Sutton E. Griggs: Imperium in Imperio (1899)

1899 erschienen, gilt Imperium in Imperio als Meilenstein schwarzer US- Literatur. Als Griggs sein Buch Anfang des letzten Jahrhunderts von Tür zu Tür ziehend verkaufte, avancierte es durch Mundpropaganda schnell zum Bestseller. Das ist auch durchaus zu verstehen, die Geschichte zweier talentierter junger Männer, von denen jeder, wäre er weiß gewesen, es wohl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hätte bringen können, muss einen unglaublichen Reiz auf Teile der gebeutelten schwarzen Bevölkerung der damaligen Zeit ausgeübt haben. Auch, dass die Geschichte die Bürgerrechtsbewegung der USA beeinflusst hat, ist gut nachzuvollziehen, ohne hierüber allerdings Näheres zu wissen. Die Idee von einem geheimen Zusammenschluss aller aufgrund ihrer Hautfarbe Diskriminierten, der so groß und auch so schlagkräftig wäre, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, ist durch und durch politisch und verlockend.

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Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906)

TörleßDer junge Törleß besucht ein Jungeninternat und bereitet sich wie seine Mitschüler auf eine steile Karriere vor. Geldsorgen haben die wenigsten von ihnen, daher ist es ein gefundenes Fressen, als er und seine beiden Freunde einen ihrer Mitschüler beim Stehlen erwischen. Fortan wird er erpresst und gedemütigt.

Die Geschichte vom Missbrauch und der Erpressung eines Jungen durch seine Mitschüler, Homosexualität und die Ausschweifungen unter Sprösslingen der oberen Gesellschaftsschicht waren zur damaligen Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, bestimmt Aufsehen erregend, vielleicht annähernd vergleichbar mit Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. Doch durch zahlreiche Sozial-, Jugend- und sonstige Dramen geschädigt, sei es filmisch oder durchs Lesen, erscheinen dem heutigen Leser die Vorkommnisse in den Gemäuern des Internats zwar grausam, doch weniger verstörend, als es für frühere Leser der Fall gewesen sein mag. Weiterlesen

Jack Holland: Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses

Misogynie: Die älteste Diskriminierung der Welt- so titelt der Verlag Zweitausendeins über das Werk des Journalisten Jack Holland. In acht Kapiteln berichtet der von der Entstehung der Misogynie, erstmals nachweisbar im alten Griechenland, über ihre Auswüchse im alten Rom und das Paradox von Marienverehrung und Hexenverbrennung im Christentum. Holland beleuchtet auch das verzerrte Frauenbild im viktorianischen Zeitalter und gelangt darüber schließlich bis in unsere Zeit, indem er Pornografie und islamistische Frauenfeinde in die lange Reihe ihrer Vorgänger stellt.
Während er chronologisch vorgeht, bezieht sich Holland auf die frühen Schöpfungs- und Göttermythen und deckt die daraus abgeleitete Realpolitik der Zeit auf, die, von Männern gemacht, darauf abzuzielen schien, die Frau durch abstruse Ehe- und Scheidungsgesetze möglichst klein zu halten. Aber dabei belässt er es nicht, denn er setzt dem Leser auch altbekannte Geschichten wie die der sexbesessenen Messalina vor und analysiert, wie diese Geschichten, die wir heute als bekanntes Kulturgut hinnehmen und ob der großen Dichternamen, die dahinter stehen, kaum hinterfragen, prügelnden Ehemännern in früher Zeit eine sehr willkommene Rechtfertigung boten.

Besonders beeindruckend an Hollands Werk ist die Unnachgiebigkeit, mit der er dem Frauenhass durch die Jahrtausende nachspürt und psychologische Hintergründe beleuchtet. Wie er gleich zu Beginn Position bezieht und beschreibt, dass Männer, denen er von seiner Arbeit erzählte, schmunzelnd davon ausgingen, dass er an einer Rechtfertigung der Misogynie –sofern ihnen dieser Begriff denn geläufig war- aus männlicher Sicht arbeitete, während Frauen gespannte Nachfragen zu seinen Rechercheergebnissen stellten. Sympathiepunkte beim geneigten Leser sammelt er schon im Vorwort seiner Arbeit, wenn er auf die Frage, warum gerade ein Mann ein Buch über Frauenhass schreibt, schlicht antwortet: Weil Männer ihn erfunden haben.
Holland betrachtet die Geschichtsschreibung fast ausschließlich vom Standpunkt der Misogynie aus, was Kritiker „einseitig“ nennen könnten, doch ist Hollands Blickwinkel ein mutiger, völlig neuer, in keinem Geschichtsbuch zu findender. Wenn er Gewalt gegen Frauen- wobei es ihm an schockierenden Beispielen nicht mangelt- in politisch instabilen, an sich schon menschenverachtenden System beschreibt, dann zeigt er mit unvergleichlicher Klarheit auf, dass scheinbar religiös oder politisch motivierte Verbrechen besonders Verbrechen von Männern an Frauen sind; dass sich darin die Täter aller Anschauungen und Überzeugungen gleichen.

Jack Hollands Chronik des Frauenhasses ist gelungen, wichtig und viel zu wenig beachtet. Vor allem aber ist sie absolut lesenswert- für Menschen beiderlei Geschlechts.

Jack Holland „Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses“, Zweitausendeins 2007, 405 S.

