Deborah Feldman: Unorthodox (2016)

feldman_unorthodoxDeborah steigt aus. Aus den engen, dicken Strumpfhosen. Aus der Rolle als umher huschende Ehefrau und Mutter einer möglichst zahlreichen Kinderschar. Aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im heutigen Williamsburg, Brooklyn, New York.

Die 1986 geborene Autorin erzählt in diesem autobiografischen Werk von ihrer Kindheit und Jugend einer der weltweit größten chassidischen Gemeinden. Die häufig auch als Sekte bezeichnete Gemeinschaft der Satmarer Juden, eine Gruppe von über 100.000 Personen, hält den Holocaust für eine Strafe Gottes und lehnt den Staat Israel rigoros ab. Kinderreichtum und ein bescheidenes, an Armut grenzendes Leben sind ein Muss, ebenso ein (auch gewaltsames) Eintreten für die eigene Überzeugung. Die Kinder besuchen private religiöse Schulen. Jungen und Mädchen getrennt; weltliche Fächer wie etwa Englisch sind zweitrangig – in Williamsburg wird Jiddisch gesprochen. Die Gemeinde bringt Jungen hervor, so fromm, dass sie nicht mit ihrer eigenen Großmutter sprechen, weil sie eine Frau ist. Weiterlesen

Wednesday Martin: Primates of Park Avenue


PrimatesReich, reicher, die Upper East Side. Welche kulturellen Besonderheiten die New Yorker Hochglanzwelt bereithält, schildert Wednesday Martin in ihrem viel diskutierten Buch „Primates of Park Avenue“.

Die Sozialforscherin nimmt besonders Mütter unter die Lupe: sie sehen umwerfend aus, sind phänomenal gekleidet und würden für ihre Kinder alles tun. Die Vielzahl an Rezensionen, die zu diesem Werk erschienen sind, greifen besonders diesen Glamour-Aspekt des Werkes auf.
Natürlich werden die Namen bekannter Designer im Name-Dropping-Stil fallen gelassen und sicher weiß man nach der Lektüre, welche Handtaschenmodelle im Jahr des Erscheinens durch die Upper-East-Side geschaukelt wurden. Interessant sind auch Martins Berichte darüber, nach welch krudem System Immobilien verwaltet werden und welcher „Qualifikationen“ es bedarf, um Mieter in den begehrtesten Häusern mit bestem Blick auf den Central Park zu werden.

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Katharina Winkler: Blauschmuck

Winkler: BlauschmuckEr schlägt zu, immer wieder und sie trägt ihre Wunden als Schmuck: als Blauschmuck.

Das Leiden wird chronologisch erzählt: Filiz, wie sie in einem kurdischen Dorf, weit entfernt von der nächsten Stadt, aufwächst. Wie sie und ihre Geschwister vom Vater geschlagen werden. Wie die Mutter vom Vater geschlagen wird. Wie alle Frauen des Dorfes von ihren Männern geschlagen werden. Für Filiz ist die Gewalt normal, man spricht nicht darüber, auch, wenn man ihre Spuren deutlich sieht. Blauschmuck ist Privateigentum. Sie lernt Yunus, ihren zukünftigen Mann kennen. Er sperrt sie in den Stall, damit sie den anderen Jungen nicht mehr beim Schwimmen zusehen kann. Sie ist verliebt; körperliche Attribute stehen im Vordergrund: Sie hat schöne Haare und schöne Augen, er einen festen Schritt – sie sollten zusammen sein. Ihr Vater ist gegen die Heirat, ob er Yunus‘ Charakter schon da erkennt, erfahren wir nicht. Filiz läuft mit Yunus fort, die Hochzeit und die demütigende Hochzeitsnacht folgen. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht, sie ist noch minderjährig, ein Mädchen. Gemeinsam ziehen sie zu Yunus‘ Mutter, der Spinne. Filiz wird gezwungen, eine Burka zu tragen, in der Öffentlichkeit und auch sonst aufs Sprechen zu verzichten. Ich darf nicht lachen, meine Lippen nicht öffnen, weil sie an meine Schamlippen erinnern, und die sind Yunus‘ Eigentum. Die vielen Stoffschichten verdecken ihre blauen Flecken. Auch, dass sie hungert und schwanger ist. Yunus‘ zieht mit ihr und den Kindern um, nach Istanbul, dann nach Österreich, sperrt sie ein, sie weiß wieder nicht, wie ihr geschieht. Sitzt tagelang in der Wohnung und zittert, wenn ihr Mann zur Tür hereinkommt. Sie knüpft zaghafte Kontakte zur Außenwelt, landet im Krankenhaus. Als sie Flugtickets kauft und er sie findet sagt er: Entweder du bringst dich jetzt um, oder ich hänge dich auf, vor den Augen der Kinder.

