Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt (2017)

Letztes Jahr habe ich Hochgeschwenders „Geschichte der Amerikanischen Revolution“ gelesen. Das Buch hat mir gut gefallen, ich fand es informativ. Doch es erzählt ausschließlich die Geschichte des weißen Amerikas. Zwar gibt es ab und an Einschübe über die Kriege gegen Ureinwohner, doch ein Thema findet keinerlei Beachtung: Die Sklaverei, die durch die Europäer in Nordamerika Einzug hielt. Rassismus wird nicht thematisiert. Deshalb reizt es mich umso mehr, Ibram Kendis Sachbuch vorzustellen: Allein unter dem Gesichtspunkt „Rassismus“ erzählt er die Geschichte der Vereinigten Staaten vom Einlaufen der ersten Sklavenschiffe bis zur Wahl Obamas. Ein neuer, stark akzentuierter und hochdetaillierter Blick auf die amerikanische Geschichte.

20180210_102846-01-1338120592.jpeg

Eine lange Reise

Kendi gliedert sein Werk in fünf Teile, die chronologisch der Geschichte des Rassismus  anhand bekannter Persönlichkeiten nachgehen.

I. Zur Zeit des puritanischen Geistlichen Cotton Mather im 17./18. Jahrhundert wird eine menschliche „Rangordnung“ entwickelt, die schwarze Menschen gerade über Affen ansiedelt. Kenntnis afrikanischer Geschichte und Wissen über ehemalige Großreiche ist nicht vorhanden. Umso enthusiastischer werden afrikanische Sklaven eingeschifft. Doch bald schon entbrennt ein lang andauernder Streit darüber, ob man diese nicht christianisieren müsse; vielleicht würde dies ihren Gehorsam steigern?

II. Unter dem bekannten Präsident (und Sklavenhalter) Thomas Jefferson kommt die Theorie „Verbesserung durch Selbstverbesserung“ auf: Schwarze könnten weißer Verachtung dadurch begegnen, dass sie sich weißen Normen anpassen und dadurch zeigen, dass sie Menschenwürde (und später Bürgerrechte) tatsächlich verdienen. In dieser Zeit entstehen auch Stereotype, die bis heute überdauert haben: „dicke Hintern“, überdimensionierte äußere Geschlechtsmerkmale, Hypersexualität.

III. Kendi begleitet den Verleger und Sklavereigegner William Lloyd Garrison auf dem langen Weg der schrittweisen Gleichstellung der schwarzen Bevölkerung im 19. Jahrundert und setzt sich mit der in dieser Zeit gewichtigen Behauptung auseinander, Schwarze seien nicht bereit für die Freiheit. Sie müssten zunächst „zivilisiert“ werden. Die „Verbesserung durch Selbstverbesserung“ hat Hochkonjunktur.

IV. Mit W. E. B. du Bois sind wir schließlich im 20. Jahrhundert angekommen und begleiten erstmals einen Vertreter der schwarzen Elite durch die Jahrzehnte. Doch hier wird immer offenbarer, dass es auch unter der schwarzen Bevölkerung keine einheitliche „Front“ gibt:

„Andererseits betrachtete Du Bois wie auch die anderen Angehörigen der schwarzen Elite die Attacken seiner Kritiker gegen arme Schwarze und schwarze Frauen nicht unbedingt als rassistisch.“ (S. 307)

Immer offensichtlicher wird, dass hart erkämpfte Rechte gerade Frauen vorenthalten werden. Schwarze Frauen mit geringem Einkommen stehen ganz am Ende der rassistischen Nahrungskette. Beispielhaft ein Zitat des afroamerikanischen Schriftstellers William Hannibal Thomas (1846–1935):

 „90 Prozent der schwarzen Frauen, erklärte er, seien ‚von Natur aus lüstern und dem körperlichen Verlangen verfallen’, sie würden ein Leben voll Schmutz führen, das ‚in der modernen Zivilisation ohne Beispiel‘ sei.“ (S. 314)

V. Folgerichtig widmet sich Kendi dann auch im fünften Teil seines Buches der schwarzen Feministin und Bürgerrechtlerin Angela Davis (*1944). Hier gelangt der Leser über Black Power, Klu-Klux-Klan, Law-and-Order-Politik und wirtschaftliche Benachteiligung endlich ins Heute.

