Scott Westerfeld: Ugly (2005)

Die Prüfungsphase dauert noch an, deshalb gibt es heute mal den Einstieg in eine entspannt lesbare Jugendbuchreihe.

Tally Youngblood wartet sehnsüchtig auf ihren sechszehnten Geburtstag. Dann endlich darf sie die umfassenden Schönheitsoperationen vornehmen lassen, die sie zum Höhepunkt der menschlichen Entwicklung werden lassen. Sie kann ihr Wohnheim in Uglyville verlassen, nach New Pretty Town umziehen und rauschende Feste mit ihren ebenfalls „hübschen“ Freunden feiern – jahrelang. Doch einige Wochen vor dem großen Tag trifft sie auf die gleichaltrige Shay, die sich tausend bessere Dinge vorstellen kann, als sich einer Ganzkörperumwandlung zu unterziehen, um dann auszusehen wie alle anderen auch. Man könnte doch die Stadt verlassen und nach der geheimnisvollen Siedlung Smoke suchen, wo jeder sein „hässliches“ Selbst bleibt und sein Leben selbst gestaltet. Als Shay schließlich verschwindet, bleibt Tally. Doch den Behörden ist das aufständische Smoke schon lange ein Dorn im Auge und so wird Tally losgeschickt, um die Siedlung zu suchen – und zu verraten.

Westerfeld I

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Matthias Oden: Junktown (2017)

Oden_JunktownKommen wir gleich zur Sache: Junktown ist ein verkommenes Drecksloch. In einer dystopischen Zukunft ist der Drogenkonsum oberste Bürgerpflicht und wird von der Einheitspartei genauestens überwacht. Die Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen Zuchtreihen mit unterschiedlicher Genqualität zusammen; die Straßen sind leer, denn alle liegen sediert zu Hause rum. Als dann eine Brutmutter, eine riesige Gebärmaschine mit mehreren hundert Föten, umgebracht wird, nimmt sich der Ermittler Solomon Cain des Falles an. Seit sich seine Frau aus Liebe zur Partei den Goldenen Schuss gesetzt hat, kämpft er mit seinen Dämonen – und als seine Ermittlungen voranschreiten bald auch mit dem Staatsapparat.   Weiterlesen

[LitFilm] NERVE

Hier kommt sie, die erste kurze Filmkritik! Ganz neues Pflaster und wirklich anders, als eine Buchrezension zu schreiben. Sobald sich wieder die Möglichkeit bietet, erscheinen unter dem Schlagwort [LitFilm] dann in Zukunft weitere Kritiken zu Literaturverfilmungen. Jetzt aber erst mal zu diesem Film:

NerveNew York, 2020: Der Highschool-Abschluss ist nahe, das College ruft und die schüchterne Vee (Emma Roberts) will sich endlich mal was trauen. Deshalb meldet sie sich beim illegalen Online-Spiel Nerve an, bei dem die Zuschauer (Watcher) dafür bezahlen, den Spielern (Player) Herausforderungen zu stellen. Die Player nehmen die teils peinlichen, teils gefährlichen Herausforderungen an und gelangen so zu Geld und Ruhm – oder scheiden aus.

Das Thema des Filmes könnte aktueller nicht sein: Es geht um den Verlust der eigenen Daten im Internet und die Angst vor totaler Fremdkontrolle. Nerve verpflichtet zu gnadenloser Selbstdarstellung Weiterlesen

Mark Dunn: Nollops Vermächtnis

In Mark Dunns Roman „Nollops Vermächtnis“ hat sich südlich der USA ein Inselstaat etabliert, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die englische Sprache zu pflegen. So findet sich als überragendes Denkmal der Unabhängigkeit ein Pangramm, ein Satz, der alle Buchstaben des Alphabets enthält, das der Genialität des verehrten Staatsgründers Nollop entsprungen ist. Als sich nach über hundert Jahren eine der Kacheln – das Z – löst, beschließt der Rat, der den Inselstaat leitet, dass es sich um ein Zeichen Nollops handeln müsse, und verbietet fortan den Gebrauch des Buchstabens in Wort und Schrift bei Todesstrafe. Wie schon der Verzicht auf einen einzigen Buchstaben die Inselbewohner einschränkt, wird in Form von Briefen zweier Familien erzählt. Als sich nach und nach weitere Buchstaben zu lösen beginnen, nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