Kurze Sätze, die wie Schläge auf den Leser niederhageln. Die Gewalt wirkt hier durch die klare, unverstellte Sprache in ihrer ganzen Obszönität. Als Leser teilt man ausschließlich Filiz‘ Perspektive, fühlt mit ihr in ihrer Hilflosigkeit, verspürt aber auch Wut: Nicht nur auf Yunus, sondern auf die ganze Umgebung des Mädchens: Auf die Frauen, die ihr Leid still erdulden und diese Haltung an die Töchter weitergeben. Auf die Familien, die ihre Kinder nur mit großer Not versorgen können, Bildung ist nicht vorgesehen, die aber immer mehr Kinder bekommen – irgendwer muss die Feldarbeit ja machen und dem Vater die Füße waschen. Auf die Männer, wenn sie die Gegebenheiten nutzen und sich als Herren ihres kleinen, verängstigten Universums aufspielen.

Fazit: Katharina Winkler schreibt unbeirrt an der ganzen Debatte um eine mögliche Unterdrückung der Frau im Islam vorbei und zeigt anhand dieses furchtbaren und wahren Einzelschicksals, dass eine Kultur, gleich welcher Prägung, in der Gewalt gegen Frauen und Kinder so selbstverständlich ist, immer weiter Gewalt und Leid hervorbringen wird. Ein erschreckendes und wichtiges Buch. Unbedingt lesenswert.

Katharina Winkler, „Blauschmuck“, Suhrkamp 2016, 196 S., 18,85€.

 

Die Autorin Katharina Winkler wird auch am 17.03. auf der Leipziger Buchmesse lesen.

Verena Friederike Hasel: Lasse

LasseDie Geschichte eines beängstigenden Charakters, der einen auf der Straße anlächeln könnte – man würde zurücklächeln.

Die Studentin Nina wird von Lennart operiert, verliebt sich in ihn und will sich mit ihm verabreden. Lennart hat sich gerade von seiner Freundin getrennt und lässt sich daher zunächst nur allzu gern auf sie ein. Nina lebt in den Tag hinein, schiebt ihre Prüfungen vor sich her, ansonsten schläft mit ihrem Professor und zieht ihr Selbstbewusstsein eigentlich ausschließlich aus ihrem Aussehen. Als sie nach kurzer Zeit von Lennart schwanger wird will er das Kind nicht. Sie will es, will ihren Sohn Lasse, um Lennart an sich zu binden – und damit nimmt ein Unglück seinen Lauf.

