Theodor Fontane, Günter de Bruyn: Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862–1889/2017)

Fontane_WanderungenWenn man aus Westfalen nach Berlin zieht, erleidet man leicht einen kleinen Kulturschock. Die wochenendliche Flucht ins Umland hilft da zunächst nur wenig, denn es erwarten den Westfalen fremd klingende Ortsnamen und ein besonderer Schlag Mensch mit seinem ganz eigenen Humor. Und Sand. Viel Sand. Um das Berliner Umland einmal besser kennenzulernen und seine Geschichten zu hören, habe ich die Zusammenstellung des Fontane-Kenners Günter de Bruyn herangezogen. „Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ist eine Zusammenstellung der interessantesten Geschichten des umfangreichen Fontane-Werkes und zum Einstieg genau richtig. Weiterlesen

Gustave Flaubert: Madame Bovary (1857)

Flaubert_BovaryHier sitzt jedes Wort: Mit hinreißender sprachlicher Eleganz entlarvte Gustave Flaubert jede menschliche Schwäche und schuf zugleich ein für die Zeit freizügiges Sittengemälde, das stilbildend für viele spätere Romane um unglückliche Frauen war.   

Der Inhalt

Der mäßig begabte Charles wird auf Drängen seiner ehrgeizigen Mutter hin Arzt und schafft es auch tatsächlich, dem einen oder anderen Leiden seiner Patienten abzuhelfen. Als er eines Tages das Bein eines Hofbesitzers schient, verliebt er sich in dessen Tochter. Muss er nur noch abwarten, bis seine Ehefrau stirbt, um die junge Emma zu heiraten. Klappt auch. Emma ist des eintönigen Ehealltags und ihres ebenso eintönigen Ehemanns aber bald überdrüssig und sieht sich nach anderweitigen Vergnügungen um. Die findet sie auch bald – in Form verschiedener Schwärmereien und Affären. Der gutgläubige Charles ahnt nichts davon, zumal es Madame Bovary gelingt, ihre horrenden Geldausgaben geheim zu halten. Dass das alles auf Dauer nicht gut gehen kann, ist ja klar.

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Lize Spit: Und es schmilzt (2017)

Spit_Und es schmilztIrgendwas stimmt hier nicht, denkt der Leser von Lize Spits Debütroman „Und es schmilzt“. Die Seiten fliegen dahin, das Gefühl wird stärker. Am Ende bleibt der Leser verstört und traurig zurück.

Evas Kindheit im kleinen flämischen Dorf Bovenmeer könnte so behütet sein: Tägliche Schwimmausflüge mit Freunden, eigenes Haus mit Garten, das Stück Wurst von der befreundeten Metzgerin über die Theke gereicht. Das alles passiert. Auch. Daneben: Die täglichen, manchmal halb-öffentlichen Trinkgelage der Eltern, vor denen Eva so oft wie möglich aus dem Haus flieht. In Gedanken bei ihrer kleinen Schwester, die sich in ein Netz von Zwangsstörungen und Selbstgeißelungen verstrickt, während ihr Bruder für die Schule lernt, um so schnell wie möglich weg zu kommen. Dann ihre beiden besten und einzigen Freunde, für die Freundschaft bedeutet, mit ihrer Hilfe möglichst viele Klassenkameradinnen begrapschen zu können. Und dann noch Jans Tod. Jan, der einzige Junge, der Eva hübsch fand. Weiterlesen

Jonas Lüscher: Kraft (2017)

Was ursprünglich als Dissertation geplant war, wird zum Roman: Jonas Lüscher erzählt in „Kraft“ mit geistreichem Witz und skurrilem Humor die Geschichte eines Tübinger Rhetorik-Professors, der im Silicon Valley vor den Trümmern seines Lebens steht.

Lüscher_Kraft„Warum alles was ist, gut ist und wie wir es dennoch verbessern können“ – Zu dieser durch und durch optimistischen Weltanschauung soll Kraft als einer von vielen Geisteswissenschaftlern eine Argumentation liefern und dafür von einem reichen Investor eine Million Dollar einstreichen. Nichts leichter als das, denkt sich Kraft und reist für einen Monat ins Silicon Valley, um sich seinem Vortrag zu widmen. Was man mit einer Million nicht alles machen könnte: Sich von seiner Frau und seinen pubertierenden Zwillingen loskaufen, endlich die Unterhaltsschulden für die anderen beiden Kinder loswerden, noch einmal ganz neu anfangen,… Je länger Kraft auf den derzeitigen Zustand der Welt im Allgemeinen und sein bisheriges Leben im Besonderen blickt, merkt er: Eigentlich ist nichts gut, wie es ist. Eigentlich ist alles sogar ziemlich verkorkst.