So aberwitzig der Hintergrund von Dunns Roman beim ersten Lesen auch klingen mag, er zeigt am ureigensten Kommunikationsmittel von Gesellschaften – der Sprache – wie fatal sich die irrige Meinung einiger weniger Herrschender auf ihre Untertanen auswirken kann. Zu Beginn erscheint das Inselvolk gerade Buchliebhabern sympathisch: Der Inselrat hat beschlossen, auf entbehrliche technische Neuerungen zu verzichten, die Inselbevölkerung ist ein Volk von Briefeschreibern, deren liebstes Hobby das Lesen ist, die ihre Sprache pflegt und schon die Jüngsten zu wahren Sprachkünstlern heranzieht. Als dann jedoch die alten Buchstabenkacheln morsch werden und sich zu lösen beginnen, versteifen sich die Herrschenden darauf, dass es sich um ein himmlisches Zeichen handeln muss und führen drakonische Strafen für jeden ein, der eine andere Meinung vertritt. Plötzlich sind die Bewohner in allen Bereichen ihres Lebens eingeschränkt, es wird lebenswichtig, dass die Sprachschere im Kopf jeden unstatthaften Buchstaben aus den eigenen Äußerungen entfernt. Das Postgeheimnis wird aufgehoben, Nachbarn denunzieren sich gegenseitig, andere halten zusammen und planen den Aufstand. Hilfe von außen ist aufgrund der selbstgewählten Isolation nur schwer erreichbar. Dunn skizziert in seinem Roman das schrittweise Entstehen eines totalitären Systems, dass sich einer völlig abwegigen Ideologie verschrieben hat und diese mit aller Macht durchsetzt. Dabei ist sein Roman auf jeden anderen Staat, auf jede x-beliebige Ideologie übertragbar – und genau das macht „Nollops Vermächtnis“ lesenswert. Für Sprachliebhaber sind die vielen Wortspiele, die oft gehobene und im Laufe der Geschichte gezwungenermaßen immer ausgefallenere Wortwahl ein Genuss. Der Übersetzer Henning Ahrens hat hier gute Arbeit geleistet und viele Wortspiele ins Deutsche hinübergerettet.

Mark Dunn „Nollops Vermächtnis“ (OT: Ella Minnow Pea: A Progessively Epistolary Fable), Piper 2004, 239 S., 9€

Daniel H. Wilson: Robocalypse

In seinem SciFi-Roman ,,Robocalypse“ schildert Daniel H. Wilson die düstere Zukunft einer von außer Kontrolle geratenen Supercomputern bedrohten Menschheit. Roboterkrieg und internationale Aufstände der noch verbliebenen Menschen inklusive.
Wilsons Roman gleicht einer auf den ersten Blick relativ nüchternen Kriegsberichterstattung, welche die Protagonisten im Rückblick auf die Ereignisse liefern. Schauplätze sind dabei nicht nur nordamerikanische Eiswüsten und Ureinwohnerreservate, sondern auch die Londoner Innenstadt, sowie das hochtechnisierte Japan.

Der Roman erscheint schon auf den ersten Blick solide und planvoll geschrieben. Gespickt mit technischen Daten und detailreich ausgearbeiteten Szenarien einer Dystopie bestätigt sich dieser Eindruck rasch. Die vielen Schauplatzwechsel sind nie verwirrend, sondern stärken durch den parallelen Hergang noch die Klimax der sich anbahnenden Katastrophe.
Gerade in das erste Kapitel findet sich der Leser doch relativ schwer herein; die technischen Fantasiebegriffe werden leider nicht immer erklärt, wobei nach einiger Zeit doch eine gewisse Gewöhnung einsetzt, sodass sie beim weiteren Lesen nicht sehr stören.
Die Figuren sind leider schon allzu bekannte Stereotype: Der alte, findige Mann; der asoziale, dafür aber hochbegabte Jugendliche; der moralische Androide – und schließlich der Held der Geschichte, der im Laufe der Handlung aus dem Schatten seines Bruder tritt und selbst zum Held wird.

