Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo

 57 kurze Texte, oftmals nur eine halbe Seite lang, die Aleppo zeigen, wie es heute ist. Zerstört, fremdbestimmt, gefährlich. Zwischen Stromausfällen und Explosionen wohnen hier noch Menschen wie der 1946 geborene Schriftsteller Niroz Malek. Sie sind hier, weil sie wollen, nicht, weil sie nicht anders können. Seine Familie ist mittlerweile geflohen; viele seiner Verwandten haben in Deutschland Zuflucht gefunden. So auch seine Tochter, die die französische Ausgabe in eine rheinischen Buchhandlung mitbrachte und dort auf den Verleger Stefan Weidle traf. Ein Foto, ein Entschluss – so findet das Buch jetzt auch deutschsprachige Leser.

Malek

Eigentlich möchte man, dass einem jede einzelne dieser 57 Miniaturen vorgelesen wird. Damit sie wirken. Damit man nicht mit den Augen schnell über den Schrecken der Zeilen hinweghuschen kann. Hinweghuschen, weil man es vom täglichen Lesen der Nachrichten aus Syrien mittlerweile so gewohnt ist. Einen feinen älteren Herrn stellt man sich dazu vor, mit müder Stimme aber wachen Augen, der bestimmt, vielleicht auch ein wenig starrköpfig, an seiner Entscheidung festhält, in Aleppo zu bleiben.

Die Geschichten sind sehr unterschiedlich; häufig sind es kleine Beobachtungen oder Gedanken des Autors. Erinnerungen an vergangene Lieben, Erzählungen von Freunden, Berichte über Spaziergänge in den zerstörten Straßen, den allgegenwärtigen Checkpoints mit ihren vermummten Soldaten zum Trotz. Den Geschichten gemeinsam ist der tief sitzende Schmerz, das Leid, das aus ihnen strömt. Das kurze Aufflackern des Glücks wird jäh zerstört, wenn sich herausstellt, dass der gute Freund tot ist, dass die erste Liebe erschossen wurde. Bedeutsam ist die schreckliche Erkenntnis, dass in Aleppo, in diesem Höllenloch aus den Nachrichten, Menschen sitzen wie ich, die sich im Café mit ihren Freunden treffen, die sich an Spaziergängen erfreuen, die lieben und die lesen, lesen und schreiben bis spät in die Nacht. Da in Aleppo sitzen noch Menschen wie wir. Und das ist die bedrückendste Erkenntnis, die diese Miniaturen uns bringen.

Niroz Malek, Der Spaziergänger von Aleppo (OT: Tahta sam’il harb, aus dem Arabischen von Larissa Bender) 144 S., 17 €, ISBN: 978-3-938803-83-7.

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Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution

HochgeschwenderWie wurden die USA was sie heute sind? Gerade in diesen Nachwahlwochen blickt die Welt auf die USA – wie sie es seit ihrer Gründung getan hat. Doch wer sind „die Amerikaner“; was bewegte sie zur Unabhängigkeit? Michael Hochgeschwender liefert auf knapp 450 Seiten eine umfassende, fundierte und sehr lesbare Antwort für die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.

Der Münchener Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte konzentriert sich auf die Jahre 1763-1815 und zeichnet minutiös die Ereignisse nach, die zur Unabhängigkeit der ehemals britischen Kolonien führten. Die bekannte Tea-Party nimmt dabei nicht mehr Raum ein, als viele andere, ebenso wichtige Ereignisse. Hochgeschwender knüpft an amerikanische Geschichtsforschung an und zeigt, wo möglich, Kontinuitäten bis in die heutige Zeit auf. Seine Darstellung endet nicht mit der Unabhängigkeit der USA, vielmehr beschreibt er auch die ersten schwierigen Jahrzehnte nach der Revolution und zeigt dabei auf, dass es das eine amerikanische Interesse nie gegeben hat, dass Religion, Grundbesitz, Familienzugehörigkeiten und Verbindungen nach Großbritannien lange Zeit eine große Rolle spielten.