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Lukas Bärfuss: Hagard (2017)

Bärfuss_HagardObwohl hochgelobt in diesem Jahr, wurde ich mit „Hagard“ (französisch für „verstört, verängstigt“) des Schweizer Autors Lukas Bärfuss nicht warm: Die Idee einer Flucht aus dem Alltag toll, der Erzählton unsympathisch herablassend.

Philip, ein aus der Form geratener Mittvierziger, verkauft Lebensabendimmobilien in Ferienregionen an Senioren. Als er in einer Stadt, die Zürich sein könnte, von einem Geschäftskontakt versetzt wird, fällen ihm zufällig die Schuhe einer jungen Frau ins Auge. Aus einem Impuls heraus verfolgt er sie: durch die Stadt, in die Vorstadt, bis zu ihrem Haus und am nächsten Tag zu ihrer Arbeitsstelle. Ohne ihr Gesicht zu sehen, ohne zu wissen, warum. Anderthalb Tage einer schier unerklärlichen Besessenheit, die ihn Auto, Schuh und Würde kosten. Was treibt Philip an? Wie lässt sich ein so radikaler Ausstieg aus dem eigenen Alltag erklären? Das sind die Fragen, die Bärfuss in seinem Buch stellt. Weiterlesen

Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts erkennt einer die Begabung des jungen und politisch unbedeutenden Feldherrn Karl Alexander schnell: Joseph Süß Oppenheimer, der sich bereitwillig als Finanzmann in die Dienste des jungen Adligen stellt. Als dieser dann tatsächlich Herzog von Württemberg und einer der mächtigsten Männer zwischen Preußen und Wien wird, erlebt auch „Jud Süß“, wie Oppenheimer gemeinhin genannt wird, einen kometenhaften Aufstieg. Als einer der reichsten Männer des Reiches residiert er in Prunk, sammelt Frauenbekanntschaften und Edelsteine; er hält alle Fäden in der Hand. Ein Geheimnis verbirgt der bedeutendste Mann des Reiches jedoch lange vor der Hofgesellschaft: Seine uneheliche Tochter, die fernab der restlichen Welt mit seinem Onkel, einem geheimnisumwitterten Kabbalisten, tief im jüdischen Glauben verwurzelt heranwächst. Oppenheimer liebt sie über alles und als sie sich vor dem zudringlichen Herzog in den Tod flüchtet, plant der Finanzminister sorgsam seine Rache.

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Kleffner, Meisner (Hg.): Unter Sachsen (2017)

Unter Sachsen_VS-Cover_final.inddWer sich den Nachrichten nicht völlig versperrt, hört immer wieder von rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten, häufig in Ostdeutschland und besonders häufig in Sachsen. Aber warum gerade hier? Warum scheinen die Sachsen so anfällig zu sein für fremdenfeindliche Parolen und rechtes Gedankengut? Diesen Fragen geht das sehr wichtige Buch „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“ nach.

In einem Wechsel zwischen literarischen Texten, politischen Analysen und Interviews berichten bekannte und weniger bekannte Autoren, Journalisten und Kunstschaffende über verschiedene Aspekte rechtsextremer Gewalt in Sachsen. Da geht es um den Kleinstkosmos sächsischer Dörfer, in die sich zwar seit Jahren kein Ausländer verirrt hat, die aber wie selbstverständlich von dem örtlichen kriminell-rechtsextremen Vandalen terrorisiert werden. Wer nicht in die Schusslinie geraten will, hält besser den Mund. Neben den „offensichtlichen Zielscheiben“ wie Flüchtenden oder Deutschen mit Migrationshintergrund sind nämlich oftmals auch Helfer, gesellschaftlich engagierte Bewohner, die Willkommensinitiativen oder Gesprächskreise starten, von blankem Hass bis hin zu offenen Morddrohungen vom Nachbarn drei Häuser weiter betroffen. Längere Texte werden in „Unter Sachsen“ von kurzen „Zwischenrufen“, persönlichen Eindrücken von Politikern, lokalen Künstlern und Betroffenen abgelöst, die Erfahrungen mit Rechtsextremismus sächsischer Spielart konzentriert wiedergeben.

Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Autoren – mal sachlich-nüchtern, mal sehr persönlich – zeichnet „Unter Sachsen“ ein umfassendes Bild davon, wie das menschliche Miteinander in Stadt und Land unter der weiten Streuung rechtsextremen Gedankengutes leidet. Pauschal kritisiert werden „die Sachsen“ nicht; vielmehr sind die vielen vorgestellten Initiativen für Toleranz und respektvollen Umgang bemerkens- und begrüßenswert. Absolut deutlich wird dabei aber auch, dass diese ohne eine nachdrückliche Unterstützung aus Politik und einer mutigen Presse, die nicht zögert, Rechtsextremismus beim Namen zu nennen, nicht funktionieren können. Daher sparen viele der Autoren auch nicht mit Kritik an langjährig CDU-dominierter Regierung, an Polizeibehörden und schleppend laufenden Justizverfahren.

Meine Sorge, in diesem Buch mit lauter linker Rhetorik und damit einhergehenden Kampfbegriffen konfrontiert zu werden, hat sich nicht bestätigt. Sicher, viele der Beiträge sind streitbar, einige in ihrer Kritik zu tendenziös. Aber genau dadurch setzt beim Leser ein Denkprozess, eine eigene Meinungsbildung ein, die dazu anregt, am Rande des Bewusstseins vorbeiflatternde Nachrichtenfetzen in Zukunft mit mehr Aufmerksamkeit wahrzunehmen. „Unter Sachsen“ stößt gekonnt in eine Lücke, die jüngere gesellschaftliche Entwicklungen aufgetan haben und kommt daher genau zum richtigen Zeitpunkt.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.), Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Ch. Links Verlag 2017, 312 S., 18€, ISBN: 978-3-86153-937-7.

 

Deborah Feldman: Überbitten (2017)

cover_350x240Heute erscheint „Überbitten“, das dritte Buch der Wahlberlinerin Deborah Feldman. In ihrem Roman verarbeitet sie die Zeit nach dem Ausstieg aus einer isolierten jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York und beschreibt Ängste, Reisen und Freundschaften, die ihr Ankommen in der neuen Welt begleiten.

Sieben Jahre sind es, die sie nach ihrem Ausbruch schildert. Sieben Jahre, das letzte nach jüdischer Tradition das Sabbatjahr, in dem Schulden erlassen und Sklaven befreit werden. Eng sind der Aufbau dieses Buches und Feldmans Herkunft verwoben und bis zum Überbitten – etwa dem Verzeihen aus dem eigenen Glauben heraus, vielleicht sogar der Vernunft zuwider – ist es ein langer Weg, der die Autorin von Manhattan und dem Sorgerechtsstreit um ihren Sohn ins Europa ihrer Großeltern bis schließlich ins heutige Berlin führt.
Jedes einzelne Jahr nach dem Neuanfang ist anders: Während das erste noch von existenzieller Not geprägt ist, stellt sich mit der Zeit der schriftstellerische Erfolg ein, als „Unorthodox“ überraschend einschlägt und die Bestsellerliste der New York Times erklimmt. Die Sorge um Nahrung und Kleidung verschwindet, Feldman kann der Stadt nach Neuengland entfliehen, doch beim Ringen um die eigene Identität hilft Geld nur wenig. Die Autorin reist, viele Reisen führen sie nach Europa, wo sie die Wurzeln ihrer Großeltern weiß und doch nur tote, nach dem Holocaust auf ewig verbrannte Erde vermutet. Oft wird sie überrascht, manchmal bestätigt. Ihre Bekanntschaften zeigen: der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens ist für viele Europäer immer noch schwierig. Was sagen, was fragen, wie reagieren?

Während „Unorthodox“ der Literaturwelt unvergleichlich tiefe Einblicke in die abgeschlossene Welt des Chassidismus gab, gibt uns Feldman diesmal etwas noch Persönlicheres: Einblicke in die schwierige Suche nach der eigenen Identität, die in der Kindheit unter den Kollektiverfahrungen eines ganzen Volkes begraben wurde. Wer glaubt die traumatische Wirkung des Holocaust sterbe mit seinen letzten Überlebenden, wird hier eines Besseren belehrt. Es sind  auch die Nachkommen der zweiten Generation, die sich mit den Traumata ihrer Vorfahren auseinandersetzen müssen und in einigen Fällen immer noch um einen Umgang mit den Nachkommen der Täter ringen.

