Yeonmi Park: Meine Flucht aus Nordkorea (2015)

Park_Meine Flucht aus NordkoreaYeonmis Kindheit in Nordkorea ist ein Auf und Ab: Solange der Vater von seinen Schmuggelreisen genug Geld mit nach Hause bringt, kommt Reis auf den Tisch. Oft genug ist das aber nicht der Fall und die beiden Schwestern und ihre Mutter hungern und frieren. Als der Vater schließlich ins Straflager muss, entschließen sich Yeonmi und ihre Mutter zur Flucht nach China. Ihre Schwester hatte einige Tage zuvor die Flucht gewagt. Kaum auf der chinesischen Seite angekommen, geraten die beiden in die Fänge von Menschenhändlern. Die Mutter wird vor den Augen ihrer Tochter vergewaltigt und verkauft; das dreizehnjährige Mädchen ist gezwungen, monatelang mit einem der Menschenhändler als dessen „Geliebte“ zusammenzuleben und seine Geschäfte mit abzuwickeln. Doch irgendwann sind Mutter und Tochter wieder vereint, haben das Geld für die weitere Flucht beisammen und machen sich auf den beschwerlichen und gefahrvollen Weg nach Südkorea –  durch die winterliche Wüste Gobi. Weiterlesen

Gustave Flaubert: Madame Bovary (1857)

Flaubert_BovaryHier sitzt jedes Wort: Mit hinreißender sprachlicher Eleganz entlarvte Gustave Flaubert jede menschliche Schwäche und schuf zugleich ein für die Zeit freizügiges Sittengemälde, das stilbildend für viele spätere Romane um unglückliche Frauen war.   

Der Inhalt

Der mäßig begabte Charles wird auf Drängen seiner ehrgeizigen Mutter hin Arzt und schafft es auch tatsächlich, dem einen oder anderen Leiden seiner Patienten abzuhelfen. Als er eines Tages das Bein eines Hofbesitzers schient, verliebt er sich in dessen Tochter. Muss er nur noch abwarten, bis seine Ehefrau stirbt, um die junge Emma zu heiraten. Klappt auch. Emma ist des eintönigen Ehealltags und ihres ebenso eintönigen Ehemanns aber bald überdrüssig und sieht sich nach anderweitigen Vergnügungen um. Die findet sie auch bald – in Form verschiedener Schwärmereien und Affären. Der gutgläubige Charles ahnt nichts davon, zumal es Madame Bovary gelingt, ihre horrenden Geldausgaben geheim zu halten. Dass das alles auf Dauer nicht gut gehen kann, ist ja klar.

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[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa” – Somalia

Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, heute den zweiten Teil eines Gastbeitrags veröffentlichen zu können, der sich mit einem ganz besonderen und tragischen Land beschäftigt: Somalia.

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[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa”

Dieses Mal gibt es einen echten Geheimtipp: Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, an dieser Stelle den ersten von zwei Teilen eines Gastbeitrags veröffentlichen zu dürfen, der uns mitnimmt in die ernste, manchmal grausame, in jedem Fall aber bunte Welt der afrikanischen Literatur.

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Deborah Feldman: Überbitten (2017)

cover_350x240Heute erscheint „Überbitten“, das dritte Buch der Wahlberlinerin Deborah Feldman. In ihrem Roman verarbeitet sie die Zeit nach dem Ausstieg aus einer isolierten jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York und beschreibt Ängste, Reisen und Freundschaften, die ihr Ankommen in der neuen Welt begleiten.

