Enid Blyton zum 120. Geburtstag: Entzauberung einer Kindheitsheldin

Einer der Vorteile davon, viele ältere Cousinen zu haben ist es, dass die große Kiste mit Kinder- und Jugendbüchern bereitsteht, sobald man lesen gelernt hat. Meine absoluten Lieblinge damals waren neben diversen Pferdebüchern natürlich die Reihen von Enid Blyton (1898–1968). Lissy, Dolly, Hanni und Nanni und besonders die Fünf Freunde habe ich derart verschlungen, dass meine Eltern froh gewesen sein müssen, dass der Nachschub dank besagter Kiste auf die nächste Zeit gesichert war. Viele von Enid Blytons Figuren waren mir vertrauter als meine Grundschulfreunde. Im Wald habe ich nach Heidekraut Ausschau gehalten, um wie die Fünf Freunde notfalls ein Zelt dort aufzuschlagen; das Internat war dank Dolly, Hanni und Nanni ein Sehnsuchtsort.

Spätestens nach dem elften, zwölften Lebensjahr verschwanden die Bücher allerdings wieder im Karton und gerieten auf einige Jahre in Vergessenheit. Als Teenagerin stieß ich einmal darauf, dass trotz der burschikosen George  (nach deren Vorbild ich mir ebenfalls die Haare abschneiden ließ) die Rollenbilder bei Blyton doch sehr traditionell waren. Eigentlich hatte immer Julius das Sagen, Anne kümmerte sich ums Essen. Und gab es eigentlich auch männliche Handarbeitslehrer an den Internaten? Warum waren „die Zigeuner“ eigentlich immer kriminell? Doch beim Lesen als Kind waren Ort und Zeit der Geschichten unwichtig, man merkte ihnen ihr Alter auch kaum an. Dass das gerade bei den deutschen Ausgaben wohl bewusst so gehalten war, um die Bücher zeitlos zu machen, las ich vor kurzem. Es hat ja funktioniert. Auch, dass die Reihen von Ghostwritern fortgeführt wurden. Es störte mich nicht besonders.

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Scott Westerfeld: Ugly (2005)

Die Prüfungsphase dauert noch an, deshalb gibt es heute mal den Einstieg in eine entspannt lesbare Jugendbuchreihe.

Tally Youngblood wartet sehnsüchtig auf ihren sechszehnten Geburtstag. Dann endlich darf sie die umfassenden Schönheitsoperationen vornehmen lassen, die sie zum Höhepunkt der menschlichen Entwicklung werden lassen. Sie kann ihr Wohnheim in Uglyville verlassen, nach New Pretty Town umziehen und rauschende Feste mit ihren ebenfalls „hübschen“ Freunden feiern – jahrelang. Doch einige Wochen vor dem großen Tag trifft sie auf die gleichaltrige Shay, die sich tausend bessere Dinge vorstellen kann, als sich einer Ganzkörperumwandlung zu unterziehen, um dann auszusehen wie alle anderen auch. Man könnte doch die Stadt verlassen und nach der geheimnisvollen Siedlung Smoke suchen, wo jeder sein „hässliches“ Selbst bleibt und sein Leben selbst gestaltet. Als Shay schließlich verschwindet, bleibt Tally. Doch den Behörden ist das aufständische Smoke schon lange ein Dorn im Auge und so wird Tally losgeschickt, um die Siedlung zu suchen – und zu verraten.

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L. Frank Baum: Der Zauberer von Oz (1900)

Dieses Märchen ist in meiner Kindheit fast völlig an mir vorüber gegangen. Grob konnte ich mich an ein kleines Mädchen erinnern, auch eine Vogelscheuche war da irgendwo. Dass „Der Zauberer von Oz“ sich als so fantasievolle, auch nicht aufdringlich lehrreiche und kunterbunte Geschichte entpuppen würde, die sich als Erwachsener mit Schmunzeln lesen lässt, hätte ich nicht gedacht.k800_oz
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[LitFilm] NERVE

