L. Frank Baum: Der Zauberer von Oz (1900)

Dieses Märchen ist in meiner Kindheit fast völlig an mir vorüber gegangen. Grob konnte ich mich an ein kleines Mädchen erinnern, auch eine Vogelscheuche war da irgendwo. Dass „Der Zauberer von Oz“ sich als so fantasievolle, auch nicht aufdringlich lehrreiche und kunterbunte Geschichte entpuppen würde, die sich als Erwachsener mit Schmunzeln lesen lässt, hätte ich nicht gedacht.k800_oz
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Fantastische Lesung mit US-Autorin Julie Kagawa

Denis Abrahams übernahm den deutschen Part, Autorin Julie Kagawa las aus dem Original.

Denis Abrahams übernahm den deutschen Part, Autorin Julie Kagawa las aus dem Original.

In dieser Woche lud die Jugendbuch-Sparte des Heyne Verlags, Heyne fliegtzu einer Lesung mit US-Autorin Julie Kagawa ins Berliner Mein Haus am See.
Während oben die Gäste mit ihren Drinks in den dicken Sesseln versanken, lauschte unten in der düsteren Kellerbar ein kleiner Kreis der Geschichte von gefährlichen Drachen, Rittern und einer Liebe zwischen den beiden. Julie Kagawa war aus den USA angereist um den ersten Band ihrer neuen Reihe „Talon – Drachenzeit“ vorzustellen. Nach anderen fantastischen Reihen wie Plötzlich Fee, Plötzlich Prinz und Unsterblich, geht es diesmal um Drachen, die sich im Rahmen ihrer Ausbildung im Drachenorden Talon in Menschen verwandeln, um unter uns zu leben. Verknüpft mit einer Dreiecks-Beziehung und einem Kampf um Leben und Tod, bot das Buch einige Stellen, die sich perfekt zum Vorlesen für das (tatsächlich größtenteils weibliche) Publikum eigneten. Den deutschen Part übernahm dabei der Schauspieler Denis Abrahams, dessen phänomenale Lesestimme schlagartig auch das letzte aufgeregte Murmeln zum Verstummen brachte. Auch die Autorin selbst las eine Passage und beantwortete anschließend die zahlreichen Fragen aus dem Publikum nach ihrer Inspiration, ihren persönlichen Lieblingsbüchern und den Gedanken, die sie sich zu den einzelnen Figuren gemacht hatte. Dabei outete sie sich als sympathischer Nerd mit Hobbys wie Videospielen, Fantasy-Figuren basteln (die es dann auch zu gewinnen gab) und eben dem Schreiben von fantastischen Geschichten. Als ihre liebste Zielgruppe nannte Kagawa Teenager und junge Erwachsene, „weil in dem Alter so viel passiert; alles ist neu und aufregend“.
Ein „Kinderbuch“ ist Talon aber bestimmt nicht, besonders die vorgelesene Passage vom Kampf Ritter gegen Drachen (modern mit MG und Headset) ließen keinen Zweifel daran. Und nach Vampiren sind Drachen für den interessierten Fantasy- und/oder Dark Romance-Leser auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung.

Heather Terrell: Jenseits des Mondes

Die junge Ellie hat mit Problemen zu kämpfen, die nur den wenigsten bekannt sind: Sie hat herausgefunden, dass sie und ihr Freund Michael Nephilim sind, die Kinder gefallener Engel und über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen. Doch nicht nur das, denn sie ist „die Auserwählte“, die am Ende der Zeit über alle Lebewesen richten soll. Völlig überfordert klammert sie sich an Michael, der, um Familie und Freunde zu schützen, vorschlägt, nächtliche Flugstunden andere aufsehenerregende Aktionen erstmal zu unterlassen. Denn die Gefallenen warten nur darauf, dass die Auserwählte sich über ihre Berufung klar wird, um einen Endzeit-Countdown auszulösen. Am Ende der Zeit soll Ellie also die Menschheit richten, die durch das Machtstreben der Gefallenen keiner rosigen Zukunft entgegenblickt. Sie muss die Abtrünnigen töten- doch wie tötet man Engel? Dass sie sich bei ihrer schwierigen Mission auf Michael verlassen kann, erscheint immer unwahrscheinlicher, denn er interessiert sich mehr für die kommenden Football-Spiele als für das drohende Ende der Menschheit. Da kommt Ellie ein neuer Freund und Beschützer gerade wie gerufen.

