Szilárd Borbély: Die Mittellosen

42450Im Februar 2014 nahm sich der Autor das Leben. Dieser Satz, so wahr wie endgültig, findet sich in der dem Roman vorangestellten Kurzbiografie Szilárd Borbélys. In der Erzählfiktion „Die Mittellosen“ schildert der Autor seine Kindheit in einem ungarischen Dorf der 1970er Jahre.

Missgunst, Gewalt, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit: Das Dorf ist wahrlichkein Ort für zartbesaitete Gemüter. Die Menschen hier verhalten sich in ihrem Hass auf alles, was anders ist, so wie schon seit Jahrhunderten: Herkunft und Stand spielen auch unter den „Genossen“ eine Rolle, endlich haben „die Bauern“ die offizielle Erlaubnis, es jenen heimzuzahlen, die klüger gewirtschaftet haben als sie selbst. Der einzige im  Dorf verbliebene Jude wird weiterhin gemieden, viel zu adrett sahen doch seine Töchter immer aus. Selbst noch, als sie deportiert wurden.

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Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906)

TörleßDer junge Törleß besucht ein Jungeninternat und bereitet sich wie seine Mitschüler auf eine steile Karriere vor. Geldsorgen haben die wenigsten von ihnen, daher ist es ein gefundenes Fressen, als er und seine beiden Freunde einen ihrer Mitschüler beim Stehlen erwischen. Fortan wird er erpresst und gedemütigt.

Die Geschichte vom Missbrauch und der Erpressung eines Jungen durch seine Mitschüler, Homosexualität und die Ausschweifungen unter Sprösslingen der oberen Gesellschaftsschicht waren zur damaligen Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, bestimmt Aufsehen erregend, vielleicht annähernd vergleichbar mit Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. Doch durch zahlreiche Sozial-, Jugend- und sonstige Dramen geschädigt, sei es filmisch oder durchs Lesen, erscheinen dem heutigen Leser die Vorkommnisse in den Gemäuern des Internats zwar grausam, doch weniger verstörend, als es für frühere Leser der Fall gewesen sein mag. Weiterlesen

György Dragomán: Der Scheiterhaufen

ScheiterhaufenIn einem Land ohne Namen, einige Monate nach dem blutigen Sturz eines namenlosen Generals. Nichts gibt Autor Dragomán preis, doch weiß der Leser, dass er sich im Rumänien der früher 90er Jahre befindet, vielleicht in Siebenbürgen, denn die Figuren tragen ungarische Namen. Die Menschen dort hadern mit der neuen Ordnung. Besser als die alte ist sie, doch was geschieht mit den Machthabern von damals, wer bestraft die Regimespitzel, die immer noch unter ihnen wohnen? Wohin sind die Toten geschafft worden, die die Staatssicherheit in einem letzten Machtakt ihren Angehörigen entriss?

Was dramatischer nicht sein könnte, besonders angesichts der vielen Umstürze, die andernorts zur selben Zeit friedlich verliefen, wird in „Der Scheiterhaufen“ aus ungewohnter Perspektive erzählt: Die Welt der dreizehnjährigen Emma wandelt sich jäh, sie verliert ihre Eltern bei einem Autounfall und wird von ihrer Großmutter aufgenommen, einer Frau, von deren Existenz sie bislang nichts wusste. Die knochige alte Frau erscheint schon auf den ersten Blick als ungeeignet, sich um das verletzte Mädchen zu kümmern und ihr Halt zu geben, als sie in der neuen Schule prompt gemieden und bedroht wird. Doch Emma weiß sich durchzusetzen und nach und nach gelingt auch eine langsame, zarte Annäherung an die Großmutter.

