Theodor Fontane, Günter de Bruyn: Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862–1889/2017)

Fontane_WanderungenWenn man aus Westfalen nach Berlin zieht, erleidet man leicht einen kleinen Kulturschock. Die wochenendliche Flucht ins Umland hilft da zunächst nur wenig, denn es erwarten den Westfalen fremd klingende Ortsnamen und ein besonderer Schlag Mensch mit seinem ganz eigenen Humor. Und Sand. Viel Sand. Um das Berliner Umland einmal besser kennenzulernen und seine Geschichten zu hören, habe ich die Zusammenstellung des Fontane-Kenners Günter de Bruyn herangezogen. „Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ist eine Zusammenstellung der interessantesten Geschichten des umfangreichen Fontane-Werkes und zum Einstieg genau richtig. Weiterlesen

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo

 57 kurze Texte, oftmals nur eine halbe Seite lang, die Aleppo zeigen, wie es heute ist. Zerstört, fremdbestimmt, gefährlich. Zwischen Stromausfällen und Explosionen wohnen hier noch Menschen wie der 1946 geborene Schriftsteller Niroz Malek. Sie sind hier, weil sie wollen, nicht, weil sie nicht anders können. Seine Familie ist mittlerweile geflohen; viele seiner Verwandten haben in Deutschland Zuflucht gefunden. So auch seine Tochter, die die französische Ausgabe in eine rheinischen Buchhandlung mitbrachte und dort auf den Verleger Stefan Weidle traf. Ein Foto, ein Entschluss – so findet das Buch jetzt auch deutschsprachige Leser.

Malek

Eigentlich möchte man, dass einem jede einzelne dieser 57 Miniaturen vorgelesen wird. Damit sie wirken. Damit man nicht mit den Augen schnell über den Schrecken der Zeilen hinweghuschen kann. Hinweghuschen, weil man es vom täglichen Lesen der Nachrichten aus Syrien mittlerweile so gewohnt ist. Einen feinen älteren Herrn stellt man sich dazu vor, mit müder Stimme aber wachen Augen, der bestimmt, vielleicht auch ein wenig starrköpfig, an seiner Entscheidung festhält, in Aleppo zu bleiben.

Die Geschichten sind sehr unterschiedlich; häufig sind es kleine Beobachtungen oder Gedanken des Autors. Erinnerungen an vergangene Lieben, Erzählungen von Freunden, Berichte über Spaziergänge in den zerstörten Straßen, den allgegenwärtigen Checkpoints mit ihren vermummten Soldaten zum Trotz. Den Geschichten gemeinsam ist der tief sitzende Schmerz, das Leid, das aus ihnen strömt. Das kurze Aufflackern des Glücks wird jäh zerstört, wenn sich herausstellt, dass der gute Freund tot ist, dass die erste Liebe erschossen wurde. Bedeutsam ist die schreckliche Erkenntnis, dass in Aleppo, in diesem Höllenloch aus den Nachrichten, Menschen sitzen wie ich, die sich im Café mit ihren Freunden treffen, die sich an Spaziergängen erfreuen, die lieben und die lesen, lesen und schreiben bis spät in die Nacht. Da in Aleppo sitzen noch Menschen wie wir. Und das ist die bedrückendste Erkenntnis, die diese Miniaturen uns bringen.

Niroz Malek, Der Spaziergänger von Aleppo (OT: Tahta sam’il harb, aus dem Arabischen von Larissa Bender) 144 S., 17 €, ISBN: 978-3-938803-83-7.

Weitere Besprechungen finden sich u. a. bei
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Mona Lisa
dem Grauen Sofa
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Klappentexterin.

Callan Wink: Der letzte beste Ort – Stories (2016)

wink-der-letzte-beste-ortDie Charaktere in Winks Kurzgeschichten sind so rau wie die Natur im Nordwesten der USA. Irgendwie spröde gehen sie durchs Leben, manche verhärmt, andere auf dem Weg, es zu werden. Vermutlich hätte jede einzelne der Figuren Donald Trump gewählt.

Die Geschichten scheinen die ganze Bandbreite des Lebens im Nordwesten abdecken zu wollen: Es geht um einen General, der beim jährlichen Reenactment einer Schlacht seine Affäre zu einer Ureinwohnerin pflegt, während seine krebskranke Frau zu Hause sitzt. Um einen Farmerjungen, der zwischen grausamer Katzenjagd und der gescheiterten Ehe seiner Eltern hin und her pendelt. Um einen gerade aus dem Gefängnis entlassenen Teenager, der sein ganzes Leben noch vor nicht hat und mit nichts da steht. Immer geht es um Beziehungen, denn so allein der Mensch auch in den Weiten Montanas lebt, so sehr sehnt er sich doch nach Nähe: Die alleinerziehende Mutter, ihr jugendlicher Liebhaber, der verlassene Arbeiter, der einen Hund stielt. Weiterlesen