Frank Wedekind: Frühlings Erwachen (1891)

Es gibt Bücher, die schreien schon Schullektüre!, kaum hat man sie begonnen. Da geht’s ums Erwachsenwerden, am besten gepaart mit Historischem und Gesellschaftskritik. „Frühlings Erwachen“ passt da genau ins Bild – und ich bin heilfroh, dass es mir zu Schulzeiten erspart geblieben ist.

Zu Kaisers Zeiten herrschte eine verklemmte Sexualmoral. Schwierig für Heranwachsende, die nicht wissen wohin mit sich und der Welt. Da ist der intelligente Melchior, der weiß, wie es läuft und dies schriftlich für seinen Freund Moritz niederlegt – ungünstig, dass der Zettel in die Hände der Schulleitung gerät. Melchior steht auf Wendla, die er gern auch mal einvernehmlich schlägt. Wendla, die nicht weiß, wie es so funktioniert, wird schwanger. Und am Ende sind Wendla und Moritz tot.

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Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution

HochgeschwenderWie wurden die USA was sie heute sind? Gerade in diesen Nachwahlwochen blickt die Welt auf die USA – wie sie es seit ihrer Gründung getan hat. Doch wer sind „die Amerikaner“; was bewegte sie zur Unabhängigkeit? Michael Hochgeschwender liefert auf knapp 450 Seiten eine umfassende, fundierte und sehr lesbare Antwort für die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.

Der Münchener Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte konzentriert sich auf die Jahre 1763-1815 und zeichnet minutiös die Ereignisse nach, die zur Unabhängigkeit der ehemals britischen Kolonien führten. Die bekannte Tea-Party nimmt dabei nicht mehr Raum ein, als viele andere, ebenso wichtige Ereignisse. Hochgeschwender knüpft an amerikanische Geschichtsforschung an und zeigt, wo möglich, Kontinuitäten bis in die heutige Zeit auf. Seine Darstellung endet nicht mit der Unabhängigkeit der USA, vielmehr beschreibt er auch die ersten schwierigen Jahrzehnte nach der Revolution und zeigt dabei auf, dass es das eine amerikanische Interesse nie gegeben hat, dass Religion, Grundbesitz, Familienzugehörigkeiten und Verbindungen nach Großbritannien lange Zeit eine große Rolle spielten.

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Deutschland als Mittelpunkt litauischer Literatur? Die Zeit von 1945 bis 1949.

„Es heißt, dass von den insgesamt etwa 100.000 aus ihrer Heimat geflohenen Litauern etwa 58.000 Personen in DP [Displaced Persons] Camps auf deutschem Boden gelebt haben. Unter ihnen befand sich der größte Teil der politischen und kulturellen Elite des Landes, die den Krieg überlebt hatten und den sowjetischen Massendeportation entgangen waren. Da ab 1944 in Litauen selbst eine grausame stalinistische Sowjetisierung im Gange war, kann gesagt werden, dass etwa von 1945 bis 1949 Westdeutschland Standort und Schauplatz der litauischen Kultur (und also auch der litauischen Literatur) gewesen ist.“[1]

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Antanas Škėma: Das weiße Leintuch (1958/2017)

 

Skema- LeintuchDie Sehnsucht nach Litauen vergeht nie. In den geschäftigen Straßen von New York trifft man seine Landsleute; die Literatur – sie lebt im Exil fort. Fernab der sowjetischen Herrschaft schreibt manch einer mit litauischem Nationalpathos, ein anderer pflegt durch zahlreiche Anspielungen Geschichte und Kultur des Landes. Zu letzteren gehört der bereits 1961 verstorbene Dichter Antanas Škėma. Im US-amerikanischen Exil verfasste er mit „Das weiße Leintuch“ sein – zumindest außerhalb Litauens – bekanntestes Werk.

Škėmas Protagonist, der litauische Schriftsteller Antanas Garšva, lebt im New Yorker Exil. Von den Sowjets gefoltert, floh er über Deutschland in die USA, wo er nun als Liftboy arbeitet. Er raucht, trinkt und verliert sich in Affären, von denen er sich mal mehr, mal weniger verspricht. Lebensbedrohlich krank, schiebt er das klärende Gespräch mit dem Arzt vor sich her; gemeinsam mit seiner Geliebten will er leben, dabei schreiben und auch endlich wieder dichten.

