Jun-Hyung Park – Die Augen des Strafrechts (2016)

Dieses Jahr scheint im Zeichen koreanischer Autoren zu stehen: Nach Han Kangs „Die Vegetarierin“ und Yeonmi Parks „Meine Flucht aus Nordkorea“ war ich gespannt auf die Gedanken eines koreanischen Juristen zu Reformen des Strafrechts.

„Die Augen des Strafrechts – Denkanstöße für unser Rechtssystem“ von Jun-Hyung Park liefert tatsächlich einige Denkanstöße, die ich so noch in keiner anderen juristischen Schrift gefunden habe. Der Autor spricht sich grundsätzlich dafür aus, das Strafrecht zu vereinfachen; juristische und umgangssprachliche Begriffe sollten übereinstimmen, damit auch der Laie genau weiß, woran er ist. Der Gedanke ist natürlich Unterstützens wert, doch leider geht die Umsetzung mit einer (gar nicht so) latenten Wissenschaftsfeindlichkeit einher. In Bezug auf vermeintlich allzu komplizierte juristische Formulierungen zur Rechtswidrigkeit einer Tat schreibt er:

„Das liegt an dem sogenannten ‚wissenschaftlichen Vergnügen‘, weil die komplizierte Formulierung […] viel interessanter klingt als die einfache Aussage […].
Das ‚Vergnügen in der Wissenschaft‘ ist allgemein nicht falsch. Denn dadurch kann die Wissenschaft noch interessanter gestaltet und bereichert werden. Aber in der Rechtswissenschaft sollte man sich von dem wissenschaftlichen Spaß fernhalten.“
(S. 32 f.)

Außerdem bleibt bis zum Schluss unklar, auf welches Rechtssystem Park sich bezieht. Ist es das koreanische, in dem es den Straftatbestand des Raubes mit Vergewaltigung (S. 18 ff.) zu geben scheint? Wenn ja, warum besteht der Anhang dann aus einem hundert Seiten umfassenden Abdruck des deutschen Strafgesetzbuches? Auch gibt es hin und wieder einige sprachliche Ungenauigkeiten, was an der Übersetzung aus dem Koreanischen oder der fehlenden Vergleichbarkeit einiger Rechtsinstitute liegen könnte. Fußnoten fehlen völlig; Behauptungen wie

„Aber selbst das Gesetz aus der Bronzezeit war an der Resozialisierung von Straftätern nicht ganz desinteressiert.“ (S. 59) 

werden nicht belegt. Der übermäßige Gebrauch von Absätzen hat das Lesen für mich erschwert, da Sinnzusammenhänge auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen waren.

Insgesamt hatte ich mir mehr von diesem Büchlein versprochen. Es wäre für den deutschen Leser großartig gewesen, wenn Park sich auf das koreanische Strafrecht bezogen hätte, um hier Parallelen und Unterschiede zum deutschen Recht feststellen zu können. In seiner jetzigen Form ohne klare Bezugspunkte verwirrt das Büchlein den Laien und Juristen gleichermaßen.

Jun-Hyung Park, Die Augen des Strafrechts – Denkanstöße für unser Rechtssystem“, Verrai Verlag 2016, 74 S., 12,90€, ISBN 978-3-9818041-7-1.

 

 

Han Kang: Die Vegetarierin (2007/2016)

Nach den zahlreichen Besprechungen, die ich auf euren Buchblogs dazu gelesen habe, hatte ich mit einem fantasievollen Roman, vielleicht sogar mit einem Hauch von magischem Realismus gerechnet. Für mich stellte sich Die Vegetarierin jedoch als gewaltvolle Geschichte einer psychischen Störung und radikale Gesellschaftskritik dar.

Kang_Vegetarierin_160215.inddDer Inhalt ist schnell erzählt: Yeong-Hye wird von bestialischen Alpträumen heimgesucht und stellt bald darauf den Verzehr tierischer Produkte ein. Ihr Umfeld reagiert mit Unverständnis und Ablehnung, ihr Mann lässt sich scheiden. Sie selbst nimmt immer weiter ab und will am liebsten zur Pflanze werden, die sich nur noch von Wasser und Licht ernährt. Ihre ältere Schwester ist schließlich die einzige, die Yeong-Hye auf ihrem Weg in die psychiatrische Klinik begleitet – und das, obwohl sie mit ihrem Mann geschlafen hat. Weiterlesen

Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie

 

Schwarze MagnolieHyeonseo ist ein normaler Teenager: Sie mag Mode, streitet sich mit ihrem jüngeren Bruder, schaut gerne Fernsehserien – und lebt in Nordkorea.

Mehrmals zieht ihre Familie innerhalb des Landes um, der Vater bekleidet einen gehobenen Rang in der Armee, daher sind Fernseher und Kühlschrank für sie keine Fremdworte. Die Familie ist auch nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten, hin und wieder gelingt es Hyeonseo, sich eine südkoreanische Soap anzusehen oder eine Kassette mit Pop-Musik zu ergattern. Ansonsten sind ihre Tage eine Aneinanderreihung von Schule, „freiwilligen“ Arbeitsdiensten und erschöpfenden Proben für Massenveranstaltungen.