Die Figuren haben Wiedererkennungswert. Die knöcherne Großmutter, die an eine Märchenhexe erinnert und sich auch so benimmt. Beim Kaffeesatzlesen, beim Formen von Lehmmenschen: Sie versteckt ihren Spuk nicht vor ihrer Enkelin und lässt sie wie selbstverständlich daran teilhaben. Der durch das Haus geisternde tote Großvater erschreckt die junge Emma so auch nicht, vielmehr fügt er sich ein in das Haus, das man sich unweigerlich altersschief vorstellt. Emma selbst unternimmt immer wieder Anstalten, sich der Methoden ihrer Großmutter zu bedienen, etwa, wenn sie sich den Finger ritzt und hofft, mit diesem Blutzoll das Geschehen in ihrem Willen beeinflussen zu können.

Dabei geht es außerhalb des Hauses weniger esoterisch zu: In der Schule wird hart zugeschlagen, die Methoden dort und das Verhalten der Schüler erscheinen als grausam. Doch Emma beißt sich hier durch, behauptet sich gegenüber ihren Mitschülern und wird gefördert: Der Zeichenlehrer erkennt ihr Talent, ebenso der Sportlehrer, der sie im Laufen trainiert, die Bibliothekarin nähert sich ihr als Freundin. Und doch bleibt Emma häufig für sich, ihre Beobachtungen sind detailliert. Hier sieht das zeichnende Auge; ihre Naturverbundenheit lässt sie Freundschaft mit den Ameisen schließen und der Baum, der im Garten des Großmutterhauses steht, fungiert fast als ebenbürtiger Protagonist, der schon lange an Ort und Stelle steht, viel Kummer und Leid mit angesehen hat. So sind auch die Orte des Romans markant, neben dem Garten mit der verbotenen wimmernden Hütte ist es der Wald mit der Fuchsfarm, die Schule, die namenlose Stadt, in deren Straßen schon bald wieder Uniformierte patrouillieren sollen.

Die Übersetzung aus dem Ungarischen ist gelungen, an einigen Stellen wurden Eigenheiten der Sprache übernommen, die sich im Deutschen nicht sofort erschließen, etwa, wenn es um das eine Wort geht, das wichtigste, das zwei Menschen einander sagen können und das im Deutschen doch eigentlich drei Worte sind. Die Sprache Dragománs selbst  ist wunderbar lakonisch. Seine Sätze sind schnörkellos, manchmal an Kürze nicht zu unterbieten: Großmutter.

Inhaltlich wird die Zeitgeschichte auf beeindruckende Weise in diesen Roman, der auch Entwicklungsroman ist, eingeflochten: Die Protagonistin ist aufgeweckt, denkt viel und beobachtet noch mehr. Ihr fehlt das Wissen um die Entwicklung des Landes, somit erfährt der Leser nur ausschnittsweise und nur durch ihre Augen, was gewesen ist, was geschieht. Der Blick ist weniger naiv als vielmehr unverstellt. Emma bewertet nicht, sie erzählt, was sie sieht, es bleibt dem Leser überlassen, das Beschriebene näher einzuordnen. So wird nur vage berichtet, wie schmerzhaft die Revolution für jeden einzelnen war, dass jeder Erwachsene irgendeine Stellung dazu bezieht und die Kinder nachplappern, was sie hören. Andeutungsweise erfährt man so, dass der Zeichenlehrer an vorderster Front gegen das Regime kämpfte, Emmas Vater wegen seiner „subversiven“ Bilder in Schwierigkeiten geriet, der Sportlehrer immer noch nach versteckten Massengräbern sucht. Klare Aussagen trifft dann die Großmutter, die mit Emma ihre Erinnerungen daran teilt, wie sie ihre beste Freundin und deren Familie versteckte und über ihr Scheitern verrückt wurde.

„Der Scheiterhaufen“ handelt von der Wahrheit: Was ist sie und wer kennt sie? Kann sie uns befreien? Jetzt sind wir frei und kennen die Wahrheit trotzdem nicht. Werden wir erst wirklich frei, wenn wir sie erzwingen, notfalls mit Gewalt? Dragománs Roman macht sich die Aufarbeitung von Schrecken zum Thema, die nicht geradlinig verläuft, sondern von bestimmten Ereignissen befördert und durch Erinnerung getrübt wird. Und die sehr lange andauern und doch noch nicht abgeschlossen sein kann.

