Enid Blyton zum 120. Geburtstag: Entzauberung einer Kindheitsheldin

Einer der Vorteile davon, viele ältere Cousinen zu haben ist es, dass die große Kiste mit Kinder- und Jugendbüchern bereitsteht, sobald man lesen gelernt hat. Meine absoluten Lieblinge damals waren neben diversen Pferdebüchern natürlich die Reihen von Enid Blyton (1898–1968). Lissy, Dolly, Hanni und Nanni und besonders die Fünf Freunde habe ich derart verschlungen, dass meine Eltern froh gewesen sein müssen, dass der Nachschub dank besagter Kiste auf die nächste Zeit gesichert war. Viele von Enid Blytons Figuren waren mir vertrauter als meine Grundschulfreunde. Im Wald habe ich nach Heidekraut Ausschau gehalten, um wie die Fünf Freunde notfalls ein Zelt dort aufzuschlagen; das Internat war dank Dolly, Hanni und Nanni ein Sehnsuchtsort.

Spätestens nach dem elften, zwölften Lebensjahr verschwanden die Bücher allerdings wieder im Karton und gerieten auf einige Jahre in Vergessenheit. Als Teenagerin stieß ich einmal darauf, dass trotz der burschikosen George  (nach deren Vorbild ich mir ebenfalls die Haare abschneiden ließ) die Rollenbilder bei Blyton doch sehr traditionell waren. Eigentlich hatte immer Julius das Sagen, Anne kümmerte sich ums Essen. Und gab es eigentlich auch männliche Handarbeitslehrer an den Internaten? Warum waren „die Zigeuner“ eigentlich immer kriminell? Doch beim Lesen als Kind waren Ort und Zeit der Geschichten unwichtig, man merkte ihnen ihr Alter auch kaum an. Dass das gerade bei den deutschen Ausgaben wohl bewusst so gehalten war, um die Bücher zeitlos zu machen, las ich vor kurzem. Es hat ja funktioniert. Auch, dass die Reihen von Ghostwritern fortgeführt wurden. Es störte mich nicht besonders.

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Kleffner, Meisner (Hg.): Unter Sachsen (2017)

Unter Sachsen_VS-Cover_final.inddWer sich den Nachrichten nicht völlig versperrt, hört immer wieder von rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten, häufig in Ostdeutschland und besonders häufig in Sachsen. Aber warum gerade hier? Warum scheinen die Sachsen so anfällig zu sein für fremdenfeindliche Parolen und rechtes Gedankengut? Diesen Fragen geht das sehr wichtige Buch „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“ nach.

In einem Wechsel zwischen literarischen Texten, politischen Analysen und Interviews berichten bekannte und weniger bekannte Autoren, Journalisten und Kunstschaffende über verschiedene Aspekte rechtsextremer Gewalt in Sachsen. Da geht es um den Kleinstkosmos sächsischer Dörfer, in die sich zwar seit Jahren kein Ausländer verirrt hat, die aber wie selbstverständlich von dem örtlichen kriminell-rechtsextremen Vandalen terrorisiert werden. Wer nicht in die Schusslinie geraten will, hält besser den Mund. Neben den „offensichtlichen Zielscheiben“ wie Flüchtenden oder Deutschen mit Migrationshintergrund sind nämlich oftmals auch Helfer, gesellschaftlich engagierte Bewohner, die Willkommensinitiativen oder Gesprächskreise starten, von blankem Hass bis hin zu offenen Morddrohungen vom Nachbarn drei Häuser weiter betroffen. Längere Texte werden in „Unter Sachsen“ von kurzen „Zwischenrufen“, persönlichen Eindrücken von Politikern, lokalen Künstlern und Betroffenen abgelöst, die Erfahrungen mit Rechtsextremismus sächsischer Spielart konzentriert wiedergeben.

Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Autoren – mal sachlich-nüchtern, mal sehr persönlich – zeichnet „Unter Sachsen“ ein umfassendes Bild davon, wie das menschliche Miteinander in Stadt und Land unter der weiten Streuung rechtsextremen Gedankengutes leidet. Pauschal kritisiert werden „die Sachsen“ nicht; vielmehr sind die vielen vorgestellten Initiativen für Toleranz und respektvollen Umgang bemerkens- und begrüßenswert. Absolut deutlich wird dabei aber auch, dass diese ohne eine nachdrückliche Unterstützung aus Politik und einer mutigen Presse, die nicht zögert, Rechtsextremismus beim Namen zu nennen, nicht funktionieren können. Daher sparen viele der Autoren auch nicht mit Kritik an langjährig CDU-dominierter Regierung, an Polizeibehörden und schleppend laufenden Justizverfahren.

