Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution

HochgeschwenderWie wurden die USA was sie heute sind? Gerade in diesen Nachwahlwochen blickt die Welt auf die USA – wie sie es seit ihrer Gründung getan hat. Doch wer sind „die Amerikaner“; was bewegte sie zur Unabhängigkeit? Michael Hochgeschwender liefert auf knapp 450 Seiten eine umfassende, fundierte und sehr lesbare Antwort für die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.

Der Münchener Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte konzentriert sich auf die Jahre 1763-1815 und zeichnet minutiös die Ereignisse nach, die zur Unabhängigkeit der ehemals britischen Kolonien führten. Die bekannte Tea-Party nimmt dabei nicht mehr Raum ein, als viele andere, ebenso wichtige Ereignisse. Hochgeschwender knüpft an amerikanische Geschichtsforschung an und zeigt, wo möglich, Kontinuitäten bis in die heutige Zeit auf. Seine Darstellung endet nicht mit der Unabhängigkeit der USA, vielmehr beschreibt er auch die ersten schwierigen Jahrzehnte nach der Revolution und zeigt dabei auf, dass es das eine amerikanische Interesse nie gegeben hat, dass Religion, Grundbesitz, Familienzugehörigkeiten und Verbindungen nach Großbritannien lange Zeit eine große Rolle spielten.

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Deutschland als Mittelpunkt litauischer Literatur? Die Zeit von 1945 bis 1949.

„Es heißt, dass von den insgesamt etwa 100.000 aus ihrer Heimat geflohenen Litauern etwa 58.000 Personen in DP [Displaced Persons] Camps auf deutschem Boden gelebt haben. Unter ihnen befand sich der größte Teil der politischen und kulturellen Elite des Landes, die den Krieg überlebt hatten und den sowjetischen Massendeportation entgangen waren. Da ab 1944 in Litauen selbst eine grausame stalinistische Sowjetisierung im Gange war, kann gesagt werden, dass etwa von 1945 bis 1949 Westdeutschland Standort und Schauplatz der litauischen Kultur (und also auch der litauischen Literatur) gewesen ist.“[1]

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Antanas Škėma: Das weiße Leintuch (1958/2017)

 

Skema- LeintuchDie Sehnsucht nach Litauen vergeht nie. In den geschäftigen Straßen von New York trifft man seine Landsleute; die Literatur – sie lebt im Exil fort. Fernab der sowjetischen Herrschaft schreibt manch einer mit litauischem Nationalpathos, ein anderer pflegt durch zahlreiche Anspielungen Geschichte und Kultur des Landes. Zu letzteren gehört der bereits 1961 verstorbene Dichter Antanas Škėma. Im US-amerikanischen Exil verfasste er mit „Das weiße Leintuch“ sein – zumindest außerhalb Litauens – bekanntestes Werk.

Škėmas Protagonist, der litauische Schriftsteller Antanas Garšva, lebt im New Yorker Exil. Von den Sowjets gefoltert, floh er über Deutschland in die USA, wo er nun als Liftboy arbeitet. Er raucht, trinkt und verliert sich in Affären, von denen er sich mal mehr, mal weniger verspricht. Lebensbedrohlich krank, schiebt er das klärende Gespräch mit dem Arzt vor sich her; gemeinsam mit seiner Geliebten will er leben, dabei schreiben und auch endlich wieder dichten.

Die Parallelen zum Leben des Autors stechen sofort ins Auge und auch sein Dichtertum merkt man der Erzählweise an: Seitenlange Assoziationsketten, die sich Bildern aus der baltischen, römischen oder griechischen Mythologie bedienen; dann historische und politische Andeutungen, die ohne die hilfreichen Anmerkungen des Verlages gar nicht zu verstehen wären. Orte, Plätze, Zeiten – alles verschwimmt und schon bald fühlt man sich ebenso gehetzt wie der Protagonist des Romans. Das schien auch der Autor gesehen zu haben, denn fast lacht man erleichtert auf, als er eine andere Figur das Werk seines Protagonisten kritisieren lässt: „Du jonglierst nur mit Bildern. Ohne Sinn.“ (S. 203)
Dann lässt Škėma Antanas Garšva etwas Luft holen; in fein formulierten Rückblicken entblättert er nach und nach die litauische Geschichte. Vom Krieg gegen Polen, der Unzugänglichkeit der Hauptstadt Vilnius, der deutschen und sowjetischen Besatzung, dem Widerstand, von Flucht und Vertreibung erzählt Škėma und geht dabei nicht über den Horizont seines Protagonisten hinaus. Diese Rückblicke sind viel lesbarer, verständlicher. Sind mehr Prosa als Lyrik.