György Dragomán, „Der Scheiterhaufen“ (OT: Máglya, aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer), Suhrkamp 2015, 494 S., 24,95€.

 

„Der Scheiterhaufen“ wurde auch gelesen und besprochen von:

zeichenundzeiten

der buchhändlerin

und – diese Rezension ist fast selbst schon ein Kunstwerk – Andreas Breitenstein in der NZZ

 

Boris Razon: Palladium

 

PalladiumWochenlang gelähmt und im eigenen Körper eingeschlossen: In „Palladium“ brechen sich die Halluzinationen Bahn.

Der 29-jährige Journalist Boris Razon genießt sein Leben: Er raucht und trinkt gern, lebt mit seiner Freundin zusammen, demnächst wollen sie ein Kind. Sein Job macht ihm Spaß, er ist beschäftigt und misst dem Kribbeln in seinen Fingern daher zunächst nur wenig Bedeutung bei. Doch dem Kribbeln folgen starke Rückenschmerzen, Taubheitsgefühle – einige Tage später ist er vollständig gelähmt. Während Familie und Ärzte um sein Leben bangen, taucht Boris ein in eine Gedankenwelt, die sich irgendwo zwischen Drogenrausch und obskurem Schattentheater bewegt. Zusammengeschmolzene Halbwesen, Straßenkämpfe, Morde, Technopartys auf einer Motorjacht, Hunde in Spitzenröckchen und immer wieder der eigene Tod. Für Boris werden die Wochen der Lähmung zu Jahren der Qual.

Seine Halluzinationen scheinen von gängigen Vorstellungen des Todes inspiriert: ein Totenfluss, der Grund eine Sees, das ausgelagerte, vor den Gesunden verborgene Dahinsiechen. Doch dazu kommen Gewalt, Obszönitäten, sich selbst sieht er gar als Mörder.
„Palladium“, so wird zu Beginn des Buches erklärt, das ist alles, was den Erhalt einer Sache garantiert. Und am Ende schafft es Boris‘ Geist auch, ihn irgendwie zu „erhalten“, auf jeden Fall in unserer Welt nicht sterben zu lassen.

Der Autor Boris Razon verarbeitet in dem Roman die Erlebnisse einer eigenen schweren neurologischen Erkrankung. Der erste Teil des Buches befasst sich mit dem Ausbruch der Krankheit, der zweite und größte Teil mit seiner vollständigen Lähmung und Innenwelt, der dritte dann mit seiner Rückkehr ins Leben, seinem Wiedererleben des eigenen Ichs als Körper und der inneren Verwandlung, die er durch die Krankheit vollzogen hat. Inwieweit der Autor die beschriebenen Halluzinationen selbst erlebt hat, oder was er während der Arbeit an dem Buch hinzu erfand, geht nicht eindeutig aus dem Text hervor. Es ist letztlich auch egal, denn Palladium zeigt, in welche Tiefen der menschliche Geist hinabsteigen kann und was er unternimmt, um den Menschen am Leben zu erhalten, wenn der Körper dazu nicht mehr in der Lage ist.