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Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen (1975)

Allen Mitlesern ein frohes und gesundes neues Jahr! Es geht gleich los mit Nobelpreiskost; die wurde allerdings noch im alten Jahr gelesen. Dabei lief allerdings nicht alles so, wie zunächst gedacht:

Mit diesem viel gerühmten Roman hatte ich gleich zweifach einen schlechten Start – nur, um dann sehr positiv überrascht zu werden. Worum es geht: Der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész schildert die Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager des Dritten Reichs aus der Sicht eines unbedarften, geradezu naiven 15-Jährigen und verarbeitet damit seine eigenen furchtbaren Erfahrungen.

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Der 15-jährige György (sprich etwa: „Djördch“) scheint sich nicht allzu viele Gedanken zu machen: Seine Eltern sind geschieden, den Streit zwischen ihnen um seine Person versteht er nicht so richtig. Er verhält sich so, wie er glaubt, dass die Menschen es von ihm erwarten, seine Eltern, die Nachbarn, die erste Freundin. Den gelben Stern auf seiner Jacke trägt er pflichtbewusst; was genau ein Jude sein soll, versteht er auch nicht so richtig, religiös ist kaum jemand in seinem Umfeld. Er merkt, dass die Menschen ihn anders behandeln, seit er den Stern trägt. Aber mit seinen Freunden, die auch einen gelben Stern tragen, kommt er bei der Arbeit in der Raffinerie gut zurecht. Als er eines Tages auf dem Weg dorthin aus dem Bus gezogen wird, lange ausharren muss und von einer Station zur nächsten gekarrt wird, da weiß er noch gar nicht, wie ihm geschieht. Erst, als er die Schornsteine der Krematorien sieht, den beißenden Geruch in der Nase hat und sich selbst kahlgeschoren und in Sträflingskleidung wiederfindet, beginnt er, die Bedeutung seines gelben Sterns zu verstehen.

Das ganz Besondere, sehr Eigene an diesem Roman sind die völlig wertungsfreien Beobachtungen, die der junge György dem Leser ungefiltert übermittelt. Genau darin liegt sein Schrecken und es ist wohl auch einer der Gründe, warum Imre Kertész mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Zuerst hielt ist den Protagonisten für zu naiv dargestellt, hatte ich doch kurz zuvor Chaim Potoks „Die Erwählten“ gelesen. Denn auch hier geht es um 15-Jährige jüdische Jungen im Zweiten Weltkrieg, sie erschienen mir aber ungleich reflektierter, gebildeter zu sein als Kertész Figur. Doch nach und nach bekam ich Zugang zum jungen György und ganz zum Schluss, als er es schafft, heimzukehren nach Budapest und versucht, den Daheimgebliebenen seine Erlebnisse begreiflich zu machen (und es doch nicht schafft, viel zu sensationslüstern, empörungsbereit oder -unwillig sind die Gesprächspartner), hat mich Kertész vollends überzeugt.

Enttäuscht war ich zunächst auch, weil ich unter den gebrauchten Büchern nicht die bekannteste Ausgabe des Romans mit dem Coverbild eines Vogels finden konnte. Ich entschied mich dann für eine mit – wie mir schien – eher nichtssagendem Coverbild. Eine Lappalie, aber man hat ja so seine Vorlieben. Als ich das Buch zu Hause öffnete, war der Vogel sofort vergessen: Mein gebrauchtes Exemplar enthielt eine persönliche Widmung des erst kürzlich verstorbenen Autors. Zwar nicht mir gewidmet, trotzdem ein wahrer Schatzfund.


Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen, (OT: Sorstalanság), aus dem Ungarischen von Christina Viragh, verschiedene Ausgaben. Ältere Ausgaben auch unter dem Titel „Mensch ohne Schicksal“.