Der zweite Band der „Chronik der Nephilim“ bietet durch eine kurze Wiederholung zu Beginn auch einen guten Einstieg für alle Ellie-Neulinge. Durch verschiedene Anspielungen wird immer wieder auf den Show down am Ende des ersten Bandes verwiesen, an welchen „Jenseits des Mondes“ anknüpft. Doch der Beginn ist zugleich auch die stärkste Stelle, danach verschlechtert sich der Erzählstil ungemein: An entscheidenden Stellen fehlen dem Leser häufig Beschreibungen, die das Geschehen vielleicht etwas verdeutlichen könnten. So befreit Ellie ihre Eltern aus der Geiselhaft eines blutrünstigen Engels, nur um auf der nächsten Seite schon auf dem Weg zu einem Footballspiel zu sein. Kein Wort über den Verbleib der Eltern, geschweige denn über Ellies Gefühle bei ihrem  gefesselten und arg mitgenommenen Anblick.
Auch, dass die im Vorfeld als nahezu unbesiegbar dargestellten Gefallenen- immerhin haben sie sich ja seit Anbeginn der Zeit wacker auf der Erde gehalten- im Zwanzigseitentakt sterben, wirkt mehr als unglaubwürdig. Hier hätten mehr Seiten dem Buch definitiv gut getan, denn die Thematik ist interessant und das Ende der Menschheit dürfte, richtig angegangen, nicht nur Mädchen im Teenager-Alter interessieren. Die etwas plumpe Liebesgeschichte hingegen schon: Man muss schon stark von Ellies Lobgesängen auf Michael überzeugt gewesen sein, um zu verstehen, dass sie den ganzen Roman über an ihm festhält, nur, um einer Prophezeiung gerecht zu werden, an der sie zu zweifeln scheint. Leider verschießt Terrell ihr gesamtes Pulver als sie dem Leser einen Großteil der Informationen durch den Engel Raphael vorsetzt: Auf einen Schlag wird er ins Bild gesetzt und ist ab diesem Zeitpunkt erschrocken über das rasante Tempo, das die Autorin anschlägt. Gäbe es weniger Siegel, deren Öffnung es zu verhindern gilt, wäre eine Kurzgeschichte wohl das passende Medium für ihren Stil.
Das Cover hingegen ist so verträumt-schön, dass man schnell auf die angesprochene Zielgruppe schließen kann. Doch Vorsicht: Wer epische Länge und einen Einblick in die Nephilim-Thematik sucht, wird hier enttäuscht werden und hält sich vielleicht besser an die (Film-)Trilogie „Gefallene Engel“- er wird unweigerlich Parallelen finden.

Heather Terrell „Jenseits des Mondes“ (OT: Eternity) aus dem Amerikanischen von Sybille Uplegger, Ullstein TB 2011, 299S., 8,99€

Alisha Bionda (Hrsg.): Unter dunklen Schwingen

Phantastisches, Schauriges, Surreales und Nachdenkliches- in dieser Anthologie erzählen zwölf deutsche Autoren ihre Geschichten vor düsterem Hintergrund. Das gemeinsame Oberthema „unter dunklen Schwingen“ wird immer wieder anders bearbeitet; die Bandbreite der entstandenen Kurzgeschichten und Novellen ist erstaunlich: So greifen die Autoren Themen wie Obsession (bei Andreas Gruber) und religiösen Fanatismus (Uschi Zietsch), Mord (Aino Laos) und schaurige Sagen (Barbara Büchner) auf, um Gott und Teufel gegeneinander antreten und Wiedergänger im Schatten der Nacht ihre Opfer suchen zu lassen. Immer wieder geht es um Versuchung und Schuld, wobei oftmals nur erzählt, nicht gewertet wird, was angenehm zum Nachdenken anregt. Einige Erzählungen greifen historische Begebenheiten auf und vermischen sie gekonnt mit Mythen und Ängsten; in anderen finden sich fast philosophische Überlegungen zu Schöpfung und Apokalypse. Auch Liebesgeschichten gibt es- mal mit, mal ohne Happy End.  Die Schauplätze sind so vielfältig wie die phantastischen Gestalten, die Stimmung immer wechselnd, sodass der Leser von einer Atmosphäre des Wahnsinns hin zu Melancholie und Erleichterung, Schrecken und Überraschung auf alles gefasst sein muss. Oder besser nicht, denn gerade dieses Wechselbad macht den Reiz der Anthologie aus. Die Erzählungen sind wunderbar ausgesucht und angeordnet; die Herausgeberin Bionda, die auch selbst eine Geschichte beisteuert, gibt ein einleitendes Vorwort ebenso, wie eine Beschreibung des jeweiligen Autors und ihrer Beweggründe, diesen um Mitwirkung zu bitten. Durch die düsteren Illustrationen Mark Freiers, die jeder Erzählung eine Art Deckblatt geben und die Beschreibungen der Herausgeberin wirkt die ganze Anthologie persönlich und mit Begeisterung zusammengestellt, sodass es auch für Genreneulinge wie mich leicht war, sich von den nicht alltäglichen Begebenheiten faszinieren zu lassen.