Razons Erzählweise ist sehr plastisch. Als Leser wird man förmlich gezwungen, sich gemeinsam mit dem Protagonisten dessen dunkelsten Seiten anzusehen. Das ist nicht schön, oft ist es abschreckend, manchmal beängstigend und vulgär. Man wundert sich, was der Geist alles zusammenklauben kann, um daraus eine Geschichte zu drehen, die halbwegs sinnig ist. Mir persönlich haben der erste und der letzte Teil des Buches, die Erkrankung und Genesung, weit besser gefallen als die Schilderung der Halluzinationen, die aber das Herzstück des Werkes ausmacht. Den Einschub der Krankenakten fand ich ungewöhnlich, aber passend, zumal verbunden mit einem Glossar, das die wichtigsten Begriffe erläutert. Manchmal finden sich offene Parallelen zu den medizinischen Zustandsbeschreibungen, je näher der Protagonist seiner Genesung kommt, desto deutlicher wird es. Diese Parallelen herauszulesen gab den eher lose zusammenhängenden Episoden einen roten Faden. Als störend empfunden habe ich die direkte Ansprache des Lesers als „mein Lieber“. Das Stilmittel hat die Abschottung des Protagonisten in seinem „Sarkophag“, seinem eigenen Körper unnötigerweise durchbrochen.
Neben klaren künstlerischen Aspekten – das Werk wurde für den Prix Goncourt nominiert – liest sich Razons Reise in die eigene Innenwelt streckenweise sehr abschreckend. Darauf muss man sich erstmal einlassen. Dass die Geschichte jedoch keine reine Erfindung ist, sondern das Erleben des Autors widerspiegelt, gibt ihr, besonders gegen Ende mit der beigefügten Danksagung, einen berührenden Charakter.

 Boris Razon, „Palladium“, aus dem Französischen von Christian Ruzicska und Paul Sourzac, ullstein 2015, ISBN: 9783550080821, 336 S., 21,00€.

Eine hörenswerte Kritik, die tiefer auf den Inhalt des Buches eingeht, findet sich beim SWR.

Verena Friederike Hasel: Lasse

LasseDie Geschichte eines beängstigenden Charakters, der einen auf der Straße anlächeln könnte – man würde zurücklächeln.

Die Studentin Nina wird von Lennart operiert, verliebt sich in ihn und will sich mit ihm verabreden. Lennart hat sich gerade von seiner Freundin getrennt und lässt sich daher zunächst nur allzu gern auf sie ein. Nina lebt in den Tag hinein, schiebt ihre Prüfungen vor sich her, ansonsten schläft mit ihrem Professor und zieht ihr Selbstbewusstsein eigentlich ausschließlich aus ihrem Aussehen. Als sie nach kurzer Zeit von Lennart schwanger wird will er das Kind nicht. Sie will es, will ihren Sohn Lasse, um Lennart an sich zu binden – und damit nimmt ein Unglück seinen Lauf.

Die Geschichte wird aus Ninas Sicht erzählt, daher ist es bemerkenswert, dass sie bereits nach den ersten Seiten als  unsympathische Protagonistin, die stiehlt und heimlich die Tagebücher ihrer Freundin liest, auftritt. Doch die fehlende Sympathie für die Protagonistin verwandelt sich schnell in einen Kloß im Hals und das ungute Gefühl, dass sie nicht einfach unsympathisch ist, sondern das bei ihr etwas grundlegend schief läuft.
Die Autorin arbeitet mit kurzen, klaren Sätzen. So passiert es an einigen Stellen, dass ein einziger Satz ausreicht, um schlagartig Klarheit über das Ausmaß von Ninas Verhalten zu gewinnen. Die Schilderungen sind subtil; lange wird nicht deutlich, wie sehr sie klammert und in ihrem Kopf schon eine Beziehung mit Lennart führt, die aus seiner Sicht nicht existiert. Hin und wieder werden Passagen über ihre Kindheit und das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter eingeflochten, aus denen man schließen kann – der Leser ganz als Hobbypsychologe – woraus ihr beängstigendes Verhalten wohl resultiert.
Zu alldem kommt der Druck des perfekten Mutterseins, der sich hier in der Prenzlauer-Berg-ähnlichen Umgebung Ninas manifestiert und sich in der Pediküre für werdende Mütter, Mutter-Kind-Cafés und Hypno-Birthing-Kursen, Kinderwagen vom Preis eines Kleinwagens und der ständigen Kontrolle durch andere „bessere“ Mütter, zeigt. Ein Ort, an dem Helikopter-Eltern voll auf ihre Kosten kommen also. Aber Nina will unbedingt dazu gehören, um jeden Preis. Obwohl ihr das Geld fehlt. Und sie ihr Baby überhaupt nicht mag.

