Misha Anouk: Goodbye, Jehova!

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Misha Anouk wurde in einem Zeitungsartikel der letzten Wochen erwähnt. Worum es ging, weiß ich gar nicht mehr, aber seine Lebensgeschichte hat mich sofort interessiert. Aussteiger-Bücher sind spannend. Geschlossene, teils undurchsichtige Gemeinschaften haben ja auch immer etwas Faszinierendes. Überrascht hat mich, auf welche Weise Anouk seinen Lesern diese Glaubensgemeinschaft, der er selbst 20 Jahre lang angehört hat, näher bringt.

Misha Anouk wurde in die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. In vielen Bundesländern mittlerweile als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, in einigen noch nicht, ist der Name dieser Gemeinschaft wohl jedem ein Begriff. Jeder verbindet irgendeine Vorstellung von den Mitgliedern dieses Zusammenschlusses: Gläubige, freundliche, adrett und bieder gekleidete Damen, Herren und Kinder, die häufig mit der Zeitschrift „Wachturm“ in der Hand in der Fußgängerzone stehen. Weiterlesen

Deborah Feldman: Unorthodox (2016)

feldman_unorthodoxDeborah steigt aus. Aus den engen, dicken Strumpfhosen. Aus der Rolle als umher huschende Ehefrau und Mutter einer möglichst zahlreichen Kinderschar. Aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im heutigen Williamsburg, Brooklyn, New York.

Die 1986 geborene Autorin erzählt in diesem autobiografischen Werk von ihrer Kindheit und Jugend einer der weltweit größten chassidischen Gemeinden. Die häufig auch als Sekte bezeichnete Gemeinschaft der Satmarer Juden, eine Gruppe von über 100.000 Personen, hält den Holocaust für eine Strafe Gottes und lehnt den Staat Israel rigoros ab. Kinderreichtum und ein bescheidenes, an Armut grenzendes Leben sind ein Muss, ebenso ein (auch gewaltsames) Eintreten für die eigene Überzeugung. Die Kinder besuchen private religiöse Schulen. Jungen und Mädchen getrennt; weltliche Fächer wie etwa Englisch sind zweitrangig – in Williamsburg wird Jiddisch gesprochen. Die Gemeinde bringt Jungen hervor, so fromm, dass sie nicht mit ihrer eigenen Großmutter sprechen, weil sie eine Frau ist. Weiterlesen

Szilárd Borbély: Die Mittellosen

42450Im Februar 2014 nahm sich der Autor das Leben. Dieser Satz, so wahr wie endgültig, findet sich in der dem Roman vorangestellten Kurzbiografie Szilárd Borbélys. In der Erzählfiktion „Die Mittellosen“ schildert der Autor seine Kindheit in einem ungarischen Dorf der 1970er Jahre.

Missgunst, Gewalt, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit: Das Dorf ist wahrlichkein Ort für zartbesaitete Gemüter. Die Menschen hier verhalten sich in ihrem Hass auf alles, was anders ist, so wie schon seit Jahrhunderten: Herkunft und Stand spielen auch unter den „Genossen“ eine Rolle, endlich haben „die Bauern“ die offizielle Erlaubnis, es jenen heimzuzahlen, die klüger gewirtschaftet haben als sie selbst. Der einzige im  Dorf verbliebene Jude wird weiterhin gemieden, viel zu adrett sahen doch seine Töchter immer aus. Selbst noch, als sie deportiert wurden.

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Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie

 

Schwarze MagnolieHyeonseo ist ein normaler Teenager: Sie mag Mode, streitet sich mit ihrem jüngeren Bruder, schaut gerne Fernsehserien – und lebt in Nordkorea.

Mehrmals zieht ihre Familie innerhalb des Landes um, der Vater bekleidet einen gehobenen Rang in der Armee, daher sind Fernseher und Kühlschrank für sie keine Fremdworte. Die Familie ist auch nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten, hin und wieder gelingt es Hyeonseo, sich eine südkoreanische Soap anzusehen oder eine Kassette mit Pop-Musik zu ergattern. Ansonsten sind ihre Tage eine Aneinanderreihung von Schule, „freiwilligen“ Arbeitsdiensten und erschöpfenden Proben für Massenveranstaltungen.