Autoren: Andreas Gruber, Uschi Zietsch, Aino Laos, Marc-Alastor E.-E., Dominik Irtenkauf, Mark Freier, Christoph Hardebusch, Barbara Büchner, Arcana Moon, Tanya Carpenter & Mark Staats, Alisha Bionda

Alisha Bionda (Hrsg.) „Unter dunklen Schwingen“, otherworld 2009, 335 S., 15,95€

Kai Meyer: Arkadien erwacht

Auf eine Einladung ihrer Tante hin reist die siebzehnjährige Rosa Alcantara von New York nach Sizilien, um nachzudenken und sich über sich selbst klarzuwerden. Doch viel Zeit zum Durchatmen bleibt ihr nicht, denn die Familie ihres Vaters gehört der Cosa Nostra an und bezieht ihr Vermögen aus halblegalen Geschäften, die ihre Tante und ihre Schwester, die bereits seit einiger Zeit in Italien lebt, in Atem halten. Rosa glaubt, sich in einem Mafiafilm wiederzufinden, besonders, als sie sich gegen alle Widerstände in Alessandro, den jüngsten Sohn der verfeindeten Carnevare-Familie verliebt. Doch schon bald findet Rosa heraus, dass es nicht nur um die beiden Familien allein geht, sondern um ein uraltes Geheimnis, das viel größer und bedeutender ist, als sie sich jemals hätte träumen lassen. Sie muss sich bewähren und einem Fluch ins Auge blicken, der auch vor ihr nicht Halt macht und alles bisher Bekannte in den Schatten stellt.

Entführung, Einbruch, Mord und Totschlag, wilde Raubtiere, aber auch Liebe, Freundschaft und Humor- in „Arkadien erwacht“ unterhält Kai Meyer den Leser nach allen Regeln der Kunst. Rosa ist von Beginn an als sperriger Charakter angelegt und erinnert ein wenig an Stieg Larssons Lisbeth Salander- was sich aber im Laufe der Geschichte verliert. Denn die vielen schier unglaublichen (und unglaublich brutalen) Situationen, mit denen Rosa sich konfrontiert sieht, machen jede noch so abwegige Reaktion glaubhaft und bringen das Kopfkino auf Touren. In Arkadien ist, trotz –oder gerade wegen der unterliegenden Liebesgeschichte- nicht alles eitel Sonnenschein; immer wieder blicken die Figuren dem Tod ins Auge, und, so viel kann gesagt werden: Meyer geht nicht zimperlich mit seinen Charakteren um.
Der Leser nimmt Rosas Misstrauen mit und ist daher zwar erstaunt, aber nicht unvorbereitet, wenn sich einige Dinge anders herausstellen, als sie zunächst schienen. Auch mit Alessandro wird er nicht sofort warm; durch Rosas kritische Augen hinterfragt er die Versuchung der Macht, die jeden in ihren Bann ziehen kann; und auch über die ein oder andere moralische Vorstellung darf man als Nicht-Mafioso wohl die Stirn runzeln.
Sehr gelungen sind die Beschreibungen Siziliens; einzig eine Karte hätte man sich gewünscht, denn die langen Autofahrten quer über die Insel lassen den ortsunkundigen Leser verwirrt zurück.
Interessant ist, dass Meyer mit Rosa und ihrem neuen Umfeld keine „klassische“ Kulisse für einen phantastischen Roman gewählt hat und iPods, Yachten und  Social Networks geschickt mit antiken Mythen und alten Kellerverliesen verbindet, ohne, dass es allzu gezwungen wirkt.