Hier kommt sie, die erste kurze Filmkritik! Ganz neues Pflaster und wirklich anders, als eine Buchrezension zu schreiben. Sobald sich wieder die Möglichkeit bietet, erscheinen unter dem Schlagwort [LitFilm] dann in Zukunft weitere Kritiken zu Literaturverfilmungen. Jetzt aber erst mal zu diesem Film:

NerveNew York, 2020: Der Highschool-Abschluss ist nahe, das College ruft und die schüchterne Vee (Emma Roberts) will sich endlich mal was trauen. Deshalb meldet sie sich beim illegalen Online-Spiel Nerve an, bei dem die Zuschauer (Watcher) dafür bezahlen, den Spielern (Player) Herausforderungen zu stellen. Die Player nehmen die teils peinlichen, teils gefährlichen Herausforderungen an und gelangen so zu Geld und Ruhm – oder scheiden aus.

Das Thema des Filmes könnte aktueller nicht sein: Es geht um den Verlust der eigenen Daten im Internet und die Angst vor totaler Fremdkontrolle. Nerve verpflichtet zu gnadenloser Selbstdarstellung Weiterlesen

Ursula Isbel: Ich will nicht mehr

IsbelGanz tief unten habe ich in der Bücherkiste gekramt und dabei fiel mir dieses Jugendbuch von 1996 in die Hände, an das ich noch eine vage Erinnerung hatte. Damals habe ich es unter „beeindruckend“ abgespeichert und diese Bewertung hat sich, auch aus meiner heutigen Perspektive, bestätigt.

Die siebzehnjährige Dagny ist überfordert: Eine alkoholkranke Mutter, ein Vater und eine Schwester, die das nichts anzugehen scheint, Probleme in der Schule und dabei niemanden zum Reden, die beste Freundin ist weggezogen und meldet sich kaum noch. Leise schleicht sich der Gedanke ein, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Die Autorin Ursula Isbel beschreibt in „Ich will nicht mehr“ eindringlich, wie sich verschiedene Probleme vor einer jungen Frau derartig auftürmen, dass sie ohne Hilfe keinen Ausweg mehr sieht. Besonders auffällig ist die sehr detaillierte Beschreibung der Gedankenwelt der Protagonistin, die von Selbst-Reflexion und (teils für ihr Alter zu) reifen Abwägungen geprägt ist. Isbel zeichnet die siebzehnjährige Dagny, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, als eine überlegte Heldin, deren Handlungen – wie lange Spaziergänge im Park, die Flucht vor Mitmenschen – logisch und nachvollziehbar erscheinen.

Ihr Alter kann die Geschichte allerdings nicht ganz verstecken: Wenn die Figuren längst aus der Mode gekommene Schlagertexte zitieren oder von einer „Rave-Party“ zur nächsten ziehen, muss man doch etwas schmunzeln. Ein weiteres kleines Manko ist, dass zum Ende hin doch alles sehr glatt läuft; immerhin erfolgt der kurze Hinweis, dass dies in ähnlichen Situationen nicht immer der Fall ist.

Zudem kommt das Buch an manchen Stellen unterschwellig pädagogisch daher. Besonders, wenn die Protagonistin – ein kleines bisschen aus dem Zusammenhang gerissen – über die Grausamkeit von Tierversuchen nachdenkt, dann meint man die Autorin mit erhobenem Zeigefinger vor sich zu sehen. Belehrend ist es wohl auch, dass Dagny schließlich die ausgestreckte Hand einer Freundin ergreift und sich vorbildlich an Psychologen und Hilfseinrichtungen wendet. Verwerflich ist das nicht, denn zumindest zum damaligen Zeitpunkt erhielt das Buch die Empfehlung „ab 13 Jahren“ und mit den Themen Alkoholismus, zerrüttete Familie, Depression, Drogen und Essstörungen ist dieses Buch für ein junges Publikum wirklich randvoll mit Problemen.

Trotz der belehrenden Tendenz der Geschichte bin ich auch heute noch beeindruckt davon, wie die Autorin es schafft, viele schwierige Themen nicht beschönigend, sondern realistisch und nachvollziehbar zu beschreiben, also genau den richtigen Ton zu treffen. Läuft euch das Buch einmal auf dem Flohmarkt über den Weg, packt es ruhig ein: es ist eine kurzweilige, aber nicht oberflächliche Lektüre.

