Lauren Groff: Licht und Zorn (2016)

Eine Ehe, in welcher der Mann die Frau eigentlich gar nicht kennt. „Licht und Zorn“ kommt zweigeteilt mit vielerlei Überraschung daher und schreckt auch vor Vulgarität nicht zurück. Obwohl die Geschichte auf raffinierte Art erzählt wird, konnte mich Groffs Werk nicht überzeugen.

Die erste Hälfte des Buches „Licht“ beschreibt die Ehe aus Sicht des Protagonisten Lancelot „Lotto“ Satterwhite, eines gut situierten Frauenhelden, gescheiterten Schauspielers und später äußerst erfolgreichen Dramatikers. Mit 22 Jahren heiratet er die bildschöne Außenseiterin Mathilde, wird enterbt und führt ein bescheidenes Leben in ihren Armen – mit einem Ego, das für sie beide reicht. Weinerlichkeit, Theatralik und die Sucht nach Aufmerksamkeit sind bei ihm inklusive.
Zorn“ erzählt die Geschichte Mathildes. Ihre Herkunft, ihre Beweggründe, ihre Handlungen – vieles, was für Lotto im Dunklen bleibt, erfährt dafür der Leser. Die Geschichte Mathildes ist ungleich spannender, sie ist eindeutig die interessantere Figur in dieser Ehe und hält im Verborgenen alle Strippen in der Hand.

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Hillary Jordan: Mudbound – Die Tränen von Mississippi (2008/2017)

Schlamm. Überall Schlamm. Der Kampf gegen den Schlamm bestimmt das Leben der Städterin Laura McAllan, die ihrem Mann Henry 1946 widerwillig auf eine Farm ins Mississippi-Delta gefolgt ist. Kein Wasser, kein Strom – die Rolle als liebende Ehefrau auszufüllen, fällt da schwer. Ein Lichtblick ist die Heimkehr ihres Schwagers Jamie. Doch der wird von den furchtbaren Kriegserlebnissen verfolgt und ertränkt sein Trauma im Alkohol. Ebenso wie Ronsel, der Sohn der schwarzen Pächterfamilie, der an vorderster Front in einem Panzerbataillon kämpfte und lieber im Nachkriegsdeutschland geblieben wäre. Stattdessen kehrt er in seine vom Rassismus durchdrungene Heimat zurück. Zu allem Überfluss ist da noch der unausstehliche Vater von Henry und Jamie, der allen Bewohnern der Farm das Leben zur Hölle macht – und nicht nur denen.

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Dalia Grinkevičiūtė: Aber der Himmel – grandios (1949/2016)

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Als junges Mädchen wird Dalia in einen Gulag ans Polarmeer verbannt. Tausende Kilometer von ihrer Heimat Litauen entfernt, den Tod durch Hunger, Kälte und Krankheit direkt vor Augen. Als ihr schließlich die Flucht gelingt, schreibt sie ihre Erinnerungen auf und vergräbt sie im heimischen Garten – gerade noch rechtzeitig, bevor sie vom KGB gefasst und zurückgebracht wird. Erst 1991 wird das Manuskript wiederentdeckt und gehört seitdem zum Kanon der litauischen Nationalliteratur. Ein wahrer – und deshalb umso verstörender – Erfahrungsbericht aus dem Inneren eines menschenverachtenden Systems.

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[Leserunde] #Ecolesen: Abschluss und Fazit

Beitrag 5
In welchem die Leserunde zum Abschluss gebracht, Resümee gezogen und „Der Name der Rose“ endgültig zugeschlagen wird.

Mit „Der Name der Rose“ hat auf dem Wissenstagebuch-Blog die erste Leserunde überhaupt stattgefunden. Und wisst ihr was? Ich würde es wieder tun! Der Austausch hier und auf Twitter und das Lesen eurer eigenen Blogbeiträge hat den Roman für mich zu einem größeren Vergnügen gemacht.

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[Leserunde] #Ecolesen: „Ketzer“-Gruppen im Überblick

Beitrag 4
In welchem nicht der inhaltliche Fortgang der Geschichte geschildert, sondern eine Übersicht der namentlich bekannten sogenannten Ketzergruppierungen dargeboten wird.