Eine schmerzhafte Reise

Die Reise, auf die Kendi seine Leser mitnimmt ist lang und mitunter schmerzhaft. Selten habe ich mich beim Lesen eines Buches so über himmelschreiende Ungerechtigkeit und Heuchelei geärgert. Das Buch hat mir geholfen zu verstehen, wie rassistische Mechanismen funktionieren und wie tief sie – sei es strukturell oder durch unbedachte Äußerungen – in unserer Gesellschaft verwurzelt sind.

An manchen Stellen ging mir Kendi zu weit, etwa wenn er dem einzigen Richter am Obersten Gericht, der sich gegen die Rassentrennung in Zugabteilen ausgesprochen hat – und dies sauber antirassistisch am Gesetzeswortlaut begründet – den in der Entscheidungen zum Ausdruck kommenden Antirassismus nicht zugesteht (S. 302). Oder wenn er Gefängnishaft mit Angela Davis pauschal als „Sklaverei“ bezeichnet (S. 448).

Auf der anderen Seite fand ich großartig, dass Kendi nicht davor zurückscheut, die rassistischen Äußerungen (gegen Schwarze wohlgemerkt) afroamerikanischer Persönlichkeiten zu benennen und besonders auf die Sexismus-Problematik hinweist.  Er rüttelt am historischen Bild bekannter Persönlichkeiten wie Jefferson, und Nixon, indem er deren Einstellung gegenüber Schwarzen offenlegt. Afroamerikanische Schriftstellerinnen und Bürgerrechtlerinnen finden in seinem Werk besondere Beachtung. Ein wenig mehr Informationen hätte ich mir aber zur Black-Panther-Bewegung gewünscht. Was genau waren ihre Ziele, welche Auswirkungen hatten ihre Anschläge auf die Bürgerrechtsbewegung?

Noch nie habe ich aus einem Werk so viele Zitate herausgeschrieben. Noch immer muss ich beim Durchblättern schlucken. Über „Tarzan“ und „Planet der Affen“ grüble ich seit dem Lesen dieses Buches; die US-amerikanische Anti-Drogen-Politik halte ich für noch problematischer als zuvor. Kendi hat mir historische Persönlichkeiten vorgestellt, von deren Existenz ich bislang nichts geahnt hatte. Er hat „Gebrandmarkt“ als Historiker und Aktivist geschrieben, das sollte man sich beim Lesen immer wieder klarmachen. Dann wird man mit diesem Buch aber prächtig zu Recht kommen und die Welt nach dem Lesen ein wenig mit anderen Augen sehen.


Ibram X. Kendi, „Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika“ (OT: Stamped from the Beginning, aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel und Heike Schlatterer), C. H. Beck 2017, 604 S., 34€, ISBN: 978-3-406-71230-2.

Zum Buch auf die Verlagsseite

Wissenstipp: Geschichte USA, Sklaverei, Rassismus, Gesellschaft

Arion Golmakani: Beraubte Wut (2015)

Golmakani_Beraubte WutArion Golmakani wurde Ende der 50er Jahre im Iran geboren und erzählt heute, nach vielen Jahrzehnten seine erschütternde Kindheitsgeschichte. Er berichtet von Hunger, Kälte und davon, wie er trotz zweier Eltern wie ein Waisenkind aufwuchs. Die Geschichte gibt einen spannenden Einblick in die iranische Gesellschaft der 60er und frühen 70er Jahre.

Arion, eigentlich auf den Namen Alireza getauft, kommt bei einer Mutter zur Welt, die als 13-jähriges Dorfkind verheiratet wurde. Als sein Vater sich kurz nach seiner Geburt scheiden lässt und sich weigert, für seinen Unterhalt aufzukommen, weiß seine Mutter weder ein noch aus. Ohne Schulbildung, noch dazu in der streng konservativen Stadt Mashad gestrandet, kann sie keiner Arbeit nachgehen. Als ihr einziger Ausweg, eine neue Heirat, auftaucht und sie schnell wieder schwanger wird, ist für Alireza kein Platz mehr. Er tingelt von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, hofft auf die Unterstützung von Verwandten und leidet trotz Hilfe doch oft Hunger und Kälte. Doch mit Hartnäckigkeit und dem unbedingten Streben nach Bildung schafft er es, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich aus den Fängen der Armut zu befreien.