Die Geschichte wird aus Ninas Sicht erzählt, daher ist es bemerkenswert, dass sie bereits nach den ersten Seiten als  unsympathische Protagonistin, die stiehlt und heimlich die Tagebücher ihrer Freundin liest, auftritt. Doch die fehlende Sympathie für die Protagonistin verwandelt sich schnell in einen Kloß im Hals und das ungute Gefühl, dass sie nicht einfach unsympathisch ist, sondern das bei ihr etwas grundlegend schief läuft.
Die Autorin arbeitet mit kurzen, klaren Sätzen. So passiert es an einigen Stellen, dass ein einziger Satz ausreicht, um schlagartig Klarheit über das Ausmaß von Ninas Verhalten zu gewinnen. Die Schilderungen sind subtil; lange wird nicht deutlich, wie sehr sie klammert und in ihrem Kopf schon eine Beziehung mit Lennart führt, die aus seiner Sicht nicht existiert. Hin und wieder werden Passagen über ihre Kindheit und das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter eingeflochten, aus denen man schließen kann – der Leser ganz als Hobbypsychologe – woraus ihr beängstigendes Verhalten wohl resultiert.
Zu alldem kommt der Druck des perfekten Mutterseins, der sich hier in der Prenzlauer-Berg-ähnlichen Umgebung Ninas manifestiert und sich in der Pediküre für werdende Mütter, Mutter-Kind-Cafés und Hypno-Birthing-Kursen, Kinderwagen vom Preis eines Kleinwagens und der ständigen Kontrolle durch andere „bessere“ Mütter, zeigt. Ein Ort, an dem Helikopter-Eltern voll auf ihre Kosten kommen also. Aber Nina will unbedingt dazu gehören, um jeden Preis. Obwohl ihr das Geld fehlt. Und sie ihr Baby überhaupt nicht mag.

„Lasse“ schafft es durch seine subtilen Schilderungen, dem Leser einen Schauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen. Es knüpft an die derzeit wieder verstärkt geführten Debatten über das Eltern- und besonders Muttersein an (Stillen? Impfen lassen? Plastikspielzeug?), überzeichnet sie und verwebt alles zu einer fesselnden Geschichte. Eine Empfehlung.

Verena Friederike Hasel, „Lasse“, ullstein 2015, ISBN-13 9783550080937, 208 S., 18,00€.

Vanessa da Mata: Blumentochter

BlumentochterDie Protagonistin dieses Romans, die junge Adelgiza, lebt gemeinsam mit ihren beiden nur wenig älteren Tanten in einer alten Villa in einer brasilianischen Kleinstadt. Sie schildert ihre Kindheitserinnerungen an den bunten Garten, dessen Blumen an die ganze Stadt verkauft werden und an die Jagd auf die riesigen Ameisen, die gefräßig jedes Rosenblatt zu bedrohen scheinen. Nächte voller Geschichten in den Baumwipfeln gehören genauso dazu wie die Fruchtsaft verschmierten Gesichter nach dem Plündern der Mangobäume. Der Garten scheint alles im Überfluss zu haben. Die anfängliche Vertrautheit mit ihrer fast gleichaltrigen Tante und Spielgefährtin Florinda lässt jedoch nach, je älter Adelgiza wird. Die beiden Tanten scheinen ohne sie erwachsen werden zu wollen, sie fühlt sich ausgeschlossen, auch vom Rest der Stadt gemieden. Ihren Trost findet sie bei der Hausangestellten und in den vielen Liebesbriefen, Nachrichten von geheimen Liebschaften, die sie gemeinsam mit den Blumen ausliefert. Gerade volljährig geworden, packt sie die Lust auf Abenteuer und sie begibt sich, nie aus der Kleinstadt herausgekommen, in das entlegene Stadtviertel Vila Morena, von dem nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Adelgiza findet dort Freunde, die – Prostituierte und Trinker – so gar nicht in ihr bisher auf Wahrung von Sitte und Anstand gerichtetes Leben passen. Doch gerade dort, an diesem verrufenen Ort, erfährt sie, dass es in der verschlafenen Stadt tatsächlich Geheimnisse gibt – und sie im Mittelpunkt steht.