Siebenhundert Seiten stark ist „Überbitten“ geworden. Man merkt dem Werk an, dass Feldman sich hier eine Menge von der Seele schreiben musste. Wie sie es wollte gibt sie ihrem ganzen Leben unverkennbar eine erzählerische Struktur und vermeidet Wiederholungen, sodass man diesem besonderen Lebensweg Seite um Seite in gespannter Erwartung folgt. Ihr erstes Werk „Unorthodox“ sollte man zuvor gelesen haben, dann kann man sich gut vorbereitet auf dieses fesselnde und sehr persönliche Werk einlassen.

Deborah Feldman, Überbitten. Autobiographische Erzählung, aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2017, 704 S., 28 €, ISBN 978-3-906910-00-0

Hier gibt es ein Interview mit der Autorin zum Buch. Wenn ihr auch eine Rezension zum Buch verfasst habt, verlinkt euch gern in den Kommentaren!

Ergänzung: Bei Lobe den Tag wird auch über Überbitten geschrieben.

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen (1891)

Es gibt Bücher, die schreien schon Schullektüre!, kaum hat man sie begonnen. Da geht’s ums Erwachsenwerden, am besten gepaart mit Historischem und Gesellschaftskritik. „Frühlings Erwachen“ passt da genau ins Bild – und ich bin heilfroh, dass es mir zu Schulzeiten erspart geblieben ist.

Zu Kaisers Zeiten herrschte eine verklemmte Sexualmoral. Schwierig für Heranwachsende, die nicht wissen wohin mit sich und der Welt. Da ist der intelligente Melchior, der weiß, wie es läuft und dies schriftlich für seinen Freund Moritz niederlegt – ungünstig, dass der Zettel in die Hände der Schulleitung gerät. Melchior steht auf Wendla, die er gern auch mal einvernehmlich schlägt. Wendla, die nicht weiß, wie es so funktioniert, wird schwanger. Und am Ende sind Wendla und Moritz tot.

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Oscar Wilde: Ernst sein ist alles (1895)

Selten habe ich beim Lesen eines Theaterstückes so oft laut aufgelacht. Nicht, dass ich mich damit brüsten könnte, schon besonders viele Stücke gelesen zu haben, aber dennoch meine ich: Oscar Wildes Komödie schafft etwas wirklich Besonderes, denn sie ist beim Lesen einfach unglaublich lustig. Schon ohne Schauspieler, Bühne und Requisiten schmunzelt man leise oder laut vor sich hin und kommt sich nicht nur einmal vor, als lese man den Text zu einer heutigen Sitcom.

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Die Hauptpersonen sind schnell beschrieben (Achtung, sehr britisch gewählte Namen): Algernon möchte das Mündel seines Freundes Jack heiraten. Jack möchte Algernons Cousine heiraten. Gegen beides hat Algernons Tante Lady Bracknell eine Menge einzuwenden (Name, gesellschaftliches Ansehen, Geld, gesellschaftliches Ansehen, Geld). Die beiden Angebeteten hingegen sind begeistert, denn ihre jeweiligen Verlobten stellen sich ihnen unter dem ehrenwerten Namen „Ernest“ vor – welche Frau wünscht sich keinen Ernest an ihrer Seite? – und sind insgeheim sogar bereit, sich geschwind auf diesen Namen taufen zu lassen. Dumm nur, dass dann beide unerwartet aufeinander treffen, ohne sich abgesprochen zu haben.

Das Stück ließ sich im englischen Original gut lesen, die Witze waren pointiert und resultierten gerade zu Beginn häufiger aus Wortwitz als aus Situationskomik. Britischer Snobismus aus Jane Austen-Zeiten und beste-Freundinnen-Gehabe werden gnadenlos auf die Schippe genommen, der hedonistische Dandy triumphiert. Gerade zum Ende hin, wo Wilde mehr auf die Situationskomik gesetzt hat, droht das Stück ein wenig ins Alberne abzurutschen. Das trübt aber nur unwesentlich den heiteren Gesamteindruck, den ,,The Importance of Being Ernest“ beim Lesen hinterlässt.

Oscar Wilde, Ernst sein ist alles (OT: The Importance of Being Ernest), verschiedene Ausgaben.


Das erste Theaterstück, das ich in der Gutenberg-App auf meinem Smartphone gelesen habe: in angenehmer Schriftgröße und gut leserlichem Satz. Trotzdem ist es immer noch ermüdender, als einfach ein Buch in die Hand zu nehmen. Dafür allerdings leichter mit sich herum zu tragen. Der Link zur kostenlosen Vollversion beim Projekt Gutenberg:
http://www.gutenberg.org/ebooks/844

Dieser Titel ist Teil meiner k1024_leseliste