[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa” – Somalia

Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, heute den zweiten Teil eines Gastbeitrags veröffentlichen zu können, der sich mit einem ganz besonderen und tragischen Land beschäftigt: Somalia.

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[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa”

Dieses Mal gibt es einen echten Geheimtipp: Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, an dieser Stelle den ersten von zwei Teilen eines Gastbeitrags veröffentlichen zu dürfen, der uns mitnimmt in die ernste, manchmal grausame, in jedem Fall aber bunte Welt der afrikanischen Literatur.

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Kleffner, Meisner (Hg.): Unter Sachsen (2017)

Unter Sachsen_VS-Cover_final.inddWer sich den Nachrichten nicht völlig versperrt, hört immer wieder von rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten, häufig in Ostdeutschland und besonders häufig in Sachsen. Aber warum gerade hier? Warum scheinen die Sachsen so anfällig zu sein für fremdenfeindliche Parolen und rechtes Gedankengut? Diesen Fragen geht das sehr wichtige Buch „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“ nach.

In einem Wechsel zwischen literarischen Texten, politischen Analysen und Interviews berichten bekannte und weniger bekannte Autoren, Journalisten und Kunstschaffende über verschiedene Aspekte rechtsextremer Gewalt in Sachsen. Da geht es um den Kleinstkosmos sächsischer Dörfer, in die sich zwar seit Jahren kein Ausländer verirrt hat, die aber wie selbstverständlich von dem örtlichen kriminell-rechtsextremen Vandalen terrorisiert werden. Wer nicht in die Schusslinie geraten will, hält besser den Mund. Neben den „offensichtlichen Zielscheiben“ wie Flüchtenden oder Deutschen mit Migrationshintergrund sind nämlich oftmals auch Helfer, gesellschaftlich engagierte Bewohner, die Willkommensinitiativen oder Gesprächskreise starten, von blankem Hass bis hin zu offenen Morddrohungen vom Nachbarn drei Häuser weiter betroffen. Längere Texte werden in „Unter Sachsen“ von kurzen „Zwischenrufen“, persönlichen Eindrücken von Politikern, lokalen Künstlern und Betroffenen abgelöst, die Erfahrungen mit Rechtsextremismus sächsischer Spielart konzentriert wiedergeben.

Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Autoren – mal sachlich-nüchtern, mal sehr persönlich – zeichnet „Unter Sachsen“ ein umfassendes Bild davon, wie das menschliche Miteinander in Stadt und Land unter der weiten Streuung rechtsextremen Gedankengutes leidet. Pauschal kritisiert werden „die Sachsen“ nicht; vielmehr sind die vielen vorgestellten Initiativen für Toleranz und respektvollen Umgang bemerkens- und begrüßenswert. Absolut deutlich wird dabei aber auch, dass diese ohne eine nachdrückliche Unterstützung aus Politik und einer mutigen Presse, die nicht zögert, Rechtsextremismus beim Namen zu nennen, nicht funktionieren können. Daher sparen viele der Autoren auch nicht mit Kritik an langjährig CDU-dominierter Regierung, an Polizeibehörden und schleppend laufenden Justizverfahren.

Meine Sorge, in diesem Buch mit lauter linker Rhetorik und damit einhergehenden Kampfbegriffen konfrontiert zu werden, hat sich nicht bestätigt. Sicher, viele der Beiträge sind streitbar, einige in ihrer Kritik zu tendenziös. Aber genau dadurch setzt beim Leser ein Denkprozess, eine eigene Meinungsbildung ein, die dazu anregt, am Rande des Bewusstseins vorbeiflatternde Nachrichtenfetzen in Zukunft mit mehr Aufmerksamkeit wahrzunehmen. „Unter Sachsen“ stößt gekonnt in eine Lücke, die jüngere gesellschaftliche Entwicklungen aufgetan haben und kommt daher genau zum richtigen Zeitpunkt.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.), Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Ch. Links Verlag 2017, 312 S., 18€, ISBN: 978-3-86153-937-7.