Weiterlesen

Stephen A. Smith: Revolution in Russland (2017)

Smith_RusslandIn diesem Jahr jährte sich die Oktoberrevolution in Russland zum hundertsten Mal. Das brachte eine ganze Flut von Sachbuch-Neuerscheinungen mit sich. Das Jahr ist also wie gemacht dafür, endlich einmal mehr über russische Geschichte zu erfahren. Weil mich nicht allein die Revolutionsjahre interessieren, habe ich mich für Stephen A. Smiths Werk entschieden: Es ist eines der wenigen, das auch das größere zeitliche Umfeld mit in den Blick nimmt. Weiterlesen

Han Kang: Menschenwerk (2014/2017)

Kang_MenschenwerkHan Kang wurde dem breiten deutschsprachigen Publikum durch die Übersetzung ihres Romans „Die Vegetarierin“ bekannt. Ihr neues Buch „Menschenwerk“ erzählt die Geschichte des Gwangju-Massakers, der Niederschlagung der Demokratiebewegung im Südkorea der 1980er Jahre in solch einer außergewöhnlichen Klarheit, dass es dem Leser fast körperliche Schmerzen bereitet. Ein Plädoyer für Humanismus und die Abkehr von Gewalt.

Die im südwestlichen Südkorea gelegene Millionenstadt Gwangju erfährt schlagartig landesweite Berühmtheit: Im Mai 1980 demonstrieren zunächst Studenten, bald schon große Teile der Bevölkerung gegen die herrschende Militärdiktatur und das verhängte Kriegsrecht unter Chun Doo-hwan, der sich 1979 an die Macht geputscht hat. Die Demonstrationen werden vom Militär mit äußerster Härte niedergeschlagen; unbewaffnete Zivilisten werden erschossen, verletzte Teilnehmer in Krankenhäusern hingerichtet. Folter und Schikanen im Nachgang des Aufstandes sind an der Tagesordnung und noch Jahrzehnte später leiden die beteiligten Zivilisten unter der unaussprechlichen Gewalt, die an ihnen verübt wurde. Weiterlesen

Jonas Lüscher: Kraft (2017)

Was ursprünglich als Dissertation geplant war, wird zum Roman: Jonas Lüscher erzählt in „Kraft“ mit geistreichem Witz und skurrilem Humor die Geschichte eines Tübinger Rhetorik-Professors, der im Silicon Valley vor den Trümmern seines Lebens steht.

Lüscher_Kraft„Warum alles was ist, gut ist und wie wir es dennoch verbessern können“ – Zu dieser durch und durch optimistischen Weltanschauung soll Kraft als einer von vielen Geisteswissenschaftlern eine Argumentation liefern und dafür von einem reichen Investor eine Million Dollar einstreichen. Nichts leichter als das, denkt sich Kraft und reist für einen Monat ins Silicon Valley, um sich seinem Vortrag zu widmen. Was man mit einer Million nicht alles machen könnte: Sich von seiner Frau und seinen pubertierenden Zwillingen loskaufen, endlich die Unterhaltsschulden für die anderen beiden Kinder loswerden, noch einmal ganz neu anfangen,… Je länger Kraft auf den derzeitigen Zustand der Welt im Allgemeinen und sein bisheriges Leben im Besonderen blickt, merkt er: Eigentlich ist nichts gut, wie es ist. Eigentlich ist alles sogar ziemlich verkorkst.

Weiterlesen

Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts erkennt einer die Begabung des jungen und politisch unbedeutenden Feldherrn Karl Alexander schnell: Joseph Süß Oppenheimer, der sich bereitwillig als Finanzmann in die Dienste des jungen Adligen stellt. Als dieser dann tatsächlich Herzog von Württemberg und einer der mächtigsten Männer zwischen Preußen und Wien wird, erlebt auch „Jud Süß“, wie Oppenheimer gemeinhin genannt wird, einen kometenhaften Aufstieg. Als einer der reichsten Männer des Reiches residiert er in Prunk, sammelt Frauenbekanntschaften und Edelsteine; er hält alle Fäden in der Hand. Ein Geheimnis verbirgt der bedeutendste Mann des Reiches jedoch lange vor der Hofgesellschaft: Seine uneheliche Tochter, die fernab der restlichen Welt mit seinem Onkel, einem geheimnisumwitterten Kabbalisten, tief im jüdischen Glauben verwurzelt heranwächst. Oppenheimer liebt sie über alles und als sie sich vor dem zudringlichen Herzog in den Tod flüchtet, plant der Finanzminister sorgsam seine Rache.

Feuchtwanger_Jud Süß Weiterlesen

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter (2015)

9783328100188_CoverNein, nein, nein. Ich bin schon mit Skepsis an dieses Buch herangegangen. Zuerst musste natürlich „Wer die Nachtigall stört“ gelesen werden. Danach definitiv: Nein.

