Vorgelesen: Vertonte Kurzgeschichten bekannter Autoren II

Ich habe mich wieder auf vorleser.net umgehört – im wahrsten Sinne des Wortes – einer Seite, auf der professionelle Sprecher bekannte und weniger bekannte Kurzwerke namhafter Autoren zum kostenfreien Download einstellen.

Dieses Mal waren große Namen aus der Kategorie „Sachliches und Geistiges“ dabei:

Niccolò Machiavelli: Der Staat, 1513 (ca. 11 min)

Diese Abhandlung über gelungenen Staatsaufbau ist, auch wenn kurz, nichts für nebenbei. Ich fand es schwierig, solch dichten theoretischen Ausführungen „nebenbei“ zu folgen. Vielleicht ist es anders, wenn man sich hinsetzt, sich gar Notizen zum Gehörten macht. Ich jedenfalls fand die Umsetzung als Hörbuch schwierig; diesen Text würde ich mir eher auf einem Blatt Papier (mit der Möglichkeit zu unterstreichen) wünschen.


Sigmund Freud: Der Krankheitsfall Katharina (ca. 23 min)

Ein Arzt kehrt in einen abgeschiedenen Berggasthof ein. Die junge Kellnerin Katharina wendet sich vertrauensvoll an ihn: Sie leide an starken Kopfschmerzen und Atemnot, die sie sich nicht erklären könne.
Nun ja… es ist Freud. Die Ursache liegt natürlich in der Sexualität der Patientin. Interessant ist hier, wie die Geschichte nach und nach aufgerollt wird. Lässt sich gut anhören. Etwas anders sieht es aus bei

Sigmund Freud: Märchenstoffe (ca. 15 min)

Diese Traumanalysen sind wirklich nur etwas für hart gesottene Freudianer – oder alle, die sich auf deren Kosten amüsieren möchten. Rumpelstilzchen, eine steile Treppe – worauf läuft das hinaus? Genau: Auf verdrängte sexuelle Erfahrungen und Penisneid. Hier hat Freud wirklich schwere Geschütze aufgefahren und viel seiner Theorie in ein kurzes Essay gepackt. Erzählerisch ist es nicht spannend, dafür fallen fast alle Begriffe, die man mit Freud verbindet.

 

 

 

Vorgelesen: Vertonte Kurzgeschichten bekannter Autoren

Im Grunde bin ich kein großer Hörbuch-Fan. Viel lieber habe ich das entsprechende Buch in der Hand, kann es mit mir herumtragen, wie ich möchte, kann es einfach aufschlagen und muss es nicht anschalten oder seinen Akku laden.

In der letzten Zeit habe ich mich aber über vorleser.net, einer Seite, auf der professionelle Sprecher ältere, d.h. mittlerweile „gemeinfreie“ Geschichten vertonen und kostenfrei zur Verfügung stellen, umgesehen. Neben mehrstündigen Hörbüchern gibt es auch viele kurze Geschichten bekannter Autoren, die aber nie die gleiche Bekanntheit wie ihre Hauptwerke erlangt haben. Hier eine Vorstellung von vier kurzen Geschichten, vielleicht als Einstieg zu längerem Hörbuch-Hören (?):

 

Rainer Maria Rilkes „Die goldene Kiste (11m 59s) erzählt die Geschichte einer Witwe, deren kleiner Sohn vom ärmlichen Zimmer aus die glänzenden Särge des gegenüberliegenden Bestatters bewundert und sich über ihre Schönheit freut. Die Geschichte fängt wunderbar die kindliche Unbeschwertheit des Jungen ein und die ängstliche Hilflosigkeit, die seine Mutter befällt, als ihr Sohn erkrankt. Als Hörer sieht man die beiden in ihrem beengten dunklen Zimmer fast vor sich.


 

Joseph Roths „Barbara (28 m 47s) ist die Geschichte einer gebeutelten Frau, die früh Vater und Mutter verliert und von ihrem Onkel mit einem Tischlermeister verheiratet wird, dessen Emotionalität der eines Stück Holzes entspricht. Als auch er verstirbt, bleibt Barbara nur ihr Sohn, für den sie bedingungslos alles aufgibt: ihre Gesundheit und auch ihr persönliches Glück. Als sie auf dem Sterbebett liegt, zeigt sich jedoch, dass ihr Sohn mehr von seinem Vater hat, als sie sich hätte träumen lassen. Die Geschichte hat einen deprimierenden Charakter, anders als in Rilkes „Die goldene Kiste“ fühlt man als Hörer nicht wirklich mit Barbara und ihr lakonisches Ende bringt eine ziemliche Ernüchterung mit sich.


 

Die drei Zechpreller von Honoré de Balzac (24m 46s) erzählt die Geschichte dreier Betrüger, die versuchen, sich mit viel List und wenig Geld bei einem Wirt durchfüttern zu lassen. Diese Geschichte hat mir von den vier gehörten am wenigsten gefallen. Die drei Zechpreller kamen mir nicht wirklich listig vor, die Geschichten, die sie und der Wirt erzählen, fand ich eher derb als unterhaltsam.