Meine Sorge, in diesem Buch mit lauter linker Rhetorik und damit einhergehenden Kampfbegriffen konfrontiert zu werden, hat sich nicht bestätigt. Sicher, viele der Beiträge sind streitbar, einige in ihrer Kritik zu tendenziös. Aber genau dadurch setzt beim Leser ein Denkprozess, eine eigene Meinungsbildung ein, die dazu anregt, am Rande des Bewusstseins vorbeiflatternde Nachrichtenfetzen in Zukunft mit mehr Aufmerksamkeit wahrzunehmen. „Unter Sachsen“ stößt gekonnt in eine Lücke, die jüngere gesellschaftliche Entwicklungen aufgetan haben und kommt daher genau zum richtigen Zeitpunkt.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.), Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Ch. Links Verlag 2017, 312 S., 18€, ISBN: 978-3-86153-937-7.

 

Was erwartest du von einem Buch?

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Lesehighlights gab es für mich im letzten Jahr einige. Totale Flops dagegen keine. Schlimmstenfalls mittelmäßige Bücher, die nicht länger im Gedächtnis blieben. Überhaupt kann ich mich an wenige „richtig schlechte“ Bücher erinnern, die ich gelesen habe. Ist ja auch immer Geschmackssache, aber selbst dann. Liegt das an persönlicher Anspruchslosigkeit oder an der rigiden Vorauswahl, die Fehlgriffe unwahrscheinlicher macht? Denn besonders „Überraschungspackungen“ gegenüber bin ich skeptisch; ein unbekanntes Buch allein wegen des Covers kaufen? – Spätestens dann schlurfe ich mit Hasenfuß aus der Buchhandlung und vertiefe mich in meine sorgsam zusammengestellte Wunschliste.

Was erwarte ich überhaupt von einem Buch? Soll es mich unterhalten, bezaubern, entführen, alles um mich herum vergessen lassen, aufheitern, traurig stimmen oder einfach Fakten liefern? Das kommt ganz darauf an: Bei Klassikern, hier besonders bei Romanen, will ich natürlich gut unterhalten werden. Aber in erster Linie will ich verstehen, warum das betreffende Werk so berühmt geworden ist. Ist es seine originelle Geschichte und finde ich persönlich sie auch aus heutiger Perspektive noch originell? „Die Maschine steht still“ von E. M. Forster war so ein Fall; auch die Jules Verne-Romane oder Robinson Crusoe. An Theaterstücke gehe ich hingegen möglichst unvoreingenommen heran. Zuletzt gab es wahre Glücksgriffe wie Oscar Wildes „Ernst sein ist alles“, während ich von anderen, wie von Büchners „Leonce und Lena“ enttäuscht war. Das bezieht sich alles aber erst einmal aufs reine Lesen, denn auf der Bühne gesehen habe ich beide Stücke noch nicht und es kann ja sein, dass die Inszenierung hier einiges umkehrt. Das unterscheidet das Lesen von Theaterstücken wohl sehr von Romanen – hier kann einen schlechten Roman wohl nur eine noch schlechtere Verfilmung besser machen.

Bei Sachbüchern steigen dann erstaunlicherweise die Ansprüche (vielleicht, weil es mehr Zeit und Anstrengung kostet, sie zu lesen?): Der Text muss verständlich und anschaulich geschrieben sein – aber bloß nicht zu unterhaltsam, Richard David Precht lässt grüßen. Das Buch darf sich auch ruhig an ein Fachpublikum richten, zu dem ich nicht gehöre, solange es sich nicht in Bezugnahmen ohne Erklärungen verliert. Karten und Schaubilder sind sehr wichtig; ebenso ein ausführlicher Anhang. Der hat mich schon häufiger gerettet, wenn Originalbezeichnungen aus der jeweiligen Fremdsprache zunächst unkommentiert in den Fließtext eingebaut wurden. Meine Begeisterung fürs auf-die-Landkarte-Schauen wird zum Glück wohl von den Verlegern meiner derzeitigen Lektüre Hochgeschwender: „Die amerikanische Revolution“ geteilt.