„Lasse“ schafft es durch seine subtilen Schilderungen, dem Leser einen Schauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen. Es knüpft an die derzeit wieder verstärkt geführten Debatten über das Eltern- und besonders Muttersein an (Stillen? Impfen lassen? Plastikspielzeug?), überzeichnet sie und verwebt alles zu einer fesselnden Geschichte. Eine Empfehlung.

Verena Friederike Hasel, „Lasse“, ullstein 2015, ISBN-13 9783550080937, 208 S., 18,00€.

Janne Teller: Nichts. Was im Leben wichtig ist

Teller_NichtsBis sich nichts mehr rührt – eine Schulklasse sucht den Sinn des Lebens und zieht dabei eine Spur der Verwüstung hinter sich her.

Die etwa 13-jährige Agnes ist genervt. Das Leben in ihrer fiktiven dänischen Kleinstadt erscheint eintönig und öde. Doch dann, am ersten Schultag nach den Sommerferien, eröffnet ihr Mitschüler Pierre-Anthon der ganzen Klasse eine Weisheit, die er erlangt zu haben glaubt: „Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“

Die Klasse ist geschockt, doch nachdem Pierre- Athon sich auf einen Pflaumenbaum zurückgezogen hat und jedem Vorübergehenden seine nihilistische Weltsicht hinterher ruft, entschließen sich die Jugendlichen zum Handeln: Sie wollen alles sammeln, was für sie Bedeutung hat und diese Bedeutung dann Pierre-Anthon vorführen, um ihn davon zu überzeugen, dass er falsch liegt. So beginnt einer vom anderen zu fordern, was er beizusteuern hat. Die Lieblingsohrringe, die neuen Schuhe, das gelbe Fahrrad. Je schwerer es demjenigen fällt und je mehr sich dieser weigert, desto mehr Bedeutung muss das Geforderte ja für den Betroffenen haben. Nach jedem Verlust werden die Forderungen größer – es scheint, als wolle sich jeder für den erlittenen Verlustschmerz am nächsten rächen. Der „Berg an Bedeutung“, den die Klasse heimlich in einem alten Sägewerk auftürmt, wird immer größer. Dann soll jedoch ein lebender Hamster dazu kommen und plötzlich dreht es sich nicht mehr nur um rein materielle Dinge. Es wird das Leben eines Hundes gefordert, die Exhumierung des verstorbenen kleinen Bruders, die Unschuld eines Mädchens.
Als der letzte sein Opfer gebracht hat, fliegt die Klasse auf; doch das ist ihnen egal, denn sie haben so viel Bedeutung zusammengetragen, wie sie konnten. Jetzt muss nur noch der überzeugte Nihilist Pierre-Anthon die Bedeutung des Berges anerkennen.

„Nichts“  bedient sich sehr einfacher, klarer Sprache aus der Perspektive eines etwa 13-jährigen Mädchens, das das Geschehen um den Berg der Bedeutung begleitet. Durch Wahl dieser Perspektive wird  besonders der starke Gruppenzwang betont, dem sich alle Schüler ausgesetzt sehen. In dem Moment, in dem der erste begann, etwas auf den Berg der Bedeutung zu legen, kann sich niemand mehr dagegen wehren, seinen eigenen Teil beizutragen. Wehrt sich doch jemand, so wird er schlicht von den anderen gezwungen, meist mit körperlicher Gewalt. Jungen und Mädchen nehmen sich in dieser Hinsicht nicht viel; die Sinnsuche wird häufig von roher Gewalt begleitet.