Eine vollständige Version wird hier zum kostenlosen Download bereitgestellt: http://www.netz-gegen-nazis.de/seite/buecher-zum-download

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Muromez
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Tipp: Stephan Hobe – Einführung in das Völkerrecht

HobeZugegebenermaßen habe ich (bisher) nicht das ganze Werk gelesen. Lediglich die Kapitel über Krieg und Frieden und die Möglichkeiten internationaler Interventionen bzw. Ausnahmen vom Gewaltverbot habe ich mir unter das Kopfkissen gelegt. Doch anhand dieser beiden Kapitel spreche ich meine Empfehlung für Hobes „Einführung in das Völkerrecht“ aus. Sowohl für Politikwissenschaftler als auch für Juristen geschrieben, bedient sich Hobe einer verständlichen Sprache und bereitet die verschiedenen Themenbereiche des Völkerrechts anschaulich auf. So finden sich wichtige Begriffe kursiv gedruckt, Definitionen und Zitate abgesetzt und immer wieder Verweise auf Grundprinzipien und Beispiele aus der Historie. Auch privat eine lesbare und (aus WissensjägerInnen-Sicht) gewinnbringende Lektüre.

Stephan Hobe „Einführung in das Völkerrecht“, 704 S., UTB, 10. Auflage erscheint am 17.09.2014, ca. 30€.

Violette Leduc: Die Bastardin

Bastardin„Die Bastardin“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die als uneheliche Tochter eines Sohnes aus gutem Hause und einer Magd bei Mutter und Großmutter aufwächst. Von wiederkehrenden Krankheiten gezeichnet, besucht sie nur unregelmäßig die Schule und verlässt schließlich, als ihre Mutter heiratet und ihren Bruder zur Welt bringt, das Haus ihrer Kindheit. Ihr Weg führt sie vom Land ins Paris der Vor- und Zwischenkriegszeit. Ihre Mädchenjahre hindurch unterhält sie Liebschaften mit Internatsgenossinnen und kann sich, den Verlockungen Paris‘ vollständig erlegen, nicht entscheiden zwischen ihrer Freundin, einem interessanten Mann und schließlich ihrem homosexuellen Gönner, den sie innig verehrt.

Durch „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ bin ich auf das bereits 1964 erschienene autobiografische Werk Violette Leducs (1904-1972) aufmerksam geworden. Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir versehen, erwartet den Leser Großes.  Schon während der ersten Seiten lässt sich erahnen, warum de Beauvoirs Vorwort so verklausuliert, so umfassend geworden ist. Die Autorin Leduc schildert ihre Jugend grob chronologisch, verweist dabei aber immer wieder auf ihre früheren – ebenfalls autobiografischen ­­– Werke, was das Lesen ohne Vorkenntnis beträchtlich erschwert. Hinzu kommt, dass ihre Sprache sehr umschreibend ist, Wesentlichkeiten werden in Halbsätzen versteckt, sodass sich ihre Wichtigkeit nicht immer gleich erschließt. Wenn dann hunderte Seiten später auf eben jene Ereignisse Bezug genommen wird, lässt sich schlussfolgern, dass jene Schilderung wohl bedeutsam für Leducs weiteres Leben gewesen sein muss.