Es heißt, Das weiße Leintuch habe auch heute noch großen Einfluss auf die litauische Literatur. Das ist ohne Weiteres vorstellbar, denn hier wird thematisch so viel angerissen; eine Quelle, aus der jüngere Autoren jahrzehntelang schöpfen können. Dazu legt Antanas Škėma hier auf mehr als 250 Seiten seinen facettenreichen Stil nieder. Da lässt sich abschauen, kopieren, vielleicht auch kritisieren und ausbauen. Und für den Leser, der mit hilfreichen Anmerkungen und Biografien im Anhang erstmals in die litauische Literatur eintaucht, eröffnet sich eine ganz neue Welt, die geprägt ist von Ost und West, so europäisch und dabei doch so fremd.

Antanas Škėma, Das weiße Leintuch (OT: Balta drobulė, 1958, aus dem Litauischen von Claudia Sinnig), Guggolz 2017, 255 S., 21€, ISBN 978-3-945370-10-0.

 

L. Frank Baum: Der Zauberer von Oz (1900)

Dieses Märchen ist in meiner Kindheit fast völlig an mir vorüber gegangen. Grob konnte ich mich an ein kleines Mädchen erinnern, auch eine Vogelscheuche war da irgendwo. Dass „Der Zauberer von Oz“ sich als so fantasievolle, auch nicht aufdringlich lehrreiche und kunterbunte Geschichte entpuppen würde, die sich als Erwachsener mit Schmunzeln lesen lässt, hätte ich nicht gedacht.k800_oz
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Chaim Potok: Die Erwählten (1967)

New York zur Zeit des Zweiten Weltkriegs: ein Baseballspiel zwischen zwei Schulen, Daniel am Schlagmal, Reuven fangbereit gegenüber. Aus dem Spiel wird schnell ein Krieg zwischen zwei Weltanschauungen. „Ich wollte dich umbringen“, wird Danny Reuven später im Krankenhaus gestehen – und damit eine fordernde, aufreibende und lebenslange Freundschaft begründen.

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Sutton E. Griggs: Imperium in Imperio (1899)

1899 erschienen, gilt Imperium in Imperio als Meilenstein schwarzer US- Literatur. Als Griggs sein Buch Anfang des letzten Jahrhunderts von Tür zu Tür ziehend verkaufte, avancierte es durch Mundpropaganda schnell zum Bestseller. Das ist auch durchaus zu verstehen, die Geschichte zweier talentierter junger Männer, von denen jeder, wäre er weiß gewesen, es wohl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hätte bringen können, muss einen unglaublichen Reiz auf Teile der gebeutelten schwarzen Bevölkerung der damaligen Zeit ausgeübt haben. Auch, dass die Geschichte die Bürgerrechtsbewegung der USA beeinflusst hat, ist gut nachzuvollziehen, ohne hierüber allerdings Näheres zu wissen. Die Idee von einem geheimen Zusammenschluss aller aufgrund ihrer Hautfarbe Diskriminierten, der so groß und auch so schlagkräftig wäre, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, ist durch und durch politisch und verlockend.

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Callan Wink: Der letzte beste Ort – Stories (2016)

wink-der-letzte-beste-ortDie Charaktere in Winks Kurzgeschichten sind so rau wie die Natur im Nordwesten der USA. Irgendwie spröde gehen sie durchs Leben, manche verhärmt, andere auf dem Weg, es zu werden. Vermutlich hätte jede einzelne der Figuren Donald Trump gewählt.