Sieben Jahre sind es, die sie nach ihrem Ausbruch schildert. Sieben Jahre, das letzte nach jüdischer Tradition das Sabbatjahr, in dem Schulden erlassen und Sklaven befreit werden. Eng sind der Aufbau dieses Buches und Feldmans Herkunft verwoben und bis zum Überbitten – etwa dem Verzeihen aus dem eigenen Glauben heraus, vielleicht sogar der Vernunft zuwider – ist es ein langer Weg, der die Autorin von Manhattan und dem Sorgerechtsstreit um ihren Sohn ins Europa ihrer Großeltern bis schließlich ins heutige Berlin führt.
Jedes einzelne Jahr nach dem Neuanfang ist anders: Während das erste noch von existenzieller Not geprägt ist, stellt sich mit der Zeit der schriftstellerische Erfolg ein, als „Unorthodox“ überraschend einschlägt und die Bestsellerliste der New York Times erklimmt. Die Sorge um Nahrung und Kleidung verschwindet, Feldman kann der Stadt nach Neuengland entfliehen, doch beim Ringen um die eigene Identität hilft Geld nur wenig. Die Autorin reist, viele Reisen führen sie nach Europa, wo sie die Wurzeln ihrer Großeltern weiß und doch nur tote, nach dem Holocaust auf ewig verbrannte Erde vermutet. Oft wird sie überrascht, manchmal bestätigt. Ihre Bekanntschaften zeigen: der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens ist für viele Europäer immer noch schwierig. Was sagen, was fragen, wie reagieren?

Während „Unorthodox“ der Literaturwelt unvergleichlich tiefe Einblicke in die abgeschlossene Welt des Chassidismus gab, gibt uns Feldman diesmal etwas noch Persönlicheres: Einblicke in die schwierige Suche nach der eigenen Identität, die in der Kindheit unter den Kollektiverfahrungen eines ganzen Volkes begraben wurde. Wer glaubt die traumatische Wirkung des Holocaust sterbe mit seinen letzten Überlebenden, wird hier eines Besseren belehrt. Es sind  auch die Nachkommen der zweiten Generation, die sich mit den Traumata ihrer Vorfahren auseinandersetzen müssen und in einigen Fällen immer noch um einen Umgang mit den Nachkommen der Täter ringen.

Siebenhundert Seiten stark ist „Überbitten“ geworden. Man merkt dem Werk an, dass Feldman sich hier eine Menge von der Seele schreiben musste. Wie sie es wollte gibt sie ihrem ganzen Leben unverkennbar eine erzählerische Struktur und vermeidet Wiederholungen, sodass man diesem besonderen Lebensweg Seite um Seite in gespannter Erwartung folgt. Ihr erstes Werk „Unorthodox“ sollte man zuvor gelesen haben, dann kann man sich gut vorbereitet auf dieses fesselnde und sehr persönliche Werk einlassen.

Deborah Feldman, Überbitten. Autobiographische Erzählung, aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2017, 704 S., 28 €, ISBN 978-3-906910-00-0

Hier gibt es ein Interview mit der Autorin zum Buch. Wenn ihr auch eine Rezension zum Buch verfasst habt, verlinkt euch gern in den Kommentaren!

Ergänzung: Bei Lobe den Tag wird auch über Überbitten geschrieben.

Deborah Feldman: Unorthodox (2016)

feldman_unorthodoxDeborah steigt aus. Aus den engen, dicken Strumpfhosen. Aus der Rolle als umher huschende Ehefrau und Mutter einer möglichst zahlreichen Kinderschar. Aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im heutigen Williamsburg, Brooklyn, New York.

Die 1986 geborene Autorin erzählt in diesem autobiografischen Werk von ihrer Kindheit und Jugend einer der weltweit größten chassidischen Gemeinden. Die häufig auch als Sekte bezeichnete Gemeinschaft der Satmarer Juden, eine Gruppe von über 100.000 Personen, hält den Holocaust für eine Strafe Gottes und lehnt den Staat Israel rigoros ab. Kinderreichtum und ein bescheidenes, an Armut grenzendes Leben sind ein Muss, ebenso ein (auch gewaltsames) Eintreten für die eigene Überzeugung. Die Kinder besuchen private religiöse Schulen. Jungen und Mädchen getrennt; weltliche Fächer wie etwa Englisch sind zweitrangig – in Williamsburg wird Jiddisch gesprochen. Die Gemeinde bringt Jungen hervor, so fromm, dass sie nicht mit ihrer eigenen Großmutter sprechen, weil sie eine Frau ist. Weiterlesen

Wednesday Martin: Primates of Park Avenue


PrimatesReich, reicher, die Upper East Side. Welche kulturellen Besonderheiten die New Yorker Hochglanzwelt bereithält, schildert Wednesday Martin in ihrem viel diskutierten Buch „Primates of Park Avenue“.