Fazit: Sucht man eine kritische Analyse der sizilianischen Verhältnisse vor dem Hintergrund einer unterhaltsamen Geschichte, liegt man mit diesem Jugendbuch nicht unbedingt richtig. Der Ansatz der Richterin Quattrini dazu wirkt seltsam deplatziert und lässt die vermeintlich europäisch geprägte Sicht auf Italien durchschimmern, die jedoch außerhalb von Rosas Reichweite liegt und die Handlung an sich nicht weiter untermauert.
Für diejenigen jedoch, die Spannung, Kriminalromantik und Fantasy mit einer Prise Italienisch mögen, ist „Arkadien erwacht“ durchaus empfehlenswert und ein Auftakt zu einer Reihe, die Hunger auf mehr macht.

Kai Meyer „Arkadien erwacht“, Carlsen 2009, 415 S., 19,90€

Wolfgang & Heike Hohlbein: Das Buch

Die fünfzehnjährige Leonie ist ganz schön genervt: Nur weil ihre Familie seit Generationen eine kleine Buchhandlung führt, drängt ihre Großmutter sie, ein Praktikum in der riesigen Zentralbibliothek zu machen- dabei interessiert sie sich doch überhaupt nicht für Bücher! Viel lieber hört sie laute Musik oder überlegt, wo sie sich das nächste Piercing stechen lassen soll.
Als dann allerdings im Beisein ihrer Großmutter merkwürdige Dinge geschehen, sie unheimliche Fratzen an Türen entdeckt, die es der Vernunft nach gar nicht geben sollte und eine kleine Maus anhänglicher als ein Schoßhund wird- da ahnt sie, dass es mit der langen Familientradition noch mehr auf sich haben muss. Nachdem sie einen nächtlichen Streit zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter belauscht hat, weiß sie, dass ihre Eltern ihr etwas verheimlichen. Etwas, das mit ihr und einer Gabe zu tun hat, die sie angeblich besitzen soll. Als sie ihre Eltern zur Rede stellen will, geschehen entsetzliche Dinge und die Wirklichkeit scheint im wahrsten Sinne des Wortes Kopf zu stehen. Eine geheimnisvolle Tür im Keller führt sie in die unbekannte Welt des Archivs, in dem schaurige Wesen Buch über das Leben jedes einzelnen Menschen  führen. Zunächst ganz auf sich allein gestellt, weiß sie nicht, wem sie trauen kann- in einem  Kampf gegen die Finsternis, bei dem es um nichts Geringeres als um das Fortbestehen der Welt geht.

Fazit: Mit seinen gut 850 Seiten ist ,,Das Buch“ ein Roman, der sich sehen lassen kann. Die Vielschreiber Hohlbein verwenden gerade anfangs sehr viel Energie darauf, die einzelnen Charaktere behutsam einzuführen und den Leser mit ihnen vertraut zu machen. Das ist auch bitter nötig, denn im weiteren Verlauf des Romans geht es drunter und drüber; neue Figuren rücken in den Vordergrund und sind nicht immer das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Gewollt wird der Leser hier in die Irre geführt und gerade auf den ersten zweihundert Seiten ist der Anreiz zum Weiterlesen groß, will man doch erfahren, worum genau es denn jetzt eigentlich geht. Diesen Gefallen tun die Hohlbeins dem Leser allerdings nicht; mit einer knappen erklärenden Bemerkung hier und da, wird er bei der Stange gehalten. Obwohl die vielen Schauplatzwechsel den Inhalt nur zu gut reflektieren, wird die Geschichte an einigen Stellen doch unnötig in die Länge gezogen. Gerade sprachlich fallen häufige Wiederholungen unangenehm auf und auch die Motivation für das Handeln der Figuren wird nicht immer deutlich. So fragt sich der Leser bis zum Schluss, warum sich die Figuren von einem ,,kalten Blick“ oder einer ,,energischen Handbewegung“ zurückhalten  lassen, wenn doch das Schicksal der Welt auf dem Spiel steht.

Inhaltlich würde man sich weniger Schlachtgetümmel, stattdessen einen Ausbau der Themen Macht und Utopie wünschen. Hier geben sich die Hohlbeins eine Chance, die sie (gewollt?) ungenutzt lassen. Trotz der runden Geschichte bleibt so das Gefühl zurück, bei der Lösung von Leonies persönlichem Problem zugegen gewesen – der eigentlichen, großen Schicksalsfrage dennoch kein Stück näher gekommen zu sein.