Die Geschichten scheinen die ganze Bandbreite des Lebens im Nordwesten abdecken zu wollen: Es geht um einen General, der beim jährlichen Reenactment einer Schlacht seine Affäre zu einer Ureinwohnerin pflegt, während seine krebskranke Frau zu Hause sitzt. Um einen Farmerjungen, der zwischen grausamer Katzenjagd und der gescheiterten Ehe seiner Eltern hin und her pendelt. Um einen gerade aus dem Gefängnis entlassenen Teenager, der sein ganzes Leben noch vor nicht hat und mit nichts da steht. Immer geht es um Beziehungen, denn so allein der Mensch auch in den Weiten Montanas lebt, so sehr sehnt er sich doch nach Nähe: Die alleinerziehende Mutter, ihr jugendlicher Liebhaber, der verlassene Arbeiter, der einen Hund stielt. Weiterlesen

Deborah Feldman: Unorthodox (2016)

feldman_unorthodoxDeborah steigt aus. Aus den engen, dicken Strumpfhosen. Aus der Rolle als umher huschenden Ehefrau und Mutter einer möglichst zahlreichen Kinderschar. Aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im heutigen Williamsburg, Brooklyn, New York.

Die 1986 geborene Autorin erzählt in diesem autobiografischen Werk von ihrer Kindheit und Jugend einer der weltweit größten chassidischen Gemeinden. Die häufig auch als Sekte bezeichnete Gemeinschaft der Satmarer Juden, eine Gruppe von über 100.000 Personen, hält den Holocaust für eine Strafe Gottes und lehnt den Staat Israel rigoros ab. Kinderreichtum und ein bescheidenes, an Armut grenzendes Leben sind ein Muss, ebenso ein (auch gewaltsames) Eintreten für die eigene Überzeugung. Die Kinder besuchen private religiöse Schulen. Jungen und Mädchen getrennt; weltliche Fächer wie etwa Englisch sind zweitrangig, in Williamsburg wird Jiddisch gesprochen. Die Gemeinde bringt Jungen hervor, so fromm, dass sie nicht mit ihrer eigenen Großmutter sprechen, weil sie eine Frau ist. Weiterlesen

Wednesday Martin: Primates of Park Avenue


PrimatesReich, reicher, die Upper East Side. Welche kulturellen Besonderheiten die New Yorker Hochglanzwelt bereithält, schildert Wednesday Martin in ihrem viel diskutierten Buch „Primates of Park Avenue“.

Die Sozialforscherin nimmt besonders Mütter unter die Lupe: sie sehen umwerfend aus, sind phänomenal gekleidet und würden für ihre Kinder alles tun. Die Vielzahl an Rezensionen, die zu diesem Werk erschienen sind, greifen besonders diesen Glamour-Aspekt des Werkes auf.
Natürlich werden die Namen bekannter Designer im Name-Dropping-Stil fallen gelassen und sicher weiß man nach der Lektüre, welche Handtaschenmodelle im Jahr des Erscheinens durch die Upper-East-Side geschaukelt wurden. Interessant sind auch Martins Berichte darüber, nach welch krudem System Immobilien verwaltet werden und welcher „Qualifikationen“ es bedarf, um Mieter in den begehrtesten Häusern mit bestem Blick auf den Central Park zu werden.

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Jean Hanff Korelitz: Du hättest es wissen können

Korelitz - Du hättest es wissen könnenDie New Yorker High Society Paartherapeutin Grace entscheidet nach etlichen Sitzungen mit unglücklichen Paaren: Da ist meist nichts mehr zu retten, sie passen einfach nicht zueinander und hätten es von Anfang an wissen können.

Jetzt steht sie kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Buches, in das sie all die Weisheiten der letzten Jahre gesteckt hat und glaubt sich auch dazu berechtigt, einem breiten Publikum Ratschläge zu erteilen: Schließlich läuft bei ihr alles bestens, ein begabter Sohn auf einer renommierten Privatschule, ein liebender Ehemann (pädiatrischer Onkologe – Wer kann so was schon?). Doch als die Mutter eines Mitschülers ihres Sohnes ermordet wird und ihr eigener Mann spurlos verschwindet, tut sich vor ihr ein Abgrund auf und sie muss sich fragen: Hätte ich es wissen können?

