Deutschland als Mittelpunkt litauischer Literatur? Die Zeit von 1945 bis 1949.

„Es heißt, dass von den insgesamt etwa 100.000 aus ihrer Heimat geflohenen Litauern etwa 58.000 Personen in DP [Displaced Persons] Camps auf deutschem Boden gelebt haben. Unter ihnen befand sich der größte Teil der politischen und kulturellen Elite des Landes, die den Krieg überlebt hatten und den sowjetischen Massendeportation entgangen waren. Da ab 1944 in Litauen selbst eine grausame stalinistische Sowjetisierung im Gange war, kann gesagt werden, dass etwa von 1945 bis 1949 Westdeutschland Standort und Schauplatz der litauischen Kultur (und also auch der litauischen Literatur) gewesen ist.“[1]

lithuania-1570508_640

Weiterlesen

Antanas Škėma: Das weiße Leintuch (1958/2017)

 

Skema- LeintuchDie Sehnsucht nach Litauen vergeht nie. In den geschäftigen Straßen von New York trifft man seine Landsleute; die Literatur – sie lebt im Exil fort. Fernab der sowjetischen Herrschaft schreibt manch einer mit litauischem Nationalpathos, ein anderer pflegt durch zahlreiche Anspielungen Geschichte und Kultur des Landes. Zu letzteren gehört der bereits 1961 verstorbene Dichter Antanas Škėma. Im US-amerikanischen Exil verfasste er mit „Das weiße Leintuch“ sein – zumindest außerhalb Litauens – bekanntestes Werk.

Škėmas Protagonist, der litauische Schriftsteller Antanas Garšva, lebt im New Yorker Exil. Von den Sowjets gefoltert, floh er über Deutschland in die USA, wo er nun als Liftboy arbeitet. Er raucht, trinkt und verliert sich in Affären, von denen er sich mal mehr, mal weniger verspricht. Lebensbedrohlich krank, schiebt er das klärende Gespräch mit dem Arzt vor sich her; gemeinsam mit seiner Geliebten will er leben, dabei schreiben und auch endlich wieder dichten.

Die Parallelen zum Leben des Autors stechen sofort ins Auge und auch sein Dichtertum merkt man der Erzählweise an: Seitenlange Assoziationsketten, die sich Bildern aus der baltischen, römischen oder griechischen Mythologie bedienen; dann historische und politische Andeutungen, die ohne die hilfreichen Anmerkungen des Verlages gar nicht zu verstehen wären. Orte, Plätze, Zeiten – alles verschwimmt und schon bald fühlt man sich ebenso gehetzt wie der Protagonist des Romans. Das schien auch der Autor gesehen zu haben, denn fast lacht man erleichtert auf, als er eine andere Figur das Werk seines Protagonisten kritisieren lässt: „Du jonglierst nur mit Bildern. Ohne Sinn.“ (S. 203)
Dann lässt Škėma Antanas Garšva etwas Luft holen; in fein formulierten Rückblicken entblättert er nach und nach die litauische Geschichte. Vom Krieg gegen Polen, der Unzugänglichkeit der Hauptstadt Vilnius, der deutschen und sowjetischen Besatzung, dem Widerstand, von Flucht und Vertreibung erzählt Škėma und geht dabei nicht über den Horizont seines Protagonisten hinaus. Diese Rückblicke sind viel lesbarer, verständlicher. Sind mehr Prosa als Lyrik.

Es heißt, Das weiße Leintuch habe auch heute noch großen Einfluss auf die litauische Literatur. Das ist ohne Weiteres vorstellbar, denn hier wird thematisch so viel angerissen; eine Quelle, aus der jüngere Autoren jahrzehntelang schöpfen können. Dazu legt Antanas Škėma hier auf mehr als 250 Seiten seinen facettenreichen Stil nieder. Da lässt sich abschauen, kopieren, vielleicht auch kritisieren und ausbauen. Und für den Leser, der mit hilfreichen Anmerkungen und Biografien im Anhang erstmals in die litauische Literatur eintaucht, eröffnet sich eine ganz neue Welt, die geprägt ist von Ost und West, so europäisch und dabei doch so fremd.