Als der Vater hingerichtet wird und es den Rest der Familie an den Yalu-Fluss nahe der chinesischen Grenze verschlägt, weiß Hyeonseo: Jetzt oder nie, denn einmal erwachsen, wird sie keine Möglichkeit mehr haben, sich ungestraft außerhalb der Landesgrenzen zu bewegen. Sie will nur für eine Nacht die gegenüberliegende chinesische Stadt erkunden und ahnt nicht, dass ihr der Rückweg für immer versperrt sein wird. In den nächsten Jahren lebt sie als Flüchtling, schlägt sich unter falschem Namen durch und kann ihre Heimat Nordkorea dabei doch nie vergessen.

 

Im Deutschen trägt das Buch den Titel „Schwarze Magnolie – Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“. Das ist unnötig reißerisch, denn zum einen kann man sich als Leser vorstellen, dass eine Biografie eines nordkoreanischen Flüchtlings keine Wohlfühl-Lektüre ist, zum anderen fängt der Untertitel die Stimmung des Buches nicht ein. Das Besondere an dieser Geschichte ist gerade, dass sie – ganz anders etwa als das vor einigen Jahren erschienene „Flucht aus Lager 14“ – Nordkorea differenziert betrachtet. Das Land ist nicht ausschließlich „Hölle“, sondern eben auch Heimat und Kindheitsort der Autorin. Das bedeutet nicht, dass Grausamkeiten ausgespart werden, auch hier spielen die regelmäßig stattfindenden Hinrichtungen, Hungersnot, politische Indoktrination und eine alles überwachende Geheimpolizei eine Rolle. Aber es sind auch die schneebedeckten Berge und der familiären Zusammenhalt, den die Autorin beschreibt. An manchen Stellen merkt man der Erzählung dabei deutlich an, dass sie literarisch aufbereitet wurde, etwa, wenn die Autorin sich nach 15 Jahren noch daran erinnert, dass vor dem Fenster ein Eichelhäher sang. Doch das trägt auch dazu bei, dass dieser Bericht schafft, was vielen anderen nicht gelingt: Nicht nur die Sensationslust des westlichen Lesers zu befriedigen, sondern ebenso zu zeigen, dass Nordkorea für viele Flüchtlinge eben nicht nur „Hölle“, sondern auch „Heimat“ ist.

Bemerkenswert ist, dass „Schwarze Magnolie“ nach der Flucht der Autorin, die relativ früh im Verlauf des Buches stattfindet, nicht abbaut. Viele Flucht- oder Ausstiegsgeschichten verlieren gerade dann an Spannung, hier aber kann das Interesse des Lesers aufrecht erhalten werden, auch dadurch, dass der Autorin immer wieder Zweifel kommen, ob die Flucht richtig war und sie versucht, den Kontakt zu ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Die Erzählung wirkt dadurch authentisch, dass auch vermeintlichen Kleinigkeiten Beachtung geschenkt wird, zum Beispiel, wenn die Autorin ihrem Bruder und ihrer Mutter moderne chinesische Kleidung mit bringt, damit sie jenseits der Grenze nicht sofort als Nordkoreaner auffallen. Man erfährt nicht nur Einzelheiten über das gesellschaftliche Leben in Nordkorea, auch Aspekte des chinesischen Gesellschaftslebens und der Umgang mit der koreanischen Community dort werden geschildert. Großen Raum nimmt auch die Eingewöhnung in Südkorea ein; der Kontrast zwischen dem temporeichen, sehr leistungsorientierten Leben im Süden und der weitestgehenden „Freiheit“ davon, Entscheidungen treffen zu müssen im Norden wird mehr als deutlich. Ebenso, dass viele Nordkoreaner nach erfolgreicher Flucht genau an diesem Unterschied scheitern.

Es wird hervorgehoben, dass die Autorin in Nordkorea ein privilegiertes Leben geführt hat, aber auch auf ihrer Flucht häufig Glück hatte. Da ist es aufschlussreich, dass kleine Geschichten anderer Flüchtlinge, die der Autorin begegnet sind, eingeflochten werden. Fälle, die zeigen, dass die Flucht nicht immer glimpflich abläuft, häufig von physischer und sexueller Gewalt, Demütigungen, Gefängnisaufenthalten und einem Gefühl des Ausgeliefertseins verbunden ist.