Vanessa da Mata ist in Brasilien vor allem als Sängerin und Songschreiberin bekannt. Das merkt man auch ihrem Roman an. Ihre Orts- und Personenbeschreibungen lesen sich sehr anschaulich, man hat das Gefühl, die schwere, feuchte Luft atmen zu können, selbst inmitten eines üppigen Gartens zu stehen, Blumen und Früchte zu riechen, gar zu schmecken. Mit dem Älterwerden Adelgizas fügen sich diesen Beschreibungen Betrachtungen über Sexualität hinzu. Neben üppigen Bäumen werden nun auch die Körper der Menschen im Umfeld der Protagonistin beschrieben. Ihre Tanten erscheinen anhand ihrer körperlichen Attribute noch anschaulicher; der Körper scheint den Charakter zu bestimmen. So erwachsen die beiden Tanten auch zu sein vorgeben, sie definieren sich, gerade dem Teenageralter entwachsen, hauptsächlich über die Zahl ihrer Verehrer, die Anzüglichkeit der Briefe, die sie erhalten. Adelgiza wird davon bewusst ausgeschlossen und sieht sich mit der alles beherrschenden Doppelmoral versteckter Hemmungslosigkeit auf der einen und der strikten, keuschen Moral der Kirche auf der anderen Seite konfrontiert. Je älter sie wird und je mehr eigene Erfahrungen sie – verbotenerweise – macht, desto mehr rückt Körperlichkeit in den Vordergrund, bis sie schließlich ihre Religion wird.

Da Mata schreibt anschaulich, der Leser taucht völlig ein in die Gerüche und die Hitze der Stadt. Nach einigen Seiten wünscht man sich allerdings eine Pause, wünscht sich, auch selbst einmal die Füße in den kühlen Fluss tauchen zu können. Wenn schließlich die üppigen weiblichen Formen der Tanten geschildert werden, kann man nur schwer umhin, immer wieder kritisch denken, dass da Mata hier von Teenagern schreibt. Unterschwellig, manchmal gar offen, bemerkt sie, dass die Mädchen erst wahrgenommen werden, sobald sie ihre Weiblichkeit kokett einzusetzen wissen. Dass sie sich in einem Sommerkleid nicht mehr in alle Gegenden trauen können und dass jede von ihnen Gegenstand des Stadtklatsches ist. Durch all diese Dinge, die sie die Protagonistin am eigenen Leib erfahren lässt, inszeniert da Mata gekonnt die Doppelmoral der Kleinstädter, die kaum einen Kirchgang auslassen, dabei aber gekonnt verschiedene Liebschaften unterhalten. Als Leser hätte man sich die Ausführlichkeit des Anfanges auch am Ende gewünscht. Allzu schnell lüftet sich das Geheimnis um Adelgiza – und das nicht etwa kunstvoll, sondern in einem Schwung durch einen Betrunkenen erzählt. Jener Teil, in dem sie in die Vergangenheit der Kleinstadt eindringt, erscheint nach dem üppigen Anfang nur allzu dürftig. Die Mischung von Realität und Fiktion ist interessant, gelingt aber nicht völlig. Einige Zufälle erscheinen einfach zu passend, einige Details zu unglaubwürdig, so etwa die Aussage, dass Adelgiza ihren Garten zwar jeden Tag besucht, ihn aber noch nie ganz erkundet hat.

Fazit: „Blumentochter“ besticht durch die anschaulichen Beschreibungen einer brasilianischen Kleinstadt und ihrer Einwohner. Die Schwächen der Geschichte können diese aber nicht ausgleichen.

Vanessa da Mata, Blumentochter, List 2015, 304 S., 18,00€.

Violette Leduc: Die Bastardin

Bastardin„Die Bastardin“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die als uneheliche Tochter eines Sohnes aus gutem Hause und einer Magd bei Mutter und Großmutter aufwächst. Von wiederkehrenden Krankheiten gezeichnet, besucht sie nur unregelmäßig die Schule und verlässt schließlich, als ihre Mutter heiratet und ihren Bruder zur Welt bringt, das Haus ihrer Kindheit. Ihr Weg führt sie vom Land ins Paris der Vor- und Zwischenkriegszeit. Ihre Mädchenjahre hindurch unterhält sie Liebschaften mit Internatsgenossinnen und kann sich, den Verlockungen Paris‘ vollständig erlegen, nicht entscheiden zwischen ihrer Freundin, einem interessanten Mann und schließlich ihrem homosexuellen Gönner, den sie innig verehrt.