Dann gibt es noch die Schamkategorie der Self-Publisher-E-Books (ja… aber vielleicht ist ja doch mal ein Schatz dabei!). Hier erwarte ich erst einmal weniger als von im Buchhandel Erhältlichem, besonders was eine bis ins Letzte ausgefeilte Geschichte angeht. Ein Mindestmaß an Rechtschreibung (man kann ja auch mal einen Bekannten drauf schauen lassen) und keine allzu platten Wortwendungen und -wiederholungen erwarte ich dann aber doch. Wenn man sich schon Autor nennen können möchte, sollte man hierauf Wert legen. In dieser Kategorie habe ich schon mehrmals danebengegriffen – auf Bewertungen verlasse ich mich seitdem nur noch eingeschränkt.

Was ich von einem Buch erwarte, hängt also insgesamt sehr von der Sparte ab. Nicht zuletzt will ich immer, wenn ich lese, etwas Neues erfahren und lernen – und sei es, welches Gebäck im viktorianischen England zum Tee gereicht wurde. Genau diesem Informationshunger ist auch der Titel des Blogs geschuldet.

Wie sieht’s bei euch aus? Was erwartet ihr von einem Buch?

Alain Badiou: Wider den globalen Kapitalismus

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…Für ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris.

Mit Alain Badious Streitschrift habe ich lange gekämpft. Das dünne Büchlein umfasst gerade einmal 64 Seiten, aber die sind gefüllt mit sehr dichten, konsequent ausgeführten Gedanken. Immer wieder habe ich neu begonnen, Thesen unterstrichen, Zusammenhänge markiert. Das Büchlein ist die Mitschrift eines Vortrages, den Badiou am 23. November 2015 gehalten hat. Weiterlesen

Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag

Genazino_Ein regenschirm für diesen TagDer Protagonist wandelt durch eine beliebige mittelgroße deutsche Stadt, trifft hin und wieder Bekannte, ehemalige Liebschaften oder Studienkollegen und überlegt dabei, wem er begegnen möchte und wem lieber nicht. Er hadert mit der „Merkwürdigkeit des Lebens“ und der Tatsache, dass er niemals jemandem eine „Genehmigung“ dafür erteilt hat, sein Leben als solches existieren zu lassen. Unter die genaue Betrachtung seiner Umwelt mischen sich die Angst vor dem Verrücktwerden, das Hinwegkommen über das Verlassen werden und die Angst vor dem existenziellen Scheitern. Als Tester für Luxusschuhe scheint er der Verantwortung gedankenverloren davonzulaufen, sein Tun fortwährend reflektierend. Er lernt Frauen kennen, berichtet von den Intermezzi, gibt sich Gefühlen wie Neid, Schuld und Scham hin und schafft es dabei, dem Leser durch seine ungewöhnlichen, manchmal skurril anmutenden Gedanken ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Für jeden, der Lust hat, sich auf Gedankenspiele, ausgefeilte Sprache und eine langsam in Budapestern dahin spazierende Handlung einzulassen, eine unbedingte Leseempfehlung.

Wilhelm Genazino, Ein Regenschirm für diesen Tag, Dtv 2003, 176 S., 7,90€.

Arno Schmidt: Sommermeteor

 

Sommermeteor Vor kurzem machte man mir den Kurzgeschichtenband „Sommermeteor“ zum Geschenk. Es war meine erste Begegnung mit Arno Schmidt. Die ersten Erzählungen schreckten durch eine ungewöhnliche Interpunktion und zahlreiche Neologismen ab. Die Begebenheiten, die Schmidt aus seinem Alltag als Schriftsteller im Deutschland der Adenauer-Zeit schildert, sind allesamt unterhaltsam und ich schmunzelte über seine Gedanken zu Frauen, den Röcken der Mädchen oder die Ausführungen zu seiner Schlafcouch. Schmidt jongliert mit Worten, Gedanken- und Gesprächsfetzen wechseln sich ab; die Figuren in seinem Umfeld wirken stets lebendig, manchmal gar liebenswert-schrullig. Die Kurzgeschichten aus „Sommermeteor“ sind vermutlich ein guter Einstieg, wenn man sich nicht gleich an das Monumentalwerk „Zettel’s Traum“ wagen und erstmal einen Eindruck vom Schreiben Schmidts gewinnen möchte. Mich hat sein Stil, wie er sich in den 21Geschichten fand, beeindruckt. Ob ich mich in nächster Zeit an eines seiner größeren Werke wage, wird die Zeit zeigen.

