Smith Henderson: Montana – Finsterste Country Noir

Polizeigewalt, versagende Sozialeinrichtungen, Verschwörungstheorien, Kindesmissbrauch – als Sozialarbeiter hat Pete in den unzugänglichen Wäldern Montanas eine Menge zu tun. Der Staat ist schwach im entlegenen Yaak-Gebiet und seine Bewohner sind misstrauisch. Nur langsam gewinnt Pete das Vertrauen der oft zerrütteten Familien. Besonders fasziniert ihn der eigenwillige Jeremiah Pearl, der mit seiner Familie in den Wäldern lebt und die Flinte auf jeden anlegt, der ihm zu nah kommt. Doch ist der Mann auch eine Gefahr für seine Kinder?

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Emily Fridlund: Eine Geschichte der Wölfe (2017)

Vor einem Monat habe ich Emily Fridlunds „Geschichte der Wölfe“ beendet. Die Bewertung ist schwieriger als anfangs erwartet und immer noch schwanke ich in meiner Meinung zwischen „typischer US-Autorenschmiede-Roman mit zu wenig Tiefgang“ und „solide Geschichte mit guten Ansätzen“. Rundum begeistern konnte mich das Werk nicht.

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Der Inhalt

Eine fünfzehnjährige Außenseiterin wird in der Einsamkeit der Seen Minnesotas zur Babysitterin bei der neu zugezogenen Nachbarsfamilie. Das Verhalten des ungleichen Elternpaares und seines vierjährigen Sohnes wird immer merkwürdiger, bis der Junge schließlich krank wird – und es die Eltern nicht sonderlich zu interessieren scheint. Eine Geschichte über die fatalen Folgen absoluter religiöser Ansichten.

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Lauren Groff: Licht und Zorn (2016)

Eine Ehe, in welcher der Mann die Frau eigentlich gar nicht kennt. „Licht und Zorn“ kommt zweigeteilt mit vielerlei Überraschung daher und schreckt auch vor Vulgarität nicht zurück. Obwohl die Geschichte auf raffinierte Art erzählt wird, konnte mich Groffs Werk nicht überzeugen.

Die erste Hälfte des Buches „Licht“ beschreibt die Ehe aus Sicht des Protagonisten Lancelot „Lotto“ Satterwhite, eines gut situierten Frauenhelden, gescheiterten Schauspielers und später äußerst erfolgreichen Dramatikers. Mit 22 Jahren heiratet er die bildschöne Außenseiterin Mathilde, wird enterbt und führt ein bescheidenes Leben in ihren Armen – mit einem Ego, das für sie beide reicht. Weinerlichkeit, Theatralik und die Sucht nach Aufmerksamkeit sind bei ihm inklusive.
Zorn“ erzählt die Geschichte Mathildes. Ihre Herkunft, ihre Beweggründe, ihre Handlungen – vieles, was für Lotto im Dunklen bleibt, erfährt dafür der Leser. Die Geschichte Mathildes ist ungleich spannender, sie ist eindeutig die interessantere Figur in dieser Ehe und hält im Verborgenen alle Strippen in der Hand.

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Hillary Jordan: Mudbound – Die Tränen von Mississippi (2008/2017)

Schlamm. Überall Schlamm. Der Kampf gegen den Schlamm bestimmt das Leben der Städterin Laura McAllan, die ihrem Mann Henry 1946 widerwillig auf eine Farm ins Mississippi-Delta gefolgt ist. Kein Wasser, kein Strom – die Rolle als liebende Ehefrau auszufüllen, fällt da schwer. Ein Lichtblick ist die Heimkehr ihres Schwagers Jamie. Doch der wird von den furchtbaren Kriegserlebnissen verfolgt und ertränkt sein Trauma im Alkohol. Ebenso wie Ronsel, der Sohn der schwarzen Pächterfamilie, der an vorderster Front in einem Panzerbataillon kämpfte und lieber im Nachkriegsdeutschland geblieben wäre. Stattdessen kehrt er in seine vom Rassismus durchdrungene Heimat zurück. Zu allem Überfluss ist da noch der unausstehliche Vater von Henry und Jamie, der allen Bewohnern der Farm das Leben zur Hölle macht – und nicht nur denen.

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Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt (2017)

Letztes Jahr habe ich Hochgeschwenders „Geschichte der Amerikanischen Revolution“ gelesen. Das Buch hat mir gut gefallen, ich fand es informativ. Doch es erzählt ausschließlich die Geschichte des weißen Amerikas. Zwar gibt es ab und an Einschübe über die Kriege gegen Ureinwohner, doch ein Thema findet keinerlei Beachtung: Die Sklaverei, die durch die Europäer in Nordamerika Einzug hielt. Rassismus wird nicht thematisiert. Deshalb reizt es mich umso mehr, Ibram Kendis Sachbuch vorzustellen: Allein unter dem Gesichtspunkt „Rassismus“ erzählt er die Geschichte der Vereinigten Staaten vom Einlaufen der ersten Sklavenschiffe bis zur Wahl Obamas. Ein neuer, stark akzentuierter und hochdetaillierter Blick auf die amerikanische Geschichte.