Durch „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ bin ich auf das bereits 1964 erschienene autobiografische Werk Violette Leducs (1904-1972) aufmerksam geworden. Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir versehen, erwartet den Leser Großes.  Schon während der ersten Seiten lässt sich erahnen, warum de Beauvoirs Vorwort so verklausuliert, so umfassend geworden ist. Die Autorin Leduc schildert ihre Jugend grob chronologisch, verweist dabei aber immer wieder auf ihre früheren – ebenfalls autobiografischen ­­– Werke, was das Lesen ohne Vorkenntnis beträchtlich erschwert. Hinzu kommt, dass ihre Sprache sehr umschreibend ist, Wesentlichkeiten werden in Halbsätzen versteckt, sodass sich ihre Wichtigkeit nicht immer gleich erschließt. Wenn dann hunderte Seiten später auf eben jene Ereignisse Bezug genommen wird, lässt sich schlussfolgern, dass jene Schilderung wohl bedeutsam für Leducs weiteres Leben gewesen sein muss.

Das Innenleben der Protagonistin ist gelinde gesagt schwierig. Starke Gefühlsschwankungen, die sich ausdrücken in Beschreibungen wie „die Wimpern der Rinder deprimierten mich“, sind für den geneigten Leser interessant. Das Mitfühlen jedoch würde einen Kraftakt bedeuten, den man nicht jedem Leser zumuten will. Trotz etlicher Längen, trotz des starken Wunsches, die Autorin möchte doch jetzt einmal Klartext schreiben, fasziniert das Leben der Violette Leduc ungemein. Mit traumwandlerischer Sicherheit umgibt sie sich mit Personen, die mindestens genauso labil und wankelmütig erscheinen wie sie selbst. Sie wirft sich ihnen zu Füßen, bettelt, erniedrigt sich und andere, beleidigt, liebt. Die geschilderte Gefühlspalette dieser Erzählung geht über das hinaus, was Autoren heutzutage einem Leser zumuten würden. Als Leser bringt man nicht immer Wohlwollen, selten Mitleid für die Protagonistin auf. Manchmal sympathisiert man mit den anderen Figuren. Violettes Freundin Hermine zum Beispiel, der, so scheint es am Ende, Violette einfach zu anstrengend, zu kompliziert geworden ist mit ihrer Anhänglichkeit, ihrer Wut und ihren suizidalen Tendenzen, die sie letztendlich stets als Erpressung benutzt. Neben all den Figuren, unter denen sich auch viele Personen der Zeitgeschichte wiederfinden, die die Autorin kennengelernt hat, spielt Paris die Rolle einer eigenen, bedeutsamen Figur. Es wandelt sich mit Violette, wird mal als traumhaft schön beschrieben, dann wieder als Stadt, die die Protagonistin schnell hinter sich lassen möchte. Es schwankt zwischen Exzess und Biederkeit, Überfluss und bitterer Armut.  Es kommt der Verschwendungssucht der Protagonistin entgegen oder zeigt ihr in aller Deutlichkeit, was sie nicht haben kann. Frankreichfreunde werden besonders die vielen genannten Orte, die bekannten Cafés und Straßen, Quartiers, Designer und nicht zuletzt die damaligen Berühmtheiten der Literaturszene begeistern.

„Die Bastardin“ ist beileibe kein Buch für zwischendurch. Manchmal wird man es zur Seite legen, um über die Protagonisten-Autorin seinen Kopf zu schütteln. Man wird erschreckt sein, wie Menschen sich gegenseitig ins Unglück stürzen können, obwohl es ihnen objektiv so gut gehen könnte. Man wird Leduc dafür bewundern, zu jener Zeit so offen ihre lesbische Sexualität beschrieben zu haben. Zum Schluss wird man sich dann vielleicht mit Violette Leduc versöhnen, weil man ihr zumindest eines nicht absprechen kann: eine interessante Frau zu sein.

Violette Leduc, Die Bastardin (OT: La Bâtarde), Rowohlt 1978, 411 S.

