Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts erkennt einer die Begabung des jungen und politisch unbedeutenden Feldherrn Karl Alexander schnell: Joseph Süß Oppenheimer, der sich bereitwillig als Finanzmann in die Dienste des jungen Adligen stellt. Als dieser dann tatsächlich Herzog von Württemberg und einer der mächtigsten Männer zwischen Preußen und Wien wird, erlebt auch „Jud Süß“, wie Oppenheimer gemeinhin genannt wird, einen kometenhaften Aufstieg. Als einer der reichsten Männer des Reiches residiert er in Prunk, sammelt Frauenbekanntschaften und Edelsteine; er hält alle Fäden in der Hand. Ein Geheimnis verbirgt der bedeutendste Mann des Reiches jedoch lange vor der Hofgesellschaft: Seine uneheliche Tochter, die fernab der restlichen Welt mit seinem Onkel, einem geheimnisumwitterten Kabbalisten, tief im jüdischen Glauben verwurzelt heranwächst. Oppenheimer liebt sie über alles und als sie sich vor dem zudringlichen Herzog in den Tod flüchtet, plant der Finanzminister sorgsam seine Rache.

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Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter (2015)

9783328100188_CoverNein, nein, nein. Ich bin schon mit Skepsis an dieses Buch herangegangen. Zuerst musste natürlich „Wer die Nachtigall stört“ gelesen werden. Danach definitiv: Nein.

Scout kehrt nach einigen Jahren in New York für einen Sommer nach Maycomb zurück. Mitte zwanzig, erscheint ihr die Stadt kleiner und enger als je zuvor. Ihr Bruder Jem ist tot, doch sie freut sich auf ihren Vater Atticus und ihren vielleicht-bald-Verlobten-man-wird-sehen Henry. Als sie miterleben muss, wie beide in einem sogenannten Bürgerrat den hetzerischen rassistischen Ausschweifungen eines geladenen Redners lauschen, will sie empört wieder abreisen.

Dieses wiederentdeckte und von der Autorin nicht zur Veröffentlichung bestimmte Werk fällt qualitativ gegenüber „Wer die Nachtigall stört“ stark ab. Zu unausgereift ist die Geschichte, zu wenig plastisch die Charaktere, zu unausgegoren die Auflösung am Schluss. Die Sprache ist lange nicht so ausgefeilt und Figuren, denen in der „Nachtigall“ zum Glück eine viel größere Rolle zugestanden wird – Jem, Calpurnia! – kommen hier nur am Rande vor. Scout wirkt als junge Frau etwas aus ihrer Heimatumgebung gefallen, zu schnoddrig ist ihr Ton, zu schamlos ihre Bemerkungen; ihre detaillierte Darstellung als Kind in der „Nachtigall“ ist um einiges glaubwürdiger geraten.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“, der Titel einem Psalm entlehnt, ist deutlich als Sittenbild des Südens angelegt. Die Umsetzung ist allerdings aufdringlicher und weniger differenziert als in der „Nachtigall“. Man kommt gar nicht umhin, beide Werke zu vergleichen – bei diesem Vergleich zieht „Gehe hin“ leider deutlich den Kürzeren. Auch die kommentarlose Veröffentlichung ist schade. So ein Jahrhundertfund hätte schon ein ausführliches Nachwort verdient.

Trotz allem war es interessant, die liebgewonnenen Figuren einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten; zu erfahren, wie anders die Autorin das Thema ursprünglich angehen wollte. Obwohl mir das Buch nicht gefallen hat, schmälert es den Ruhm der Autorin nicht. Es zeigt auf, welche Entwicklungen eine erstmals erdachte Geschichte nehmen kann und wie viel Feinarbeit nötig ist, bis man einen Pulitzer-würdigen Roman vorlegt. „Wer die Nachtigall stört“ strahlt nach der Veröffentlichung dieses Manuskriptes noch heller.

Weitere Besprechungen finden sich u. a. bei Sätze und Schätze, minoherba und Papiergeflüster.

Harper Lee; Gehe hin, stelle einen Wächter (OT: Go, set a watchman, aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann); 320 S., 10 €, DVA 2016; ISBN-10: 3328100180.

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Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (1960)

mockingbird.jpgDie Kleinstadt Maycomb, Alabama liegt in den 1930er Jahren fernab allen Übels, nur eine Zugstrecke verbindet sie mit dem Rest des Landes. Die Depression schlägt zwar auch hier zu, doch die neunjährige Scout verlebt mit Bruder Jem, Vater Atticus und ihrer mütterlichen Haushälterin Calpurnia eine glückliche Kindheit. Die schwarzen Einwohner des Ortes sind aus der Sklaverei entlassen worden, leben jedoch in ärmlichen Verhältnissen, sind Analphabeten und arbeiten immer noch unter Aufsicht der weißen Farmer. Man bleibt unter sich. Als Atticus vor Gericht einen schwarzen Arbeiter und mutmaßlichen Vergewaltiger einer weißen Frau verteidigt, offenbaren sich die Risse, die tief durch das idyllische Maycomb und den ganzen Süden der USA gehen.

