Arion Golmakani: Beraubte Wut (2015)

Golmakani_Beraubte WutArion Golmakani wurde Ende der 50er Jahre im Iran geboren und erzählt heute, nach vielen Jahrzehnten seine erschütternde Kindheitsgeschichte. Er berichtet von Hunger, Kälte und davon, wie er trotz zweier Eltern wie ein Waisenkind aufwuchs. Die Geschichte gibt einen spannenden Einblick in die iranische Gesellschaft der 60er und frühen 70er Jahre.

Arion, eigentlich auf den Namen Alireza getauft, kommt bei einer Mutter zur Welt, die als 13-jähriges Dorfkind verheiratet wurde. Als sein Vater sich kurz nach seiner Geburt scheiden lässt und sich weigert, für seinen Unterhalt aufzukommen, weiß seine Mutter weder ein noch aus. Ohne Schulbildung, noch dazu in der streng konservativen Stadt Mashad gestrandet, kann sie keiner Arbeit nachgehen. Als ihr einziger Ausweg, eine neue Heirat, auftaucht und sie schnell wieder schwanger wird, ist für Alireza kein Platz mehr. Er tingelt von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, hofft auf die Unterstützung von Verwandten und leidet trotz Hilfe doch oft Hunger und Kälte. Doch mit Hartnäckigkeit und dem unbedingten Streben nach Bildung schafft er es, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich aus den Fängen der Armut zu befreien.

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Auf diese Sachbücher freue ich mich im Frühjahr/Sommer 2018

2018 wird hoffentlich ein gutes Jahr für den Sachbuchmarkt, denn es stehen einige Ereignisse an, die auf interessante Literatur hoffen lassen: Vor 400 Jahren begann mit dem Zweiten Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg, der Europa verwüstete und der auch ein Religionskrieg war. Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Republik ausgerufen ein–  vorerst leider nur kurzes – Zwischenspiel in der Demokratiegeschichte Deutschlands. Vor 50 Jahren wurde der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King in Tennessee erschossen und Nelson Mandela würde seinen 100. Geburtstag feiern.

Beim Stöbern in den Verlagsvorschauen habe ich erfreut festgestellt, dass vermehrt Biographien über historische Frauenfiguren publiziert werden und das Tabuthema psychische Erkrankungen auf den Sachbuchmarkt drängt. Auch die weibliche Sexualität ist kein Tabu mehr, es erwartet uns ein Buch zweier norwegischer Medizinerinnen, das auch aufgrund seines prägnanten Titels Aufsehen erregen wird. Daneben habe ich noch einige viel versprechende Bücher aus dem Bereich der Ur- und Frühgeschichte gesehen; auch hier scheint der Humor nicht zu kurz zu kommen. Die Sachbücher im ersten Halbjahr 2018 sind bunt und vielfältig, da ist für jeden etwas dabei.

Georg Schmidt
Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Rüdiger Barth / Hauke Friederichs
Die Totengräber Der letzte Winter der Weimarer Demokratie

Sibylle Lewitscharoff / Najem Wali
Abraham trifft Ibrahim. Streifzüge durch Bibel und Koran

Christopher de Bellaigue
Die islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft

Andreas Guski
Dostojewskij. Eine Biographie

Norman M. Naimark
Genozid. Völkermord in der Geschichte

Gary Cox
Jean-Paul Sartre. Existentialismus und Exzess

María Hesse
Frida Kahlo. Eine Biographie

Hermann Kulke/Dietmar Rothermund
Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute

Malachy Tallack (Text) / Katie Scott (Illustrationen)
Von Inseln, die keiner je fand

Stefan Breuer
Wegbereiter des Rassenstaates. Die nordische Bewegung in der Weimarer Republik

Brenna Hassett
Warum wir sesshaft wurden und uns seither bekriegen, wenn wir nicht gerade an tödlichen Krankheiten sterben

Carolyne Larrington
Fit für Walhalla. Nordische Mythen für Einsteiger

Nina Brochmann / Ellen Støkken Dahl
Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht

Daphne Merkin
Mein fremdes Ich

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Habt ihr schon Sachbücher im Auge? Welche Themen interessieren euch im Jahr 2018; worüber wollt ihr mehr erfahren? Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern!