Das Innenleben der Protagonistin ist gelinde gesagt schwierig. Starke Gefühlsschwankungen, die sich ausdrücken in Beschreibungen wie „die Wimpern der Rinder deprimierten mich“, sind für den geneigten Leser interessant. Das Mitfühlen jedoch würde einen Kraftakt bedeuten, den man nicht jedem Leser zumuten will. Trotz etlicher Längen, trotz des starken Wunsches, die Autorin möchte doch jetzt einmal Klartext schreiben, fasziniert das Leben der Violette Leduc ungemein. Mit traumwandlerischer Sicherheit umgibt sie sich mit Personen, die mindestens genauso labil und wankelmütig erscheinen wie sie selbst. Sie wirft sich ihnen zu Füßen, bettelt, erniedrigt sich und andere, beleidigt, liebt. Die geschilderte Gefühlspalette dieser Erzählung geht über das hinaus, was Autoren heutzutage einem Leser zumuten würden. Als Leser bringt man nicht immer Wohlwollen, selten Mitleid für die Protagonistin auf. Manchmal sympathisiert man mit den anderen Figuren. Violettes Freundin Hermine zum Beispiel, der, so scheint es am Ende, Violette einfach zu anstrengend, zu kompliziert geworden ist mit ihrer Anhänglichkeit, ihrer Wut und ihren suizidalen Tendenzen, die sie letztendlich stets als Erpressung benutzt. Neben all den Figuren, unter denen sich auch viele Personen der Zeitgeschichte wiederfinden, die die Autorin kennengelernt hat, spielt Paris die Rolle einer eigenen, bedeutsamen Figur. Es wandelt sich mit Violette, wird mal als traumhaft schön beschrieben, dann wieder als Stadt, die die Protagonistin schnell hinter sich lassen möchte. Es schwankt zwischen Exzess und Biederkeit, Überfluss und bitterer Armut.  Es kommt der Verschwendungssucht der Protagonistin entgegen oder zeigt ihr in aller Deutlichkeit, was sie nicht haben kann. Frankreichfreunde werden besonders die vielen genannten Orte, die bekannten Cafés und Straßen, Quartiers, Designer und nicht zuletzt die damaligen Berühmtheiten der Literaturszene begeistern.

„Die Bastardin“ ist beileibe kein Buch für zwischendurch. Manchmal wird man es zur Seite legen, um über die Protagonisten-Autorin seinen Kopf zu schütteln. Man wird erschreckt sein, wie Menschen sich gegenseitig ins Unglück stürzen können, obwohl es ihnen objektiv so gut gehen könnte. Man wird Leduc dafür bewundern, zu jener Zeit so offen ihre lesbische Sexualität beschrieben zu haben. Zum Schluss wird man sich dann vielleicht mit Violette Leduc versöhnen, weil man ihr zumindest eines nicht absprechen kann: eine interessante Frau zu sein.

Violette Leduc, Die Bastardin (OT: La Bâtarde), Rowohlt 1978, 411 S.

Daniel H. Wilson: Robocalypse

In seinem SciFi-Roman „Robocalypse“ schildert Daniel H. Wilson die düstere Zukunft einer von außer Kontrolle geratenen Supercomputern bedrohten Menschheit. Roboterkrieg und internationale Aufstände der noch verbliebenen Menschen inklusive.
Wilsons Roman gleicht einer auf den ersten Blick relativ nüchternen Kriegsberichterstattung, welche die Protagonisten im Rückblick auf die Ereignisse liefern. Schauplätze sind dabei nicht nur nordamerikanische Eiswüsten und Ureinwohnerreservate, sondern auch die Londoner Innenstadt, sowie das hochtechnisierte Japan.

Der Roman erscheint schon auf den ersten Blick solide und planvoll geschrieben. Gespickt mit technischen Daten und detailreich ausgearbeiteten Szenarien einer Dystopie bestätigt sich dieser Eindruck rasch. Die vielen Schauplatzwechsel sind nie verwirrend, sondern stärken durch den parallelen Hergang noch die Klimax der sich anbahnenden Katastrophe.
Gerade in das erste Kapitel findet sich der Leser doch relativ schwer herein; die technischen Fantasiebegriffe werden leider nicht immer erklärt, wobei nach einiger Zeit doch eine gewisse Gewöhnung einsetzt, sodass sie beim weiteren Lesen nicht sehr stören.
Die Figuren sind leider schon allzu bekannte Stereotype: Der alte, findige Mann; der asoziale, dafür aber hochbegabte Jugendliche; der moralische Androide – und schließlich der Held der Geschichte, der im Laufe der Handlung aus dem Schatten seines Bruder tritt und selbst zum Held wird.

Fazit: Die Stärke von Wilsons „Robocalypse“ liegt auf der detailgetreuen Nachzeichnung der Techno-Katastrophe und dem Ausmalen der Dystopie; Tiefe konnte er seinen (menschlichen) Figuren leider nicht verleihen.

