Wednesday Martin: Primates of Park Avenue


PrimatesReich, reicher, die Upper East Side. Welche kulturellen Besonderheiten die New Yorker Hochglanzwelt bereithält, schildert Wednesday Martin in ihrem viel diskutierten Buch „Primates of Park Avenue“.

Die Sozialforscherin nimmt besonders Mütter unter die Lupe: sie sehen umwerfend aus, sind phänomenal gekleidet und würden für ihre Kinder alles tun. Die Vielzahl an Rezensionen, die zu diesem Werk erschienen sind, greifen besonders diesen Glamour-Aspekt des Werkes auf.
Natürlich werden die Namen bekannter Designer im Name-Dropping-Stil fallen gelassen und sicher weiß man nach der Lektüre, welche Handtaschenmodelle im Jahr des Erscheinens durch die Upper-East-Side geschaukelt wurden. Interessant sind auch Martins Berichte darüber, nach welch krudem System Immobilien verwaltet werden und welcher „Qualifikationen“ es bedarf, um Mieter in den begehrtesten Häusern mit bestem Blick auf den Central Park zu werden.

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Jean Hanff Korelitz: Du hättest es wissen können

Korelitz - Du hättest es wissen könnenDie New Yorker High Society Paartherapeutin Grace entscheidet nach etlichen Sitzungen mit unglücklichen Paaren: Da ist meist nichts mehr zu retten, sie passen einfach nicht zueinander und hätten es von Anfang an wissen können.

Jetzt steht sie kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Buches, in das sie all die Weisheiten der letzten Jahre gesteckt hat und glaubt sich auch dazu berechtigt, einem breiten Publikum Ratschläge zu erteilen: Schließlich läuft bei ihr alles bestens, ein begabter Sohn auf einer renommierten Privatschule, ein liebender Ehemann (pädiatrischer Onkologe – Wer kann so was schon?). Doch als die Mutter eines Mitschülers ihres Sohnes ermordet wird und ihr eigener Mann spurlos verschwindet, tut sich vor ihr ein Abgrund auf und sie muss sich fragen: Hätte ich es wissen können?

Zum Inhalt: Durch den Klappentext schon auf die richtige Spur gesetzt, weiß man als Leser sofort, dass nicht alles so gut bei ihr läuft, wie Protagonistin Grace das noch zu Beginn der Geschichte glaubt. Man hat ihr gegenüber einen Wissensvorsprung, der dazu führt, dass die Geschichte eher langsam anläuft. Zum Ende hin nimmt sie dann aber an Fahrt auf und die während des Lesens gestrickten Knoten lösen sich elegant und erhellend auf.

Zu Beginn noch in New York, lernt man durch Graces Augen die Mitglieder der oberen Gesellschaftsschicht kennen. Obwohl die Protagonistin immer wieder kritische Anmerkungen macht  (etwa zur Praxis, seine Kinder fast vollständig von einsamen, gastarbeitenden Kindermädchen aufziehen zu lassen), merkt man doch, wie sehr sie selbst in den dortigen Strukturen verhaftet ist und wie sehr sie Luxus genießt, den sie aber gar nicht als solchen wahrnimmt (zum Beispiel: die halbe Theke des Feinkostladens auf dem heimischen Küchentisch). Die New Yorker Figuren ist größtenteils klischeehaft gezeichnet, und die Autorin scheint auch davon auszugehen, dass jedem Leser das Bild der typischen „Glamorous Stay at Home Mum“ vor Augen steht, denn nähere Informationen zu den Figuren bekommt man nicht. Es klärt sich nie auf, warum genau die „fürchterliche Sally“ so furchtbar ist und was den alten ungarischen Geigenlehrer so grimmig hat werden lassen; hier hätte man sich ein bisschen mehr Liebe zum Detail gewünscht.

Als Leser weiß man sehr schnell, worum es geht: Die Protagonistin hält ihre Familie und ihr Leben für so wunderbar, dass sie nicht im Traum darauf käme, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt. Daher wirkt es sehr dick aufgetragen, wenn sie immer wieder ihren so „sensiblen und begabten“ Sohn lobt (und alle anderen Figuren mit einstimmen!) oder von ihrem Mann erzählt, dessen Verhalten sie nicht einmal ansatzweise hinterfragt. Parallel dazu schildert sie nämlich genau dieses Verhalten bei ihren Patienten als Grund dafür, dass ihre Beziehungen scheitern. Ob die Übertreibung hier ein Stilmittel ist, wird nicht recht deutlich, eher wirkt es so, als winke man dem Leser gleich mit einem ganzen Zaun.