 

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter (2015)

9783328100188_CoverNein, nein, nein. Ich bin schon mit Skepsis an dieses Buch herangegangen. Zuerst musste natürlich „Wer die Nachtigall stört“ gelesen werden. Danach definitiv: Nein.

Scout kehrt nach einigen Jahren in New York für einen Sommer nach Maycomb zurück. Mitte zwanzig, erscheint ihr die Stadt kleiner und enger als je zuvor. Ihr Bruder Jem ist tot, doch sie freut sich auf ihren Vater Atticus und ihren vielleicht-bald-Verlobten-man-wird-sehen Henry. Als sie miterleben muss, wie beide in einem sogenannten Bürgerrat den hetzerischen rassistischen Ausschweifungen eines geladenen Redners lauschen, will sie empört wieder abreisen.

Dieses wiederentdeckte und von der Autorin nicht zur Veröffentlichung bestimmte Werk fällt qualitativ gegenüber „Wer die Nachtigall stört“ stark ab. Zu unausgereift ist die Geschichte, zu wenig plastisch die Charaktere, zu unausgegoren die Auflösung am Schluss. Die Sprache ist lange nicht so ausgefeilt und Figuren, denen in der „Nachtigall“ zum Glück eine viel größere Rolle zugestanden wird – Jem, Calpurnia! – kommen hier nur am Rande vor. Scout wirkt als junge Frau etwas aus ihrer Heimatumgebung gefallen, zu schnoddrig ist ihr Ton, zu schamlos ihre Bemerkungen; ihre detaillierte Darstellung als Kind in der „Nachtigall“ ist um einiges glaubwürdiger geraten.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“, der Titel einem Psalm entlehnt, ist deutlich als Sittenbild des Südens angelegt. Die Umsetzung ist allerdings aufdringlicher und weniger differenziert als in der „Nachtigall“. Man kommt gar nicht umhin, beide Werke zu vergleichen – bei diesem Vergleich zieht „Gehe hin“ leider deutlich den Kürzeren. Auch die kommentarlose Veröffentlichung ist schade. So ein Jahrhundertfund hätte schon ein ausführliches Nachwort verdient.

Trotz allem war es interessant, die liebgewonnenen Figuren einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten; zu erfahren, wie anders die Autorin das Thema ursprünglich angehen wollte. Obwohl mir das Buch nicht gefallen hat, schmälert es den Ruhm der Autorin nicht. Es zeigt auf, welche Entwicklungen eine erstmals erdachte Geschichte nehmen kann und wie viel Feinarbeit nötig ist, bis man einen Pulitzer-würdigen Roman vorlegt. „Wer die Nachtigall stört“ strahlt nach der Veröffentlichung dieses Manuskriptes noch heller.

Weitere Besprechungen finden sich u. a. bei Sätze und Schätze, minoherba und Papiergeflüster.

Harper Lee; Gehe hin, stelle einen Wächter (OT: Go, set a watchman, aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann); 320 S., 10 €, DVA 2016; ISBN-10: 3328100180.

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Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (1960)

mockingbird.jpgDie Kleinstadt Maycomb, Alabama liegt in den 1930er Jahren fernab allen Übels, nur eine Zugstrecke verbindet sie mit dem Rest des Landes. Die Depression schlägt zwar auch hier zu, doch die neunjährige Scout verlebt mit Bruder Jem, Vater Atticus und ihrer mütterlichen Haushälterin Calpurnia eine glückliche Kindheit. Die schwarzen Einwohner des Ortes sind aus der Sklaverei entlassen worden, leben jedoch in ärmlichen Verhältnissen, sind Analphabeten und arbeiten immer noch unter Aufsicht der weißen Farmer. Man bleibt unter sich. Als Atticus vor Gericht einen schwarzen Arbeiter und mutmaßlichen Vergewaltiger einer weißen Frau verteidigt, offenbaren sich die Risse, die tief durch das idyllische Maycomb und den ganzen Süden der USA gehen.