Wolfgang & Heike Hohlbein ,,Das Buch“, Heine 2009, 880 S., 9,95€

Rebekka Pax: Septemberblut

Mitten in Los Angeles tobt ein Kampf, von dessen Existenz die junge Amber gar nichts ahnt. Doch mit dem überraschenden Selbstmord ihres Bruders Frederik und dem mysteriösen Erbe, welches er ihr hinterlässt, soll sich das schlagartig ändern. Amber erhält ein altes Messer, welchem die Kraft innewohnt, Vampire zu töten. So selbstbewusst wie rational, tut sie Frederiks Interesse an der Vampirjagd als Spinnerei ab und erkennt auch den auffallend gut aussehenden Julius Lawhead, der kurz nach dem Tod ihres Bruders in ihr Leben tritt, nicht als das, was er schon auf den ersten Blick zu sein scheint. Gegen ihren Willen wird Amber so in einen Kampf um Macht und Einfluss hineingezogen, und steht Julius und seinem Clan im nächtlichen Krieg gegen blutrünstige Widersacher bei.

Fazit: Rebekka Pax´ Debüt ist ein Vampirroman, der es schafft, neben der relativ einfachen Handlung eine zunächst komplexe Liebesbeziehung nachzuzeichnen. Die Figur Amber wird gerade zu Anfang sehr anschaulich gezeichnet, ihre Gefühle sind nachvollziehbar und ihr Unbehagen im Angesicht von Julius´ wahrer Natur nur zu gut zu verstehen. Durch die Schilderung von Julius´ Gedanken und Gefühlen erscheint auch dieser zunächst nahezu menschlich, was sich jedoch im Laufe der Handlung verliert.

Pax bedient sich bei traditionellen Vampirmythen, sodass es den Leser kaum verwundert, dass Julius und seine Artgenossen in Särgen schlafen und panische Angst vor dem Sonnenlicht haben. Was fehlt, ist allein das Augenzwinkern; viel zu vorbehaltslos nimmt Amber die ihr völlig fremde Lebensweise an und kommt im Verlaufe der Handlung immer seltener zu Wort, da die Autorin zum Ende hin den Fokus auf Julius und seine ambivalenten Gefühle gegenüber seiner eigenen Natur setzt.
Die Fähigkeiten des Vampirs an sich werden nur unklar umrissen; um Schwierigkeiten zu umgehen, bedienen sich alle Figuren einer ,,Magie“, deren genaue Definition doch ziemlich nebulös ist und einige Fragen beim Leser aufwirft.  Diese werden allerdings durch die blutrünstigen Schilderungen der Kämpfe von Vampir gegen Vampir, Vampir gegen Mensch oder auch Mensch gegen Mensch in den Hintergrund gedrängt.

Die Hierarchie im Vampirclan und das zwangsläufig damit verbundene unterwürfige Verhalten muten dann doch recht seltsam an. Auch die fast problemlose Eingliederung der selbstbewussten Amber will nicht richtig zur Anfangsbeschreibung passen. Umso besser gelingt dafür aber die Schilderung von Julius´ Gefangenschaft und Folter durch den machtbesessenen Vampir Gordon, die in einem blutigen Finale gipfelt.

Trotz einiger Unstimmigkeiten und dem ein oder anderen Stirnrunzeln ist Rebekka Pax´ ,,Septemberblut“ ein unterhaltsamer- wenn auch eher seichter- Liebesroman, der sich nicht scheut, auch die dunkelsten Seiten des Vampirdaseins zu beleuchten. An Action fehlt es daher nie, es ist eher die Logik, die manchmal auf der Strecke bleibt.