In Umberto Ecos „Der Name der Rose“ tauchen immer wieder verschiedene Ketzergruppierungen auf. Ein Thema, das den jungen Novizen Adson fasziniert und das die älteren Mönche ihm nur schwer auseinanderzusetzen wissen. Einige Gruppen spielen im weiteren Verlauf eine größere Rolle; oft betreibt Eco nur Namedropping. Hier habe ich versucht, die wichtigsten Informationen zu den einzelnen im Teil „Dritter Tag – Nona“ genannten Gruppen zusammenzutragen. Vieles fand ich in der Online-Enzyklopädie, einiges auf anderen Webseiten. Weiterführende Informationen in den Kommentaren sind wie immer willkommen!

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[Leserunde] #Ecolesen: Der erste Eindruck

Beitrag Eins
Worin der erste Eindruck zum Roman im Allgemeinen festgehalten und besonderes Augenmerk auf den ersten Tag der Geschehnisse gelegt wird

Herzlich willkommen zur Eco-Leserunde! Passend zum Osterfest starten wir mit dem gemeinsamen Lesen. Die Vielzahl eurer Zusagen hat mich sehr gefreut. Einige haben „Der Name der Rose“ schon gelesen, einige lesen den Roman wie ich zum ersten Mal. Ich bin gespannt auf eure Eindrücke und würde mich über eine Diskussion in den Kommentaren freuen. Verlinkt dort gern auch eigene Beiträge zur Leserunde.

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Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses (2016)

Zwischen Meeresfrüchten und Pralinen im Kreise der Istanbuler High Society stellt sich die dreifache Mutter Peri nur eine Frage: Wo ist Gott? Aufgewachsen zwischen tiefreligiöser Mutter, kemalistischem Vater, marxistischen und nationalistischen Brüdern, beginnt schon als Kind über philosophische Fragen nachzudenken. Von klein auf treibt sie die Frage um, warum Gott, so es ihn oder sie denn gibt, das Schlechte in der Welt geschehen lässt. Die Theodizee in Romanform. Dann beginnt sie als junge Frau ein Studium in Oxford. Als das Seminar „Gott“ zur Wahl steht, ist Peri Feuer und Flamme. Doch schon bald merkt sie, dass „Gott“ und ihre neuen Bekanntschaften sie in ihren Grundfesten erschüttern.

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Ich habe schon seit langer Zeit mehr kein Buch gelesen, in dem ein Protagonist die Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes als wesentlich für sein Dasein empfindet. Es war erfrischend und bereichernd, sich – hier anfangs aus Sicht des Islam und der islamischen Mystik, dann religions- und ideologieübergreifend – in Romanform mit philosophischen und theologischen Fragen zu befassen.
Mich hat es keinen Augenblick lang gewundert, als ich später gelesen habe, Shafaks Bücher seien in der Türkei heftig umstritten. Sie spart nicht mit Gesellschaftskritik und diskutiert besonders Nationalismus, patriarchale Strukturen und ein antiquiertes Verständnis des Islam. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund:

„‚Was sie da von sich geben, klingt nach reiner Paranoia‘, sagte sie leise. ‚Europäer, Westler, Russen, Araber … Wenn Sie diese Leute kennen würden – nicht als Kategorie, sondern individuell –, würden Sie besser sehen, dass wir alle einen Körper und eine Seele besitzen und mehr oder weniger gleich sind.‘ Sie stockte. ‚Uns selbst erkennen können wir nur im Gesicht des … anderen.‘“

Besonders anschaulich gelingt Shafak die Schilderung Peris innerer Zerrissenheit. Neben ihren Freundinnen „der Sünderin“ und „der Gläubigen“ sieht sie sich als Verwirrte. Sie ist erschöpft von den immer neuen Fragen, die sich ihr in ihren Studien stellen. Antworten erhält sie nur wenige. Weit weg von zu Hause, dazu geboren in eine Religion, die unter Beschuss steht, gelingt es der introvertierten und nachdenklichen Peri nicht immer, gut auf sich selbst zu achten.