Nihilismus als Grundlage für ein Jugendbuch zu nehmen, ist neu. Dazu kommt, dass der Roman, anders als viele andere Jugendbücher, die mit ähnlich drastischen Ereignissen arbeiten, bis zum Schluss nicht versöhnlich ist. Immer wieder klingt an, dass die Suche der Jugendlichen nach Bedeutung legitim ist, aber letztlich nur eine Phase des Erwachsenwerdens darstellt – wobei  sich Erwachsene lediglich damit arrangiert haben, keine Bedeutung im Leben zu finden.

Das skurrile Verhalten Pierre-Anthons, sich über Monate auf einen Pflaumenbaum zurückzuziehen und seine Lehren von dort herunter zu krakeelen – immer begleitet vom Werfen matschiger Pflaumen – erinnert an die abstrusen Geschichten, die von einigen griechischen Philosophen überliefert sind.
Aufgrund der schnörkellosen Sprache und des schnellen Voranschreitens der Handlungen wirkte das Geschehen weniger grausam, als wenn man es sich sprachlich ausgeschmückt oder gar als Film vorstellt.  Die Symbolik in diesem Buch ist nicht allzu versteckt, es gibt eine klare Rollenverteilung innerhalb der Klasse und klare, schnell nachvollziehbare Entwicklungen der Charaktere. Bei Tellers Roman handelt es sich daher tatsächlich um ein reines Jugendbuch, das sehr auf die Besprechung im Unterricht angelegt ist. Das ist auch nötig, denn gerade jüngere Kinder und Jugendliche sollte man nicht völlig kommentarlos mit dieser durchaus beunruhigenden Geschichte allein lassen.

„Nichts“ löste zum Zeitpunkt seines Erscheinens im Jahr 2000 eine große Diskussion in Dänemark darüber aus, was ein Jugendbuch können/dürfen sollte und was nicht. Nachdem der Roman erst 2010 auf Deutsch erschien und 2015 neu aufgelegt wurde, wird er auch in Deutschland immer bekannter und schon in eine Reihe mit „Die Welle“ und „Der Herr der Fliegen“ gestellt.

Janne Teller, Nichts: Was im Leben wichtig ist, Hanser 2010, 144 S., 12,90 €.

Tomas Bannerhed: Die Raben

Die RabenIm dunklen, schwedischen Moor entspinnt sich eine bedrückende Vater-Sohn-Geschichte, die unweigerlich ein schreckliches Ende finden muss.

Im Schweden der 70er Jahre kämpft eine Bauernfamilie um den Erhalt ihres Hofes. Der 14-jährige Protagonist Klas weiß eines ganz sicher: in die Fußstapfen seines Vaters will er nicht treten. Er will sich nicht auf den Feldern krummschuften und Tag für Tag für das Vieh leben. Was er lieber will, weiß er allerdings auch nicht. Als intelligent beschrieben, absolviert er die Schule nebenbei, denn seine eigentliche Leidenschaft gilt der Vogelbeobachtung. Name, Färbung, Gewohnheiten – kein Aspekt der einheimischen Vögel, den er nichts genauestens studierte. Hin und wieder kommt es zu Begegnungen mit Gleichaltrigen von anderen Höfen, an denen – gewaltverherrlichenden Waffennarren, Großstadtmädchen – das Leben im Moor auch nicht spurlos vorüber geht. Die Mutter der Familie unternimmt immer wieder hilflose Versuche, ein normales Familienleben in Gang zu bringen. Ihre Beklemmung, wenn der Vater über seine Visionen, meist „Die Raben“ spricht, ist dabei deutlich spürbar. Beim Leser verstärkt sich die Vorahnung, dass diese Geschichte vermutlich nicht gut ausgehen wird.

„Die Raben“ ist ein eigenwilliger Roman, der ungewöhnliche Protagonisten und Orte wählt, um atmosphärisch dicht vom langsamen Fortschreiten einer Katastrophe zu erzählen.

