Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen (2017)

Heidi, die eigentlich Heidrun heißt, hat alles andere als eine „normale“ Jugend. Ferien und lange Wochenenden verbringt sie in den paramilitärischen Kinderzeltlagern der „Heimattreuen Deutschen Jugend“, wo neben Strammstehen und Morgensport auch Rassenkunde auf dem Lehrplan steht. Für Heidi zunächst nicht ungewöhnlich, denn Eltern und Großeltern haben ihr nichts anderes beigebracht. Hineingeboren in eine braune Parallelgesellschaft, fällt ihr der Ausstieg nicht leicht.

Benneckenstein_Ein deutsches Mädchen

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Arion Golmakani: Beraubte Wut (2015)

Golmakani_Beraubte WutArion Golmakani wurde Ende der 50er Jahre im Iran geboren und erzählt heute, nach vielen Jahrzehnten seine erschütternde Kindheitsgeschichte. Er berichtet von Hunger, Kälte und davon, wie er trotz zweier Eltern wie ein Waisenkind aufwuchs. Die Geschichte gibt einen spannenden Einblick in die iranische Gesellschaft der 60er und frühen 70er Jahre.

Arion, eigentlich auf den Namen Alireza getauft, kommt bei einer Mutter zur Welt, die als 13-jähriges Dorfkind verheiratet wurde. Als sein Vater sich kurz nach seiner Geburt scheiden lässt und sich weigert, für seinen Unterhalt aufzukommen, weiß seine Mutter weder ein noch aus. Ohne Schulbildung, noch dazu in der streng konservativen Stadt Mashad gestrandet, kann sie keiner Arbeit nachgehen. Als ihr einziger Ausweg, eine neue Heirat, auftaucht und sie schnell wieder schwanger wird, ist für Alireza kein Platz mehr. Er tingelt von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, hofft auf die Unterstützung von Verwandten und leidet trotz Hilfe doch oft Hunger und Kälte. Doch mit Hartnäckigkeit und dem unbedingten Streben nach Bildung schafft er es, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich aus den Fängen der Armut zu befreien.

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Auf diese Sachbücher freue ich mich im Frühjahr/Sommer 2018

2018 wird hoffentlich ein gutes Jahr für den Sachbuchmarkt, denn es stehen einige Ereignisse an, die auf interessante Literatur hoffen lassen: Vor 400 Jahren begann mit dem Zweiten Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg, der Europa verwüstete und der auch ein Religionskrieg war. Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Republik ausgerufen ein–  vorerst leider nur kurzes – Zwischenspiel in der Demokratiegeschichte Deutschlands. Vor 50 Jahren wurde der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King in Tennessee erschossen und Nelson Mandela würde seinen 100. Geburtstag feiern.

Beim Stöbern in den Verlagsvorschauen habe ich erfreut festgestellt, dass vermehrt Biographien über historische Frauenfiguren publiziert werden und das Tabuthema psychische Erkrankungen auf den Sachbuchmarkt drängt. Auch die weibliche Sexualität ist kein Tabu mehr, es erwartet uns ein Buch zweier norwegischer Medizinerinnen, das auch aufgrund seines prägnanten Titels Aufsehen erregen wird. Daneben habe ich noch einige viel versprechende Bücher aus dem Bereich der Ur- und Frühgeschichte gesehen; auch hier scheint der Humor nicht zu kurz zu kommen. Die Sachbücher im ersten Halbjahr 2018 sind bunt und vielfältig, da ist für jeden etwas dabei.

Georg Schmidt
Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Rüdiger Barth / Hauke Friederichs
Die Totengräber Der letzte Winter der Weimarer Demokratie

Sibylle Lewitscharoff / Najem Wali
Abraham trifft Ibrahim. Streifzüge durch Bibel und Koran

Christopher de Bellaigue
Die islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft

Andreas Guski
Dostojewskij. Eine Biographie

Norman M. Naimark
Genozid. Völkermord in der Geschichte

Gary Cox
Jean-Paul Sartre. Existentialismus und Exzess

María Hesse
Frida Kahlo. Eine Biographie

Hermann Kulke/Dietmar Rothermund
Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute

Malachy Tallack (Text) / Katie Scott (Illustrationen)
Von Inseln, die keiner je fand

Stefan Breuer
Wegbereiter des Rassenstaates. Die nordische Bewegung in der Weimarer Republik

Brenna Hassett
Warum wir sesshaft wurden und uns seither bekriegen, wenn wir nicht gerade an tödlichen Krankheiten sterben

Carolyne Larrington
Fit für Walhalla. Nordische Mythen für Einsteiger

Nina Brochmann / Ellen Støkken Dahl
Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht

Daphne Merkin
Mein fremdes Ich

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Habt ihr schon Sachbücher im Auge? Welche Themen interessieren euch im Jahr 2018; worüber wollt ihr mehr erfahren? Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern!

 

Yeonmi Park: Meine Flucht aus Nordkorea (2015)

Park_Meine Flucht aus NordkoreaYeonmis Kindheit in Nordkorea ist ein Auf und Ab: Solange der Vater von seinen Schmuggelreisen genug Geld mit nach Hause bringt, kommt Reis auf den Tisch. Oft genug ist das aber nicht der Fall und die beiden Schwestern und ihre Mutter hungern und frieren. Als der Vater schließlich ins Straflager muss, entschließen sich Yeonmi und ihre Mutter zur Flucht nach China. Ihre Schwester hatte einige Tage zuvor die Flucht gewagt. Kaum auf der chinesischen Seite angekommen, geraten die beiden in die Fänge von Menschenhändlern. Die Mutter wird vor den Augen ihrer Tochter vergewaltigt und verkauft; das dreizehnjährige Mädchen ist gezwungen, monatelang mit einem der Menschenhändler als dessen „Geliebte“ zusammenzuleben und seine Geschäfte mit abzuwickeln. Doch irgendwann sind Mutter und Tochter wieder vereint, haben das Geld für die weitere Flucht beisammen und machen sich auf den beschwerlichen und gefahrvollen Weg nach Südkorea –  durch die winterliche Wüste Gobi. Weiterlesen

Enid Blyton zum 120. Geburtstag: Entzauberung einer Kindheitsheldin

Einer der Vorteile davon, viele ältere Cousinen zu haben ist es, dass die große Kiste mit Kinder- und Jugendbüchern bereitsteht, sobald man lesen gelernt hat. Meine absoluten Lieblinge damals waren neben diversen Pferdebüchern natürlich die Reihen von Enid Blyton (1898–1968). Lissy, Dolly, Hanni und Nanni und besonders die Fünf Freunde habe ich derart verschlungen, dass meine Eltern froh gewesen sein müssen, dass der Nachschub dank besagter Kiste auf die nächste Zeit gesichert war. Viele von Enid Blytons Figuren waren mir vertrauter als meine Grundschulfreunde. Im Wald habe ich nach Heidekraut Ausschau gehalten, um wie die Fünf Freunde notfalls ein Zelt dort aufzuschlagen; das Internat war dank Dolly, Hanni und Nanni ein Sehnsuchtsort.

Spätestens nach dem elften, zwölften Lebensjahr verschwanden die Bücher allerdings wieder im Karton und gerieten auf einige Jahre in Vergessenheit. Als Teenagerin stieß ich einmal darauf, dass trotz der burschikosen George  (nach deren Vorbild ich mir ebenfalls die Haare abschneiden ließ) die Rollenbilder bei Blyton doch sehr traditionell waren. Eigentlich hatte immer Julius das Sagen, Anne kümmerte sich ums Essen. Und gab es eigentlich auch männliche Handarbeitslehrer an den Internaten? Warum waren „die Zigeuner“ eigentlich immer kriminell? Doch beim Lesen als Kind waren Ort und Zeit der Geschichten unwichtig, man merkte ihnen ihr Alter auch kaum an. Dass das gerade bei den deutschen Ausgaben wohl bewusst so gehalten war, um die Bücher zeitlos zu machen, las ich vor kurzem. Es hat ja funktioniert. Auch, dass die Reihen von Ghostwritern fortgeführt wurden. Es störte mich nicht besonders.