Marilyn Yalom: Wie die Franzosen die Liebe erfanden

YalomIn ihrem neuen Werk „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ nimmt uns die Historikerin Marilyn Yalom mit auf einen Streifzug durch die französische Literaturgeschichte. Angefangen beim Minnesang erzählt sie von Abaelard und Heloise, dem französischen Pendant zu Romeo und Julia, ritterlichen Liebesschwüren, über die komische Liebe wie sie sich bei Molière findet. Von hemmungslosen Verführern über romantische Schriftstellerinnen, Liebe am Königshof und zu Zeiten der Französischen Revolution bis zur existenzialistischen Liebe Sartres und de Beauvoirs, werden hetero- und homosexuelle Gefühlswelten beleuchtet. Versehen mit Zitaten aus bekannten und weniger bekannten Werken gelangt sie so bis ins 21. Jahrhundert und zeichnet den Weg und Wandel der Liebe über die letzten neunhundert Jahre hinweg nach.

Marilyn Yalom liefert mit „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ einen unterhaltsamen, kurzweiligen, aber auch lehrreichen Gang durch die großen Werke der französischen Literatur und kommt an kaum einem der berühmten Schriftsteller (und Schriftstellerinnen) vorbei, denn über das universelle Thema Liebe, das zu allen Zeiten in all seinen Spielarten immer wieder die wichtigste Rolle in der Literatur einnimmt, hat sich fast jeder von ihnen geäußert. Yalom schreibt über die persönlichen Hintergründe historischer Figuren, das abenteuerliche Leben vieler Könige und ihrer Mätressen, aber ebenso über Frauen, die sich ihren Liebschaften mit so großer Leidenschaft widmeten, dass sie gerade dafür, für ihre anrührenden Briefe und Tagebücher, in Erinnerung geblieben sind. Das alles gespickt mit Zitaten aus den jeweiligen Werken, mit einleitenden Bildern zu jedem der sechszehn Kapitel und eigenen, teilweise Jahrzehnte zurückliegenden Erfahrungen, macht Yaloms Werk unterhaltsam, nie langatmig und zu einem Ausflug in die Welt der französischen Literatur. Die detailierten Anmerkungen im Anhang machen Lust darauf, sich mit der französischen Literatur zu beschäftigen. Lediglich im letzten Kapitel entsteht der Eindruck, als erschiene es ihr nicht mehr lohnenswert, sich mit der französischen Literatur der Jetztzeit zu beschäftigen, denn hier beginnt ein wahrer Galopp durch den französischen Film der letzten Jahrzehnte; Namen wie Godard und Truffaut werden hingeworfen, als gelte es, nach so viel Buch auch noch schnell noch etwas Film mitzunehmen.

Yalom ist Feministin, das kommt an einigen Stellen – nicht zuletzt, weil sie es selbst betont – durch und sorgt, entgegen meiner anfänglichen Erwartung, dafür, dass neben den vielen bekannten männlichen Schriftstellern auch viele schreibende Damen ihren Platz in der Geschichte erhalten. Yalom geht dabei immer wieder auf die Rolle der Frau im Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Strömungen ein und erläutert ihre Liebschaften so anschaulich, dass der Leser denkt, er sei dabei gewesen und sich an manch einer Stelle wundert, wer da mit wem zusammen war – handelt es sich doch fast durchweg um bekannte Namen. Geradezu aktuell wird Yaloms Werk zum jetzigen Zeitpunkt, zu dem die Presse Interesse am Liebesleben des französischen Präsidenten  Hollande findet, denn die Autorin geht in ihrem Werk darauf ein, wie (außereheliche) Liebschaften in Frankreich Teil der Kultur und auch bei großen Staatsmännern nie eine Seltenheit gewesen seien.
Yalom macht keinen Hehl aus ihren literarischen Lieblingen, betreibt dabei aber zu keinem Zeitpunkt Namedropping, sondern weiß zu jedem Literaten, zu jedem Werk eine Anekdote zu erzählen. Dieser Plauderton ist es, der „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ zu einem gelungenen Spaziergang durch die französische Literatur macht.