Hin und wieder, besonders bei der Beschreibung der winterlich glitzernden Landschaft, kann man die Schönheit des Moors erahnen. Viel häufiger aber sind die Visionen der schlammigen Tiefen, in die hinab gezogen zu werden die Protagonisten so sehr fürchten. Das Moor tritt als Protagonist auf, der  einen Großteil der beklemmenden, bedrückenden Atmosphäre schafft, die den ganzen Roman durchzieht. Der Autor kommt ohne Schock-Effekte aus; es dauert auch etwa hundert Seiten, bis man als Leser gut in die Geschichte hineingefunden hat, bis sich die Atmosphäre so sehr verdichtet hat, dass vermeintlich wenig spannende Naturbeschreibungen eine tiefere Bedeutung bekommen. Dann aber beginnen die Visionen von Raben, auch den Leser zu beunruhigen.

Tomas Bannerhed, ,,Die Raben“, btb 2015, 448 S., 21,99€.

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem- Tödliche Spiele

Wo früher einmal Nordamerika war, ist jetzt Panem. Ein Land, in dem sich die nach Kriegen und Naturkatastrophen verbliebenen Menschen zusammengeschlossen haben. In zwölf Distrikte geteilt wird es von einer Regierung geführt, die jeden Akt der Rebellion hart bestraft. Um den Sieg über die eigenen Untertanen zu feiern, werden jedes Jahr die sogenannten Hungerspiele veranstaltet, bei denen jeder Distrikt ein Mädchen und einen Jungen –die Tribute- bereit stellen muss. In einer großen Arena kämpfen diese dann zur Belustigung der Hauptstadtbewohner gegeneinander; sie töten einander, bis schließlich nur einer übrig ist. Die Bewohner aller Distrikte müssen sich die als große Show inszenierten Grausamkeiten alljährlich ansehen. So weiß die sechzehnjährige Katniss auch ganz genau, wie es ihrer jüngeren Schwester Prim ergehen wird, als diese als Tribut ausgelost wird. Um sie zu retten, meldet sie sich freiwillig, in dem Wissen, dass es ihr sicherer Tod sein wird. Sie wird jeden anderen Tribut töten müssen, um zu überleben, auch den gleichaltrigen Peeta, der ihr einmal das Leben rettete und ebenfalls in der Arena antreten muss. Um zu überleben muss sich die starke Katniss nun von einer ganz anderen Seite zeigen.

Auch, wenn es der Klappentext vermuten lässt, geht es im ersten Band der Trilogie nicht nur um eine zarte Liebesgeschichte, sondern hauptsächlich ums nackte Überleben. Mit wenigen Worten führt Suzanne Collins den Leser nach Panem ein; in eine Dystopie, die in der Zukunft liegt und bei der es dem Leser –zumindest bis zum Erscheinen der Verfilmung im März 2012- selbst überlassen bleibt, zu welchen Teilen Natur und Technik zusammenfließen.
Die lebendigen Beschreibungen und der handlungsreiche Verlauf der Geschichte sind fesselnd, ohne hektisch zu wirken. Collins lässt Katniss stets an den richtigen Stellen zur Ruhe kommen, sodass der Leser nicht nur handfeste Action erlebt, sondern auch die Gedanken und Gefühle der Protagonistin. Einzig unverständlich blieb mir, wie sich Katniss mit der hochmodernen Technik der Hauptstadt zurechtfindet, wo sie doch in ihrem Distrikt nicht einmal fließend Wasser und Strom zur Verfügung hatte? Die Autorin wirft außerdem Fragen auf, die sich nicht nur ihre Heldin –die übrings stark an Kristin Cashores Katsa aus „Die Beschenkte“ erinnert- sondern auch der Leser für sich beantworten muss: Was bedeutet es, Teil eines Systems zu sein? Will man die zugewiesene Rolle spielen? Was bedeutet Auflehnung und was Identität?