Rebekka Pax ,,Septemberblut“, Ullstein TB 2011, 510 S., 8,95€

Kristin Cashore: Die Beschenkte

Die junge Katsa hat es nicht leicht: mit der Gabe des Kämpfens beschenkt, wird sie von ihrem Onkel, dem König, als ,,Vollstreckerin“ missbraucht, und muss Unschuldigen Schmerzen zufügen, um seine Macht zu sichern. Zusammen mit ihrem Cousin Raffin gründet sie einen geheimen Rat, der es sich zur Aufgabe macht, die Willkürherrschaft ihres Onkels und der übrigen sechs Könige ihrer Welt in die Schranken zu weisen. Als dann jedoch der exotische Prinz Bo auftaucht und er, ebenfalls mit der Gabe des Kämpfens beschenkt, es im Kampf mit ihr aufnehmen kann, ist sie völlig irritiert. Sie schafft es mit seiner Hilfe, sich aus den Klauen ihres Onkels zu befreien und macht sich gemeinsam mit ihm auf die Suche nach den Entführern seines Großvaters, wobei die beiden auf ein gut gehütetes Geheimnis und einen grausamen König stoßen. Damit wird ihre Reise zum Kampf auf Leben und Tod und ihre anfängliche Freundschaft zur großen Liebe.

Fazit: Mit dem romantischen Fantasy-Roman ,,Die Beschenkte“ gibt die amerikanische Autorin Kristin Cashore ein gelungenes Debüt.  Es gelingt ihr immer wieder sehr gut, ein Gleichgewicht zwischen relativ harten Kampfpassagen mit Schwertern und Dolchen und der sich anbahnenden Romanze zu finden. Dabei werden gängige Klischees weitgehend ignoriert; erst langsam nähern sich Katsa und Bo einander an und auch, als beide sich ihre Liebe eingestehen, ist kein konventionelles Happy End in Sicht.
Ungewöhnlich ist auch die Rollenverteilung, denn die 18-jährige Katsa ist eine sehr schroffe und freiheitsliebende Figur, die der Geschichte Leben einhaucht, während der ausgeglichene und nachdenkliche Bo Hintergründe liefert. Dabei ist die Frauenrolle bei Cashore keinesfalls negativ besetzt; Katsa besteht auf ihre Unabhängigkeit und ermuntert junge Mädchen,  sich in der Selbstverteidigung zu üben und mehr Selbstbewusstsein aufzubauen. Sie gibt sich nicht für Bo auf, noch verliert er vor Liebe den Verstand, was der Geschichte jeden Kitsch nimmt.
Eine kleine Anmerkung ist allerdings zur Sprache der Autorin zu machen. Spielt die Geschichte vor mittelalterlichem Hintergrund, so bemüht sich Cashore anfangs um eine entsprechende Sprache ihrer Figuren. Diese geht jedoch erst stellenweise, später völlig im Verlauf des Buches verloren und der ein oder andere moderne Begriff schleicht sich ein. Eine Nachahmung der mittelalterlichen Sprechgewohnheiten wäre gar nicht nötig gewesen; auch mit ihrem modernen Sprachgebrauch wirken gerade die jungen Figuren glaubhaft und die Geschichte jugendlich und aktuell. Empfehlenswert!

Kristin Cashore: Die Beschenkte, aus d.Amerik. v. Irmela Brender, Carlsen 2009, 494 S., 19,90€

Eoin Colfer: Artemis Fowl

In diesem Roman des irischen Schriftstellers Eoin Colfer versucht sich Artemis Fowl zum ersten Mal als Meisterdieb. Ziemlich ungewöhnlich für einen Zwölfjährigen, auch wenn dieser auf eine lange Reihe von zwielichtigen Vorfahren zurückblicken kann und nebenbei noch ein unglaubliches Genie ist. Mit dieser erblich bedingten kriminellen Energie und seinem persönlichen Leibwächter und Gehilfen Butler an seiner Seite schmiedet er einen ungewöhnlichen Plan: Er will sich Zugang zu den Geheimnissen des ,,unterirdischen Volks“ verschaffen, um sich an dessen Vermögen zu bereichern. Aber Artemis geht es nicht nur allein um persönliche Bereicherung, er muss ebenso die Fowlsche Familienehre retten. Dabei ist er ganz auf sich allein gestellt, denn sein Vater ist spurlos verschwunden und seine Mutter befindet sich in geistiger Umnachtung.
Doch die Unterirdischen, die seit Jahrhunderten im Verborgenen leben, erweisen sich als widerstandsfähiger als gedacht: Mit hochmoderner Technologie und einem zu allem entschlossenen Militär ziehen die Feenmänner, Elfen und Zwerge los, um den jungen Meisterdieb auszuschalten. Dabei kommt es allerdings zu jeder Menge Kompetenzgerangel und der ein oder anderen Panne…