Ursula Isbel, „Ich will nicht mehr“, F. Schneider Verlag, 188 S., 1996.

 

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern frohe und besinnliche Weihnachtstage.

Fantastische Lesung mit US-Autorin Julie Kagawa

Denis Abrahams übernahm den deutschen Part, Autorin Julie Kagawa las aus dem Original.

Denis Abrahams übernahm den deutschen Part, Autorin Julie Kagawa las aus dem Original.

In dieser Woche lud die Jugendbuch-Sparte des Heyne Verlags, Heyne fliegtzu einer Lesung mit US-Autorin Julie Kagawa ins Berliner Mein Haus am See.
Während oben die Gäste mit ihren Drinks in den dicken Sesseln versanken, lauschte unten in der düsteren Kellerbar ein kleiner Kreis der Geschichte von gefährlichen Drachen, Rittern und einer Liebe zwischen den beiden. Julie Kagawa war aus den USA angereist um den ersten Band ihrer neuen Reihe „Talon – Drachenzeit“ vorzustellen. Nach anderen fantastischen Reihen wie Plötzlich Fee, Plötzlich Prinz und Unsterblich, geht es diesmal um Drachen, die sich im Rahmen ihrer Ausbildung im Drachenorden Talon in Menschen verwandeln, um unter uns zu leben. Verknüpft mit einer Dreiecks-Beziehung und einem Kampf um Leben und Tod, bot das Buch einige Stellen, die sich perfekt zum Vorlesen für das (tatsächlich größtenteils weibliche) Publikum eigneten. Den deutschen Part übernahm dabei der Schauspieler Denis Abrahams, dessen phänomenale Lesestimme schlagartig auch das letzte aufgeregte Murmeln zum Verstummen brachte. Auch die Autorin selbst las eine Passage und beantwortete anschließend die zahlreichen Fragen aus dem Publikum nach ihrer Inspiration, ihren persönlichen Lieblingsbüchern und den Gedanken, die sie sich zu den einzelnen Figuren gemacht hatte. Dabei outete sie sich als sympathischer Nerd mit Hobbys wie Videospielen, Fantasy-Figuren basteln (die es dann auch zu gewinnen gab) und eben dem Schreiben von fantastischen Geschichten. Als ihre liebste Zielgruppe nannte Kagawa Teenager und junge Erwachsene, „weil in dem Alter so viel passiert; alles ist neu und aufregend“.
Ein „Kinderbuch“ ist Talon aber bestimmt nicht, besonders die vorgelesene Passage vom Kampf Ritter gegen Drachen (modern mit MG und Headset) ließen keinen Zweifel daran. Und nach Vampiren sind Drachen für den interessierten Fantasy- und/oder Dark Romance-Leser auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung.

Janne Teller: Nichts. Was im Leben wichtig ist

Teller_NichtsBis sich nichts mehr rührt – eine Schulklasse sucht den Sinn des Lebens und zieht dabei eine Spur der Verwüstung hinter sich her.

Die etwa 13-jährige Agnes ist genervt. Das Leben in ihrer fiktiven dänischen Kleinstadt erscheint eintönig und öde. Doch dann, am ersten Schultag nach den Sommerferien, eröffnet ihr Mitschüler Pierre-Anthon der ganzen Klasse eine Weisheit, die er erlangt zu haben glaubt: „Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“

