Janne Teller: Nichts. Was im Leben wichtig ist

Teller_NichtsBis sich nichts mehr rührt – eine Schulklasse sucht den Sinn des Lebens und zieht dabei eine Spur der Verwüstung hinter sich her.

Die etwa 13-jährige Agnes ist genervt. Das Leben in ihrer fiktiven dänischen Kleinstadt erscheint eintönig und öde. Doch dann, am ersten Schultag nach den Sommerferien, eröffnet ihr Mitschüler Pierre-Anthon der ganzen Klasse eine Weisheit, die er erlangt zu haben glaubt: „Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“

Die Klasse ist geschockt, doch nachdem Pierre- Athon sich auf einen Pflaumenbaum zurückgezogen hat und jedem Vorübergehenden seine nihilistische Weltsicht hinterher ruft, entschließen sich die Jugendlichen zum Handeln: Sie wollen alles sammeln, was für sie Bedeutung hat und diese Bedeutung dann Pierre-Anthon vorführen, um ihn davon zu überzeugen, dass er falsch liegt. So beginnt einer vom anderen zu fordern, was er beizusteuern hat. Die Lieblingsohrringe, die neuen Schuhe, das gelbe Fahrrad. Je schwerer es demjenigen fällt und je mehr sich dieser weigert, desto mehr Bedeutung muss das Geforderte ja für den Betroffenen haben. Nach jedem Verlust werden die Forderungen größer – es scheint, als wolle sich jeder für den erlittenen Verlustschmerz am nächsten rächen. Der „Berg an Bedeutung“, den die Klasse heimlich in einem alten Sägewerk auftürmt, wird immer größer. Dann soll jedoch ein lebender Hamster dazu kommen und plötzlich dreht es sich nicht mehr nur um rein materielle Dinge. Es wird das Leben eines Hundes gefordert, die Exhumierung des verstorbenen kleinen Bruders, die Unschuld eines Mädchens.
Als der letzte sein Opfer gebracht hat, fliegt die Klasse auf; doch das ist ihnen egal, denn sie haben so viel Bedeutung zusammengetragen, wie sie konnten. Jetzt muss nur noch der überzeugte Nihilist Pierre-Anthon die Bedeutung des Berges anerkennen.

„Nichts“  bedient sich sehr einfacher, klarer Sprache aus der Perspektive eines etwa 13-jährigen Mädchens, das das Geschehen um den Berg der Bedeutung begleitet. Durch Wahl dieser Perspektive wird  besonders der starke Gruppenzwang betont, dem sich alle Schüler ausgesetzt sehen. In dem Moment, in dem der erste begann, etwas auf den Berg der Bedeutung zu legen, kann sich niemand mehr dagegen wehren, seinen eigenen Teil beizutragen. Wehrt sich doch jemand, so wird er schlicht von den anderen gezwungen, meist mit körperlicher Gewalt. Jungen und Mädchen nehmen sich in dieser Hinsicht nicht viel; die Sinnsuche wird häufig von roher Gewalt begleitet.

Nihilismus als Grundlage für ein Jugendbuch zu nehmen, ist neu. Dazu kommt, dass der Roman, anders als viele andere Jugendbücher, die mit ähnlich drastischen Ereignissen arbeiten, bis zum Schluss nicht versöhnlich ist. Immer wieder klingt an, dass die Suche der Jugendlichen nach Bedeutung legitim ist, aber letztlich nur eine Phase des Erwachsenwerdens darstellt – wobei  sich Erwachsene lediglich damit arrangiert haben, keine Bedeutung im Leben zu finden.