 

[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa” – Somalia

Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, heute den zweiten Teil eines Gastbeitrags veröffentlichen zu können, der sich mit einem ganz besonderen und tragischen Land beschäftigt: Somalia.

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(c) emerald notes

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Melda Akbaș: So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock

akbas-so-wie-ich-willIn ihrer Autobiografie erzählt die achtzehnjährige Berlinerin Melda von den Sorgen und Nöten des Erwachsenwerdens. Doch das allein ist nicht genug, denn darüber gibt es wohl unzählige Bücher. Melda muss den Spagat zwischen der türkischen Kultur ihrer Familie und der deutschen ihrer Schule und Freunde schaffen, und sich dabei selbst positionieren. Das fällt nicht leicht, denn nicht immer kann und will sie den teils konservativen Erwartungen und Wünschen ihrer Eltern gerecht werden, will sich frei bewegen dürfen und Kleidung tragen, die ihr gefällt. Anfangs geht es um solche „Alltäglichkeiten“, doch jedes Zugeständnis ist ein kleiner Sieg für Melda, die, und das wird in ihrem sehr offenen Bericht deutlich, unter dem beiderseitigen Druck leidet, zeitweise sogar erkrankt. Doch die Achtzehnjährige steckt voller Tatendrang, will sich neben Partys und Treffen mit Freunden auch für ihre Schule engagieren. Bei einem Praktikum dann erhält sie unverhofft die Möglichkeit, ein mittlerweile ausgezeichnetes Projekt namens „l.o.s.- let´s organize somethin´!“ auf die Beine zu stellen, um sich mit anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund auszutauschen und ihnen Wege und Möglichkeiten aufzuzeigen, von denen sie vielleicht nichts ahnen.
Melda Akbaș reflektiert verschiedene Situationen der letzten zwei Jahre, berichtet liebevoll von ihrer weit verzweigten Familie und schreibt mit einem Augenzwinkern vom ganz normalen Alltagswahnsinn. Daneben gibt es aber auch leisere Töne, die dem Leser, der vielleicht in nur einer Kultur großgeworden ist, zeigt, wie lohnenswert, aber anstrengend es sein kann, zwischen den Rollen zu wechseln, oder harsche Kritik in Kauf zu nehmen, wenn der Wechsel mal nicht gelingt.

Fazit: Erwartet man Schimpftiraden, oder den Bericht eines leidenden jungen Mädchens ist man mit „So wie ich will“ definitiv falsch beraten. Denn obwohl Akbaș nicht mit Kritik am deutsch-türkischen Umgang spart, erhebt sie die Angelegenheit doch nicht zum Politikum, sondern erzählt Episoden aus ihrem persönlichen Umfeld, die zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken anregen. So wirbt sie für Toleranz, einfach dadurch, dass sie selbst die ethnische Herkunft eines Menschen nicht zu dessen markantestem Wesenszug erhebt. An einigen Stellen erstaunt Meldas Offenheit; sie tut ihre Ansichten unverblümt und geradeheraus kund, spart aber nicht mit Begründungen und macht sie dem Leser so nachvollziehbar. Der Stil des Berichts ist an einigen Stellen sehr wacklig, dadurch insgesamt aber authentisch und erfrischend.
„So wie ich will“ hat keinen solchen Entsetzensschrei ausgelöst, wie andere Bücher des Genres; der Leser wird kaum erschrocken die Luft anhalten, doch garantiert einen kleinen Einblick in ein Leben zwischen den Kulturen erhalten, denn um Effekthascherei geht es hier nicht. Die junge Melda Akbaș zeigt in ihrem autobiografischen Bericht eines ganz klar: dass es nicht entweder- oder, sondern sowohl-als-auch heißt.