„Wie ein geschickter Schneider hatte die Zeit die beiden Stoffe, die Peris Leben umhüllten, scheinbar nahtlos zusammengenäht: das, was die anderen von ihr dachten, und das, was sie von sich hielt. Diese beiden Stoffe bildeten ein so perfektes Ganzes, dass sie nicht mehr sagen konnte, wie viele Stimmen eines jeden Tages von den Erwartungen an sie bestimmt waren und wie viele von dem, was sie wirklich wollte.“

Shafaks Sprache ist wunderbar. Als sie das Make-up einer Figur als „Fahne eines Landes in Aufruhr, das nicht nur seine Unabhängigkeit, sondern auch seine Unberechenbarkeit erklärt hatte“ beschreibt, war ich vollends überzeugt. Die Autorin findet einen eigenen Ton zwischen den eher nüchternen Betrachtungen eines Entwicklungsromans und blumigen Anklängen als Hommage an nahöstliche Poesie. Dass die Handlung gegen Ende des Buches für meinen Geschmack ein wenig zu viel Fahrt aufnimmt, tut der Begeisterung für diese Geschichte keinen Abbruch. Elif Shafak ist eine wichtige Stimme der europäischen Literatur: kritisch, politisch und versöhnend. „Der Geruch des Paradieses“ war mein erstes, bestimmt aber nicht mein letztes Buch von ihr.


Elif Shafak, Der Geruch des Paradieses (OT: Havva’nın Üç Kızı, deutsche Ausgabe aus dem Englischen von Michaela Grabinger), verschiedene Ausgaben.

Weitere Meinungen zum Buch bei
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Sex and the City Anfang der Dreißiger? Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

Die achtzehnjährige Doris liebt das Leben und die Männer. Deshalb zieht es sie aus der mittleren Stadt nach Berlin. Wenn nur das Ankommen nicht so schwierig wäre! Wenn man doch eine Ausbildung und Geld in der Tasche hätte! Aber wozu gibt es die Männer, die einem Restaurantbesuche und auch sonst so einiges spendieren? Ist das Sex and the City Anfang der 30er Jahre?

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Freche Sprache und anzüglicher Witz

Auf die Schriftstellerin Irmgard Keun und ihr turbulentes Leben bin ich erst durch einen ausführlichen Beitrag auf dem Blog Sätze&Schätze aufmerksam geworden. „Das kunstseidene Mädchen“ wurde notiert und geriet dann für einige Zeit in Vergessenheit. Umso erstaunter war ich, als ich das Buch aufschlug und in einen Strudel aus schnippischer Sprache und frechem, auch mal anzüglichem Witz, geriet. Großartig ist die Stelle, an der Doris ihren Chef von den nicht vorhandenen Kommata in ihrem Schreiben ablenken möchte – um jeden Preis:

„Und musste das Pickelgesicht darum ablenken und machte ein Nasenflügelbeben wie ein belgisches Riesenkaninchen beim Kohlfressen.“

Die Figur der Doris ist herrlich ambivalent: Sie lügt, stiehlt und lässt sich guten Gewissens aushalten; dann wiederum wirkt sie zerbrechlich, selbstbewusst und ihrem Lebenswandel und politischen Desinteresse so weit von der Ideologie der erstarkenden Nationalsozialisten entfernt, dass man ihr schon allein deshalb Sympathie entgegenbringt. Ihre Aufzeichnungen sind unbefangen; die Goldenen Zwanziger klingen noch nach in ihrem Lebenshunger und der Suche nach Vergnügen, nach schönen Kleidern und dem Wunsch, in Berlin ein Glanz zu werden. In vielem ähnelt Keuns Doris der Figur Charlotte Ritter aus der Serie Babylon Berlin.

Kunstseiden oder halbseiden?

Doch auch den Schmutz und das Elend der großen Stadt lässt sie nicht aus: Berlin am Ende der Weimarer Republik frisst sie auf. Arbeitslosigkeit, Hunger, keine Bleibe – die Bedingungen, ein Glanz zu werden sind beileibe nicht die besten. Fehlende Aufstiegschancen aufgrund geringer Schulbildung, überhaupt die Schwierigkeit, als Frau eine Arbeit zu finden und dabei anständig zu bleiben. Von kunstseiden zu halbseiden ist es nur ein kleiner Schritt.

„Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld und nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm, dann ist sie eine deutsche Mutter und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld mit einem schläft ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein.“

Irmgard Keun schreibt Sätze, denen man aus ganzem Herzen zustimmen möchte, die man auch aufgrund ihrer kreativen Grammatik für authentisch hält und aus denen der Humor lacht. Sie schreibt aber auch Sätze, denen man widersprechen möchte, weil sie naiv oder altklug daherkommen. So oder so, eins ist ihr Buch garantiert nicht: altbacken. Denn manchen von Doris‘ Sätzen kann man eine immerwährende Gültigkeit zusprechen. So auch diesem hier:

„Liebe an sich strengt an.“

Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen, 1932.