Die Parallelen zum Leben des Autors stechen sofort ins Auge und auch sein Dichtertum merkt man der Erzählweise an: Seitenlange Assoziationsketten, die sich Bildern aus der baltischen, römischen oder griechischen Mythologie bedienen; dann historische und politische Andeutungen, die ohne die hilfreichen Anmerkungen des Verlages gar nicht zu verstehen wären. Orte, Plätze, Zeiten – alles verschwimmt und schon bald fühlt man sich ebenso gehetzt wie der Protagonist des Romans. Das schien auch der Autor gesehen zu haben, denn fast lacht man erleichtert auf, als er eine andere Figur das Werk seines Protagonisten kritisieren lässt: „Du jonglierst nur mit Bildern. Ohne Sinn.“ (S. 203)
Dann lässt Škėma Antanas Garšva etwas Luft holen; in fein formulierten Rückblicken entblättert er nach und nach die litauische Geschichte. Vom Krieg gegen Polen, der Unzugänglichkeit der Hauptstadt Vilnius, der deutschen und sowjetischen Besatzung, dem Widerstand, von Flucht und Vertreibung erzählt Škėma und geht dabei nicht über den Horizont seines Protagonisten hinaus. Diese Rückblicke sind viel lesbarer, verständlicher. Sind mehr Prosa als Lyrik.

Es heißt, Das weiße Leintuch habe auch heute noch großen Einfluss auf die litauische Literatur. Das ist ohne Weiteres vorstellbar, denn hier wird thematisch so viel angerissen; eine Quelle, aus der jüngere Autoren jahrzehntelang schöpfen können. Dazu legt Antanas Škėma hier auf mehr als 250 Seiten seinen facettenreichen Stil nieder. Da lässt sich abschauen, kopieren, vielleicht auch kritisieren und ausbauen. Und für den Leser, der mit hilfreichen Anmerkungen und Biografien im Anhang erstmals in die litauische Literatur eintaucht, eröffnet sich eine ganz neue Welt, die geprägt ist von Ost und West, so europäisch und dabei doch so fremd.

Antanas Škėma, Das weiße Leintuch (OT: Balta drobulė, 1958, aus dem Litauischen von Claudia Sinnig), Guggolz 2017, 255 S., 21€, ISBN 978-3-945370-10-0.

 

Georg Büchner: Leonce und Lena (1836)

georg_buchnerLeonce und Lena habe ich hauptsächlich zur Hand genommen, weil mir Büchner mit „Woyzeck“ sehr gefallen hat. Von dieser Mischung aus Komödie und politischer Satire war ich aber enttäuscht.

Zum Inhalt: Der gelangweilte und deshalb auch melancholische Anwärter auf den Königsthron Leonce flieht mit seinem launigen Diener und Freund Valerio vor einer arrangierten Heirat mit Prinzessin Lena. Lena befindet sich mit ihrer Gouvernante ebenso und aus dem gleichen Grund auf der Flucht. Die beiden treffen in einem Wirtshaus aufeinander und verlieben sich. Weiterlesen

Sutton E. Griggs: Imperium in Imperio (1899)

1899 erschienen, gilt Imperium in Imperio als Meilenstein schwarzer US- Literatur. Als Griggs sein Buch Anfang des letzten Jahrhunderts von Tür zu Tür ziehend verkaufte, avancierte es durch Mundpropaganda schnell zum Bestseller. Das ist auch durchaus zu verstehen, die Geschichte zweier talentierter junger Männer, von denen jeder, wäre er weiß gewesen, es wohl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hätte bringen können, muss einen unglaublichen Reiz auf Teile der gebeutelten schwarzen Bevölkerung der damaligen Zeit ausgeübt haben. Auch, dass die Geschichte die Bürgerrechtsbewegung der USA beeinflusst hat, ist gut nachzuvollziehen, ohne hierüber allerdings Näheres zu wissen. Die Idee von einem geheimen Zusammenschluss aller aufgrund ihrer Hautfarbe Diskriminierten, der so groß und auch so schlagkräftig wäre, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, ist durch und durch politisch und verlockend.

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Rainer Wieland: Das Buch des Reisens

wieland-rainerDieser Schatz von einem Buch enthält 69 Reiseberichte aus 2500 Jahren Menschheitsgeschichte. In dem ausführlichen Vorwort wird erklärt, dass nur Berichte aufgenommen wurden, von denen man annimmt, dass sie Reisen beschreiben, die tatsächlich stattgefunden haben. Die Berichte wurden dann meist von Teilnehmern der Reise selbst verfasst. Dadurch, dass man den Autor als Reisenden betrachtet, eröffnet sich ein ganz neuer Blickwinkel. Weiterlesen

Thornton Wilder: Die Brücke von San Luis Rey (1927)

Wilder Die BrückeEs sind fünf Menschen, die zusammen mit einer alten Inka-Brücke in die Tiefe stürzen: Eine schrullige Alte zusammen mit ihrer jungen Gesellschafterin, ein Lebenskünstler mit einem kleinen Jungen und ein von Trauer über den Tod seines Zwillingsbruders gebeugter Mann. Wer sie waren und warum sie so plötzlich sterben mussten, versucht ein Mönch im Peru des Jahres 1714 heraus zu finden.

