen Geschmack zu sehr in die Länge und ich wartete darauf, dass Humbert endlich ins Gefängnis wandert. Mit dieser kleinen Einschränkung war Nabokovs „Lolita“ ein ausnehmend bereichernder und tiefgründiger Roman.

Vladimir Nabokov, Lolita, verschiedene Ausgaben.

Weitere (und im Tenor völlig unterschiedliche) Besprechungen finden sich u. a. bei Nettebuecherkiste, Büchereulen und muromez.

Katharina Bendixen: Ich sehe alles (2016)

BendixenNach ihrem Bachelor-Abschluss beschließt die Protagonistin, ein Jahr lang als Au-Pair bei einer deutschen Familie in Budapest zu arbeiten. Sie scheint das große Los gezogen zu haben: In der Villa mit Haushälterin lässt es sich gut leben, die kleine Tochter ist süß, mit den anderen Au-Pairs kann man die Nächte durchtanzen. Wenn sich nur ihr Freund aus Hamburg endlich melden würde. Und warum stört es niemanden, dass das Mädchen nie etwas isst? Unsere Erzählerin sieht alles. Aber bald schon fragt sich der Leser, ob er ihr in dieser Geschichte überhaupt trauen kann.

Die Atmosphäre in Katharina Bendixens erstem Roman ist bedrückend: Budapest ein bedrohliches Moloch, das seine Bewohner nur duldet. Die Bilderbuchfamilie nicht so perfekt wie es zunächst scheint. Die Beziehung der Protagonistin zu ihrem Freund? Das bleibt offen, denn so langsam beginnt man sich zu fragen, ob der Freund, von dem sie allen, die es hören oder auch nicht hören wollen erzählt, wirklich existiert. Die Gedanken der Erzählerin werden immer obsessiver, Bendixens klare schnörkellose Sprache unterstreicht dies zusätzlich. Ein Geheimnis reiht sich an das nächste. Metaphern sind gekonnt gesetzt, die Budapester Außenwelt läuft parallel zur Innenwelt der Protagonistin immer weiter aus dem Ruder. Hier hat die Autorin die derzeit angespannte politische Situation in Ungarn weitergesponnen und in Straßenschlachten ausarten lassen. Gegen Ende wird gar alles etwas surreal; die Gastfamilie feiert ein rauschendes Fest, während draußen die Autos brennen.

Wem Veronika Friederike Hasels Roman „Lasse“ gefallen hat, der ist mit „Ich sehe alles“ gut beraten. Anders als bei Hasel wird hier allerdings schneller klar, dass die Erzählerin echte Probleme hat; das Buch ist in dieser Hinsicht durchschaubarer, weil es sich auf dieses Thema beschränkt. Wenn man die Geschichte, die einige Geheimnisse bis zum Schluss nicht preisgibt, aber durchschaut hat, beobachtet man das Geschehen immer noch mit echtem Interesse. Budapest-Besucher werden sich an viele Orte und Sehenswürdigkeiten erinnert sehen; ein bisschen fühlt man, dass der Stadt Unrecht getan wird: So schlimm, und so schön, also so schwarz-weiß, wie die Protagonistin sie erlebt, ist sie dann doch nicht. Als reiner „Thriller“ kann Bendixens Roman zwar nicht bezeichnet werden – einen unerwartet intensiven Sog entfaltet er dennoch.

Katharina Bendixen, Ich sehe alles, Poetenladen 2016, 160 S., Hardcover, 18,80 Euro, ISBN 978-3-940691-77-4.

Die Besprechungen sind bislang rar gesät, sie finden sich u. a. bei Fixpoetry und radioeins.

 

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen (1891)

Es gibt Bücher, die schreien schon Schullektüre!, kaum hat man sie begonnen. Da geht’s ums Erwachsenwerden, am besten gepaart mit Historischem und Gesellschaftskritik. „Frühlings Erwachen“ passt da genau ins Bild – und ich bin heilfroh, dass es mir zu Schulzeiten erspart geblieben ist.

Zu Kaisers Zeiten herrschte eine verklemmte Sexualmoral. Schwierig für Heranwachsende, die nicht wissen wohin mit sich und der Welt. Da ist der intelligente Melchior, der weiß, wie es läuft und dies schriftlich für seinen Freund Moritz niederlegt – ungünstig, dass der Zettel in die Hände der Schulleitung gerät. Melchior steht auf Wendla, die er gern auch mal einvernehmlich schlägt. Wendla, die nicht weiß, wie es so funktioniert, wird schwanger. Und am Ende sind Wendla und Moritz tot.

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