Die Klasse ist geschockt, doch nachdem Pierre- Athon sich auf einen Pflaumenbaum zurückgezogen hat und jedem Vorübergehenden seine nihilistische Weltsicht hinterher ruft, entschließen sich die Jugendlichen zum Handeln: Sie wollen alles sammeln, was für sie Bedeutung hat und diese Bedeutung dann Pierre-Anthon vorführen, um ihn davon zu überzeugen, dass er falsch liegt. So beginnt einer vom anderen zu fordern, was er beizusteuern hat. Die Lieblingsohrringe, die neuen Schuhe, das gelbe Fahrrad. Je schwerer es demjenigen fällt und je mehr sich dieser weigert, desto mehr Bedeutung muss das Geforderte ja für den Betroffenen haben. Nach jedem Verlust werden die Forderungen größer – es scheint, als wolle sich jeder für den erlittenen Verlustschmerz am nächsten rächen. Der „Berg an Bedeutung“, den die Klasse heimlich in einem alten Sägewerk auftürmt, wird immer größer. Dann soll jedoch ein lebender Hamster dazu kommen und plötzlich dreht es sich nicht mehr nur um rein materielle Dinge. Es wird das Leben eines Hundes gefordert, die Exhumierung des verstorbenen kleinen Bruders, die Unschuld eines Mädchens.
Als der letzte sein Opfer gebracht hat, fliegt die Klasse auf; doch das ist ihnen egal, denn sie haben so viel Bedeutung zusammengetragen, wie sie konnten. Jetzt muss nur noch der überzeugte Nihilist Pierre-Anthon die Bedeutung des Berges anerkennen.

„Nichts“  bedient sich sehr einfacher, klarer Sprache aus der Perspektive eines etwa 13-jährigen Mädchens, das das Geschehen um den Berg der Bedeutung begleitet. Durch Wahl dieser Perspektive wird  besonders der starke Gruppenzwang betont, dem sich alle Schüler ausgesetzt sehen. In dem Moment, in dem der erste begann, etwas auf den Berg der Bedeutung zu legen, kann sich niemand mehr dagegen wehren, seinen eigenen Teil beizutragen. Wehrt sich doch jemand, so wird er schlicht von den anderen gezwungen, meist mit körperlicher Gewalt. Jungen und Mädchen nehmen sich in dieser Hinsicht nicht viel; die Sinnsuche wird häufig von roher Gewalt begleitet.

Nihilismus als Grundlage für ein Jugendbuch zu nehmen, ist neu. Dazu kommt, dass der Roman, anders als viele andere Jugendbücher, die mit ähnlich drastischen Ereignissen arbeiten, bis zum Schluss nicht versöhnlich ist. Immer wieder klingt an, dass die Suche der Jugendlichen nach Bedeutung legitim ist, aber letztlich nur eine Phase des Erwachsenwerdens darstellt – wobei  sich Erwachsene lediglich damit arrangiert haben, keine Bedeutung im Leben zu finden.

Das skurrile Verhalten Pierre-Anthons, sich über Monate auf einen Pflaumenbaum zurückzuziehen und seine Lehren von dort herunter zu krakeelen – immer begleitet vom Werfen matschiger Pflaumen – erinnert an die abstrusen Geschichten, die von einigen griechischen Philosophen überliefert sind.
Aufgrund der schnörkellosen Sprache und des schnellen Voranschreitens der Handlungen wirkte das Geschehen weniger grausam, als wenn man es sich sprachlich ausgeschmückt oder gar als Film vorstellt.  Die Symbolik in diesem Buch ist nicht allzu versteckt, es gibt eine klare Rollenverteilung innerhalb der Klasse und klare, schnell nachvollziehbare Entwicklungen der Charaktere. Bei Tellers Roman handelt es sich daher tatsächlich um ein reines Jugendbuch, das sehr auf die Besprechung im Unterricht angelegt ist. Das ist auch nötig, denn gerade jüngere Kinder und Jugendliche sollte man nicht völlig kommentarlos mit dieser durchaus beunruhigenden Geschichte allein lassen.

„Nichts“ löste zum Zeitpunkt seines Erscheinens im Jahr 2000 eine große Diskussion in Dänemark darüber aus, was ein Jugendbuch können/dürfen sollte und was nicht. Nachdem der Roman erst 2010 auf Deutsch erschien und 2015 neu aufgelegt wurde, wird er auch in Deutschland immer bekannter und schon in eine Reihe mit „Die Welle“ und „Der Herr der Fliegen“ gestellt.

Janne Teller, Nichts: Was im Leben wichtig ist, Hanser 2010, 144 S., 12,90 €.