In die Mitte des Buches wurden Bilder aufgenommen, die den beschriebenen Personen ein Aussehen geben. Es finden sich auch hilfreiche Karten, die die Umzüge der Familie innerhalb Nordkoreas und verschiedene Fluchtrouten zeigen. Diese netten Besonderheiten machen „Schwarze Magnolie“ zusammen mit seinem Detailreichtum und seinen differenzierten Beschreibungen zu einem der besten Berichte aus und über Nordkorea, die ich bisher gelesen habe.

Hyeonseo Lee mit David John, „Schwarze Magnolie. Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“ (OT: The Girl with Seven Names – A North Korean Defector’s Story), Heyne 2015, 415 S., 19,99€.

die Tipp!-Blase

Nordkorea; Gesellschaft in China, Südkorea

Ein lesenswerter Bericht zur schwierigen Integration nordkoreanischer Flüchtlinge wurde auch in den KAS Auslandsinformationen veröffentlicht.

 

Kenzaburo Oe: Eine persönliche Erfahrung

Oe ErfahrungDer 27-jährige Bird wird Vater. Während seine Frau in den Wehen liegt, resümiert er darüber, dass er sich noch nicht dazu bereit fühlt; der Spitzname, der ihm aus Jugendtagen geblieben ist, deutet darauf hin. Er wird ins Krankenhaus gerufen, die Ärzte teilen ihm mit, sein Kind sei mit einer Gehirnhernie zur Welt gekommen –  sein Gehirn quelle aus einem Loch in seiner Schädeldecke hervor. Und tatsächlich sieht Bird das Baby mit einer so großen Beule am Kopf, „dass man meinen könnte, es hätte zwei Köpfe“. Die Ärzte räumen dem Kind geringe Überlebenschancen ein, überhaupt sei es, sollte es denn überleben, nur zu einer „pflanzenhaften Existenz“ fähig. Bird nimmt diese Einschätzung rückhaltlos an, er lässt das Kind in eine Spezialklinik bringen, hat das Gefühl, von den Ärzten und schwangeren Frauen auf den Fluren ob seines entstellten Kindes gedemütigt zu werden. Im Einvernehmen mit der Schwiegermutter beschließt er, das Kind „verschwinden“ zu lassen, noch bevor es seine Frau zu Gesicht bekommt. Er weist an, es mit Zuckerwasser statt Milch zu füttern, dass es schließlich eines Schwächetodes stürbe. Das sei „für alle Beteiligten das Beste“. Die ungewissen Stunden bis zum Tod des Kindes verbringt er bei seiner Freundin Himiko, die schnell seine Geliebte und Komplizin wird. Doch die Entscheidungen über Leben und Tod, die er trifft, lasten schwer auf ihm.

Der Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe (1994 für „Der stumme Schrei“/“Die Brüder Nedokoro“) schildert hier tatsächlich anhand persönlicher Erfahrungen die Gefühlswelt Birds nach der Geburt seines Kindes. Sein eigener erwachsener Sohn leidet auch an einer Gehirnhernie und bedarf rund um die Uhr der Pflege seiner Eltern.
Der Protagonist Bird entschließt sich schnell, das Kind nicht anzunehmen. Er identifiziert sich nicht mit ihm, nimmt es nicht als sein Kind an, leugnet gar jede Ähnlichkeit mit ihm. Er erkennt den Jungen als etwas Fremdes, Feindliches, das in seine bis dahin unbeschwerte Welt eindringt und seinen großen Traum von einer geplanten Afrika-Reise zunichte macht. Bird erscheint dabei nicht als vorausschauender Planer, dem das Kind einen Strich durch sein geordnetes Leben macht. Vielmehr ist Bird ein chaotischer Charakter, der den Teenager-Jahren noch nicht richtig entwachsen scheint. Er betrank sich einen Monat hindurch, brach sein Studium ab und begreift diese Episode als etwas im Hintergrund Lauerndes, das er nicht begreift, vor dem er sich aber fürchtet. Dabei ist er von Freunden und Bewunderern umgeben, kein Einzelgänger, wenn auch etwas verschroben.
Bird ist durch und durch Egoist, was er bis zum Schluss bleibt und kaum reflektiert. Er hadert mit seinem „Monster-Baby“, denkt aber immer mehr über den Mord nach, den er bei den Ärzten in Auftrag gegeben hat und beschließt, teils aus Misstrauen, teils aus einem merkwürdigen Verantwortungsgefühl heraus, das Kind zu sich zu holen und sich selbst um seinen Tod zu kümmern.