Daniel H. Wilson „Robocalypse“, Droemer 2011, 462S., 16,99€

♫ Tschingis Aitmatow: Dshamilja

In „Dshamilja“ berichtet der fünfzehnjährige Said von einer der schönsten Liebesgeschichten der jüngeren Literatur. Wo sie sich zuträgt? Im Kirgistan des Jahres 1943.
Während Saids älterer Bruder an der Front weilt, kehrt ein anderer, vom Krieg gezeichneter Soldat in sein Heimatdorf zurück. Danijar, der still und verschlossen stets Außenseiter bleibt. Doch als Dshamilja, die Saids Bruder geheiratet hatte, kurz bevor er eingezogen wurde, und Said mit dem nachdenklichen Danijar täglich Getreidelieferungen zum nächsten Bahnhof bringen müssen, verlieben sich die verheiratete Frau und der Kriegsheimkehrer. Der junge Said wird Mitwisser einer Liebe, die in der patriarchalischen Tradition des ehemaligen Nomadenvolkes nicht gebilligt wird.

Entweder, man findet Aitmatows „Dshamilja“ kitschig, oder aber wunderschön. Ich tendiere zu letzterem, denn nicht nur die zaghaft gegen alle Widerstände aufkeimende Liebe, sondern auch die Steppenlandschaft, die eben so wichtig ist, wie jeder der Protagonisten, wird in ihrer unglaublichen Schönheit beschrieben. Der Arbeitsalltag in der Kolchose, körperlich harte Arbeit als alles überstrahlender Lebensinhalt, das scheint uns heute ein wenig fremd. Aitmatow schildert die Getreideernte und die familiären Bindungen so eingehend, dass man das kirgisische Dorf vor sich sieht, den Duft der Steppe ebenso riecht, wie den Mist der Pferde.
Mal weiß man mehr als der fünfzehnjährige Said, der seine eigene Liebe Dshamilja, seiner Schwägerin gegenüber, noch nicht einzuordnen vermag. Dann wieder lässt man sich bereitwillig ein auf die reflektierten Äußerungen von Saids älterem Ich, das sich immer wieder erklärend zu Wort meldet.

Ulrich Matthes gelingt es mit seiner angenehmen Stimme, einfach vom einfachen Leben zu erzählen und Pausen einzustreuen, um die Tiefe der Emotionen auch dem geneigten Hörer zu überbringen. Er trägt Aitmatows poetische Schilderungen so schlicht vor, dass sich die herbe, unbekannte Schönheit der Steppe vor den Augen des Hörers darstellt; dass er das Ächzen der vollbeladenen Wagen und das kraftvolle Rauschen des Flusses zu hören meint.

Obwohl mit „Krieg“ und „Kolchose“ immer wieder auf den Sozialismus verwiesen wird, ja, „Dshamilja“ sogar Pflichtlektüre in den Schulen der DDR war, ist der Inhalt von Aitmatows Erzählung kein Politikum. Die  Bedingungen des Kolchose-Lebens gehören ebenso wie der Islam und der Respekt vor den nomadischen Ahnen zur Lebenswelt der Protagonisten, die man als Hörer interessiert annimmt. „Dshamilja“ ist nicht einfach nur eine Liebesgeschichte- denn davon gibt es viele. Aitmatows Erzählung führte mich in eine faszinierende, unbekannte Welt, mit deren Existenz ich mich bisher noch nie befasst hatte. Dieses Hörbuch war ein wahrer Glücksgriff.