 

Von Klabund wurden mehrere Geschichten „erotischer Literatur ‚alten Stils‘, ohne Details aber mit feiner Ironie“, wie es heißt, vertont. So auch „Der Kammerdiener“ (16m 10s), der die Geschichte eines Dieners bei einem umtriebigen Grafen erzählt. Zu seinen Aufgaben als Kammerdiener gehört es nicht nur, den Grafen herzurichten, sondern auch, seine zahlreichen Liebschaften zu decken. Doch obwohl nach außen hin professionell, gehen dem Kammerdiener die Eskapaden seines Herrn nahe. Die Geschichte ist wirklich nicht übermäßig detailreich, dafür gibt es eine überraschende Wendung und hin und wieder eine ironische Bemerkung.

 

Weitere Berichte zu Gehörtem folgen!

♫ Tschingis Aitmatow: Dshamilja

In „Dshamilja“ berichtet der fünfzehnjährige Said von einer der schönsten Liebesgeschichten der jüngeren Literatur. Wo sie sich zuträgt? Im Kirgistan des Jahres 1943.
Während Saids älterer Bruder an der Front weilt, kehrt ein anderer, vom Krieg gezeichneter Soldat in sein Heimatdorf zurück. Danijar, der still und verschlossen stets Außenseiter bleibt. Doch als Dshamilja, die Saids Bruder geheiratet hatte, kurz bevor er eingezogen wurde, und Said mit dem nachdenklichen Danijar täglich Getreidelieferungen zum nächsten Bahnhof bringen müssen, verlieben sich die verheiratete Frau und der Kriegsheimkehrer. Der junge Said wird Mitwisser einer Liebe, die in der patriarchalischen Tradition des ehemaligen Nomadenvolkes nicht gebilligt wird.

Entweder, man findet Aitmatows „Dshamilja“ kitschig, oder aber wunderschön. Ich tendiere zu letzterem, denn nicht nur die zaghaft gegen alle Widerstände aufkeimende Liebe, sondern auch die Steppenlandschaft, die eben so wichtig ist, wie jeder der Protagonisten, wird in ihrer unglaublichen Schönheit beschrieben. Der Arbeitsalltag in der Kolchose, körperlich harte Arbeit als alles überstrahlender Lebensinhalt, das scheint uns heute ein wenig fremd. Aitmatow schildert die Getreideernte und die familiären Bindungen so eingehend, dass man das kirgisische Dorf vor sich sieht, den Duft der Steppe ebenso riecht, wie den Mist der Pferde.
Mal weiß man mehr als der fünfzehnjährige Said, der seine eigene Liebe Dshamilja, seiner Schwägerin gegenüber, noch nicht einzuordnen vermag. Dann wieder lässt man sich bereitwillig ein auf die reflektierten Äußerungen von Saids älterem Ich, das sich immer wieder erklärend zu Wort meldet.

Ulrich Matthes gelingt es mit seiner angenehmen Stimme, einfach vom einfachen Leben zu erzählen und Pausen einzustreuen, um die Tiefe der Emotionen auch dem geneigten Hörer zu überbringen. Er trägt Aitmatows poetische Schilderungen so schlicht vor, dass sich die herbe, unbekannte Schönheit der Steppe vor den Augen des Hörers darstellt; dass er das Ächzen der vollbeladenen Wagen und das kraftvolle Rauschen des Flusses zu hören meint.

Obwohl mit „Krieg“ und „Kolchose“ immer wieder auf den Sozialismus verwiesen wird, ja, „Dshamilja“ sogar Pflichtlektüre in den Schulen der DDR war, ist der Inhalt von Aitmatows Erzählung kein Politikum. Die  Bedingungen des Kolchose-Lebens gehören ebenso wie der Islam und der Respekt vor den nomadischen Ahnen zur Lebenswelt der Protagonisten, die man als Hörer interessiert annimmt. „Dshamilja“ ist nicht einfach nur eine Liebesgeschichte- denn davon gibt es viele. Aitmatows Erzählung führte mich in eine faszinierende, unbekannte Welt, mit deren Existenz ich mich bisher noch nie befasst hatte. Dieses Hörbuch war ein wahrer Glücksgriff.

Kirgistan, Kriegserleben, Kolchose-Alltag, Leben in nomadischer Tradition

Hörbuch-Challenge 10in6

Bisher habe ich leider viel zu selten Hörbücher gehört- und genau das soll sich jetzt ändern. Deshalb starte ich hier meine erste eigene Herausforderung, die

Ziel: 10 Hörbücher in sechs Monaten hören, Genre und Länge spielen dabei keine Rolle
Zeitraum: 1. Juli – 31. Dezember 2011

„Richtiges“ Buch, oder lieber was auf die Ohren? Wie und wo hört ihr; Männer- oder Frauenstimme, gruselig oder lieber entspannend? Macht mit und schreibt!


1. Tschingis Aitmatow: Dshamilja