Selten in diesem Buch, das nur einige wenige intensiv durchlebte Tage umfasst, geht es um Schuld. Und doch geht es um nichts anderes, denn sie schwingt unterschwellig mit, bei jedem Satz. Es gibt keine Ächtung der Vorstellung, ein behindertes Kind aus egoistischen Motiven zu töten. Dieses Verhalten wird nicht ein einziges Mal reflektiert. Birds Betrug an seiner Frau, die noch im Wochenbett liegt, während er in die Arme einer anderen flieht, wird nicht ein einziges Mal thematisiert. Sein Egoismus ist neben der Zerrissenheit wegen seines Mordplans das nie explizit dargebotene Hauptthema dieses Werkes von Oe. Nie wird die moralische Frage gestellt, ob die Eltern – ja gar der Vater allein gegen den Willen der Mutter – über den Tod eines behinderten Kindes entscheiden dürfen. Denn in diesem Werk Oes geht es vordergründig nicht um Moral, sondern um die persönliche Entwicklung des Protagonisten, seine gelebte Selbstliebe. Wer das aushält, entdeckt hier ein Tabuthema in originellen Sprachbildern – einen streitbaren Schatz.

 Oe, Kenzaburo, Eine persönliche Erfahrung, verschiedene Ausgaben.

Ein Interview mit Oe zu seinem Werk in der Zeitung Die Zeit.

Botho Strauß: Herkunft

Strauss HerkunftIn „Herkunft“ schildert der nunmehr siebzigjährige Strauß seine Erinnerungen an seine Eltern. Den Großteil seines Büchleins widmet er dem Vater, den er als „aus der Zeit gefallen“, konventionell und dabei auch stur beschreibt. Der Mann, der versucht, das bürgerliche Ideal auch nach der Flucht aus dem Osten und der Enteignung des Besitzes aufrecht zu erhalten, dessen Tagesablauf immer gleich, immer ausgehfertig bekleidet beginnt und doch größtenteils am heimischen Schreibtisch stattfindet. Die tägliche Routine scheint für den jungen Strauß aber nichts Bedrückendes, Enges zu haben, vielmehr macht er in dem ehemaligen international besuchten Kurort Bad Ems seine eigenen Erfahrungen, in seiner Bildung immer wieder angeleitet durch den Vater. Als Leser kommt einem der Gedanke, ob der Vater, wie beschrieben, eigentlich eine traurige Figur ist, ob das Beharren auf Konventionen und strikte Routine ein erfülltes Leben bieten oder bieten können. Strauß hadert – anders als Lothar Struck in der Autofiktion Grindelwald – nie mit seinem Vater; durch seine Beschreibungen zeichnet er auf wenigen Seiten das facettenreiche Bild eines Mannes, den man unweigerlich versucht, sich in der heutigen Zeit in einer lauten und hektischen Stadt vorzustellen.
Der Mutter sind nur ein paar wenige Seiten gewidmet. Sie erscheint als Frau, die unbekümmert nie viel erwartet hat und auch nicht brauchte, um glücklich zu sein. Und die sich im Alter diese Haltung, diesen Charakterzug bewahrt hat.
Ein bisschen Melancholie schwingt mit in Strauß’ Erzählung. Ein wenig antiquiert manchmal die Sprache, die er verwendet. Unweigerlich fragt man sich, wie wohl sein Vater geschrieben, welche Worte er gewählt hätte, er, der auch schriftstellerische Ambitionen hatte. Vielleicht wären sie ähnlich gewesen.

Botho Strauß, Herkunft, Hanser 2014, 96 S., 14,90€.

Chas Newkey-Burden: Stephenie Meyer- Queen of Twilight

Stephenie Meyer ist spätestens seit dem Erscheinen ihrer Romane als Kinoblockbuster jedem ein Begriff. So verwundert es nicht, dass schon einige unauthorisierte Biografien aufgetaucht sind- Newkey-Burdens ist eine davon. In sieben Kapiteln spannt er den Bogen über Meyers Kindheit in einem mormonischen Elternhaus, über ihre Highschool- und Collegezeit an der Brigham Young University in Utah und ihre darauffolgende Hochzeit. Danach widmet er sich ihrer Rolle als Mutter und schließlich dem Beginn ihrer Karriere, die, so will es die „Legende“, mit einem intensiven Traum begann. Newkey-Burden schildert die Anfänge, Meyers Weg zu ihrer Agentur und schließlich den Erfolg ihrer Bücher, bis hin zu neuen, vielleicht bevorstehenden Projekten.