Barbara Veit: Hannah liebt nicht mehr

In „Hannah liebt nicht mehr“ erzählt Barbara Veit die Geschichte der siebzehnjährigen Hannah, die sich  – von ihrer großen Liebe enttäuscht – in ihrem Zimmer einschließt, nicht isst, nicht spricht. Nach Tagen schreibt sie einen Namen auf einen kleinen Zettel, den sie unter der Tür durchschiebt: „Margrett“, eine Freundin ihrer Mutter und die einzige Person, mit der sie Kontakt aufnehmen möchte.

In dieser Geschichte ist Liebeskummer nur ein Auslöser; der Junge, um den er sich dreht, taucht nur zu Beginn auf und spielt in Hannahs Gedankenwelt allzu bald schon keine Rolle mehr. Ihr Problem ist tief sitzender, komplexer und aus psychologischer Sicht interessant. Die Worte Psychose, Nervenzusammenbruch und schwere Depression fallen, doch Hannahs Krankheitsbild bleibt unbestimmt, vage. Die Autorin schenkt dem Leser nicht die Genugtuung einer eindeutigen Diagnose. So gesellt er sich zu den ebenso ratlosen Eltern, die beste Freundin, die den Zustand Hannahs als unbegreiflich, wie aus dem Nichts kommend empfinden.
Das für Jugendbücher eher typische Toben und Streiten bleibt hier aus. Was geschildert wird, ist der völlige und kompromisslose Rückzug einer jungen Frau, der ihr Leben von einen auf den anderen Tag zu viel wird und die ihre Außenwelt damit hilflos allein lässt. Je länger Hannah sich in ihrem Zimmer vergräbt, dort still sitzt, desto mehr treten die Probleme der Eltern zutage, die jedoch stets nur angerissen werden und dem Buch zusätzliche Tiefe geben. Die Botschaft, die Margrett Hannah dann auch versucht zu überbringen, ist, dass es in jedem Leben Krisen gibt, die von einigen intensiver erlebt werden, als von anderen. Auch im Alter ist man nicht vor ihnen gefeit und muss lernen, mit der Heftigkeit seiner Gefühle umzugehen. Schön für jüngere Leser ist an dieser Stelle, dass die gestandene Margrett Hannah ernst nimmt, ihre Krise als solche begreift. Dabei reflektiert sie ihre eigene Jugend, liest in alten Tagebüchern und erzählt dem Mädchen durch die verschlossene Tür Geschichten aus ihrem Leben.  Anhand ihrer Figur stellt sich dar, wie vielschichtig Menschen sind; wie unmöglich es ist, jemandem sein Durchlittenes, seine gemachten Fehler auch nach Jahren des Kennens anzusehen.

Zu erklären, dass Hannah als Einzelkind von der Liebe ihrer Eltern erdrückt wird, würde zu kurz greifen. Margrett beschreibt es als Hannahs (aber auch ihr eigenes) „Lebensmodell“, das darauf basiert, andere Menschen glücklich oder zumindest zufrieden machen zu wollen und das unweigerlich dazu führt, dass man selbst als Projektionsfläche für die Wünsche anderer fungiert. Hannah hat sich bei diesem Prozess selbst verloren; ihr fehlt die „Verbindung“, wie sie es nennt.
Barbara Veit beschreibt nur einige aufeinanderfolgende Tage. Dabei gelingt es ihr dennoch zu zeigen, wie groß die Irritation von Familie und Freunden ist, wenn ein Mensch mit dem jahrelang geprobten Zusammenleben plötzlich nicht mehr zurecht kommt. Hannahs Zusammenbruch legt bei allen um sie herum alte Wunden offen. Ein wieder aufgestöbertes Jugendbuch, das auch bei älteren Lesern Anklang finden wird.

Barbara Veit, Hannah liebt nicht mehr, Carl Hanser Verlag 2004, 192 S., 14,90€. 