Besonders ins Auge springt auch eine andere Unstimmigkeit: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der jüdischen Identität der Protagonistin und dem Gesagten. Die Figur scheint in keiner Weise religiös zu sein oder sich über ihre Familie und Bekannten hinaus mit der jüdischen Community in New York verbunden zu fühlen. Dann aber lässt sie Sätze fallen wie „Das Auto war ein deutsches Modell, nichts, was ein sensibler Jude fahren sollte“ und als Leser reibt man sich ungläubig die Augen, denn dieser Satz steht in so gar keinem Zusammenhang mit ihrem bisherigen Verhalten und wirkt daher auffallend deplatziert.

Fazit: „Du hättest es wissen können“ ist insgesamt unterhaltsam, aber auch vorhersehbar. Die Protagonistin wirkt, obwohl die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt wird, seltsam unnahbar. Das ändert sich erst zum Schluss ein wenig, als sie ihren Schmerz in langen einsamen Tagen in einer eiskalten Hütte zulässt und man als Leser an ihren Gefühlen teilhaben kann. Die Art der Beschreibungen, besonders die streckenweise Detailarmut, lassen mutmaßen, dass sich das Buch gut für eine Verfilmung eignen würde. Ob es, wie bei „Admission“, einem anderem Roman der Autorin, dazu kommt, bleibt abzuwarten.

Jean Hanff Korelitz, „Du hättest es wissen können“ (OT: You should have known), Ullstein Taschenbuch 2016, 480 S., 12,99€.

 

Nick McDonell: Zwölf (2003)

McDonell_ZwölfReißerisch als ,,literarischer Amoklauf“ betitelt und vor einiger Zeit gar mit einigen Shootingstars verfilmt, machte mich der ,,Überraschungserfolg“ neugierig. An ,,Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sollte der Roman heranreichen-und dann auch noch von einem Siebzehnjährigen geschrieben. Na dann mal los.

Der siebzehnjährige Mike hat seine Schullaufbahn an einer teuren Privatschule beendet und macht erstmal eine Auszeit, bevor er sein weiteres Leben in Angriff nimmt. Was genau er eigentlich tut, fragt sich niemand. Auch dass er die Sprösslinge der New Yorker High Society als Dealer ,,White Mike“ mit Drogen versorgt, ist ein offenes Geheimnis. Dass er selbst weder raucht noch trinkt verwirrt seine Teenager-Kunden nur kurz – eben so lange, bis sie sich dem Drogenrausch hingeben. Um der Langeweile der Ferien zu entkommen, findet jeder einen anderen Weg: der eine modelt, der andere bewaffnet sich bis an die Zähne mit illegalem Kriegszubehör. Doch eins haben sie gemeinsam. Sie alle wollen an der größten Sylvester-Party des Jahres teilnehmen. Der größten Party überhaupt. Klar, dass da auch White Mikes Stoff und die neue Partydroge ,,Zwölf“ nicht fehlen dürfen.

Fazit: Der Roman des siebzehnjährigen Nick McDonell wurde allerorts groß angepriesen, dementsprechend hoch waren auch meine Erwartungen. Die Gliederung in sehr kurze, meist nur ein- oder zweiseitige, Kapitel kam der Geschichte, die sich mit dem Leben verschiedenster Charaktere beschäftigte, sehr entgegen und verlieh dem Roman etwas Gehetztes – durchaus zur Thematik passend also. White Mike kam als intelligenter, nachdenklicher Teenager daher, dessen abschweifende Gedanken der Geschichte Tiefe gaben und ihr etwas die Oberflächlichkeit nahmen. Die einzelnen Teenager dagegen sind allesamt derart problembeladen, dass der Leser, ohne die Geschichte zu kennen, die Katastrophe schon kommen sieht. Der prophezeite ,,Schock“ am Ende des Romans ist bei mir allerdings ausgeblieben, was vielleicht daher kam, dass ich mich kaum mit den Figuren identifizieren konnte und auch ihre teilweise recht ähnlichen Geschichten keinen Wiedererkennungswert hatten, sodass ich die Charaktere verschiedentlich verwechselte. Betrachtet man den persönlichen Hintergrund des Autors, der eben aus jener beschriebenen Oberklasse New Yorks stammt, so ist der kritische Blick auf die Verhältnisse der Altersgenossen durchaus gelungen und nachvollziehbar. Für mich war ,,Zwölf“ daher eine kurzweilige, nicht allzu realistische, aber unterhaltsame Sicht auf den Geldadel Amerikas.

Nick McDonell ,,Zwölf“, OT: ,,Twelve“ aus d. Amerikan. v. Thomas Gunkel, KiWi 2009, 231 S., 7,95€