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Matthew Weiner: Alles über Heather (2017)

Ein junges Mädchen wird zur Projektionsfläche für die Wünsche ihrer Eltern und eines  psychopatischen Gewaltverbrechers. Matthew Weiner, der Macher der TV-Serien Mad Men und Die Sopranos, veröffentlicht mit „Alles über Heather“ seinen ersten Roman und erzählt eine beklemmende Geschichte ohne schmückendes Beiwerk, dafür aber mit dem Seziermesser an der Psyche seiner Figuren. Ein kurzer und dabei sehr kraftvoller Roman.

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Als Karen und Mark Breakstone spät Eltern werden und sich gut situiert in Manhattan niederlassen, dreht sich ihr Leben fortan nur noch um ihre wunderbare Tochter Heather. Robert hat nicht so viel Glück mit seinen Eltern und flieht so schnell wie möglich vor seiner heroinabhängigen Mutter. Nach einem Gefängnisaufenthalt heuert er als Bauarbeiter in New York an. Aus der Ferne wirft er begehrliche Blicke auf Heather – Blicke, die ihrem Vater nicht verborgen bleiben.

Die Figuren in diesem Buch scheinen gerade wie besessen zu sein von Heather, die zu einem intelligenten, empathischen und hübschen Teenager heranwächst. Die Perfektion in Person, für sie stürzen ihre Eltern sich und ihre Ehe in den Abgrund, während Heather in dem wenig älteren Robert Begehrlichkeiten weckt, von deren Ausmaß nur ihr Vater Mark etwas ahnt.

Matthew Weiner legt die Psyche seiner Figuren unter das Vergrößerungsglas und seziert sie fein säuberlich von der ersten Seite an. Was für den Leser eine enorme Klarheit bringt, verleitet stellenweise dazu, die Figuren als allzu naiv zu bewerten, da der Antrieb für ihr Handeln dem Leser von Anfang an unzweideutig präsentiert wird. Trotzdem rätselt man bis zum Schluss, worauf die Geschichte zusteuert. Nach allem, was ich gelesen hatte, hielt ich sie gar für eine Liebesgeschichte. Nun, das ist nur die halbe Wahrheit und das Ende überrascht.

„Alles über Heather“ ist ein perfekt durchkomponierter Roman mit äußerst präzisier Sprache. Zusammen mit der formvollendeten Gestaltung durch den Verlag entsteht ein Buch, das man in einem Atemzug durchlesen wird. Eine klare Empfehlung.

Matthew Weiner, „Alles über Heather“ (OT: „Heather, The Totality“, aus dem Englischen von Bernhard Robben), Rowohlt 2017, 144 S., 16€, ISBN: 978-3-498-09463-8.

Zum Buch auf die Verlagsseite


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Randall Munroe: What if? Was wäre wenn? (2016)

Munroe_What ifEin goldener Tyrannosaurus, der mit einem Kran angehoben wird (Wahnsinn!) – dass die Leute in der Buchhandlung nicht vor diesem Buch Schlange standen, wundert mich noch heute. Auch das erste Hineinschauen war ein Erlebnis: Auf den ersten Blick völlig absurde Leserfragen und die schlüssigen Antworten eines Physikers hierauf, illustriert durch kleine Strichmännchen. Wenn das nichts fürs Wissenstagebuch ist!

Wirklich wissenschaftliche Antworten auf absurd hypothetische Fragen – und drin ist, was drauf steht. Neben der fast schon langweiligen Frage „Was würde passieren, wenn alle Menschen sich an einem Ort versammelten und gleichzeitig hüpften?“, beschäftigen die Leser der Homepage, aus der dieses Buch hervor gegangen ist, auch noch ganz andere Dinge:

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Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht (2007)

Auf Jay Ashers Jugendroman „Tote Mädchen lügen nicht“ (OT: Thirteen reasons why) bin ich überhaupt erst durch die Ankündigung der gleichnamigen Netflix-Serie aufmerksam geworden. Jetzt konnte ich mir selbst eine Meinung bilden und muss sagen: Puh, ob dieses Buch geeignet ist, das Thema Suizid bei Teenagern adäquat zu behandeln, kann zu Recht bezweifelt werden.

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Scott Westerfeld: Ugly (2005)

Die Prüfungsphase dauert noch an, deshalb gibt es heute mal den Einstieg in eine entspannt lesbare Jugendbuchreihe.