Durch die Augen und Scout und Jem erfährt man nach und nach mit kindlicher Unschuld von dem Unrecht, das für die schwarze Bevölkerung allgegenwärtig ist. Diese wird nicht als einheitliche Masse beschrieben; mit Calpurnia, dem Pfarrer und Calpurnias Sohn greift Lee einige Figuren heraus, die einen kleinen Einblick in das Leben der Gemeinde geben.
Die vermeintlichen weißen Opfer entpuppen sich schnell als Lügner, die ihr ganzes Selbstbewusstsein daraus ziehen, in aller Armut und Erbärmlichkeit eben weiß und nicht schwarz zu sein – heute würde sie man wohl als „White Trash“ bezeichnen. Das Wissen um die Lüge hindert die Bewohner Maycombs allerdings nicht daran, Atticus und seine Familie zu bedrohen und als lynchender Mob durch die Straßen zu ziehen. Weiterlesen

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen (1891)

Es gibt Bücher, die schreien schon Schullektüre!, kaum hat man sie begonnen. Da geht’s ums Erwachsenwerden, am besten gepaart mit Historischem und Gesellschaftskritik. „Frühlings Erwachen“ passt da genau ins Bild – und ich bin heilfroh, dass es mir zu Schulzeiten erspart geblieben ist.

Zu Kaisers Zeiten herrschte eine verklemmte Sexualmoral. Schwierig für Heranwachsende, die nicht wissen wohin mit sich und der Welt. Da ist der intelligente Melchior, der weiß, wie es läuft und dies schriftlich für seinen Freund Moritz niederlegt – ungünstig, dass der Zettel in die Hände der Schulleitung gerät. Melchior steht auf Wendla, die er gern auch mal einvernehmlich schlägt. Wendla, die nicht weiß, wie es so funktioniert, wird schwanger. Und am Ende sind Wendla und Moritz tot.

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Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution

HochgeschwenderWie wurden die USA was sie heute sind? Gerade in diesen Nachwahlwochen blickt die Welt auf die USA – wie sie es seit ihrer Gründung getan hat. Doch wer sind „die Amerikaner“; was bewegte sie zur Unabhängigkeit? Michael Hochgeschwender liefert auf knapp 450 Seiten eine umfassende, fundierte und sehr lesbare Antwort für die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.

Der Münchener Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte konzentriert sich auf die Jahre 1763-1815 und zeichnet minutiös die Ereignisse nach, die zur Unabhängigkeit der ehemals britischen Kolonien führten. Die bekannte Tea-Party nimmt dabei nicht mehr Raum ein, als viele andere, ebenso wichtige Ereignisse. Hochgeschwender knüpft an amerikanische Geschichtsforschung an und zeigt, wo möglich, Kontinuitäten bis in die heutige Zeit auf. Seine Darstellung endet nicht mit der Unabhängigkeit der USA, vielmehr beschreibt er auch die ersten schwierigen Jahrzehnte nach der Revolution und zeigt dabei auf, dass es das eine amerikanische Interesse nie gegeben hat, dass Religion, Grundbesitz, Familienzugehörigkeiten und Verbindungen nach Großbritannien lange Zeit eine große Rolle spielten.

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Deutschland als Mittelpunkt litauischer Literatur? Die Zeit von 1945 bis 1949.

„Es heißt, dass von den insgesamt etwa 100.000 aus ihrer Heimat geflohenen Litauern etwa 58.000 Personen in DP [Displaced Persons] Camps auf deutschem Boden gelebt haben. Unter ihnen befand sich der größte Teil der politischen und kulturellen Elite des Landes, die den Krieg überlebt hatten und den sowjetischen Massendeportation entgangen waren. Da ab 1944 in Litauen selbst eine grausame stalinistische Sowjetisierung im Gange war, kann gesagt werden, dass etwa von 1945 bis 1949 Westdeutschland Standort und Schauplatz der litauischen Kultur (und also auch der litauischen Literatur) gewesen ist.“[1]

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Antanas Škėma: Das weiße Leintuch (1958/2017)

 

Skema- LeintuchDie Sehnsucht nach Litauen vergeht nie. In den geschäftigen Straßen von New York trifft man seine Landsleute; die Literatur – sie lebt im Exil fort. Fernab der sowjetischen Herrschaft schreibt manch einer mit litauischem Nationalpathos, ein anderer pflegt durch zahlreiche Anspielungen Geschichte und Kultur des Landes. Zu letzteren gehört der bereits 1961 verstorbene Dichter Antanas Škėma. Im US-amerikanischen Exil verfasste er mit „Das weiße Leintuch“ sein – zumindest außerhalb Litauens – bekanntestes Werk.