Erschreckend ist schon ganz zu Beginn, dass man von Panem liest und ständig das beunruhigende Gefühl verspürt, dass die Autorin eine Art verschärfte Realität abbildet: Ein fast allmächtiger Staat. Eine reiche Oberschicht, welche den unterprivilegierten Großteil der Bevölkerung ausbeutet und Armut und Unterdrückung zulässt, um selbst im Luxus leben zu können. Menschen, die über die nächste Schönheitsoperation nachdenken, während andere verhungern. Intelligente Technologien, die für die einen Bequemlichkeit, für die anderen den sicheren Tod bedeuten. Vergnügungssucht, Überwachung, verkümmerte Moral.
Am Ende von „Tödliche Spiele“ hat man die Geschichte einer fiktiven Heldin in einer grausamen, aber auf den ersten Blick ebenso fiktiven Welt gelesen. Auf den zweiten Blick kommen einem heiß diskutierte Hinrichtungsvideos auf YouTube in den Sinn, geschickte Informationspolitik, Hunger und Armut, aber auch Maßlosigkeit und rasender Fortschritt. Und schließlich drängt sich die Frage auf, ob wir uns nicht schon selbst auf dem Weg in unser eigenes Panem befinden.

Suzanne Collins „Die Tribute von Panem- Tödliche Spiele“ (OT: The Hunger Games), Oetinger 2009, 414S., 17,90€

Alisha Bionda (Hrsg.): Unter dunklen Schwingen

Phantastisches, Schauriges, Surreales und Nachdenkliches- in dieser Anthologie erzählen zwölf deutsche Autoren ihre Geschichten vor düsterem Hintergrund. Das gemeinsame Oberthema „unter dunklen Schwingen“ wird immer wieder anders bearbeitet; die Bandbreite der entstandenen Kurzgeschichten und Novellen ist erstaunlich: So greifen die Autoren Themen wie Obsession (bei Andreas Gruber) und religiösen Fanatismus (Uschi Zietsch), Mord (Aino Laos) und schaurige Sagen (Barbara Büchner) auf, um Gott und Teufel gegeneinander antreten und Wiedergänger im Schatten der Nacht ihre Opfer suchen zu lassen. Immer wieder geht es um Versuchung und Schuld, wobei oftmals nur erzählt, nicht gewertet wird, was angenehm zum Nachdenken anregt. Einige Erzählungen greifen historische Begebenheiten auf und vermischen sie gekonnt mit Mythen und Ängsten; in anderen finden sich fast philosophische Überlegungen zu Schöpfung und Apokalypse. Auch Liebesgeschichten gibt es- mal mit, mal ohne Happy End.  Die Schauplätze sind so vielfältig wie die phantastischen Gestalten, die Stimmung immer wechselnd, sodass der Leser von einer Atmosphäre des Wahnsinns hin zu Melancholie und Erleichterung, Schrecken und Überraschung auf alles gefasst sein muss. Oder besser nicht, denn gerade dieses Wechselbad macht den Reiz der Anthologie aus. Die Erzählungen sind wunderbar ausgesucht und angeordnet; die Herausgeberin Bionda, die auch selbst eine Geschichte beisteuert, gibt ein einleitendes Vorwort ebenso, wie eine Beschreibung des jeweiligen Autors und ihrer Beweggründe, diesen um Mitwirkung zu bitten. Durch die düsteren Illustrationen Mark Freiers, die jeder Erzählung eine Art Deckblatt geben und die Beschreibungen der Herausgeberin wirkt die ganze Anthologie persönlich und mit Begeisterung zusammengestellt, sodass es auch für Genreneulinge wie mich leicht war, sich von den nicht alltäglichen Begebenheiten faszinieren zu lassen.

Autoren: Andreas Gruber, Uschi Zietsch, Aino Laos, Marc-Alastor E.-E., Dominik Irtenkauf, Mark Freier, Christoph Hardebusch, Barbara Büchner, Arcana Moon, Tanya Carpenter & Mark Staats, Alisha Bionda

Alisha Bionda (Hrsg.) „Unter dunklen Schwingen“, otherworld 2009, 335 S., 15,95€