Die Sozialforscherin nimmt besonders Mütter unter die Lupe: sie sehen umwerfend aus, sind phänomenal gekleidet und würden für ihre Kinder alles tun. Die Vielzahl an Rezensionen, die zu diesem Werk erschienen sind, greifen besonders diesen Glamour-Aspekt des Werkes auf.
Natürlich werden die Namen bekannter Designer im Name-Dropping-Stil fallen gelassen und sicher weiß man nach der Lektüre, welche Handtaschenmodelle im Jahr des Erscheinens durch die Upper-East-Side geschaukelt wurden. Interessant sind auch Martins Berichte darüber, nach welch krudem System Immobilien verwaltet werden und welcher „Qualifikationen“ es bedarf, um Mieter in den begehrtesten Häusern mit bestem Blick auf den Central Park zu werden.

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Katharina Winkler: Blauschmuck

Winkler: BlauschmuckEr schlägt zu, immer wieder und sie trägt ihre Wunden als Schmuck: als Blauschmuck.

Das Leiden wird chronologisch erzählt: Filiz, wie sie in einem kurdischen Dorf, weit entfernt von der nächsten Stadt, aufwächst. Wie sie und ihre Geschwister vom Vater geschlagen werden. Wie die Mutter vom Vater geschlagen wird. Wie alle Frauen des Dorfes von ihren Männern geschlagen werden. Für Filiz ist die Gewalt normal, man spricht nicht darüber, auch, wenn man ihre Spuren deutlich sieht. Blauschmuck ist Privateigentum. Sie lernt Yunus, ihren zukünftigen Mann kennen. Er sperrt sie in den Stall, damit sie den anderen Jungen nicht mehr beim Schwimmen zusehen kann. Sie ist verliebt; körperliche Attribute stehen im Vordergrund: Sie hat schöne Haare und schöne Augen, er einen festen Schritt – sie sollten zusammen sein. Ihr Vater ist gegen die Heirat, ob er Yunus‘ Charakter schon da erkennt, erfahren wir nicht. Filiz läuft mit Yunus fort, die Hochzeit und die demütigende Hochzeitsnacht folgen. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht, sie ist noch minderjährig, ein Mädchen. Gemeinsam ziehen sie zu Yunus‘ Mutter, der Spinne. Filiz wird gezwungen, eine Burka zu tragen, in der Öffentlichkeit und auch sonst aufs Sprechen zu verzichten. Ich darf nicht lachen, meine Lippen nicht öffnen, weil sie an meine Schamlippen erinnern, und die sind Yunus‘ Eigentum. Die vielen Stoffschichten verdecken ihre blauen Flecken. Auch, dass sie hungert und schwanger ist. Yunus‘ zieht mit ihr und den Kindern um, nach Istanbul, dann nach Österreich, sperrt sie ein, sie weiß wieder nicht, wie ihr geschieht. Sitzt tagelang in der Wohnung und zittert, wenn ihr Mann zur Tür hereinkommt. Sie knüpft zaghafte Kontakte zur Außenwelt, landet im Krankenhaus. Als sie Flugtickets kauft und er sie findet sagt er: Entweder du bringst dich jetzt um, oder ich hänge dich auf, vor den Augen der Kinder.

Kurze Sätze, die wie Schläge auf den Leser niederhageln. Die Gewalt wirkt hier durch die klare, unverstellte Sprache in ihrer ganzen Obszönität. Als Leser teilt man ausschließlich Filiz‘ Perspektive, fühlt mit ihr in ihrer Hilflosigkeit, verspürt aber auch Wut: Nicht nur auf Yunus, sondern auf die ganze Umgebung des Mädchens: Auf die Frauen, die ihr Leid still erdulden und diese Haltung an die Töchter weitergeben. Auf die Familien, die ihre Kinder nur mit großer Not versorgen können, Bildung ist nicht vorgesehen, die aber immer mehr Kinder bekommen – irgendwer muss die Feldarbeit ja machen und dem Vater die Füße waschen. Auf die Männer, wenn sie die Gegebenheiten nutzen und sich als Herren ihres kleinen, verängstigten Universums aufspielen.