Ich weiß nicht genau, was ich von Newkey-Burdens Biografie erwartet habe: Das Cover ziert ein Bild der Autorin Stephenie Meyer- eben jenes, das in jedem ihrer Romane zu finden ist. Der Autorenname hingegen ist nur winzig klein auf dem Buchcover abgedruckt, man muss ihn regelrecht suchen. Das spiegelt sich definitiv auch im Inhalt wider: Kaum eine Passage ist durchgängig selbst geschrieben, immer wieder wird auf aufgeschnappte Interviewantworten  Meyers zurückgegriffen, die fröhlich in immer neuen Kontext gestellt werden. Gerade im zweiten Teil des Buches finden sich seitenlang Auszüge aus Rezensionen ihrer Bücher, oft nur kommentiert mit einem „…darüber wird sich Stephenie sehr gefreut haben!“. Genaue Quellenangaben oder gar Fußnoten? Fehlanzeige. Seriöse Recherche ist etwas anderes.

Immer wieder tauchen Meyers Lieblingsbands auf; Beschreibungen, scheinbar geradewegs aus einem Wikipedia-Artikel kopiert inklusive. Ebenso bei dem Überblick über das Vampir-Genre vor Meyer: man kann Newkey-Burden förmlich beim Copy-and-Paste-Verfahren zuschauen. Namedropping ist hier weniger informativ, als vielmehr störend. Filme und Bücher, die keinen Einfluss auf Meyers Werk gehabt haben und bei denen es sich offensichtlich um Randerscheinungen handelt, werden scheinbar wahllos erwähnt. Sollte Meyer irgendwann einmal in einem Interview einen Film, ein Buch, oder ein Lied genannt haben, das ihr gefällt, so kann man sicher sein, dass Newkey-Burden den Titel fallen lässt. Dadurch beschleicht einen der Eindruck, dass der Autor nur mehr oder weniger sorgsam Interviews von Kollegen verfolgt hat, um daraus eine Biografie zusammen zu schustern. Auf den Leser wirkt das lieblos aneinander geklatscht und schon tausendmal gehört. Etliche Standardphrasen und Interviewantworten Meyers werden zigmal wiederholt; kritische Töne wird man kaum finden, wenn man so will, ist diese Biografie ein Wohlfühlbuch. Begeisterung für den Gegenstand der Biografie- ja, sachliche Distanz – nein.
Ansprechend hingegen ist der Mittelteil, der neben Bildern der Twilight-Darsteller auch unbekanntere Fotos von der Autorin zeigt.

Man kann von der Geschichte um Bella und den Vampir Edward halten, was man will. Diese lobhudelnde Biografie ist garantiert nur echten Fans zu empfehlen, die an Meyers Lippen hängen und sich ihre Begeisterung auch nicht durch die tausendste Wiederholung kaputtmachen lassen.

Chas Newkey-Burden „Stephenie Meyer- Queen of Twilight“, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2010, 250 S., 9,95€

Richard Wright: Black Boy

richard-wrightblack-boyEr setzt das Elternhaus in Brand- seine schwerkranke Großmutter kann nur mit Mühe vor dem Feuertod bewahrt werden. Er legt einer Katze einen Strick um den Hals und zieht zu, bis das Tier aufhört zu zappeln. Mit sechs Jahren lümmelt er vor Kneipen herum, bereits abhängig von den Drinks, die ihm zur Belustigung der Gäste ausgegeben werden. Und er wird geschlagen, immer wieder, bis aufs Blut, bis zur Bewusstlosigkeit. Das sind Richard Wrights Erinnerungen an seine Kindheit in Mississippi zwischen den Weltkriegen.