Als der Vater hingerichtet wird und es den Rest der Familie an den Yalu-Fluss nahe der chinesischen Grenze verschlägt, weiß Hyeonseo: Jetzt oder nie, denn einmal erwachsen, wird sie keine Möglichkeit mehr haben, sich ungestraft außerhalb der Landesgrenzen zu bewegen. Sie will nur für eine Nacht die gegenüberliegende chinesische Stadt erkunden und ahnt nicht, dass ihr der Rückweg für immer versperrt sein wird. In den nächsten Jahren lebt sie als Flüchtling, schlägt sich unter falschem Namen durch und kann ihre Heimat Nordkorea dabei doch nie vergessen.

 

Im Deutschen trägt das Buch den Titel „Schwarze Magnolie – Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“. Das ist unnötig reißerisch, denn zum einen kann man sich als Leser vorstellen, dass eine Biografie eines nordkoreanischen Flüchtlings keine Wohlfühl-Lektüre ist, zum anderen fängt der Untertitel die Stimmung des Buches nicht ein. Das Besondere an dieser Geschichte ist gerade, dass sie – ganz anders etwa als das vor einigen Jahren erschienene „Flucht aus Lager 14“ – Nordkorea differenziert betrachtet. Das Land ist nicht ausschließlich „Hölle“, sondern eben auch Heimat und Kindheitsort der Autorin. Das bedeutet nicht, dass Grausamkeiten ausgespart werden, auch hier spielen die regelmäßig stattfindenden Hinrichtungen, Hungersnot, politische Indoktrination und eine alles überwachende Geheimpolizei eine Rolle. Aber es sind auch die schneebedeckten Berge und der familiären Zusammenhalt, den die Autorin beschreibt. An manchen Stellen merkt man der Erzählung dabei deutlich an, dass sie literarisch aufbereitet wurde, etwa, wenn die Autorin sich nach 15 Jahren noch daran erinnert, dass vor dem Fenster ein Eichelhäher sang. Doch das trägt auch dazu bei, dass dieser Bericht schafft, was vielen anderen nicht gelingt: Nicht nur die Sensationslust des westlichen Lesers zu befriedigen, sondern ebenso zu zeigen, dass Nordkorea für viele Flüchtlinge eben nicht nur „Hölle“, sondern auch „Heimat“ ist.

Bemerkenswert ist, dass „Schwarze Magnolie“ nach der Flucht der Autorin, die relativ früh im Verlauf des Buches stattfindet, nicht abbaut. Viele Flucht- oder Ausstiegsgeschichten verlieren gerade dann an Spannung, hier aber kann das Interesse des Lesers aufrecht erhalten werden, auch dadurch, dass der Autorin immer wieder Zweifel kommen, ob die Flucht richtig war und sie versucht, den Kontakt zu ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Die Erzählung wirkt dadurch authentisch, dass auch vermeintlichen Kleinigkeiten Beachtung geschenkt wird, zum Beispiel, wenn die Autorin ihrem Bruder und ihrer Mutter moderne chinesische Kleidung mit bringt, damit sie jenseits der Grenze nicht sofort als Nordkoreaner auffallen. Man erfährt nicht nur Einzelheiten über das gesellschaftliche Leben in Nordkorea, auch Aspekte des chinesischen Gesellschaftslebens und der Umgang mit der koreanischen Community dort werden geschildert. Großen Raum nimmt auch die Eingewöhnung in Südkorea ein; der Kontrast zwischen dem temporeichen, sehr leistungsorientierten Leben im Süden und der weitestgehenden „Freiheit“ davon, Entscheidungen treffen zu müssen im Norden wird mehr als deutlich. Ebenso, dass viele Nordkoreaner nach erfolgreicher Flucht genau an diesem Unterschied scheitern.

Es wird hervorgehoben, dass die Autorin in Nordkorea ein privilegiertes Leben geführt hat, aber auch auf ihrer Flucht häufig Glück hatte. Da ist es aufschlussreich, dass kleine Geschichten anderer Flüchtlinge, die der Autorin begegnet sind, eingeflochten werden. Fälle, die zeigen, dass die Flucht nicht immer glimpflich abläuft, häufig von physischer und sexueller Gewalt, Demütigungen, Gefängnisaufenthalten und einem Gefühl des Ausgeliefertseins verbunden ist.

In die Mitte des Buches wurden Bilder aufgenommen, die den beschriebenen Personen ein Aussehen geben. Es finden sich auch hilfreiche Karten, die die Umzüge der Familie innerhalb Nordkoreas und verschiedene Fluchtrouten zeigen. Diese netten Besonderheiten machen „Schwarze Magnolie“ zusammen mit seinem Detailreichtum und seinen differenzierten Beschreibungen zu einem der besten Berichte aus und über Nordkorea, die ich bisher gelesen habe.

Hyeonseo Lee mit David John, „Schwarze Magnolie. Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“ (OT: The Girl with Seven Names – A North Korean Defector’s Story), Heyne 2015, 415 S., 19,99€.

die Tipp!-Blase

Nordkorea; Gesellschaft in China, Südkorea

Ein lesenswerter Bericht zur schwierigen Integration nordkoreanischer Flüchtlinge wurde auch in den KAS Auslandsinformationen veröffentlicht.