Marilyn Yalom, Wie die Franzosen die Liebe erfanden. Neunhundert Jahre Leidenschaft (OT: How the French Invented Love), Ullstein 2013, 443 S., 22,99€ 

Jack Holland: Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses

Misogynie: Die älteste Diskriminierung der Welt- so titelt der Verlag Zweitausendeins über das Werk des Journalisten Jack Holland. In acht Kapiteln berichtet der von der Entstehung der Misogynie, erstmals nachweisbar im alten Griechenland, über ihre Auswüchse im alten Rom und das Paradox von Marienverehrung und Hexenverbrennung im Christentum. Holland beleuchtet auch das verzerrte Frauenbild im viktorianischen Zeitalter und gelangt darüber schließlich bis in unsere Zeit, indem er Pornografie und islamistische Frauenfeinde in die lange Reihe ihrer Vorgänger stellt.
Während er chronologisch vorgeht, bezieht sich Holland auf die frühen Schöpfungs- und Göttermythen und deckt die daraus abgeleitete Realpolitik der Zeit auf, die, von Männern gemacht, darauf abzuzielen schien, die Frau durch abstruse Ehe- und Scheidungsgesetze möglichst klein zu halten. Aber dabei belässt er es nicht, denn er setzt dem Leser auch altbekannte Geschichten wie die der sexbesessenen Messalina vor und analysiert, wie diese Geschichten, die wir heute als bekanntes Kulturgut hinnehmen und ob der großen Dichternamen, die dahinter stehen, kaum hinterfragen, prügelnden Ehemännern in früher Zeit eine sehr willkommene Rechtfertigung boten.

Besonders beeindruckend an Hollands Werk ist die Unnachgiebigkeit, mit der er dem Frauenhass durch die Jahrtausende nachspürt und psychologische Hintergründe beleuchtet. Wie er gleich zu Beginn Position bezieht und beschreibt, dass Männer, denen er von seiner Arbeit erzählte, schmunzelnd davon ausgingen, dass er an einer Rechtfertigung der Misogynie –sofern ihnen dieser Begriff denn geläufig war- aus männlicher Sicht arbeitete, während Frauen gespannte Nachfragen zu seinen Rechercheergebnissen stellten. Sympathiepunkte beim geneigten Leser sammelt er schon im Vorwort seiner Arbeit, wenn er auf die Frage, warum gerade ein Mann ein Buch über Frauenhass schreibt, schlicht antwortet: Weil Männer ihn erfunden haben.
Holland betrachtet die Geschichtsschreibung fast ausschließlich vom Standpunkt der Misogynie aus, was Kritiker „einseitig“ nennen könnten, doch ist Hollands Blickwinkel ein mutiger, völlig neuer, in keinem Geschichtsbuch zu findender. Wenn er Gewalt gegen Frauen- wobei es ihm an schockierenden Beispielen nicht mangelt- in politisch instabilen, an sich schon menschenverachtenden System beschreibt, dann zeigt er mit unvergleichlicher Klarheit auf, dass scheinbar religiös oder politisch motivierte Verbrechen besonders Verbrechen von Männern an Frauen sind; dass sich darin die Täter aller Anschauungen und Überzeugungen gleichen.

Jack Hollands Chronik des Frauenhasses ist gelungen, wichtig und viel zu wenig beachtet. Vor allem aber ist sie absolut lesenswert- für Menschen beiderlei Geschlechts.

Jack Holland „Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses“, Zweitausendeins 2007, 405 S.

  Geschichte des Abendlandes, Religionsgeschichte, Rolle der Frau im Wandel der Zeit