 

Arno Schmidt, Sommermeteor – 21 Kurzgeschichten, Fischer  Taschenbuch Verlag 2006 (9. Auflage), 128 S., 5,95€

 

Hier finden sich einige Kurzzusammenfassungen der wichtigsten Werke und ein Lebensabriss Arno Schmidts.

 

Klassiker – ein Tabuthema?

Rezensionen sind ja schön und gut. Klar, wenn man etwas über eine Neuerscheinung in Erfahrung bringen will, können sie unglaublich hilfreich sein. Was aber, wenn ich eine Meinung zu Thomas Mann oder dem Hauptwerk Nietzsches suche? Was, wenn ich eigentlich vorhatte, ,,Das Kapital“ von Karl Marx zu lesen und mich einfach mal umhören wollte, wie andere das Werk fanden? OK, Marx ist vielleicht ein schlechtes Beispiel- nehme man politisch weniger wirkungsvolle Lektüre, Eichendorffs ,,Taugenichts“ zum Beispiel. Ich möchte also eine Rezension zu Eichendorffs ,,Aus dem Leben eines Taugenichts“ lesen, habe schon mal von dem Buch gehört, wie das so ist, und suche jetzt eine Besprechung zu genau diesem Thema. Mhm. Schwierig.

Die Frage, die sich hier stellt ist doch, ob es zulässig ist, eine Rezension zu einem bedeutenden Werk der deutschen oder gar der Weltliteratur zu verfassen und, wenn ja, wie man dies schafft ohne anmaßend zu erscheinen.

Mal ganz im Ernst- wie bitte soll man Goethes ,,Faust“ subjektiv und frei heraus bewerten? Entweder man erstarrt in Ehrfurcht vor der Größe dieses Werkes und huldigt ihm ohne Unterlass, oder man stellt sich selbst peinlicher weise als vermeintlich ignoranten Nichtswisser bloß, da man die ungefähr tausend wichtigen Bücher bekannter Literaturkenner nicht genügend studiert hat, um zu wissen, was man denn nun von Goethe im Allgemeinen und von Faust im Besonderen zu halten hat. Denn eigentlich kommt es nicht darauf an, das Werk selbst gelesen zu haben, sondern nur den Platz zu kennen, den es in der öffentlichen Diskussion einnimmt (vgl. D. Schwanitz: Bildung- Alles, was man wissen muss). Was bedeutet das jetzt konkret? Darf eine Rezension einen Klassiker nur behandeln, wenn er gerade neu aufgelegt wurde, sodass die Möglichkeit besteht, sich mehr über das moderne Cover als über den Inhalt auszulassen? Oder darf man sich nur – sofern man über die entsprechenden fremdsprachlichen Fähigkeiten verfügt- zu der grauenhaften Neuübersetzung äußern? Was ist erlaubt?

Kritik zu Werken, die heute Marcel Reich-Ranickis Beifall finden, wurde früher frei heraus veröffentlicht. Da wurden heute gefeierte Schriften als ,,unterhaltsam“ bewertet oder man kritisierte die Protagonisten eines heute verehrten Schriftstellers als zu durchsichtig. Aber woran liegt das? Benötigt man einfach mehr Abstand, um die Größe eines Werkes zu erkennen? Muss man erst einige Jahrzehnte- oder Jahrhunderte- verstreichen lassen, um zu verstehen, welches Potenzial und welche Sprengkraft in manchen Schriften verborgen sind? Vielleicht.

Schade finde ich persönlich allerdings, dass dadurch, dass die ,,Klassiker“, die ,,wichtigen“ Werke, die, die jeder kennen sollte und mit denen man in der Schule vielleicht sogar gequält wurde, die Wenigsten interessieren.

Warum greift man zu Harry Potter statt zu E.T.A. Hoffmann? Warum liest man lieber einen x-beliebigen Krimi als einen Dostojevskij?