Als der brutale Vater die Familie verlässt, arbeitet seine Mutter als Köchin, um Richard und seinen Bruder irgendwie über Wasser zu halten. Doch Hunger ist allgegenwärtig, und Richard verwahrlost zunehmend, sodass er in ein Kinderheim gegeben wird, in dem er ängstlich darauf wartet, dass die Mutter genug Geld spart, um die Familie zur Großmutter in die Kleinstadt Jackson zu bringen. Er flieht, wird zurückgebracht. Bei der Großmutter  erwartet ihn strenge Religiosität, die nahtlos in Fanatismus übergeht. Irgendwann dann beginnt Richard Fragen zu stellen: Wer seine verstorbenen Großeltern waren;  warum die Weißen ihn „nigger“ nennen. Nach und nach wird er sich seiner kulturellen Identität bewusst- und auch der damit verbundenen Diskriminierung. In einem Klima der Gewalt liefert er sich Straßenschlachten mit weißen Jungengangs und muss die Schule aufgrund häufiger Umzüge in immer kleinere Wohnungen und schmutzigere Gegenden oft abbrechen. Nur heimlich kann er sich Bücher und Zeitschriften beschaffen, die ihn eine Weile lang in andere Welten entführen, denn seine Großmutter verbietet alles „Teufelswerk“. Gegen seinen Willen wird er getauft, er nimmt Jobs an, die ihn erniedrigen. Immer wieder bringt er sich in Schwierigkeiten, denn er vergisst oft „den Kopf zu senken und dümmlich zu lächeln“, so wie es die Weißen von ihm erwarten. Richard stößt auf eine Mauer des Schweigens innerhalb seiner Familie, aber auch bei seinen Altersgenossen, wenn immer er nach den Gründen der Rassentrennung, der unmenschlichen Diskriminierung fragt. Nur Wut baut sich in ihm auf, so oft er von ungerechtfertigten Strafen, von Morden an Afroamerikanern hört. Dann beginnt er zum Unverständnis seiner Freunde und Familie mit dem Schreiben, und hat einen Traum, der ihn alle Strapazen aushalten lässt: Er will in den Norden reisen, der Gewalt entfliehen und Schriftsteller werden.

Richard Wrights Autobiografie „Black Boy“ ist beides: erschreckend, aber auch unglaublich mitreißend. Gleich zu Beginn, in den ersten Zeilen muss der Leser in ein Klima der Gewalt eintauchen, dass Richard schon in den frühesten Jahren seiner Kindheit geprägt hat. Im Nachhinein erstaunlich ist die Genauigkeit, mit der der Autor seine Kindheitserinnerungen als vier- oder fünfjähriger Junge zu schildern vermag und die teils grausamen Umgangsformen innerhalb der Familie, der Schule und schließlich im öffentlichen Leben.
Mit seiner Wortwahl und seiner Schonungslosigkeit lässt Wright den amerikanischen Süden der 20er und 30er auferstehen, sodass der Leser froh ist, zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort geboren worden zu sein. Der spielende Wechsel zwischen Straßenslang und Analysen der eigenen Situation zur damaligen Zeit zeigen, wie tiefgehend sich der Autor mit seiner eigenen Vergangenheit und der Geschichte der Rassendiskriminierung in den USA auseinandergesetzt und vor allem, wie tief sie ihn geprägt hat.
Hat man sich als Leser eher flüchtig mit dem Thema befasst, kennt Martin Luther King oder Rosa Parks, so sieht man sich hier mit einer Zeit konfrontiert, in denen nicht einmal der Hauch von Gleichberechtigung durch den Süden wehte und an ein Aufbegehren nicht einmal gedacht wurde. In dem 1945 erschienenen Werk erfährt man außerdem etwas über amerikanische Persönlichkeiten zu einer Zeit, als Europa mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Der Leser macht Bekanntschaft mit dem Journalisten Henry Louis Mencken und erfährt, was Jim Crow im täglichen Leben bedeutete. Deshalb führt auch Wrights Weg in den Norden nach Chicago und schließlich, doch das ist schon nicht mehr Teil der Autobiografie, die kaum bis zu seinem Erwachsenenalter reicht, nach Europa.
„Black Boy“ ist auch die Geschichte eines Außenseiters, der mit seinen begrenzten Möglichkeiten oft unglaublich mutig handelt und zeigt, dass der Glaube an Gerechtigkeit und an ein besseres Leben einen Menschen auch bei Hunger, Krankheit und Leid aufrecht erhalten kann.