  Geschichte des Abendlandes, Religionsgeschichte, Rolle der Frau im Wandel der Zeit

Richard Wright: Black Boy

richard-wrightblack-boyEr setzt das Elternhaus in Brand- seine schwerkranke Großmutter kann nur mit Mühe vor dem Feuertod bewahrt werden. Er legt einer Katze einen Strick um den Hals und zieht zu, bis das Tier aufhört zu zappeln. Mit sechs Jahren lümmelt er vor Kneipen herum, bereits abhängig von den Drinks, die ihm zur Belustigung der Gäste ausgegeben werden. Und er wird geschlagen, immer wieder, bis aufs Blut, bis zur Bewusstlosigkeit. Das sind Richard Wrights Erinnerungen an seine Kindheit in Mississippi zwischen den Weltkriegen.

Als der brutale Vater die Familie verlässt, arbeitet seine Mutter als Köchin, um Richard und seinen Bruder irgendwie über Wasser zu halten. Doch Hunger ist allgegenwärtig, und Richard verwahrlost zunehmend, sodass er in ein Kinderheim gegeben wird, in dem er ängstlich darauf wartet, dass die Mutter genug Geld spart, um die Familie zur Großmutter in die Kleinstadt Jackson zu bringen. Er flieht, wird zurückgebracht. Bei der Großmutter  erwartet ihn strenge Religiosität, die nahtlos in Fanatismus übergeht. Irgendwann dann beginnt Richard Fragen zu stellen: Wer seine verstorbenen Großeltern waren;  warum die Weißen ihn „nigger“ nennen. Nach und nach wird er sich seiner kulturellen Identität bewusst- und auch der damit verbundenen Diskriminierung. In einem Klima der Gewalt liefert er sich Straßenschlachten mit weißen Jungengangs und muss die Schule aufgrund häufiger Umzüge in immer kleinere Wohnungen und schmutzigere Gegenden oft abbrechen. Nur heimlich kann er sich Bücher und Zeitschriften beschaffen, die ihn eine Weile lang in andere Welten entführen, denn seine Großmutter verbietet alles „Teufelswerk“. Gegen seinen Willen wird er getauft, er nimmt Jobs an, die ihn erniedrigen. Immer wieder bringt er sich in Schwierigkeiten, denn er vergisst oft „den Kopf zu senken und dümmlich zu lächeln“, so wie es die Weißen von ihm erwarten. Richard stößt auf eine Mauer des Schweigens innerhalb seiner Familie, aber auch bei seinen Altersgenossen, wenn immer er nach den Gründen der Rassentrennung, der unmenschlichen Diskriminierung fragt. Nur Wut baut sich in ihm auf, so oft er von ungerechtfertigten Strafen, von Morden an Afroamerikanern hört. Dann beginnt er zum Unverständnis seiner Freunde und Familie mit dem Schreiben, und hat einen Traum, der ihn alle Strapazen aushalten lässt: Er will in den Norden reisen, der Gewalt entfliehen und Schriftsteller werden.

Richard Wrights Autobiografie „Black Boy“ ist beides: erschreckend, aber auch unglaublich mitreißend. Gleich zu Beginn, in den ersten Zeilen muss der Leser in ein Klima der Gewalt eintauchen, dass Richard schon in den frühesten Jahren seiner Kindheit geprägt hat. Im Nachhinein erstaunlich ist die Genauigkeit, mit der der Autor seine Kindheitserinnerungen als vier- oder fünfjähriger Junge zu schildern vermag und die teils grausamen Umgangsformen innerhalb der Familie, der Schule und schließlich im öffentlichen Leben.
Mit seiner Wortwahl und seiner Schonungslosigkeit lässt Wright den amerikanischen Süden der 20er und 30er auferstehen, sodass der Leser froh ist, zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort geboren worden zu sein. Der spielende Wechsel zwischen Straßenslang und Analysen der eigenen Situation zur damaligen Zeit zeigen, wie tiefgehend sich der Autor mit seiner eigenen Vergangenheit und der Geschichte der Rassendiskriminierung in den USA auseinandergesetzt und vor allem, wie tief sie ihn geprägt hat.
Hat man sich als Leser eher flüchtig mit dem Thema befasst, kennt Martin Luther King oder Rosa Parks, so sieht man sich hier mit einer Zeit konfrontiert, in denen nicht einmal der Hauch von Gleichberechtigung durch den Süden wehte und an ein Aufbegehren nicht einmal gedacht wurde. In dem 1945 erschienenen Werk erfährt man außerdem etwas über amerikanische Persönlichkeiten zu einer Zeit, als Europa mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Der Leser macht Bekanntschaft mit dem Journalisten Henry Louis Mencken und erfährt, was Jim Crow im täglichen Leben bedeutete. Deshalb führt auch Wrights Weg in den Norden nach Chicago und schließlich, doch das ist schon nicht mehr Teil der Autobiografie, die kaum bis zu seinem Erwachsenenalter reicht, nach Europa.
„Black Boy“ ist auch die Geschichte eines Außenseiters, der mit seinen begrenzten Möglichkeiten oft unglaublich mutig handelt und zeigt, dass der Glaube an Gerechtigkeit und an ein besseres Leben einen Menschen auch bei Hunger, Krankheit und Leid aufrecht erhalten kann.

Der Autor
Richard Wright wurde 1908 auf einer Plantage in Mississippi geboren; seine Autobiografie „Black Boy“ erschien 1945 und avancierte zum Bestseller. Sie wurde 1995 unter gleichem Titel verfilmt. Wright selbst starb 1960 in Paris.

Richard Wright „Black Boy- record of a childhood and youth“, vintage classics 2000, 272 S., ca 10€

Geschichte der USA, Rassismus, Werdegang Richard Wrights