Kirgistan, Kriegserleben, Kolchose-Alltag, Leben in nomadischer Tradition

Alex Capus: Léon und Louise

Léon und Louise- das sind die beiden Protagonisten einer Liebesgeschichte, die im Ersten Weltkrieg in der französischen Provinz beginnt und sich fast bis ans Ende des letzten Jahrhunderts fortsetzt. Es ist die Geschichte eines Paares, das nie zusammenkam, einander jedoch nie vergaß, auch, wenn manchmal eine Dekade zwischen zwei Briefen lag.
Léon, der als junger Mann zum Kriegsdienst in ein Provinznest geschickt wird, erscheint phlegmatisch und behebe, dabei aber auch mutig und moralisch, während Louise energisch und unkonventionell ihren Freiheitsdrang auslebt und dabei fluchen kann wie ein Seemann. Die beiden werden immer wieder getrennt- erst durch einen Bombenangriff, nach welchem  sie einander für tot halten- dann durch Léons Familie, als sie sich nach Jahren in der Pariser Metro wiederbegegnen.  Während des Zweiten Weltkriegs verschlägt es Louise gar nach Afrika, während Léon in Paris ausharrt und für seine Familie sorgt.  Doch Zeit und Ort führen sie auch immer wieder zusammen.
Sprachlich überzeugt Capus voll und ganz, denn er schafft es Léons Phlegma, aber auch Louises Energie, sowie die Art verschiedener anderer Charaktere durch seine Beschreibungen zu transportieren. Der Autor arbeitet mit nur wenigen Dialogen, diese wenigen erstaunen dann aber ob ihrer Würze und der treffenden Wortwahl der Figuren. Durch die feinen sprachlichen Nuancen gelingt es Capus, die Schrecken der beiden Weltkriege, besonders die Zeit der Vichy-Regierung, herauszustellen. Dabei verzichtet er größtenteils auf derbe Ausdrücke und verbale Extrema, sodass der Leser erstaunt innehält und den innewohnenden Schrecken des beschriebenen Szenarios erst beim nochmaligen Lesen wahrnimmt.
Die Beschreibungen von Paris, aber auch der französischen Landschaft und des Meeres sind durchaus gelungen, man bekommt Lust, wie Léon selbst aufs Rad zu steigen und am Strand entlang zu fahren.
Außergewöhnlich gut gefällt außerdem, dass in der deutschen Übersetzung viele französische Originalnamen und Begriffe beibehalten werden, sodass der „Clochard“  nicht zum einfachen Stadtstreicher wird und somit eine wichtige Rolle spielen kann.
Die Erwähnung von französischen Romanen ist für den deutschen Leser vielleicht weniger aussagekräftig, dafür gibt sie „Léon und Louise“ dieses besondere Flair; man glaubt sofort, neben Léon in der metro  zu sitzen oder mit Louise ein pain au chocolat zu kaufen.

Fazit: In erster Linie ist Capus´ „Léon und Louise“ eine romantische, aber bestimmt nicht kitschige Liebesgeschichte. Doch allein auf diesen Aspekt sollte man den Roman nicht reduzieren, da er die Stimmung und Verhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus einer fiktiven persönlichen, und nur entfernt politischen Sicht beleuchtet und damit greifbar macht.

Alex Capus: „Léon und Louise“, Hanser 2011, 314 S., 19,90€

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen

-wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.

Dass es Ungerechtigkeit auf der Welt gibt- und das seit jeher- ist allgemein bekannt und wird mit schöner Regelmäßigkeit angeprangert: von den Kirchen, verschiedenen NGOs, Politikern, Schauspielern. Immer wieder, gerade jetzt, da die Weihnachtszeit näher rückt, wird an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung der westlichen Industrieländer appelliert. Im günstigsten Fall weiß sie, welchen Weg ihre Spenden nehmen und in welche Projekte das Geld fließt. Was viel weniger bekannt ist, sind die Hintergründe, die Gründe dafür, warum Spenden überhaupt nötig sind. Warum ist die ,,Dritte Welt“ arm? Worum streiten sich die rivalisierenden Gruppen, die ganze Länder ins Elend stürzen? Für die Misere eines Großteils der Weltbevölkerung allein Naturkatastrophen und fehlende Düngemittel verantwortlich zu machen, würde viel zu kurz greifen. So leicht macht es sich Jean Ziegler, emeritierter Soziologie-Professor und Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, auch nicht.