Der Autor
Richard Wright wurde 1908 auf einer Plantage in Mississippi geboren; seine Autobiografie „Black Boy“ erschien 1945 und avancierte zum Bestseller. Sie wurde 1995 unter gleichem Titel verfilmt. Wright selbst starb 1960 in Paris.

Richard Wright „Black Boy- record of a childhood and youth“, vintage classics 2000, 272 S., ca 10€

Geschichte der USA, Rassismus, Werdegang Richard Wrights

Melda Akbaș: So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock

akbas-so-wie-ich-willIn ihrer Autobiografie erzählt die achtzehnjährige Berlinerin Melda von den Sorgen und Nöten des Erwachsenwerdens. Doch das allein ist nicht genug, denn darüber gibt es wohl unzählige Bücher. Melda muss den Spagat zwischen der türkischen Kultur ihrer Familie und der deutschen ihrer Schule und Freunde schaffen, und sich dabei selbst positionieren. Das fällt nicht leicht, denn nicht immer kann und will sie den teils konservativen Erwartungen und Wünschen ihrer Eltern gerecht werden, will sich frei bewegen dürfen und Kleidung tragen, die ihr gefällt. Anfangs geht es um solche „Alltäglichkeiten“, doch jedes Zugeständnis ist ein kleiner Sieg für Melda, die, und das wird in ihrem sehr offenen Bericht deutlich, unter dem beiderseitigen Druck leidet, zeitweise sogar erkrankt. Doch die Achtzehnjährige steckt voller Tatendrang, will sich neben Partys und Treffen mit Freunden auch für ihre Schule engagieren. Bei einem Praktikum dann erhält sie unverhofft die Möglichkeit, ein mittlerweile ausgezeichnetes Projekt namens „l.o.s.- let´s organize somethin´!“ auf die Beine zu stellen, um sich mit anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund auszutauschen und ihnen Wege und Möglichkeiten aufzuzeigen, von denen sie vielleicht nichts ahnen.
Melda Akbaș reflektiert verschiedene Situationen der letzten zwei Jahre, berichtet liebevoll von ihrer weit verzweigten Familie und schreibt mit einem Augenzwinkern vom ganz normalen Alltagswahnsinn. Daneben gibt es aber auch leisere Töne, die dem Leser, der vielleicht in nur einer Kultur großgeworden ist, zeigt, wie lohnenswert, aber anstrengend es sein kann, zwischen den Rollen zu wechseln, oder harsche Kritik in Kauf zu nehmen, wenn der Wechsel mal nicht gelingt.

Fazit: Erwartet man Schimpftiraden, oder den Bericht eines leidenden jungen Mädchens ist man mit „So wie ich will“ definitiv falsch beraten. Denn obwohl Akbaș nicht mit Kritik am deutsch-türkischen Umgang spart, erhebt sie die Angelegenheit doch nicht zum Politikum, sondern erzählt Episoden aus ihrem persönlichen Umfeld, die zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken anregen. So wirbt sie für Toleranz, einfach dadurch, dass sie selbst die ethnische Herkunft eines Menschen nicht zu dessen markantestem Wesenszug erhebt. An einigen Stellen erstaunt Meldas Offenheit; sie tut ihre Ansichten unverblümt und geradeheraus kund, spart aber nicht mit Begründungen und macht sie dem Leser so nachvollziehbar. Der Stil des Berichts ist an einigen Stellen sehr wacklig, dadurch insgesamt aber authentisch und erfrischend.
„So wie ich will“ hat keinen solchen Entsetzensschrei ausgelöst, wie andere Bücher des Genres; der Leser wird kaum erschrocken die Luft anhalten, doch garantiert einen kleinen Einblick in ein Leben zwischen den Kulturen erhalten, denn um Effekthascherei geht es hier nicht. Die junge Melda Akbaș zeigt in ihrem autobiografischen Bericht eines ganz klar: dass es nicht entweder- oder, sondern sowohl-als-auch heißt.