Fazit: Etwa zur gleichen Zeit wie Harry Potter erschienen, ist die Reihe um den genialen Artemis Fowl leider etwas untergegangen. Dabei steckt schon im ersten Band sehr viel Fantasie, die das Bild, das der Leser von altbekannten Wesen wie Elfen und Kobolden haben mag, gehörig auf den Kopf stellt. Trotz Humor klingt immer wieder leise Kritik am Handeln der Menschen an, das durch Artemis Fowls Skrupellosigkeit nur allzu gut charakterisiert wird. Dem Umfang des Romans entsprechend, erwartet den Leser eine geradlinige Handlung, die sich durch die wenigen Schauplatzwechsel angenehm leicht lesen lässt.
Mit seinem jungen Protagonisten, der immer wieder auch mit kindlichen Regungen dargestellt wird, provoziert Colfer die Sympathie des Lesers. Als Jugendbuch konzipiert, überrascht der erste Fowl-Band an einigen Stellen allerdings mit der Brutalität mit welcher die verschiedenen Figuren vorgehen. Diese Tatsache wird aber durch die unorthodoxen und amüsanten Methoden der Unterirdischen (explosionsartiger Durchfall, dummerweise schleicht sich der Gegner von hinten an) ausgeglichen.

Eoin Colfer: ,,Artemis Fowl“, Paul List Verlag 2001, a. dem Engl. v. Claudia Feldmann, 239 S., 7,95€

Ralf Isau: Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz

Mit der ,,geheimen Bibliothek“ liefert Autor Ralf Isau die Vorgeschichte zur „Unendlichen Geschichte“ Michael Endes: Der junge Karl Konrad Koreander zögert im Deutschland der 30er Jahre auf die Annonce des Antiquariats Trutz zu antworten. Dabei liebt er Bücher, traut sich jedoch nicht zu, die Verantwortung zu tragen, das Geschäft nach Ableben (oder Verschwinden!) des alten Thaddäus Trutz zu übernehmen. Plötzlich findet er sich dann allerdings in einer prekären Situation wieder- der alte Buchhändler stellt ihn überraschend  schon nach einem kurzen Gespräch ein, verschwindet dann jedoch spurlos in den Weiten seines Labyrinths aus Hinterzimmern. Der zögerliche Karl muss nun entscheiden, was zu tun ist, denn ihm bleibt nicht viel Zeit, die Generalvollmacht, die Herr Trutz ihm dummerweise ohne seine Unterschrift übergeben hat, zu einem rechtskräftigen Dokument zu machen. Als dann auch noch ein dunkler Unbekannter versucht, Feuer in der Buchhandlung zu legen, weiß Karl, dass er sich auf die Suche nach dem Ladenbesitzer machen muss. Auch er betritt die phantasische Bibliothek, deren Tor das Antiquariat bildet und findet sich vor eine ungeheure Aufgabe gestellt: Die Bücher der Bibliothek verschwinden spurlos, zurück bleibt nur das ominöse Nichts, das zu bekämpfen Thaddäus Trutz ausgezogen ist. Karl erlebt auf seiner Suche nach dem betagten Herrn allerlei Abenteuer und muss über sich selbst hinauswachsen, um nicht nur das Antiquariat, sondern ganz  Phantásien vor dem Untergang zu retten.

Fazit: Diese erst auf Anregung Michael Endes veröffentlichte Geschichte um die Abenteuer des schüchternen Karl Konrad Koreander liefert dem Leser interessantes Hintergrundwissen zu dem griesgrämigen Bibliothekar der ,,Unendlichen Geschichte“. Der junge Karl, dem es so an Selbstbewusstsein mangelt, steht sich häufig selbst im Weg und lernt erst nach und nach, auf sich zu vertrauen. Erscheint dem Leser die Bedrohung durch das Nichts anfangs noch nebensächlich, so verdrängt sie gegen Ende Karls Sorge um seine Generalvollmacht vollständig. Nicht nur Zauderer Karl, sondern auch die anderen Figuren der Erzählung, als da wären der verschrobene Thaddäus Tillmann Trutz und die mutige Pilotin Qutopía, sind liebevoll ausgearbeitet und lassen den Leser mitfiebern. Sehr schön sind auch der Wiedereintritt in die Menschenwelt in Verbindung mit zeitgeschichtlichen Geschehnissen, sowie die Anknüpfung an die ,,Unendliche Geschichte“ gelungen. Nie wieder wird der alte Karl Konrad Koreander Michael Endes dem Leser unsympathisch sein können.