Antanas Škėma, Das weiße Leintuch (OT: Balta drobulė, 1958, aus dem Litauischen von Claudia Sinnig), Guggolz 2017, 255 S., 21€, ISBN 978-3-945370-10-0.

 

Leipzig liest Litauisch

Bald ist es wieder so weit – Ende des Monats steht die Leipziger Buchmesse vor der Tür. Schwerpunktland wird in diesem Jahr Litauen sein. Obwohl gar nicht so weit entfernt, ist Litauen ein weißer Fleck auf meiner Leselandkarte. Dabei hat das Land literarisch einiges zu bieten und wird in diesem Jahr von gleich mehreren Verlagen entdeckt. So werden nicht nur Neuerscheinungen verlegt, sondern auch ältere Bücher, die die litauische Literatur bis heute beeinflussen. Antanas Škėmas Das weiße Leintuch gehört zum Beispiel dazu: In den 1950er Jahren geschrieben, wird es in diesem Jahr zum ersten Mal auf Deutsch verlegt. Wie schön, dass die Gast- und Schwerpunktland-Aktionen der Buchmessen für die Verlage einen Anreiz bieten, sich mit bislang unbekannter Literatur zu beschäftigen und sie dem deutschen Markt zugänglich zu machen – in diesem Jahr ein Glück für uns Leser, deren Litauischkenntnisse mehr als bescheiden sind.
Besonders gespannt bin ich auf diese Neuerscheinungen:

Litauische Bücher.JPG

Ulrich Rosengarten : Litauen. Ein europäischer Staat zwischen Ost und West ♦♦♦ Undinė Radzevičiūtė: Fische und Drachen  ♦♦♦ Jurgis Kunčinas: Tula ♦♦♦ Grigorijus Kanovičius: Die Freuden des Teufels ♦♦♦ Kęstutis Navakas: Die gelassene Katze ♦♦♦ Tomas Venclova: Der magnetische Norden ♦♦♦ Ruta Sepetys: Salz für die See ♦♦♦ Irena Ülkekul (Übersetzung): Ein glücklicher Mensch. Märchen aus Litauen ♦♦♦ Antanas Škėma: Das weiße Leintuch

Wer ein wenig weiterstöbern möchte: Einen Blog, der sich ganz der baltischen Literatur verschrieben hat, gibt es hier.

striche

 

Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen (1975)

Allen Mitlesern ein frohes und gesundes neues Jahr! Es geht gleich los mit Nobelpreiskost; die wurde allerdings noch im alten Jahr gelesen. Dabei lief allerdings nicht alles so, wie zunächst gedacht:

Mit diesem viel gerühmten Roman hatte ich gleich zweifach einen schlechten Start – nur, um dann sehr positiv überrascht zu werden. Worum es geht: Der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész schildert die Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager des Dritten Reichs aus der Sicht eines unbedarften, geradezu naiven 15-Jährigen und verarbeitet damit seine eigenen furchtbaren Erfahrungen.

kertesz-roman-eines-schicksallosen

Der 15-jährige György (sprich etwa: „Djördch“) scheint sich nicht allzu viele Gedanken zu machen: Seine Eltern sind geschieden, den Streit zwischen ihnen um seine Person versteht er nicht so richtig. Er verhält sich so, wie er glaubt, dass die Menschen es von ihm erwarten, seine Eltern, die Nachbarn, die erste Freundin. Den gelben Stern auf seiner Jacke trägt er pflichtbewusst; was genau ein Jude sein soll, versteht er auch nicht so richtig, religiös ist kaum jemand in seinem Umfeld. Er merkt, dass die Menschen ihn anders behandeln, seit er den Stern trägt. Aber mit seinen Freunden, die auch einen gelben Stern tragen, kommt er bei der Arbeit in der Raffinerie gut zurecht. Als er eines Tages auf dem Weg dorthin aus dem Bus gezogen wird, lange ausharren muss und von einer Station zur nächsten gekarrt wird, da weiß er noch gar nicht, wie ihm geschieht. Erst, als er die Schornsteine der Krematorien sieht, den beißenden Geruch in der Nase hat und sich selbst kahlgeschoren und in Sträflingskleidung wiederfindet, beginnt er, die Bedeutung seines gelben Sterns zu verstehen.