Zum Inhalt: Durch den Klappentext schon auf die richtige Spur gesetzt, weiß man als Leser sofort, dass nicht alles so gut bei ihr läuft, wie Protagonistin Grace das noch zu Beginn der Geschichte glaubt. Man hat ihr gegenüber einen Wissensvorsprung, der dazu führt, dass die Geschichte eher langsam anläuft. Zum Ende hin nimmt sie dann aber an Fahrt auf und die während des Lesens gestrickten Knoten lösen sich elegant und erhellend auf.

Zu Beginn noch in New York, lernt man durch Graces Augen die Mitglieder der oberen Gesellschaftsschicht kennen. Obwohl die Protagonistin immer wieder kritische Anmerkungen macht  (etwa zur Praxis, seine Kinder fast vollständig von einsamen, gastarbeitenden Kindermädchen aufziehen zu lassen), merkt man doch, wie sehr sie selbst in den dortigen Strukturen verhaftet ist und wie sehr sie Luxus genießt, den sie aber gar nicht als solchen wahrnimmt (zum Beispiel: die halbe Theke des Feinkostladens auf dem heimischen Küchentisch). Die New Yorker Figuren ist größtenteils klischeehaft gezeichnet, und die Autorin scheint auch davon auszugehen, dass jedem Leser das Bild der typischen „Glamorous Stay at Home Mum“ vor Augen steht, denn nähere Informationen zu den Figuren bekommt man nicht. Es klärt sich nie auf, warum genau die „fürchterliche Sally“ so furchtbar ist und was den alten ungarischen Geigenlehrer so grimmig hat werden lassen; hier hätte man sich ein bisschen mehr Liebe zum Detail gewünscht.

Als Leser weiß man sehr schnell, worum es geht: Die Protagonistin hält ihre Familie und ihr Leben für so wunderbar, dass sie nicht im Traum darauf käme, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt. Daher wirkt es sehr dick aufgetragen, wenn sie immer wieder ihren so „sensiblen und begabten“ Sohn lobt (und alle anderen Figuren mit einstimmen!) oder von ihrem Mann erzählt, dessen Verhalten sie nicht einmal ansatzweise hinterfragt. Parallel dazu schildert sie nämlich genau dieses Verhalten bei ihren Patienten als Grund dafür, dass ihre Beziehungen scheitern. Ob die Übertreibung hier ein Stilmittel ist, wird nicht recht deutlich, eher wirkt es so, als winke man dem Leser gleich mit einem ganzen Zaun.

Besonders ins Auge springt auch eine andere Unstimmigkeit: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der jüdischen Identität der Protagonistin und dem Gesagten. Die Figur scheint in keiner Weise religiös zu sein oder sich über ihre Familie und Bekannten hinaus mit der jüdischen Community in New York verbunden zu fühlen. Dann aber lässt sie Sätze fallen wie „Das Auto war ein deutsches Modell, nichts, was ein sensibler Jude fahren sollte“ und als Leser reibt man sich ungläubig die Augen, denn dieser Satz steht in so gar keinem Zusammenhang mit ihrem bisherigen Verhalten und wirkt daher auffallend deplatziert.

Fazit: „Du hättest es wissen können“ ist insgesamt unterhaltsam, aber auch vorhersehbar. Die Protagonistin wirkt, obwohl die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt wird, seltsam unnahbar. Das ändert sich erst zum Schluss ein wenig, als sie ihren Schmerz in langen einsamen Tagen in einer eiskalten Hütte zulässt und man als Leser an ihren Gefühlen teilhaben kann. Die Art der Beschreibungen, besonders die streckenweise Detailarmut, lassen mutmaßen, dass sich das Buch gut für eine Verfilmung eignen würde. Ob es, wie bei „Admission“, einem anderem Roman der Autorin, dazu kommt, bleibt abzuwarten.

Jean Hanff Korelitz, „Du hättest es wissen können“ (OT: You should have known), Ullstein Taschenbuch 2016, 480 S., 12,99€.