Fazit: Die Stärke von Wilsons „Robocalypse“ liegt auf der detailgetreuen Nachzeichnung der Techno-Katastrophe und dem Ausmalen der Dystopie; Tiefe konnte er seinen (menschlichen) Figuren leider nicht verleihen.

Daniel H. Wilson „Robocalypse“, Droemer 2011, 462S., 16,99€

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem-Gefährliche Liebe

Nachdem sie die Hungerspiele überlebt hat, scheint sich Katniss´ Situation gebessert zu haben: Sie ist mit ihrer Familie ins Dorf der Sieger gezogen, hat endlich genug zu essen und kann auch die Familie ihres Freundes Gale unterstützen. Doch die Wut des Präsidenten Snow hängt wie eine dunkle Wolke über ihr und entlädt sich, als Katniss klar wird, dass sie mit ihrem öffentlichen Akt der Rebellion zur Symbolfigur ebenjener geworden ist. Peeta und Katniss müssen zurück in die Arena, und diesmal ist ungewisser denn je, ob sie überleben, denn die Tribute sind keine Kinder- sondern die Sieger der vorangegangenen Hungerspiele.

Der zweite Band der Panem-Trilogie knüpft direkt an den ersten an, ist allerdings aus der Ich-Perspektive geschrieben, was zunächst befremdlich wirkt, da man als Leser gewohnt war, Katniss aus größerer Distanz zu sehen. Der Verengung der Perspektive erklärt sich aber schnell, denn schon nach den ersten Seiten wird deutlich, dass es diesmal neben töten oder getötet werden vor allem um Katniss´ Gefühle geht. Der Zwiespalt, in dem sie steckt, ist ein Hauptthema der Geschichte und ein wenig bleibt es offen, auf wen sich der Titel „gefährliche Liebe“ denn nun bezieht- auf Gale oder doch auf Peeta?
Panem 2 ist politischer als sein Vorgänger; die Rolle der Medien rückt noch weiter in den Vordergrund und der gesteuerte Informationsfluss sorgt dafür, dass der Leser erst ganz zum Schluss von der wichtigen, größeren Sache erfährt, die hinter allem steht.

Zuerst wirkte die Idee, Peeta und Katniss noch einmal in die Arena zu schicken, ziemlich einfallslos auf mich. Ganz nach dem Motto: Was schon einmal funktioniert hat, wird´s auch beim zweiten Mal. Ganz Unrecht hatte Collins damit ja auch nicht. Sie nochmal in die Arena zu schicken, um sie dort töten zu lassen, wäre für die Regierung eine bequeme Art, sie loszuwerden, wie Katniss selbst aufgeht. Die Erklärung lässt man dann als Leser auch gelten, doch suspekt bis zum Schluss bleibt einem, was der Präsident in Katniss´ Liebesleben mitzumischen hat? Das ist dann doch etwas weit hergeholt und scheint eher als fadenscheiniger Aufhänger für den weiteren Verlauf der Geschichte zu dienen.
Gut gelungen ist aber ist das Gleichgewicht zwischen Liebesgeschichte und Rebellion, wenn auch nicht die Verknüpfung der beiden Themen. Dass Katniss die Verliebte spielt, um am Leben zu bleiben ist eben doch plausibler, als das Spiel weiterzutreiben, um politischen Aufständen in Panem entgegenzuwirken. Auch wenn sie aus Band 1 als unangefochtene Heldin hervorging, so ist es für den Leser doch nachvollziehbar, dass sie in „Gefährliche Liebe“ erst daran denkt, sich und ihre Familie zu retten, statt sich der größeren Sache zu verpflichten.
Mit Abstand am besten gefallen hat mir aber ein eher nebensächliches Detail: Durch Katniss´ Beobachtungen und eigenes Empfinden erfährt der Leser, was die Brutalität der Hungerspiele aus ihren Siegern gemacht hat- nicht wenige Figuren in dieser Geschichte sind alptraumgeplagte, alkohol- oder drogenanhängige Wracks, die, nachdem sie der Unterhaltung der Spaßgesellschaft des Kapitols gedient haben, hilflos vor dem Erlebten stehen.