Der Mönch, der die Brücke vor seinen Augen abstürzen sieht, ist anfangs voller Hoffnung, in den Lebensgeschichten der Verunglückten ein verbindendes Element zu entdecken. Er sucht dabei nach einem (göttlichen) Sinn, der das Leben und Sterben der Menschen bestimmt und landet dafür, als er ihn nicht finden kann, auf dem Scheiterhaufen.
Ein anderer Aspekt steht dabei ebenso deutlich im Vordergrund: Die Figuren, die auf der Brücke abstürzen, haben erst kurz zuvor beschlossen, ihr Leben zu ändern. Sie alle waren von den Umständen gebeutelt, sahen sich in Trauer, Sehnsucht oder Einsamkeit gefangen. Als sie dann beschließen, etwas daran zu ändern, stürzen sie ab. Über allem liegt ein unabwendbares Schicksal, grausam in seiner Zufälligkeit.

Besonders bemerkenswert ist die ausgefeilte Sprache Wilders, die es auch schafft, Armut und Krankheit in würdevolle Worte zu kleiden. Die Sprache trägt auch dazu bei, dass man als Leser völlig in jede der Geschichten eintauchen kann und zeitweise vergisst, dass die jeweilige Hauptfigur am Ende ihren Tod finden wird. Dieser kommt dann auch jedesmal überraschend. Wie für die Figur selbst.
Als Vorlage für diese Geschichte diente Wilder einaktiges Theaterstück. Vielleicht spielt deshalb das Theater in seiner Erzählung eine so große Rolle. Er lobt die Größen des spanischen Theaters des 18. Jahrhunderts und versucht zu rekonstruieren, wie man in Lima die Autoren aus Madrid aufnahm. Überhaupt bekommt man die nicht allzu häufige Gelegenheit, Spanien aus Perspektive einer seiner Kolonien zu betrachten.

Fazit: „Die Brücke von San Luis Rey“ ist ein geschickt gestricktes Werk mit wunderschöner Sprache und tiefgründigen Gedanken.

Über den Autor: Der amerikanische Autor Thornton Wilder erhielt für „Die Brücke von San Luis Rey“ 1928 den Pulitzer-Preis. Er selbst ist nie in Peru gewesen. [1]

Thornton Wilder „Die Brücke von San Luis Rey“ (OT: The Bridge of San Luis Rey), Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit, Fischer Taschenbuch 2015 (1927), 176 S.


Eine andere Stimme zum Buch bei Ein Jahrhundert lesen

[1] http://www.twildersociety.org/works/the-bridge-of-san-luis-rey/

 

György Dragomán: Der Scheiterhaufen

ScheiterhaufenIn einem Land ohne Namen, einige Monate nach dem blutigen Sturz eines namenlosen Generals. Nichts gibt Autor Dragomán preis, doch weiß der Leser, dass er sich im Rumänien der früher 90er Jahre befindet, vielleicht in Siebenbürgen, denn die Figuren tragen ungarische Namen. Die Menschen dort hadern mit der neuen Ordnung. Besser als die alte ist sie, doch was geschieht mit den Machthabern von damals, wer bestraft die Regimespitzel, die immer noch unter ihnen wohnen? Wohin sind die Toten geschafft worden, die die Staatssicherheit in einem letzten Machtakt ihren Angehörigen entriss?

Was dramatischer nicht sein könnte, besonders angesichts der vielen Umstürze, die andernorts zur selben Zeit friedlich verliefen, wird in „Der Scheiterhaufen“ aus ungewohnter Perspektive erzählt: Die Welt der dreizehnjährigen Emma wandelt sich jäh, sie verliert ihre Eltern bei einem Autounfall und wird von ihrer Großmutter aufgenommen, einer Frau, von deren Existenz sie bislang nichts wusste. Die knochige alte Frau erscheint schon auf den ersten Blick als ungeeignet, sich um das verletzte Mädchen zu kümmern und ihr Halt zu geben, als sie in der neuen Schule prompt gemieden und bedroht wird. Doch Emma weiß sich durchzusetzen und nach und nach gelingt auch eine langsame, zarte Annäherung an die Großmutter.