Durch die Augen und Scout und Jem erfährt man nach und nach mit kindlicher Unschuld von dem Unrecht, das für die schwarze Bevölkerung allgegenwärtig ist. Diese wird nicht als einheitliche Masse beschrieben; mit Calpurnia, dem Pfarrer und Calpurnias Sohn greift Lee einige Figuren heraus, die einen kleinen Einblick in das Leben der Gemeinde geben.
Die vermeintlichen weißen Opfer entpuppen sich schnell als Lügner, die ihr ganzes Selbstbewusstsein daraus ziehen, in aller Armut und Erbärmlichkeit eben weiß und nicht schwarz zu sein – heute würde sie man wohl als „White Trash“ bezeichnen. Das Wissen um die Lüge hindert die Bewohner Maycombs allerdings nicht daran, Atticus und seine Familie zu bedrohen und als lynchender Mob durch die Straßen zu ziehen. Weiterlesen

Sutton E. Griggs: Imperium in Imperio (1899)

1899 erschienen, gilt Imperium in Imperio als Meilenstein schwarzer US- Literatur. Als Griggs sein Buch Anfang des letzten Jahrhunderts von Tür zu Tür ziehend verkaufte, avancierte es durch Mundpropaganda schnell zum Bestseller. Das ist auch durchaus zu verstehen, die Geschichte zweier talentierter junger Männer, von denen jeder, wäre er weiß gewesen, es wohl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hätte bringen können, muss einen unglaublichen Reiz auf Teile der gebeutelten schwarzen Bevölkerung der damaligen Zeit ausgeübt haben. Auch, dass die Geschichte die Bürgerrechtsbewegung der USA beeinflusst hat, ist gut nachzuvollziehen, ohne hierüber allerdings Näheres zu wissen. Die Idee von einem geheimen Zusammenschluss aller aufgrund ihrer Hautfarbe Diskriminierten, der so groß und auch so schlagkräftig wäre, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, ist durch und durch politisch und verlockend.

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Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906)

TörleßDer junge Törleß besucht ein Jungeninternat und bereitet sich wie seine Mitschüler auf eine steile Karriere vor. Geldsorgen haben die wenigsten von ihnen, daher ist es ein gefundenes Fressen, als er und seine beiden Freunde einen ihrer Mitschüler beim Stehlen erwischen. Fortan wird er erpresst und gedemütigt.

Die Geschichte vom Missbrauch und der Erpressung eines Jungen durch seine Mitschüler, Homosexualität und die Ausschweifungen unter Sprösslingen der oberen Gesellschaftsschicht waren zur damaligen Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, bestimmt Aufsehen erregend, vielleicht annähernd vergleichbar mit Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. Doch durch zahlreiche Sozial-, Jugend- und sonstige Dramen geschädigt, sei es filmisch oder durchs Lesen, erscheinen dem heutigen Leser die Vorkommnisse in den Gemäuern des Internats zwar grausam, doch weniger verstörend, als es für frühere Leser der Fall gewesen sein mag. Weiterlesen

Jack Holland: Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses

Misogynie: Die älteste Diskriminierung der Welt- so titelt der Verlag Zweitausendeins über das Werk des Journalisten Jack Holland. In acht Kapiteln berichtet der von der Entstehung der Misogynie, erstmals nachweisbar im alten Griechenland, über ihre Auswüchse im alten Rom und das Paradox von Marienverehrung und Hexenverbrennung im Christentum. Holland beleuchtet auch das verzerrte Frauenbild im viktorianischen Zeitalter und gelangt darüber schließlich bis in unsere Zeit, indem er Pornografie und islamistische Frauenfeinde in die lange Reihe ihrer Vorgänger stellt.
Während er chronologisch vorgeht, bezieht sich Holland auf die frühen Schöpfungs- und Göttermythen und deckt die daraus abgeleitete Realpolitik der Zeit auf, die, von Männern gemacht, darauf abzuzielen schien, die Frau durch abstruse Ehe- und Scheidungsgesetze möglichst klein zu halten. Aber dabei belässt er es nicht, denn er setzt dem Leser auch altbekannte Geschichten wie die der sexbesessenen Messalina vor und analysiert, wie diese Geschichten, die wir heute als bekanntes Kulturgut hinnehmen und ob der großen Dichternamen, die dahinter stehen, kaum hinterfragen, prügelnden Ehemännern in früher Zeit eine sehr willkommene Rechtfertigung boten.