Fazit: Katharina Winkler schreibt unbeirrt an der ganzen Debatte um eine mögliche Unterdrückung der Frau im Islam vorbei und zeigt anhand dieses furchtbaren und wahren Einzelschicksals, dass eine Kultur, gleich welcher Prägung, in der Gewalt gegen Frauen und Kinder so selbstverständlich ist, immer weiter Gewalt und Leid hervorbringen wird. Ein erschreckendes und wichtiges Buch. Unbedingt lesenswert.

Katharina Winkler, „Blauschmuck“, Suhrkamp 2016, 196 S., 18,85€.

 

Die Autorin Katharina Winkler wird auch am 17.03. auf der Leipziger Buchmesse lesen.

Verena Friederike Hasel: Lasse

LasseDie Geschichte eines beängstigenden Charakters, der einen auf der Straße anlächeln könnte – man würde zurücklächeln.

Die Studentin Nina wird von Lennart operiert, verliebt sich in ihn und will sich mit ihm verabreden. Lennart hat sich gerade von seiner Freundin getrennt und lässt sich daher zunächst nur allzu gern auf sie ein. Nina lebt in den Tag hinein, schiebt ihre Prüfungen vor sich her, ansonsten schläft mit ihrem Professor und zieht ihr Selbstbewusstsein eigentlich ausschließlich aus ihrem Aussehen. Als sie nach kurzer Zeit von Lennart schwanger wird will er das Kind nicht. Sie will es, will ihren Sohn Lasse, um Lennart an sich zu binden – und damit nimmt ein Unglück seinen Lauf.

Die Geschichte wird aus Ninas Sicht erzählt, daher ist es bemerkenswert, dass sie bereits nach den ersten Seiten als  unsympathische Protagonistin, die stiehlt und heimlich die Tagebücher ihrer Freundin liest, auftritt. Doch die fehlende Sympathie für die Protagonistin verwandelt sich schnell in einen Kloß im Hals und das ungute Gefühl, dass sie nicht einfach unsympathisch ist, sondern das bei ihr etwas grundlegend schief läuft.
Die Autorin arbeitet mit kurzen, klaren Sätzen. So passiert es an einigen Stellen, dass ein einziger Satz ausreicht, um schlagartig Klarheit über das Ausmaß von Ninas Verhalten zu gewinnen. Die Schilderungen sind subtil; lange wird nicht deutlich, wie sehr sie klammert und in ihrem Kopf schon eine Beziehung mit Lennart führt, die aus seiner Sicht nicht existiert. Hin und wieder werden Passagen über ihre Kindheit und das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter eingeflochten, aus denen man schließen kann – der Leser ganz als Hobbypsychologe – woraus ihr beängstigendes Verhalten wohl resultiert.
Zu alldem kommt der Druck des perfekten Mutterseins, der sich hier in der Prenzlauer-Berg-ähnlichen Umgebung Ninas manifestiert und sich in der Pediküre für werdende Mütter, Mutter-Kind-Cafés und Hypno-Birthing-Kursen, Kinderwagen vom Preis eines Kleinwagens und der ständigen Kontrolle durch andere „bessere“ Mütter, zeigt. Ein Ort, an dem Helikopter-Eltern voll auf ihre Kosten kommen also. Aber Nina will unbedingt dazu gehören, um jeden Preis. Obwohl ihr das Geld fehlt. Und sie ihr Baby überhaupt nicht mag.

„Lasse“ schafft es durch seine subtilen Schilderungen, dem Leser einen Schauer nach dem anderen über den Rücken zu jagen. Es knüpft an die derzeit wieder verstärkt geführten Debatten über das Eltern- und besonders Muttersein an (Stillen? Impfen lassen? Plastikspielzeug?), überzeichnet sie und verwebt alles zu einer fesselnden Geschichte. Eine Empfehlung.

Verena Friederike Hasel, „Lasse“, ullstein 2015, ISBN-13 9783550080937, 208 S., 18,00€.