Sylvia Plath: The Bell Jar

Die 19-jährige Esther Greenwood bekommt die Chance, für ein bekanntes Fashionmagazin zu schreiben. Im New York des Jahres 1953 bewegt sie sich in gut betuchten Kreisen, nimmt an Empfängen teil und erkundet mit ihrer Kollegin Doreen das Nachtleben. Ihr großer Traum ist es, als Schriftstellerin und Dichterin anerkannt zu werden. Als sie nach den aufregenden Wochen wieder  in den Alltag des Elternhauses eintaucht, sich innerlich immer mehr von ihrem Freund und beinahe-Verlobten Billy distanziert und schließlich nicht zu einem Kurs für angehende Schriftsteller akzeptiert wird, beginnt ihr Weg in eine Abwärtsspirale aus Depression und Suizidgedanken. Immer wieder versucht sie ihre Rolle als Frau zu definieren und sieht sich eingeengt durch die gesellschaftlichen Erwartungen, religiöse Moralvorstellungen und ihre eigenen Ängste. Durch eine reiche Gönnerin unterstützt führt ihr Weg schließlich in eine psychiatrische Klinik, einem Ort, an dem sie erkennen muss, dass sie bisher auch ihren Freunden nur vor den Kopf schauen konnte.

Wer „Der Fänger im Roggen“ gelesen hat, wird sich schon bei den ersten Zeilen unweigerlich an Salinger erinnert fühlen. Ort und auch Zeit sind fast identisch; die junge Heldin ist auf der Suche nach sich selbst. Doch im Verlauf der Erzählung erscheint Esther Greenwood viel reifer als Caulfield, sie reflektiert viel, sodass der Leser oft seitenlange Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt bekommt. Das ist alles andere als langweilig, denn Zynismus und eine ungebrochene Rebellion im Innern unterscheiden sich stark von der Frau, die Esther für ihre Umwelt zu sein scheint. Ihr Emanzipationsbestreben macht das Novel gerade für Frauen interessant; deshalb finden sich auch in der heutigen Zeit immer wieder Bezüge zu Plaths Werk- nicht zuletzt in Filmen wie „10 Dinge, die ich an dir hasse“.
Mit  Esthers Suizidversuch jedoch enden die Rückblenden und das Schwelgen in Träumen und Hoffnungen. Sie wird ganz vom Alltag der Klinik in Anspruch genommen, von der Beziehung zu ihrer Ärztin und ihrer Therapie. Sie erkennt, dass ihre Probleme auch in den gesellschaftlichen Konventionen begründet liegen, dass sie die Rolle als Hausmutter und liebende Ehefrau nicht annehmen will. Schließlich sucht sie für sich nach einem Weg, aus ihrer „Glasglocke“ auszubrechen.

Fazit: Mir persönlich haben Plaths Sprache und Erzählstil sehr zugesagt. Die Protagonistin wirkt stark und auch selbstbewusst, obwohl ihre Verunsicherung und Angst auf jeder Seite spürbar ist. Einige ihrer Probleme, gerade jene, die sich aus den damaligen gesellschaftlichen Normen und Werten ableiten, sind heute allerdings nicht mehr brandaktuell. Oft fühlt man sich an den Satz „was sollen denn die Nachbarn denken?“ erinnert, der auch Esther Greenwood schier in den Wahnsinn treibt. Manche der Begebenheiten sind von einer tragischen Komik, bei anderen tritt die Krankheit der Protagonistin so klar in den Vordergrund, dass man meint, sie geradewegs in ein Unglück rennen zu sehen. Zu guter Letzt erscheint die Geschichte von der Glasglocke vor dem persönlichen Hintergrund der Autorin fast real, sodass man meint, hier und da durchaus autobiografische Züge erkennen zu können.

Die Autorin
Sylvia Plath wurde 1932 in Boston geboren. Ihre Gedichte (die bekannteste Sammlung erschien unter dem Titel Ariel) und ihre Prosa werden gemeinhin autobiografisch gewertet. Sie war ebenso wie die Protagonistin ihres Werkes „Die Glasglocke“ Stipendiantin an einem renommierten College, erlebte einen gescheiterten Suizidversuch, nach welchem sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Nach ihrem Suizid im Jahr 1963 gelangte Plath erst postum zu größerer Bekanntheit und wurde zu einer Symbolfigur der Frauenbewegung stilisiert. Ihr Leben wurde 2003 unter dem Titel „Sylvia“ verfilmt.

Sylvia Plath „The Bell Jar“ (dt. Die Glasglocke), Faber and Faber Ldt. , 258 S., ca. 10€