Das skurrile Verhalten Pierre-Anthons, sich über Monate auf einen Pflaumenbaum zurückzuziehen und seine Lehren von dort herunter zu krakeelen – immer begleitet vom Werfen matschiger Pflaumen – erinnert an die abstrusen Geschichten, die von einigen griechischen Philosophen überliefert sind.
Aufgrund der schnörkellosen Sprache und des schnellen Voranschreitens der Handlungen wirkte das Geschehen weniger grausam, als wenn man es sich sprachlich ausgeschmückt oder gar als Film vorstellt.  Die Symbolik in diesem Buch ist nicht allzu versteckt, es gibt eine klare Rollenverteilung innerhalb der Klasse und klare, schnell nachvollziehbare Entwicklungen der Charaktere. Bei Tellers Roman handelt es sich daher tatsächlich um ein reines Jugendbuch, das sehr auf die Besprechung im Unterricht angelegt ist. Das ist auch nötig, denn gerade jüngere Kinder und Jugendliche sollte man nicht völlig kommentarlos mit dieser durchaus beunruhigenden Geschichte allein lassen.

„Nichts“ löste zum Zeitpunkt seines Erscheinens im Jahr 2000 eine große Diskussion in Dänemark darüber aus, was ein Jugendbuch können/dürfen sollte und was nicht. Nachdem der Roman erst 2010 auf Deutsch erschien und 2015 neu aufgelegt wurde, wird er auch in Deutschland immer bekannter und schon in eine Reihe mit „Die Welle“ und „Der Herr der Fliegen“ gestellt.

Janne Teller, Nichts: Was im Leben wichtig ist, Hanser 2010, 144 S., 12,90 €.

Tomas Bannerhed: Die Raben

Die RabenIm dunklen, schwedischen Moor entspinnt sich eine bedrückende Vater-Sohn-Geschichte, die unweigerlich ein schreckliches Ende finden muss.

Im Schweden der 70er Jahre kämpft eine Bauernfamilie um den Erhalt ihres Hofes. Der 14-jährige Protagonist Klas weiß eines ganz sicher: in die Fußstapfen seines Vaters will er nicht treten. Er will sich nicht auf den Feldern krummschuften und Tag für Tag für das Vieh leben. Was er lieber will, weiß er allerdings auch nicht. Als intelligent beschrieben, absolviert er die Schule nebenbei, denn seine eigentliche Leidenschaft gilt der Vogelbeobachtung. Name, Färbung, Gewohnheiten – kein Aspekt der einheimischen Vögel, den er nichts genauestens studierte. Hin und wieder kommt es zu Begegnungen mit Gleichaltrigen von anderen Höfen, an denen – gewaltverherrlichenden Waffennarren, Großstadtmädchen – das Leben im Moor auch nicht spurlos vorüber geht. Die Mutter der Familie unternimmt immer wieder hilflose Versuche, ein normales Familienleben in Gang zu bringen. Ihre Beklemmung, wenn der Vater über seine Visionen, meist „Die Raben“ spricht, ist dabei deutlich spürbar. Beim Leser verstärkt sich die Vorahnung, dass diese Geschichte vermutlich nicht gut ausgehen wird.

„Die Raben“ ist ein eigenwilliger Roman, der ungewöhnliche Protagonisten und Orte wählt, um atmosphärisch dicht vom langsamen Fortschreiten einer Katastrophe zu erzählen.

Hin und wieder, besonders bei der Beschreibung der winterlich glitzernden Landschaft, kann man die Schönheit des Moors erahnen. Viel häufiger aber sind die Visionen der schlammigen Tiefen, in die hinab gezogen zu werden die Protagonisten so sehr fürchten. Das Moor tritt als Protagonist auf, der  einen Großteil der beklemmenden, bedrückenden Atmosphäre schafft, die den ganzen Roman durchzieht. Der Autor kommt ohne Schock-Effekte aus; es dauert auch etwa hundert Seiten, bis man als Leser gut in die Geschichte hineingefunden hat, bis sich die Atmosphäre so sehr verdichtet hat, dass vermeintlich wenig spannende Naturbeschreibungen eine tiefere Bedeutung bekommen. Dann aber beginnen die Visionen von Raben, auch den Leser zu beunruhigen.

Tomas Bannerhed: Die Raben, 448 S., 21,99€.