Die Antwort kann nicht nur im Alter der Werke zu suchen sein. Viele haben an Aktualität nichts eingebüßt. Goethes Werther zum Beispiel. Liebeskummer ist heute genauso aktuell wie im 18. Jahrhundert. Mit ein bisschen Respektlosigkeit kann man sogar behaupten, dass Fontanes Effi Briest noch heute die ein oder andere Soap in den Schatten stellt. Warum also diese Zurückhaltung? Um eine Neuauflage der Schiller-Gesamtausgabe gibt es selten so viel Rummel wie um das Erscheinen des Neuesten ,,Bis(s)“- Bandes. Häufig fehlt es auch an der Werbung oder persönlichen Empfehlungen.
Klassiker lesen ist anstrengend. Es gibt Durststrecken. Und bei manch einer antiquierten Redewendung kratzt man sich am Kopf. Doch das Gefühl, wenigstens den Hauch einer Ahnung davon zu bekommen, warum das gelesene Werk zu den Größen der Weltliteratur gehört, oder aber, ganz anders, zu meinen, dass es völlig überbewertet wird und deutliche Schwächen aufweist- für dieses Gefühl allein lohnt sich die Lektüre. Ein Plädoyer für das Lesen von wichtigen Büchern also.

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Wie sieht es aber mit Rezensionen aus? Standardphrasen wie ,,der Stil des Autors ist sehr ausgefeilt“ ziehen bei Goethe eher wenig, dazu könnte man Bücher schreiben- oder die bereits Verfassten lesen. Vor einer rein subjektiven Bewertung allerdings schreckt man in den meisten Fällen zurück, zu groß erscheint das Gelesene, und doch: Ist es nicht diese Unantastbarkeit, diese Ehrfurcht, welche die breite Masse der Leser auf ,,leichter Verdauliches“ ausweichen lässt?

Es ist ein sensibles Thema, doch warum eine gelungene Rezension zu Jules Verne nicht ebenso interessiert lesen wie zum letzten Hohlbein-Buch? Spannende, romantische, lustige, melancholische und nachdenkliche Geschichten gab es immer – damals wie heute.

Im Anfang war das Chaos…

Voller Motivation starte ich nun die Aufräumarbeiten und pflüge mich durch das Material, das sich im Laufe der Zeit angesammelt hat. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf „irgendwann könnte das ja mal nützlich sein“, sammle ich Hintergrundinformationen zum Zeitgeschehen, erstelle Literaturlisten und hefte treffende Zitate an meine Pinnwand. Alles für sich geordnet und doch irgendwie zusammenhangslos liegt dieses Material nun vor mir ausgebreitet: im Bücherregal, in der Linkliste oder noch völlig unangetastet in meinem Kopf. Nun gilt es, sich irgendwie einen Überblick zu verschaffen, um mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Vielleicht erstmal die Interessen abstecken:

Philosophie

Will man kulturelle Grundlagenforschung betreiben, fängt man doch am besten hier an. Irgendwann einmal habe ich Jostein Gaarders Roman Sophies Welt gelesen, der die  Geschichte der Philosophie für jedermann verständlich erklärte und ihre Wichtigkeit für unsere Kultur und jeden einzelnen hervorhob ohne mit dem akademischen Zeigefinger zu drohen. Nachdem der Name des dritten, mir bis dato unbekannten, Philosophen gefallen war, nahm  ich mir Stift und Zettel und schrieb mit: Lebensdaten, gedankliche Ansätze, Fakten. Wieder so ein Fall von gesammeltem Wissen, das noch in eine Form gebracht werden muss, denn bisher habe ich diese Liste mit philosophischen Teilsätzen noch in keine erkennbare Ordnung gebracht, oder gar weiter auf diesem Gebiet recherchiert. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Literatur

Dieses Gebiet nimmt wohl sehr viel Zeit in Anspruch, denn ich bin der Meinung, dass man über  Bücher, die häufig im Gespräch sind, aus denen man vielleicht auch selbst hin und wieder zitiert, Bescheid wissen sollte. Das hängt vielleicht auch mit meiner Eigenart zusammen, zuerst einmal wissen zu wollen, woher das eigene Wissen eigentlich stammt- Hinterfragung von Quellen also. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass es Bücher gibt, die man unbedingt kennen sollte, weil sie unser Denken und Fühlen in irgendeiner Weise geprägt haben. Welchen Literaturkanon man da allerdings heranziehen sollte, darüber bin ich mir immer noch nicht hundertprozentig klar, denn ohne ausreichende Begründung ist doch jedem Dogma gegenüber Skepsis angebracht.