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Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts erkennt einer die Begabung des jungen und politisch unbedeutenden Feldherrn Karl Alexander schnell: Joseph Süß Oppenheimer, der sich bereitwillig als Finanzmann in die Dienste des jungen Adligen stellt. Als dieser dann tatsächlich Herzog von Württemberg und einer der mächtigsten Männer zwischen Preußen und Wien wird, erlebt auch „Jud Süß“, wie Oppenheimer gemeinhin genannt wird, einen kometenhaften Aufstieg. Als einer der reichsten Männer des Reiches residiert er in Prunk, sammelt Frauenbekanntschaften und Edelsteine; er hält alle Fäden in der Hand. Ein Geheimnis verbirgt der bedeutendste Mann des Reiches jedoch lange vor der Hofgesellschaft: Seine uneheliche Tochter, die fernab der restlichen Welt mit seinem Onkel, einem geheimnisumwitterten Kabbalisten, tief im jüdischen Glauben verwurzelt heranwächst. Oppenheimer liebt sie über alles und als sie sich vor dem zudringlichen Herzog in den Tod flüchtet, plant der Finanzminister sorgsam seine Rache.

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[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa”

Dieses Mal gibt es einen echten Geheimtipp: Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, an dieser Stelle den ersten von zwei Teilen eines Gastbeitrags veröffentlichen zu dürfen, der uns mitnimmt in die ernste, manchmal grausame, in jedem Fall aber bunte Welt der afrikanischen Literatur.

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(c) emerald notes

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Lesung mit Deborah Feldman: Eine Liebeserklärung an Berlin

Das Babylon war nicht genug – im vollbesetzten Veranstaltungskino las Deborah Feldman gestern aus ihrem kürzlich erschienenen Werk „Überbitten“ und antwortete entwaffnend persönlich auf Publikumsfragen.

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Was als Podiumsgespräch zwischen FAZ.net-Literaturchef Andreas Platthaus und der 1986 geborenen Autorin Deborah Feldman in nahezu perfektem Deutsch begann, entwickelte sich schnell zu einem interessanten Wechselspiel aus Publikumsfragen und deren nachdenklicher Beantwortung. Dem an sich schon wohlwollend gestimmten Saal wurde ganz warm ums Herz, als Feldman über ihre Ankunft in Berlin berichtete. Schmunzeln und verständiges Kopfnicken folgten der Bemerkung, dass sie sich in der Hauptstadt sehr wohl fühle, denn dort fänden auch die „ganz ganz Seltsamen“ ihren Platz. – Wer einmal hier U-Bahn gefahren ist, wird das definitiv bestätigen.

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Die sehr persönlichen Fragen etwa nach dem Umgang mit ihrem elfjährigen Sohn, ihrer Einstellung zum Glauben und Familienkontakt nach New York beantwortete Feldman mit großem Ernst und mit einer Selbstreflexion, die mich als Zuhörerin baff zurückließ. Besonders emotional und im Publikum mucksmäuschenstill wurde es, als die Autorin beschrieb, wie sie mehrmals versuchte, Kontakt zu ihrer Großmutter in einem Hospiz aufzunehmen und immer wieder von der Einrichtungsleitung oder Verwandten vertrieben wurde. Die lächelnde, selbstironische Frau vor meinen Augen und ihre manchmal traurige Geschichte zusammenzubringen, war nicht leicht.

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Die Lesung mit Deborah Feldman war emotional, inspirierend und sehr beeindruckend. Wer jetzt Interesse hat, sollte nicht allzu lange zögern, denn die Termine für eine Lesereise stehen bereits.

 

 

Deborah Feldman: Überbitten (2017)

cover_350x240Heute erscheint „Überbitten“, das dritte Buch der Wahlberlinerin Deborah Feldman. In ihrem Roman verarbeitet sie die Zeit nach dem Ausstieg aus einer isolierten jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York und beschreibt Ängste, Reisen und Freundschaften, die ihr Ankommen in der neuen Welt begleiten.