Besonders beeindruckend an Hollands Werk ist die Unnachgiebigkeit, mit der er dem Frauenhass durch die Jahrtausende nachspürt und psychologische Hintergründe beleuchtet. Wie er gleich zu Beginn Position bezieht und beschreibt, dass Männer, denen er von seiner Arbeit erzählte, schmunzelnd davon ausgingen, dass er an einer Rechtfertigung der Misogynie –sofern ihnen dieser Begriff denn geläufig war- aus männlicher Sicht arbeitete, während Frauen gespannte Nachfragen zu seinen Rechercheergebnissen stellten. Sympathiepunkte beim geneigten Leser sammelt er schon im Vorwort seiner Arbeit, wenn er auf die Frage, warum gerade ein Mann ein Buch über Frauenhass schreibt, schlicht antwortet: Weil Männer ihn erfunden haben.
Holland betrachtet die Geschichtsschreibung fast ausschließlich vom Standpunkt der Misogynie aus, was Kritiker „einseitig“ nennen könnten, doch ist Hollands Blickwinkel ein mutiger, völlig neuer, in keinem Geschichtsbuch zu findender. Wenn er Gewalt gegen Frauen- wobei es ihm an schockierenden Beispielen nicht mangelt- in politisch instabilen, an sich schon menschenverachtenden System beschreibt, dann zeigt er mit unvergleichlicher Klarheit auf, dass scheinbar religiös oder politisch motivierte Verbrechen besonders Verbrechen von Männern an Frauen sind; dass sich darin die Täter aller Anschauungen und Überzeugungen gleichen.

Jack Hollands Chronik des Frauenhasses ist gelungen, wichtig und viel zu wenig beachtet. Vor allem aber ist sie absolut lesenswert- für Menschen beiderlei Geschlechts.

Jack Holland „Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses“, Zweitausendeins 2007, 405 S.

  Geschichte des Abendlandes, Religionsgeschichte, Rolle der Frau im Wandel der Zeit

Richard Wright: Black Boy

richard-wrightblack-boyEr setzt das Elternhaus in Brand- seine schwerkranke Großmutter kann nur mit Mühe vor dem Feuertod bewahrt werden. Er legt einer Katze einen Strick um den Hals und zieht zu, bis das Tier aufhört zu zappeln. Mit sechs Jahren lümmelt er vor Kneipen herum, bereits abhängig von den Drinks, die ihm zur Belustigung der Gäste ausgegeben werden. Und er wird geschlagen, immer wieder, bis aufs Blut, bis zur Bewusstlosigkeit. Das sind Richard Wrights Erinnerungen an seine Kindheit in Mississippi zwischen den Weltkriegen.