Scout kehrt nach einigen Jahren in New York für einen Sommer nach Maycomb zurück. Mitte zwanzig, erscheint ihr die Stadt kleiner und enger als je zuvor. Ihr Bruder Jem ist tot, doch sie freut sich auf ihren Vater Atticus und ihren vielleicht-bald-Verlobten-man-wird-sehen Henry. Als sie miterleben muss, wie beide in einem sogenannten Bürgerrat den hetzerischen rassistischen Ausschweifungen eines geladenen Redners lauschen, will sie empört wieder abreisen.

Dieses wiederentdeckte und von der Autorin nicht zur Veröffentlichung bestimmte Werk fällt qualitativ gegenüber „Wer die Nachtigall stört“ stark ab. Zu unausgereift ist die Geschichte, zu wenig plastisch die Charaktere, zu unausgegoren die Auflösung am Schluss. Die Sprache ist lange nicht so ausgefeilt und Figuren, denen in der „Nachtigall“ zum Glück eine viel größere Rolle zugestanden wird – Jem, Calpurnia! – kommen hier nur am Rande vor. Scout wirkt als junge Frau etwas aus ihrer Heimatumgebung gefallen, zu schnoddrig ist ihr Ton, zu schamlos ihre Bemerkungen; ihre detaillierte Darstellung als Kind in der „Nachtigall“ ist um einiges glaubwürdiger geraten.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“, der Titel einem Psalm entlehnt, ist deutlich als Sittenbild des Südens angelegt. Die Umsetzung ist allerdings aufdringlicher und weniger differenziert als in der „Nachtigall“. Man kommt gar nicht umhin, beide Werke zu vergleichen – bei diesem Vergleich zieht „Gehe hin“ leider deutlich den Kürzeren. Auch die kommentarlose Veröffentlichung ist schade. So ein Jahrhundertfund hätte schon ein ausführliches Nachwort verdient.

Trotz allem war es interessant, die liebgewonnenen Figuren einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten; zu erfahren, wie anders die Autorin das Thema ursprünglich angehen wollte. Obwohl mir das Buch nicht gefallen hat, schmälert es den Ruhm der Autorin nicht. Es zeigt auf, welche Entwicklungen eine erstmals erdachte Geschichte nehmen kann und wie viel Feinarbeit nötig ist, bis man einen Pulitzer-würdigen Roman vorlegt. „Wer die Nachtigall stört“ strahlt nach der Veröffentlichung dieses Manuskriptes noch heller.

Weitere Besprechungen finden sich u. a. bei Sätze und Schätze, minoherba und Papiergeflüster.

Harper Lee; Gehe hin, stelle einen Wächter (OT: Go, set a watchman, aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann); 320 S., 10 €, DVA 2016; ISBN-10: 3328100180.

k1024_leseliste

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (1960)

mockingbird.jpgDie Kleinstadt Maycomb, Alabama liegt in den 1930er Jahren fernab allen Übels, nur eine Zugstrecke verbindet sie mit dem Rest des Landes. Die Depression schlägt zwar auch hier zu, doch die neunjährige Scout verlebt mit Bruder Jem, Vater Atticus und ihrer mütterlichen Haushälterin Calpurnia eine glückliche Kindheit. Die schwarzen Einwohner des Ortes sind aus der Sklaverei entlassen worden, leben jedoch in ärmlichen Verhältnissen, sind Analphabeten und arbeiten immer noch unter Aufsicht der weißen Farmer. Man bleibt unter sich. Als Atticus vor Gericht einen schwarzen Arbeiter und mutmaßlichen Vergewaltiger einer weißen Frau verteidigt, offenbaren sich die Risse, die tief durch das idyllische Maycomb und den ganzen Süden der USA gehen.

Durch die Augen und Scout und Jem erfährt man nach und nach mit kindlicher Unschuld von dem Unrecht, das für die schwarze Bevölkerung allgegenwärtig ist. Diese wird nicht als einheitliche Masse beschrieben; mit Calpurnia, dem Pfarrer und Calpurnias Sohn greift Lee einige Figuren heraus, die einen kleinen Einblick in das Leben der Gemeinde geben.
Die vermeintlichen weißen Opfer entpuppen sich schnell als Lügner, die ihr ganzes Selbstbewusstsein daraus ziehen, in aller Armut und Erbärmlichkeit eben weiß und nicht schwarz zu sein – heute würde sie man wohl als „White Trash“ bezeichnen. Das Wissen um die Lüge hindert die Bewohner Maycombs allerdings nicht daran, Atticus und seine Familie zu bedrohen und als lynchender Mob durch die Straßen zu ziehen. Weiterlesen