Die Figuren haben Wiedererkennungswert. Die knöcherne Großmutter, die an eine Märchenhexe erinnert und sich auch so benimmt. Beim Kaffeesatzlesen, beim Formen von Lehmmenschen: Sie versteckt ihren Spuk nicht vor ihrer Enkelin und lässt sie wie selbstverständlich daran teilhaben. Der durch das Haus geisternde tote Großvater erschreckt die junge Emma so auch nicht, vielmehr fügt er sich ein in das Haus, das man sich unweigerlich altersschief vorstellt. Emma selbst unternimmt immer wieder Anstalten, sich der Methoden ihrer Großmutter zu bedienen, etwa, wenn sie sich den Finger ritzt und hofft, mit diesem Blutzoll das Geschehen in ihrem Willen beeinflussen zu können.

Dabei geht es außerhalb des Hauses weniger esoterisch zu: In der Schule wird hart zugeschlagen, die Methoden dort und das Verhalten der Schüler erscheinen als grausam. Doch Emma beißt sich hier durch, behauptet sich gegenüber ihren Mitschülern und wird gefördert: Der Zeichenlehrer erkennt ihr Talent, ebenso der Sportlehrer, der sie im Laufen trainiert, die Bibliothekarin nähert sich ihr als Freundin. Und doch bleibt Emma häufig für sich, ihre Beobachtungen sind detailliert. Hier sieht das zeichnende Auge; ihre Naturverbundenheit lässt sie Freundschaft mit den Ameisen schließen und der Baum, der im Garten des Großmutterhauses steht, fungiert fast als ebenbürtiger Protagonist, der schon lange an Ort und Stelle steht, viel Kummer und Leid mit angesehen hat. So sind auch die Orte des Romans markant, neben dem Garten mit der verbotenen wimmernden Hütte ist es der Wald mit der Fuchsfarm, die Schule, die namenlose Stadt, in deren Straßen schon bald wieder Uniformierte patrouillieren sollen.

Die Übersetzung aus dem Ungarischen ist gelungen, an einigen Stellen wurden Eigenheiten der Sprache übernommen, die sich im Deutschen nicht sofort erschließen, etwa, wenn es um das eine Wort geht, das wichtigste, das zwei Menschen einander sagen können und das im Deutschen doch eigentlich drei Worte sind. Die Sprache Dragománs selbst  ist wunderbar lakonisch. Seine Sätze sind schnörkellos, manchmal an Kürze nicht zu unterbieten: Großmutter.

Inhaltlich wird die Zeitgeschichte auf beeindruckende Weise in diesen Roman, der auch Entwicklungsroman ist, eingeflochten: Die Protagonistin ist aufgeweckt, denkt viel und beobachtet noch mehr. Ihr fehlt das Wissen um die Entwicklung des Landes, somit erfährt der Leser nur ausschnittsweise und nur durch ihre Augen, was gewesen ist, was geschieht. Der Blick ist weniger naiv als vielmehr unverstellt. Emma bewertet nicht, sie erzählt, was sie sieht, es bleibt dem Leser überlassen, das Beschriebene näher einzuordnen. So wird nur vage berichtet, wie schmerzhaft die Revolution für jeden einzelnen war, dass jeder Erwachsene irgendeine Stellung dazu bezieht und die Kinder nachplappern, was sie hören. Andeutungsweise erfährt man so, dass der Zeichenlehrer an vorderster Front gegen das Regime kämpfte, Emmas Vater wegen seiner „subversiven“ Bilder in Schwierigkeiten geriet, der Sportlehrer immer noch nach versteckten Massengräbern sucht. Klare Aussagen trifft dann die Großmutter, die mit Emma ihre Erinnerungen daran teilt, wie sie ihre beste Freundin und deren Familie versteckte und über ihr Scheitern verrückt wurde.

„Der Scheiterhaufen“ handelt von der Wahrheit: Was ist sie und wer kennt sie? Kann sie uns befreien? Jetzt sind wir frei und kennen die Wahrheit trotzdem nicht. Werden wir erst wirklich frei, wenn wir sie erzwingen, notfalls mit Gewalt? Dragománs Roman macht sich die Aufarbeitung von Schrecken zum Thema, die nicht geradlinig verläuft, sondern von bestimmten Ereignissen befördert und durch Erinnerung getrübt wird. Und die sehr lange andauern und doch noch nicht abgeschlossen sein kann.

György Dragomán, „Der Scheiterhaufen“ (OT: Máglya, aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer), Suhrkamp 2015, 494 S., 24,95€.

 

„Der Scheiterhaufen“ wurde auch gelesen und besprochen von:

zeichenundzeiten

der buchhändlerin

und – diese Rezension ist fast selbst schon ein Kunstwerk – Andreas Breitenstein in der NZZ