Suzanne Collins „Die Tribute von Panem- Gefährliche Liebe“ (OT: Catching Fire), Oetinger 2010, 430S., 17,95€

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem- Tödliche Spiele

Wo früher einmal Nordamerika war, ist jetzt Panem. Ein Land, in dem sich die nach Kriegen und Naturkatastrophen verbliebenen Menschen zusammengeschlossen haben. In zwölf Distrikte geteilt wird es von einer Regierung geführt, die jeden Akt der Rebellion hart bestraft. Um den Sieg über die eigenen Untertanen zu feiern, werden jedes Jahr die sogenannten Hungerspiele veranstaltet, bei denen jeder Distrikt ein Mädchen und einen Jungen –die Tribute- bereit stellen muss. In einer großen Arena kämpfen diese dann zur Belustigung der Hauptstadtbewohner gegeneinander; sie töten einander, bis schließlich nur einer übrig ist. Die Bewohner aller Distrikte müssen sich die als große Show inszenierten Grausamkeiten alljährlich ansehen. So weiß die sechzehnjährige Katniss auch ganz genau, wie es ihrer jüngeren Schwester Prim ergehen wird, als diese als Tribut ausgelost wird. Um sie zu retten, meldet sie sich freiwillig, in dem Wissen, dass es ihr sicherer Tod sein wird. Sie wird jeden anderen Tribut töten müssen, um zu überleben, auch den gleichaltrigen Peeta, der ihr einmal das Leben rettete und ebenfalls in der Arena antreten muss. Um zu überleben muss sich die starke Katniss nun von einer ganz anderen Seite zeigen.

Auch, wenn es der Klappentext vermuten lässt, geht es im ersten Band der Trilogie nicht nur um eine zarte Liebesgeschichte, sondern hauptsächlich ums nackte Überleben. Mit wenigen Worten führt Suzanne Collins den Leser nach Panem ein; in eine Dystopie, die in der Zukunft liegt und bei der es dem Leser –zumindest bis zum Erscheinen der Verfilmung im März 2012- selbst überlassen bleibt, zu welchen Teilen Natur und Technik zusammenfließen.
Die lebendigen Beschreibungen und der handlungsreiche Verlauf der Geschichte sind fesselnd, ohne hektisch zu wirken. Collins lässt Katniss stets an den richtigen Stellen zur Ruhe kommen, sodass der Leser nicht nur handfeste Action erlebt, sondern auch die Gedanken und Gefühle der Protagonistin. Einzig unverständlich blieb mir, wie sich Katniss mit der hochmodernen Technik der Hauptstadt zurechtfindet, wo sie doch in ihrem Distrikt nicht einmal fließend Wasser und Strom zur Verfügung hatte? Die Autorin wirft außerdem Fragen auf, die sich nicht nur ihre Heldin –die übrings stark an Kristin Cashores Katsa aus „Die Beschenkte“ erinnert- sondern auch der Leser für sich beantworten muss: Was bedeutet es, Teil eines Systems zu sein? Will man die zugewiesene Rolle spielen? Was bedeutet Auflehnung und was Identität?

Erschreckend ist schon ganz zu Beginn, dass man von Panem liest und ständig das beunruhigende Gefühl verspürt, dass die Autorin eine Art verschärfte Realität abbildet: Ein fast allmächtiger Staat. Eine reiche Oberschicht, welche den unterprivilegierten Großteil der Bevölkerung ausbeutet und Armut und Unterdrückung zulässt, um selbst im Luxus leben zu können. Menschen, die über die nächste Schönheitsoperation nachdenken, während andere verhungern. Intelligente Technologien, die für die einen Bequemlichkeit, für die anderen den sicheren Tod bedeuten. Vergnügungssucht, Überwachung, verkümmerte Moral.
Am Ende von „Tödliche Spiele“ hat man die Geschichte einer fiktiven Heldin in einer grausamen, aber auf den ersten Blick ebenso fiktiven Welt gelesen. Auf den zweiten Blick kommen einem heiß diskutierte Hinrichtungsvideos auf YouTube in den Sinn, geschickte Informationspolitik, Hunger und Armut, aber auch Maßlosigkeit und rasender Fortschritt. Und schließlich drängt sich die Frage auf, ob wir uns nicht schon selbst auf dem Weg in unser eigenes Panem befinden.

Suzanne Collins „Die Tribute von Panem- Tödliche Spiele“ (OT: The Hunger Games), Oetinger 2009, 414S., 17,90€