Im ersten Teil seines Buches untersucht der Autor die Gründe für den ,,Hass auf den Westen“, der in fast allen armen Ländern mehr oder weniger offen zutage tritt. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass die jahrhundertelange Verachtung  der Völker der ,,Neuen Welt“, Afrikas und Asiens durch Sklaverei, Kolonialismus und Zwangschristianisierung ihre feste Verankerung im kollektiven Gedächtnis ebenjener gefunden hat. Dieses kollektive Gedächtnis wird erst in der heutigen Zeit aufgearbeitet. Um dieses Phänomen zu erklären, verweist er auf die offensichtliche Parallele zur Aufarbeitung der Verbrechen Nazi-Deutschlands, welche auch erst Jahrzehnte später begann.
Strikt verurteilt Ziegler die inschutznahme des Kolonialismus und der Zwangschristianisierung, wie sie u.a. von verschiedenen Politikern und dem Papst bei Auslandsbesuchen praktiziert wird. Anschaulich schildert er die Situation aus Sicht der unterworfenen Völker und straft damit die Beschwichtigungsversuche westlicher Politstars Lügen; die Darstellung des Sachverhalts durch Westler eine Beleidigung und Verdrehung der Geschichte.

Im zweiten Teil nimmt er Bezug auf die heutige Situation und macht deutlich, dass Wirtschaft und Börse an die Stelle der Sklavenmärkte und Baumwollplantagen getreten sind. Die Stellung der einst kolonialisierten Völker habe sich nicht geändert, einzig die Methoden des Westens seien unter dem Deckmantel der Menschenrechte andere geworden.
Diese Überlegung führt Ziegler im dritten Teil weiter aus. Er zeichnet die ,,Schizophrenie des Westens“ nach und macht die Arroganz und den Zynismus deutlich, welche hinter dieser stecken.

Die beiden letzten Teile seines Buches sind den Ländern Nigeria und Bolivien gewidmet, an welchen er, von seinen Reiseerfahrungen berichtend, das Ausmaß westlichen Einflusses deutlich macht. In beiden Ländern trägt der Westen einen Teil der Schuld an dem Elend der Bevölkerung, nicht allein durch politische Entscheidungen, sondern vielmehr durch die grenzenlose Gier seiner Wirtschaftsunternehmen, die mit erschreckender Skrupellosigkeit mit Militärregimes verhandeln und weder Rücksicht auf die Umwelt, noch auf die Armut der ausgebeuteten Bevölkerung nehmen. Am Beispiel Boliviens zeigt Ziegler dann, wie der Weg aus dem Teufelskreis von Abhängigkeit und Schulden aussehen kann und welche neuen innen- und außenpolitischen Probleme daraus entstehen.

Fazit: Der Schweizer Jean Ziegler, u.a Preisträger des Literaturpreises für Menschenrechte (2008), informiert außerordentlich kompetent und verständlich über sonst eher schwer durchschaubare und oft bewusst zurückgehaltene  Zusammenhänge der westlichen  Politik gegenüber den armen Ländern der Welt.  Denn die Bilanz, die er zieht, ist nicht unbedingt schmeichelhaft. Zu oft nutzen westliche Unternehmen die Abhängigkeit von Entwicklungsländern aus, und, was viel schlimmer ist, tragen erheblich dazu bei, diese wirtschaftliche Abhängigkeit zu stärken.  Ziegler deckt hier Zusammenhänge auf und stellt sie mit solch erschreckender Klarheit dar, dass es dem Leser nahezu unmöglich ist, die schreiende Ungerechtigkeit zu überhören. Durch die Schilderung einzelner Schicksale, wie sie Ziegler auf seinen weitläufigen Reisen erfahren hat, werden die abstrakten Zusammenhänge persönlich und damit für den Leser bedeutsam. Auch gibt der Autor Ausschnitte aus den Reden verschiedener Politiker wieder- die der westlichen wirken stets beschwichtigend, die angeprangerte Doppelzüngigkeit nur zu gut vertretend, während die der afrikanischen und südamerikanischen Politiker fordernd und aufrüttelnd auf ein neues, gerechteres System pochen.
Dabei greift Ziegler immer wieder die Verfehlungen verschiedener westlicher Industriestaaten und Staatsmänner/ -frauen  auf, wodurch deutlich wird, dass es sehr wohl zulässig ist, von ,dem Westen´ als einem einzigen, mächtigen Unterdrücker zu sprechen. Kaum ein Land gibt es, dass sich von der Überheblichkeit, welche sich auf seine Wirtschaftsleistung gründet, freisprechen kann.
Des Weiteren gibt Ziegler Informationen über die Abläufe der Verhandlungen der Vereinten Nationen, weist auf Unstimmigkeiten und die Dominanz des allgegenwärtigen Westens hin, stellt die Notwendigkeit und den Nutzen der UNO allerdings keiner weise in Frage, da er, selbst gut vertraut mit der Organisation, Vorteile ebenso klar sieht, wie er Fehler beim Namen nennt.