Zeitgeschehen

Zeitunglesen ist wichtig, doch mittlerweile gibt es so viele Möglichkeiten an Informationen zu gelangen, dass es schwierig wird zu differenzieren: Was ist wichtig, was sollte man behalten, was ist morgen schon wieder völlig uninteressant? Mit mulmigem Gefühl habe ich bemerkt, dass mir zu wichtigen Themen die Hintergrundinformationen fehlen. Worum genau geht es beim Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern? Ölkrise. Welche Staaten gehören überhaupt  der OPEC an? Und ganz nebenbei: Wie viele Stimmen hat mein Bundesland eigentlich im Bundesrat?

Man kommt durch die Schulzeit, ohne die Antworten auf diese Fragen wie aus der Pistole geschossen beantworten zu können. Man kommt sogar bis zum Abitur. Fragte man Menschen auf der Straße nach diesen Dingen, wie viele könnten wohl antworten? Es wäre auf jeden Fall einen Versuch wert. Doch: Ist nicht jeder selbst dafür verantwortlich, Bescheid zu wissen? Zugang zu Informationen hat- zumindest hier und bis zu einem gewissen Grad- jeder, weshalb man sogar als Konsument über ein Repertoire an Informationen verfügt, die sich hier und da anbringen lassen. Diese Informationen eigenständig zu vertiefen und kritisch zu hinterfragen, ja, vielleicht sogar in Frage zu stellen, liegt darin nicht eigentlich die Kunst des autodidaktischen Lernens?

Naturwissenschaften

Ein wirklich faszinierendes Gebiet und jeder, der sich hier richtig auskennt, versteht die Welt wohl ein ganzes Stück besser als die anderen. Es gibt Themen, die auch in den Massenmedien gehandelt werden, als da wären: Genetik, neue technische Errungenschaften, (Massen-)Tierhaltung und der Klimawandel. Doch sich hier einen tieferen Einblick zu verschaffen, erfordert auch nach Al Gores An Inconvenient Truth sehr viel Willensstärke, denn die Grundlagen aus Mathematik, Biologie und Chemie (wenn diese denn genügen!) und die zumindest mir aus unerklärlichen Gründen zum Großteil fehlen, fallen leider auch nicht vom Himmel…

Geschichte

Hier ist wohl jede Drückebergerei unangebracht, denn wer nicht weiß, woher er kommt, weiß bekanntlich ja auch nicht, wohin er geht. Um unsere heutigen Probleme zu verstehen, ist es äußerst hilfreich sich in der Geschichte seines Landes aus zu kennen und auch Europapolitik oder die Zielsetzung der UNO lassen sich mit historischen Grundkenntnissen besser verstehen und aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Für „mein weiteres Vorgehen“ plane ich, mich zuerst auf die deutsche Geschichte besonders ab dem 19. Jahrhundert zu konzentrieren, um meinen Radius dann nach und nach zu vergrößern, die Geschichte der wichtigsten Industrienationen abzugrasen, sowie die Hintergründe zu heute aktuellen Konflikten zu recherchieren.

Geografie

Geht dann wohl Hand in Hand mit der Geschichte, denn ohne zu wissen wo etwas passiert, ist das Wann? allein schon viel weniger interessant. Hierbei habe ich weniger Probleme, die Hauptstadt von Südafrika zu benennen (nach der Fußball-WM ja sowieso kein Kunststück mehr) als vielmehr zu rätseln, durch welche Bundesländer die Elbe denn eigentlich fließt?

Wie ich merke, lege ich mir gerade selbst den Finger in die Wunde, aber gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass noch nichts verloren ist. Man kann nicht alles wissen, aber man kann definitiv dazulernen. Obwohl oben genannte Gebiete schon sehr viel abdecken, gibt es immer noch Dinge, die man nur am Rande berührt- wenn überhaupt. So habe ich weder Bibel, Koran noch Bhagavad Gita gelesen, weiß nicht, warum die französische Küche so bekannt ist, die rumänische aber nicht oder was genau der DAX mit meinen Ersparnissen zu tun hat.

Also auf ans Werk!