Das ganz Besondere, sehr Eigene an diesem Roman sind die völlig wertungsfreien Beobachtungen, die der junge György dem Leser ungefiltert übermittelt. Genau darin liegt sein Schrecken und es ist wohl auch einer der Gründe, warum Imre Kertész mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Zuerst hielt ist den Protagonisten für zu naiv dargestellt, hatte ich doch kurz zuvor Chaim Potoks „Die Erwählten“ gelesen. Denn auch hier geht es um 15-Jährige jüdische Jungen im Zweiten Weltkrieg, sie erschienen mir aber ungleich reflektierter, gebildeter zu sein als Kertész Figur. Doch nach und nach bekam ich Zugang zum jungen György und ganz zum Schluss, als er es schafft, heimzukehren nach Budapest und versucht, den Daheimgebliebenen seine Erlebnisse begreiflich zu machen (und es doch nicht schafft, viel zu sensationslüstern, empörungsbereit oder -unwillig sind die Gesprächspartner), hat mich Kertész vollends überzeugt.

Enttäuscht war ich zunächst auch, weil ich unter den gebrauchten Büchern nicht die bekannteste Ausgabe des Romans mit dem Coverbild eines Vogels finden konnte. Ich entschied mich dann für eine mit – wie mir schien – eher nichtssagendem Coverbild. Eine Lappalie, aber man hat ja so seine Vorlieben. Als ich das Buch zu Hause öffnete, war der Vogel sofort vergessen: Mein gebrauchtes Exemplar enthielt eine persönliche Widmung des erst kürzlich verstorbenen Autors. Zwar nicht mir gewidmet, trotzdem ein wahrer Schatzfund.


Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen, (OT: Sorstalanság), aus dem Ungarischen von Christina Viragh, verschiedene Ausgaben. Ältere Ausgaben auch unter dem Titel „Mensch ohne Schicksal“.

Eine vollständige Version wird hier zum kostenlosen Download bereitgestellt: http://www.netz-gegen-nazis.de/seite/buecher-zum-download

Weitere Besprechungen finden sich u.a. bei
Zukunft braucht Erinnerung
Muromez
Celinas Bücherregal

Dieser Titel ist Teil meiner
k1024_leseliste

Szilárd Borbély: Die Mittellosen

42450Im Februar 2014 nahm sich der Autor das Leben. Dieser Satz, so wahr wie endgültig, findet sich in der dem Roman vorangestellten Kurzbiografie Szilárd Borbélys. In der Erzählfiktion „Die Mittellosen“ schildert der Autor seine Kindheit in einem ungarischen Dorf der 1970er Jahre.

Missgunst, Gewalt, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit: Das Dorf ist wahrlichkein Ort für zartbesaitete Gemüter. Die Menschen hier verhalten sich in ihrem Hass auf alles, was anders ist, so wie schon seit Jahrhunderten: Herkunft und Stand spielen auch unter den „Genossen“ eine Rolle, endlich haben „die Bauern“ die offizielle Erlaubnis, es jenen heimzuzahlen, die klüger gewirtschaftet haben als sie selbst. Der einzige im  Dorf verbliebene Jude wird weiterhin gemieden, viel zu adrett sahen doch seine Töchter immer aus. Selbst noch, als sie deportiert wurden.

Weiterlesen

György Dragomán: Der Scheiterhaufen

ScheiterhaufenIn einem Land ohne Namen, einige Monate nach dem blutigen Sturz eines namenlosen Generals. Nichts gibt Autor Dragomán preis, doch weiß der Leser, dass er sich im Rumänien der früher 90er Jahre befindet, vielleicht in Siebenbürgen, denn die Figuren tragen ungarische Namen. Die Menschen dort hadern mit der neuen Ordnung. Besser als die alte ist sie, doch was geschieht mit den Machthabern von damals, wer bestraft die Regimespitzel, die immer noch unter ihnen wohnen? Wohin sind die Toten geschafft worden, die die Staatssicherheit in einem letzten Machtakt ihren Angehörigen entriss?