Als der brutale Vater die Familie verlässt, arbeitet seine Mutter als Köchin, um Richard und seinen Bruder irgendwie über Wasser zu halten. Doch Hunger ist allgegenwärtig, und Richard verwahrlost zunehmend, sodass er in ein Kinderheim gegeben wird, in dem er ängstlich darauf wartet, dass die Mutter genug Geld spart, um die Familie zur Großmutter in die Kleinstadt Jackson zu bringen. Er flieht, wird zurückgebracht. Bei der Großmutter  erwartet ihn strenge Religiosität, die nahtlos in Fanatismus übergeht. Irgendwann dann beginnt Richard Fragen zu stellen: Wer seine verstorbenen Großeltern waren;  warum die Weißen ihn „nigger“ nennen. Nach und nach wird er sich seiner kulturellen Identität bewusst- und auch der damit verbundenen Diskriminierung. In einem Klima der Gewalt liefert er sich Straßenschlachten mit weißen Jungengangs und muss die Schule aufgrund häufiger Umzüge in immer kleinere Wohnungen und schmutzigere Gegenden oft abbrechen. Nur heimlich kann er sich Bücher und Zeitschriften beschaffen, die ihn eine Weile lang in andere Welten entführen, denn seine Großmutter verbietet alles „Teufelswerk“. Gegen seinen Willen wird er getauft, er nimmt Jobs an, die ihn erniedrigen. Immer wieder bringt er sich in Schwierigkeiten, denn er vergisst oft „den Kopf zu senken und dümmlich zu lächeln“, so wie es die Weißen von ihm erwarten. Richard stößt auf eine Mauer des Schweigens innerhalb seiner Familie, aber auch bei seinen Altersgenossen, wenn immer er nach den Gründen der Rassentrennung, der unmenschlichen Diskriminierung fragt. Nur Wut baut sich in ihm auf, so oft er von ungerechtfertigten Strafen, von Morden an Afroamerikanern hört. Dann beginnt er zum Unverständnis seiner Freunde und Familie mit dem Schreiben, und hat einen Traum, der ihn alle Strapazen aushalten lässt: Er will in den Norden reisen, der Gewalt entfliehen und Schriftsteller werden.

Richard Wrights Autobiografie „Black Boy“ ist beides: erschreckend, aber auch unglaublich mitreißend. Gleich zu Beginn, in den ersten Zeilen muss der Leser in ein Klima der Gewalt eintauchen, dass Richard schon in den frühesten Jahren seiner Kindheit geprägt hat. Im Nachhinein erstaunlich ist die Genauigkeit, mit der der Autor seine Kindheitserinnerungen als vier- oder fünfjähriger Junge zu schildern vermag und die teils grausamen Umgangsformen innerhalb der Familie, der Schule und schließlich im öffentlichen Leben.
Mit seiner Wortwahl und seiner Schonungslosigkeit lässt Wright den amerikanischen Süden der 20er und 30er auferstehen, sodass der Leser froh ist, zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort geboren worden zu sein. Der spielende Wechsel zwischen Straßenslang und Analysen der eigenen Situation zur damaligen Zeit zeigen, wie tiefgehend sich der Autor mit seiner eigenen Vergangenheit und der Geschichte der Rassendiskriminierung in den USA auseinandergesetzt und vor allem, wie tief sie ihn geprägt hat.
Hat man sich als Leser eher flüchtig mit dem Thema befasst, kennt Martin Luther King oder Rosa Parks, so sieht man sich hier mit einer Zeit konfrontiert, in denen nicht einmal der Hauch von Gleichberechtigung durch den Süden wehte und an ein Aufbegehren nicht einmal gedacht wurde. In dem 1945 erschienenen Werk erfährt man außerdem etwas über amerikanische Persönlichkeiten zu einer Zeit, als Europa mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Der Leser macht Bekanntschaft mit dem Journalisten Henry Louis Mencken und erfährt, was Jim Crow im täglichen Leben bedeutete. Deshalb führt auch Wrights Weg in den Norden nach Chicago und schließlich, doch das ist schon nicht mehr Teil der Autobiografie, die kaum bis zu seinem Erwachsenenalter reicht, nach Europa.
„Black Boy“ ist auch die Geschichte eines Außenseiters, der mit seinen begrenzten Möglichkeiten oft unglaublich mutig handelt und zeigt, dass der Glaube an Gerechtigkeit und an ein besseres Leben einen Menschen auch bei Hunger, Krankheit und Leid aufrecht erhalten kann.

Der Autor
Richard Wright wurde 1908 auf einer Plantage in Mississippi geboren; seine Autobiografie „Black Boy“ erschien 1945 und avancierte zum Bestseller. Sie wurde 1995 unter gleichem Titel verfilmt. Wright selbst starb 1960 in Paris.

Richard Wright „Black Boy- record of a childhood and youth“, vintage classics 2000, 272 S., ca 10€

Geschichte der USA, Rassismus, Werdegang Richard Wrights