Sieben Jahre sind es, die sie nach ihrem Ausbruch schildert. Sieben Jahre, das letzte nach jüdischer Tradition das Sabbatjahr, in dem Schulden erlassen und Sklaven befreit werden. Eng sind der Aufbau dieses Buches und Feldmans Herkunft verwoben und bis zum Überbitten – etwa dem Verzeihen aus dem eigenen Glauben heraus, vielleicht sogar der Vernunft zuwider – ist es ein langer Weg, der die Autorin von Manhattan und dem Sorgerechtsstreit um ihren Sohn ins Europa ihrer Großeltern bis schließlich ins heutige Berlin führt.
Jedes einzelne Jahr nach dem Neuanfang ist anders: Während das erste noch von existenzieller Not geprägt ist, stellt sich mit der Zeit der schriftstellerische Erfolg ein, als „Unorthodox“ überraschend einschlägt und die Bestsellerliste der New York Times erklimmt. Die Sorge um Nahrung und Kleidung verschwindet, Feldman kann der Stadt nach Neuengland entfliehen, doch beim Ringen um die eigene Identität hilft Geld nur wenig. Die Autorin reist, viele Reisen führen sie nach Europa, wo sie die Wurzeln ihrer Großeltern weiß und doch nur tote, nach dem Holocaust auf ewig verbrannte Erde vermutet. Oft wird sie überrascht, manchmal bestätigt. Ihre Bekanntschaften zeigen: der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens ist für viele Europäer immer noch schwierig. Was sagen, was fragen, wie reagieren?

Während „Unorthodox“ der Literaturwelt unvergleichlich tiefe Einblicke in die abgeschlossene Welt des Chassidismus gab, gibt uns Feldman diesmal etwas noch Persönlicheres: Einblicke in die schwierige Suche nach der eigenen Identität, die in der Kindheit unter den Kollektiverfahrungen eines ganzen Volkes begraben wurde. Wer glaubt die traumatische Wirkung des Holocaust sterbe mit seinen letzten Überlebenden, wird hier eines Besseren belehrt. Es sind  auch die Nachkommen der zweiten Generation, die sich mit den Traumata ihrer Vorfahren auseinandersetzen müssen und in einigen Fällen immer noch um einen Umgang mit den Nachkommen der Täter ringen.

Siebenhundert Seiten stark ist „Überbitten“ geworden. Man merkt dem Werk an, dass Feldman sich hier eine Menge von der Seele schreiben musste. Wie sie es wollte gibt sie ihrem ganzen Leben unverkennbar eine erzählerische Struktur und vermeidet Wiederholungen, sodass man diesem besonderen Lebensweg Seite um Seite in gespannter Erwartung folgt. Ihr erstes Werk „Unorthodox“ sollte man zuvor gelesen haben, dann kann man sich gut vorbereitet auf dieses fesselnde und sehr persönliche Werk einlassen.

Deborah Feldman, Überbitten. Autobiographische Erzählung, aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2017, 704 S., 28 €, ISBN 978-3-906910-00-0

Hier gibt es ein Interview mit der Autorin zum Buch. Wenn ihr auch eine Rezension zum Buch verfasst habt, verlinkt euch gern in den Kommentaren!

Ergänzung: Bei Lobe den Tag wird auch über Überbitten geschrieben.

Misha Anouk: Goodbye, Jehova!

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Misha Anouk wurde in einem Zeitungsartikel der letzten Wochen erwähnt. Worum es ging, weiß ich gar nicht mehr, aber seine Lebensgeschichte hat mich sofort interessiert. Aussteiger-Bücher sind spannend. Geschlossene, teils undurchsichtige Gemeinschaften haben ja auch immer etwas Faszinierendes. Überrascht hat mich, auf welche Weise Anouk seinen Lesern diese Glaubensgemeinschaft, der er selbst 20 Jahre lang angehört hat, näher bringt.

Misha Anouk wurde in die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. In vielen Bundesländern mittlerweile als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, in einigen noch nicht, ist der Name dieser Gemeinschaft wohl jedem ein Begriff. Jeder verbindet irgendeine Vorstellung von den Mitgliedern dieses Zusammenschlusses: Gläubige, freundliche, adrett und bieder gekleidete Damen, Herren und Kinder, die häufig mit der Zeitschrift „Wachturm“ in der Hand in der Fußgängerzone stehen. Weiterlesen