Was dramatischer nicht sein könnte, besonders angesichts der vielen Umstürze, die andernorts zur selben Zeit friedlich verliefen, wird in „Der Scheiterhaufen“ aus ungewohnter Perspektive erzählt: Die Welt der dreizehnjährigen Emma wandelt sich jäh, sie verliert ihre Eltern bei einem Autounfall und wird von ihrer Großmutter aufgenommen, einer Frau, von deren Existenz sie bislang nichts wusste. Die knochige alte Frau erscheint schon auf den ersten Blick als ungeeignet, sich um das verletzte Mädchen zu kümmern und ihr Halt zu geben, als sie in der neuen Schule prompt gemieden und bedroht wird. Doch Emma weiß sich durchzusetzen und nach und nach gelingt auch eine langsame, zarte Annäherung an die Großmutter.

Die Figuren haben Wiedererkennungswert. Die knöcherne Großmutter, die an eine Märchenhexe erinnert und sich auch so benimmt. Beim Kaffeesatzlesen, beim Formen von Lehmmenschen: Sie versteckt ihren Spuk nicht vor ihrer Enkelin und lässt sie wie selbstverständlich daran teilhaben. Der durch das Haus geisternde tote Großvater erschreckt die junge Emma so auch nicht, vielmehr fügt er sich ein in das Haus, das man sich unweigerlich altersschief vorstellt. Emma selbst unternimmt immer wieder Anstalten, sich der Methoden ihrer Großmutter zu bedienen, etwa, wenn sie sich den Finger ritzt und hofft, mit diesem Blutzoll das Geschehen in ihrem Willen beeinflussen zu können.

Dabei geht es außerhalb des Hauses weniger esoterisch zu: In der Schule wird hart zugeschlagen, die Methoden dort und das Verhalten der Schüler erscheinen als grausam. Doch Emma beißt sich hier durch, behauptet sich gegenüber ihren Mitschülern und wird gefördert: Der Zeichenlehrer erkennt ihr Talent, ebenso der Sportlehrer, der sie im Laufen trainiert, die Bibliothekarin nähert sich ihr als Freundin. Und doch bleibt Emma häufig für sich, ihre Beobachtungen sind detailliert. Hier sieht das zeichnende Auge; ihre Naturverbundenheit lässt sie Freundschaft mit den Ameisen schließen und der Baum, der im Garten des Großmutterhauses steht, fungiert fast als ebenbürtiger Protagonist, der schon lange an Ort und Stelle steht, viel Kummer und Leid mit angesehen hat. So sind auch die Orte des Romans markant, neben dem Garten mit der verbotenen wimmernden Hütte ist es der Wald mit der Fuchsfarm, die Schule, die namenlose Stadt, in deren Straßen schon bald wieder Uniformierte patrouillieren sollen.

Die Übersetzung aus dem Ungarischen ist gelungen, an einigen Stellen wurden Eigenheiten der Sprache übernommen, die sich im Deutschen nicht sofort erschließen, etwa, wenn es um das eine Wort geht, das wichtigste, das zwei Menschen einander sagen können und das im Deutschen doch eigentlich drei Worte sind. Die Sprache Dragománs selbst  ist wunderbar lakonisch. Seine Sätze sind schnörkellos, manchmal an Kürze nicht zu unterbieten: Großmutter.

Inhaltlich wird die Zeitgeschichte auf beeindruckende Weise in diesen Roman, der auch Entwicklungsroman ist, eingeflochten: Die Protagonistin ist aufgeweckt, denkt viel und beobachtet noch mehr. Ihr fehlt das Wissen um die Entwicklung des Landes, somit erfährt der Leser nur ausschnittsweise und nur durch ihre Augen, was gewesen ist, was geschieht. Der Blick ist weniger naiv als vielmehr unverstellt. Emma bewertet nicht, sie erzählt, was sie sieht, es bleibt dem Leser überlassen, das Beschriebene näher einzuordnen. So wird nur vage berichtet, wie schmerzhaft die Revolution für jeden einzelnen war, dass jeder Erwachsene irgendeine Stellung dazu bezieht und die Kinder nachplappern, was sie hören. Andeutungsweise erfährt man so, dass der Zeichenlehrer an vorderster Front gegen das Regime kämpfte, Emmas Vater wegen seiner „subversiven“ Bilder in Schwierigkeiten geriet, der Sportlehrer immer noch nach versteckten Massengräbern sucht. Klare Aussagen trifft dann die Großmutter, die mit Emma ihre Erinnerungen daran teilt, wie sie ihre beste Freundin und deren Familie versteckte und über ihr Scheitern verrückt wurde.