Tally Youngblood wartet sehnsüchtig auf ihren sechszehnten Geburtstag. Dann endlich darf sie die umfassenden Schönheitsoperationen vornehmen lassen, die sie zum Höhepunkt der menschlichen Entwicklung werden lassen. Sie kann ihr Wohnheim in Uglyville verlassen, nach New Pretty Town umziehen und rauschende Feste mit ihren ebenfalls „hübschen“ Freunden feiern – jahrelang. Doch einige Wochen vor dem großen Tag trifft sie auf die gleichaltrige Shay, die sich tausend bessere Dinge vorstellen kann, als sich einer Ganzkörperumwandlung zu unterziehen, um dann auszusehen wie alle anderen auch. Man könnte doch die Stadt verlassen und nach der geheimnisvollen Siedlung Smoke suchen, wo jeder sein „hässliches“ Selbst bleibt und sein Leben selbst gestaltet. Als Shay schließlich verschwindet, bleibt Tally. Doch den Behörden ist das aufständische Smoke schon lange ein Dorn im Auge und so wird Tally losgeschickt, um die Siedlung zu suchen – und zu verraten.

Westerfeld I

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Deborah Feldman: Überbitten (2017)

cover_350x240Heute erscheint „Überbitten“, das dritte Buch der Wahlberlinerin Deborah Feldman. In ihrem Roman verarbeitet sie die Zeit nach dem Ausstieg aus einer isolierten jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York und beschreibt Ängste, Reisen und Freundschaften, die ihr Ankommen in der neuen Welt begleiten.

Sieben Jahre sind es, die sie nach ihrem Ausbruch schildert. Sieben Jahre, das letzte nach jüdischer Tradition das Sabbatjahr, in dem Schulden erlassen und Sklaven befreit werden. Eng sind der Aufbau dieses Buches und Feldmans Herkunft verwoben und bis zum Überbitten – etwa dem Verzeihen aus dem eigenen Glauben heraus, vielleicht sogar der Vernunft zuwider – ist es ein langer Weg, der die Autorin von Manhattan und dem Sorgerechtsstreit um ihren Sohn ins Europa ihrer Großeltern bis schließlich ins heutige Berlin führt.
Jedes einzelne Jahr nach dem Neuanfang ist anders: Während das erste noch von existenzieller Not geprägt ist, stellt sich mit der Zeit der schriftstellerische Erfolg ein, als „Unorthodox“ überraschend einschlägt und die Bestsellerliste der New York Times erklimmt. Die Sorge um Nahrung und Kleidung verschwindet, Feldman kann der Stadt nach Neuengland entfliehen, doch beim Ringen um die eigene Identität hilft Geld nur wenig. Die Autorin reist, viele Reisen führen sie nach Europa, wo sie die Wurzeln ihrer Großeltern weiß und doch nur tote, nach dem Holocaust auf ewig verbrannte Erde vermutet. Oft wird sie überrascht, manchmal bestätigt. Ihre Bekanntschaften zeigen: der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens ist für viele Europäer immer noch schwierig. Was sagen, was fragen, wie reagieren?

Während „Unorthodox“ der Literaturwelt unvergleichlich tiefe Einblicke in die abgeschlossene Welt des Chassidismus gab, gibt uns Feldman diesmal etwas noch Persönlicheres: Einblicke in die schwierige Suche nach der eigenen Identität, die in der Kindheit unter den Kollektiverfahrungen eines ganzen Volkes begraben wurde. Wer glaubt die traumatische Wirkung des Holocaust sterbe mit seinen letzten Überlebenden, wird hier eines Besseren belehrt. Es sind  auch die Nachkommen der zweiten Generation, die sich mit den Traumata ihrer Vorfahren auseinandersetzen müssen und in einigen Fällen immer noch um einen Umgang mit den Nachkommen der Täter ringen.

Siebenhundert Seiten stark ist „Überbitten“ geworden. Man merkt dem Werk an, dass Feldman sich hier eine Menge von der Seele schreiben musste. Wie sie es wollte gibt sie ihrem ganzen Leben unverkennbar eine erzählerische Struktur und vermeidet Wiederholungen, sodass man diesem besonderen Lebensweg Seite um Seite in gespannter Erwartung folgt. Ihr erstes Werk „Unorthodox“ sollte man zuvor gelesen haben, dann kann man sich gut vorbereitet auf dieses fesselnde und sehr persönliche Werk einlassen.

Deborah Feldman, Überbitten. Autobiographische Erzählung, aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2017, 704 S., 28 €, ISBN 978-3-906910-00-0

Hier gibt es ein Interview mit der Autorin zum Buch. Wenn ihr auch eine Rezension zum Buch verfasst habt, verlinkt euch gern in den Kommentaren!

Ergänzung: Bei Lobe den Tag wird auch über Überbitten geschrieben.