Bei all dem ermöglichen die getrennten Sach- und Personenregister ein schnelles Nachschlagen, während die ausführlichen Anmerkungen den ersten Wissensdurst stillen und Anhaltspunkte zu weiteren Recherchen bilden. Denn so gut recherchiert und persönlich beschrieben die Inhalte der verschiedenen Kapitel auch sind, können sie doch nur einen ersten Einstieg in die Problematik bieten, zu deren umfassenden Verständnis Kenntnisse bzgl. des internationalen Kapitalflusses, der Aufgaben von UN und IWF und der Zusammenarbeit der multinationalen Konzerne unerlässlich sind.

Insgesamt macht der Leser die Bekanntschaft vieler, ihm bis dato vielleicht unbekannter, Menschenrechtler und Schriftsteller der südlichen Hemisphäre, erlangt Wissen über, ihm vorher vielleicht unbekannte ,Konflikte und kommt, sofern er Zieglers Argumentation folgt, zu dem Schluss, dass die Arroganz des Westens, welche sich zuerst auf zivilisatorische Vorteile, heutzutage schlicht auf  Kapital gründet, in keiner Weise moralisch und menschlich vertretbar ist, und dass der Hass der armen Länder auf den Westen viel tiefer liegt und nachvollziehbarer ist, als es auf den ersten Blick scheint.

Ein aktuelles und wichtiges Buch.

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. OT: La Haine de l’Occident, aus. d. Franz. von Hainer Kober, C. Bertelsmann Verlag 2009, 288 S., 19,95€

„Stell dir vor, es ist Krieg…

und keiner geht hin“ lautet ein gerade von Anhänger der Friedensbewegung vielzitierter Ausspruch Bertolt Brechts. Vor einiger Zeit stieß ich auf das vollständige Zitat, zu finden in Selbstdenken! 20 Praktiken der Philosophie von Jens Soentgen, dort entnommen aus einer illegalen Brecht-Ausgabe der 60er-Jahre:

„Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin

dann kommt der Krieg zu dir.

Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt

und lässt andere kämpfen für seine Sache

der muss sich vorsehen: denn

wer den Kampf nicht geteilt hat

der wird teilen die Niederlage.

Nicht einmal den Kampf vermeidet

wer den Kampf vermeiden will: denn

er wird kämpfen für die Sache des Feindes

wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“

Es war mir bisher nicht möglich, diese „illegale Brecht-Ausgabe“ ausfindig zu machen, deshalb die ungenaue Quellenangabe an dieser Stelle. Sollte es sich hier tatsächlich um das vollständige Zitat handeln- wovon ich ausgehe, denn es wurde ja bereits von Soentgen selbst in seiner Authentizität verifiziert- dann wird die Parole der Pazifisten in ihr Gegenteil verkehrt und Brecht zum Kriegsbefürworter.