„Der Scheiterhaufen“ handelt von der Wahrheit: Was ist sie und wer kennt sie? Kann sie uns befreien? Jetzt sind wir frei und kennen die Wahrheit trotzdem nicht. Werden wir erst wirklich frei, wenn wir sie erzwingen, notfalls mit Gewalt? Dragománs Roman macht sich die Aufarbeitung von Schrecken zum Thema, die nicht geradlinig verläuft, sondern von bestimmten Ereignissen befördert und durch Erinnerung getrübt wird. Und die sehr lange andauern und doch noch nicht abgeschlossen sein kann.

György Dragomán, „Der Scheiterhaufen“ (OT: Máglya, aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer), Suhrkamp 2015, 494 S., 24,95€.

 

„Der Scheiterhaufen“ wurde auch gelesen und besprochen von:

zeichenundzeiten

der buchhändlerin

und – diese Rezension ist fast selbst schon ein Kunstwerk – Andreas Breitenstein in der NZZ

 

Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

K800_Kundera„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ – oft gehört und jetzt endlich einmal gelesen.

Kundera schreibt die Geschichte der Liebenden in Prag und in ihrem – nicht immer selbst gewählten – Exil. Zuerst die Geschichte von Tomas und Teresa. Tomas der Chirurg und Teresa, die Kellnerin vom Land, die ihn verzaubert, unverhofft in seine Prager Wohnung einzieht und sich die Stadt als Fotografin zueigen macht. Die weiß, dass sie sich mit einem unverbesserlichen Schwerenöter eingelassen hat, oft loskommen will, immer bleibt. Und Tomas, der weiß, dass er Teresa verletzt, aber auch die Künstlerin Sabina liebt. Dann die freie und unabhängige Sabina, die an ihrer Kindheit trägt und eine Affäre mit einem Hochschullehrer unterhält, der, unglücklich in seiner Ehe und Familie, sein Leben ändern, aufregender machen will. Dann Teresa, die raus aufs Land will, ein einfaches Leben auf dem Hof, ihren Hund im Schlepptau. Und Tomas, der ihr folgt, ein Paar, das aneinander hängt.

Milan Kundera erzählt die Geschichte der Menschen in Tschechien. Durch Tomas und Sabina im Exil, durch Teresa, die auch das Landleben kennt. Er beleuchtet die Gefühlswelt der Liebenden, die glücklich sein könnten, sich aber selbst im Wege stehen, sich einander das Leben schwer machen, die wirklich schwierigen Situationen – das neue Leben im Exil, die politische Verfolgung – meistern und sich dann aneinander aufreiben. All dies in einer wunderschönen Sprache, die einen als Leser gerade nicht fragen lässt, wann die Geschichte denn endlich vorangetrieben wird, warum all diese zeitlichen Brüche sein müssen. Einfühlsam sowohl aus männlicher als auch aus weiblicher Sicht, ohne die Protagonisten zu klischeehaft zu zeichnen  – der Arzt, die Künstlerin, das Mädchen vom Lande – sie alle gibt es in diesem Roman, sie alle interagieren auf eine Weise, die diese Rollen deutlich hervortreten lässt und doch sind sie vielschichtiger. Kunderas Schilderungen ihrer Gefühlswelten sind erheiternd, oft auch traurig. Der Leser schaut den Protagonisten nicht nur beim Leben zu, nein, er kann in den Kopf eines jeden einzelnen schauen und lebt mit. Das ist es, was „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins “ ausmacht: das Mit-leben, das Gefühl, ein Buch in den Händen zu halten, dem es gelingt, ein Stück Leben zu fassen.

Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (OT: Nesnesitelná Lehkost Byti), erstmals erschienen 1984, verschiedene Ausgaben.