Isabel Rohner- Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm- eine Biografie

Vor einiger Zeit besuchte ich eine Lesung der Autorin Isabel Rohner, die, zusammen mit der Historikerin Nicola Müller, seit 2006 die Werke der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831-1919) als kommentierte Gesamtausgabe herausgibt und im letzten Jahr eine Biografie dieser außergewöhnlichen Frau veröffentlicht hat. Zugegeben, der Name Hedwig Dohm hat nicht annähernd einen so großen Assoziationsgehalt wie die großen Herren der deutschen Literatur, Goethe oder Schiller. Doch, und das ist eine Überlegung, die Rohner anstellt und die genau ins Schwarze trifft: Was wäre aus dem jungen Schiller geworden, wäre er als kleine Friederike auf die Welt gekommen? Eine der größten Dichterinnen wohl, doch unerkannt, denn schließlich hätte sie sich mit Stricken, Kochen und anderen „Frauengeschäften“ herumschlagen müssen.
Hedwig Dohm kämpfte für allumfassende Frauen- und Menschenrechte; von ihr stammt auch der Ausspruch „ die Menschenrechte haben kein Geschlecht“. Mit ihren radikalen Forderungen eckte sie regelmäßig an; in ihren Romanen und Novellen porträtiert sie Frauengestalten auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz in der Gesellschaft. Die Biografie „Spuren ins Jetzt“ setzt genau hier an. Die Autorinnen stützen sich nicht allein auf das Werk Dohms um daraus ihr Leben abzuleiten, also autobiografische Züge in den verschiedenen Werken zu sehen, sondern durchforschten Archive und stießen so auf bisher unbekannte Briefzeugnisse Dohms. So ist es ihnen möglich, ein neueres Bild Hedwig Dohms und ihres Freunden- und Bekanntenkreises zu zeichnen, als es der Frauenbewegung der 70er Jahre möglich war, die Dohm zwar für sich entdeckte, an einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung ihres Lebens aber nur mäßiges Interesse hatte.
Rohner beginnt mit der Kindheit und Jugend Dohms, in welcher noch nicht viel darauf hindeutet, dass sie zu einer der berühmtesten Frauenrechtlerinnen Deutschlands werden sollte. Als ältestes Mädchen unter siebzehn (!) Geschwistern, dazu uneheliches Kind ihrer Eltern, war ihre Jugend wohl nicht dem radikalen Umdenken gewidmet. Im Laufe der Jahre jedoch, gerade nach ihrer Hochzeit, wird Hedwig Dohm als bemerkenswerte Autodidaktin vorgestellt, die nach Wissen und Bildung dürstet und sich bald schon mit ungeheurem Scharfsinn, Witz und Biss in die Debatte um das Frauenwahlrecht wirft. Die immer wieder eingefügten Auszüge ihrer Rezensionen und Leserbriefe zeigen ihren Unwillen, sich den großen (männlichen) Autoritäten der Zeit zu unterwerfen; stattdessen bietet sie rhetorisch geschickt Paroli und entlarvt alle „Argumente“ die gegen die Gleichstellung von Mann und Frau sprechen, als haltlos und abwegig.
Die Lücken in Dohms Biografie, so ihre Italienreise auf den Spuren Goethes, füllt Rohner geschickt durch verschiedene Perspektivenwechsel. So lernt der Leser sowohl ihren Ehemann Ernst Dohm als auch ihre drei Töchter kennen, die in Tagebuchaufzeichnungen oder im Briefwechsel mit Freunden von und über ihre Mutter berichten; Hedwig Dohm wird in ihrer Vielseitigkeit beleuchtet. Die Kapitel werden ergänzt durch schwarz-weiße Abbildungen; ebenso finden sich ausführliche Anmerkungen, eine Chronik sowie ein Personenregister am Ende der Biografie.

Fazit: Mit ihrer Arbeit leisten Isabel Rohner und Nicola Müller einen großen Beitrag dazu, die Frauenrechtlerin, Autorin und Publizistin Hedwig Dohm bekannter zu machen und sie, die bei der ganzen Kanondebatte unter den Tisch gefallen sein zu scheint, wieder aus der Versenkung zu holen. Und das lohnt sich, denn selten liest man so treffsichere und schlagfertige Gesellschaftskritik wie Hedwig Dohm sie schon vor über hundert Jahren angebracht hat. Ihre neu erschienene Biografie bietet einen wunderbaren Einstieg und macht Lust auf die weitere Beschäftigung mit ihrem Werk.

Isabel Rohner „Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm- Eine Biografie“, Helmer 2010, 153 S., 19,95 €