Škėmas Protagonist, der litauische Schriftsteller Antanas Garšva, lebt im New Yorker Exil. Von den Sowjets gefoltert, floh er über Deutschland in die USA, wo er nun als Liftboy arbeitet. Er raucht, trinkt und verliert sich in Affären, von denen er sich mal mehr, mal weniger verspricht. Lebensbedrohlich krank, schiebt er das klärende Gespräch mit dem Arzt vor sich her; gemeinsam mit seiner Geliebten will er leben, dabei schreiben und auch endlich wieder dichten.

Die Parallelen zum Leben des Autors stechen sofort ins Auge und auch sein Dichtertum merkt man der Erzählweise an: Seitenlange Assoziationsketten, die sich Bildern aus der baltischen, römischen oder griechischen Mythologie bedienen; dann historische und politische Andeutungen, die ohne die hilfreichen Anmerkungen des Verlages gar nicht zu verstehen wären. Orte, Plätze, Zeiten – alles verschwimmt und schon bald fühlt man sich ebenso gehetzt wie der Protagonist des Romans. Das schien auch der Autor gesehen zu haben, denn fast lacht man erleichtert auf, als er eine andere Figur das Werk seines Protagonisten kritisieren lässt: „Du jonglierst nur mit Bildern. Ohne Sinn.“ (S. 203)
Dann lässt Škėma Antanas Garšva etwas Luft holen; in fein formulierten Rückblicken entblättert er nach und nach die litauische Geschichte. Vom Krieg gegen Polen, der Unzugänglichkeit der Hauptstadt Vilnius, der deutschen und sowjetischen Besatzung, dem Widerstand, von Flucht und Vertreibung erzählt Škėma und geht dabei nicht über den Horizont seines Protagonisten hinaus. Diese Rückblicke sind viel lesbarer, verständlicher. Sind mehr Prosa als Lyrik.

Es heißt, Das weiße Leintuch habe auch heute noch großen Einfluss auf die litauische Literatur. Das ist ohne Weiteres vorstellbar, denn hier wird thematisch so viel angerissen; eine Quelle, aus der jüngere Autoren jahrzehntelang schöpfen können. Dazu legt Antanas Škėma hier auf mehr als 250 Seiten seinen facettenreichen Stil nieder. Da lässt sich abschauen, kopieren, vielleicht auch kritisieren und ausbauen. Und für den Leser, der mit hilfreichen Anmerkungen und Biografien im Anhang erstmals in die litauische Literatur eintaucht, eröffnet sich eine ganz neue Welt, die geprägt ist von Ost und West, so europäisch und dabei doch so fremd.

Antanas Škėma, Das weiße Leintuch (OT: Balta drobulė, 1958, aus dem Litauischen von Claudia Sinnig), Guggolz 2017, 255 S., 21€, ISBN 978-3-945370-10-0.

 

Georg Büchner: Leonce und Lena (1836)

georg_buchnerLeonce und Lena habe ich hauptsächlich zur Hand genommen, weil mir Büchner mit „Woyzeck“ sehr gefallen hat. Von dieser Mischung aus Komödie und politischer Satire war ich aber enttäuscht.

Zum Inhalt: Der gelangweilte und deshalb auch melancholische Anwärter auf den Königsthron Leonce flieht mit seinem launigen Diener und Freund Valerio vor einer arrangierten Heirat mit Prinzessin Lena. Lena befindet sich mit ihrer Gouvernante ebenso und aus dem gleichen Grund auf der Flucht. Die beiden treffen in einem Wirtshaus aufeinander und verlieben sich. Weiterlesen

Sutton E. Griggs: Imperium in Imperio (1899)

1899 erschienen, gilt Imperium in Imperio als Meilenstein schwarzer US- Literatur. Als Griggs sein Buch Anfang des letzten Jahrhunderts von Tür zu Tür ziehend verkaufte, avancierte es durch Mundpropaganda schnell zum Bestseller. Das ist auch durchaus zu verstehen, die Geschichte zweier talentierter junger Männer, von denen jeder, wäre er weiß gewesen, es wohl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hätte bringen können, muss einen unglaublichen Reiz auf Teile der gebeutelten schwarzen Bevölkerung der damaligen Zeit ausgeübt haben. Auch, dass die Geschichte die Bürgerrechtsbewegung der USA beeinflusst hat, ist gut nachzuvollziehen, ohne hierüber allerdings Näheres zu wissen. Die Idee von einem geheimen Zusammenschluss aller aufgrund ihrer Hautfarbe Diskriminierten, der so groß und auch so schlagkräftig wäre, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, ist durch und durch politisch und verlockend.

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