Barbara Miklaw (Hrsg.): Der Zeitstrudel…

… und andere Geschichten, erzählt von Kindern.
Die originelle Anthologie „Der Zeitstrudel“ vereint 16 von Kindern geschriebene Geschichten. Die Autorinnen und Autoren im Alter von acht bis zwölf Jahren gewähren Einblicke mal in ihr eigenes Leben, mal in bunte Fantasiewelten. Von Gedichten, über hungrige Krokodile, Seehunde und Katzen bis zu einem mysteriösen Feuerpferd und der unheimlichen Geschichte eines Vampirschülers findet sich alles – vom fast klassischen Märchen bis zur goldigen Kindergeschichte. Ernstere Themen wie der Verlust – und die Rückkehr – der Eltern werden von den jungen Autoren genauso aufgegriffen wie Einbrüche und schlagkräftige Omas, Schatzsuchen und Erklärungen für die Fragen des Alltags. So findet sich zuletzt doch noch eine Erklärung dafür, wo der erste Apfelsaft wirklich herkam.
Interessant ist, wie der kulturelle Hintergrund der Kinder aus Deutschland, Japan, den USA und Österreich durchscheint und wie sie ihre Umwelt und die Erwachsenen, die sie umgeben, wahrnehmen. Die Geschichten sind federleicht geschrieben, beinhalten Zeitsprünge und Verkürzungen, Wechsel zwischen Fantasie und realer Erzählung. Der Verlag hat diese Passagen, die von professionellen Kinderbuchautoren sicher gefüllt und ausgemalt worden wären, beibehalten. Dadurch sind die Geschichten authentisch geblieben und bringen auch den erwachsenen Leser zum Schmunzeln.
Die Erzählungen sind mit eigenen Illustrationen versehen, eingebettete QR-Codes führen zu selbstgeschriebenen Liedern einer der kleinen Autoren. Zwischen den Geschichten finden sich freie Seiten, die Platz für eigene Bilder bieten. So wird die Anthologie dreidimensional und regt Leser im empfohlenen Alter von fünf bis zehn Jahren zu eigenen, fantasievollen Ausflügen an.

Barbara Miklaw (Hrsg.), Der Zeitstrudel… und andere Geschichten, erzählt von Kindern, Mirabilis 2013, 61 S., 14,80€.

Ein Interview mit der Herausgeberin und weiteren Informationen zur Entstehungsgeschichte der Mirabilis-Bücher wurde hier entdeckt.

Wolfgang Herrndorf: Tschick

Achte Klasse, unglücklich verliebt, Außenseiter. Maik Klingenberg hat es nicht leicht. Dass er dann als einer der wenigen nicht zum Geburtstag seiner unsterblichen Liebe Tatjana eingeladen wird, macht den Ausblick auf die Sommerferien nicht besser. Als sich dann noch seine Mutter in die Entzugsklinik und sein Vater sich mit der jungen Assistentin in den Urlaub verabschiedet, beschließt er, die nächsten Wochen trauernd zu Hause zu verbringen. Doch dann steht plötzlich Tschick vor seiner Tür. Tschick, der neue Mitschüler aus Russland, der schon morgens betrunken zur Schule kommt und mit dem Maik so gar nichts anfangen konnte. Zusammen begeben sich die beiden auf einen Roadtrip in und um Berlin und schließen eine Freundschaft, die auch die Sommerferien überdauert.

Nach dem Tod des Autors wurde mir sein spritziges und lebensfrohes Werk „Tschick“ empfohlen. Die Geschichte nimmt mit den Kindheitsgeschichten Maiks direkt am Anfang volle Fahrt auf und gibt den Ton an, der sich durch die Kapitel zieht: Erwachsene benehmen sich häufig ziemlich merkwürdig und wissen garantiert nicht immer, was richtig und was falsch ist. Daher wirft Maik unter Tschicks Einfluss auch schnell seine aufkommenden erwachsenen Anwandlungen über Bord und lässt sich auf eine Reise ein, in deren Verlauf die beiden viel Mist bauen, aber auch eine Menge erleben. Einfach ins Auto setzen und losfahren, die Gefahr entdeckt zu werden immer im Nacken – das ist sicher nicht nur der Traum pubertierender Achtklässler. Und genau das macht „Tschick“ so rasant und lesenswert: Man möchte die beiden auf ihrer unvernünftigen, wahnwitzigen und völlig gedankenlosen Fahrt am liebsten sofort begleiten.

Wolfgang Herrndorf „Tschick“, Rowohlt  2010, 254 S., 8,99€