Gustave Flaubert: Madame Bovary (1857)

Flaubert_BovaryHier sitzt jedes Wort: Mit hinreißender sprachlicher Eleganz entlarvte Gustave Flaubert jede menschliche Schwäche und schuf zugleich ein für die Zeit freizügiges Sittengemälde, das stilbildend für viele spätere Romane um unglückliche Frauen war.   

Der Inhalt

Der mäßig begabte Charles wird auf Drängen seiner ehrgeizigen Mutter hin Arzt und schafft es auch tatsächlich, dem einen oder anderen Leiden seiner Patienten abzuhelfen. Als er eines Tages das Bein eines Hofbesitzers schient, verliebt er sich in dessen Tochter. Muss er nur noch abwarten, bis seine Ehefrau stirbt, um die junge Emma zu heiraten. Klappt auch. Emma ist des eintönigen Ehealltags und ihres ebenso eintönigen Ehemanns aber bald überdrüssig und sieht sich nach anderweitigen Vergnügungen um. Die findet sie auch bald – in Form verschiedener Schwärmereien und Affären. Der gutgläubige Charles ahnt nichts davon, zumal es Madame Bovary gelingt, ihre horrenden Geldausgaben geheim zu halten. Dass das alles auf Dauer nicht gut gehen kann, ist ja klar.

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Jean Hanff Korelitz: Du hättest es wissen können

Korelitz - Du hättest es wissen könnenDie New Yorker High Society Paartherapeutin Grace entscheidet nach etlichen Sitzungen mit unglücklichen Paaren: Da ist meist nichts mehr zu retten, sie passen einfach nicht zueinander und hätten es von Anfang an wissen können.

Jetzt steht sie kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Buches, in das sie all die Weisheiten der letzten Jahre gesteckt hat und glaubt sich auch dazu berechtigt, einem breiten Publikum Ratschläge zu erteilen: Schließlich läuft bei ihr alles bestens, ein begabter Sohn auf einer renommierten Privatschule, ein liebender Ehemann (pädiatrischer Onkologe – Wer kann so was schon?). Doch als die Mutter eines Mitschülers ihres Sohnes ermordet wird und ihr eigener Mann spurlos verschwindet, tut sich vor ihr ein Abgrund auf und sie muss sich fragen: Hätte ich es wissen können?

Zum Inhalt: Durch den Klappentext schon auf die richtige Spur gesetzt, weiß man als Leser sofort, dass nicht alles so gut bei ihr läuft, wie Protagonistin Grace das noch zu Beginn der Geschichte glaubt. Man hat ihr gegenüber einen Wissensvorsprung, der dazu führt, dass die Geschichte eher langsam anläuft. Zum Ende hin nimmt sie dann aber an Fahrt auf und die während des Lesens gestrickten Knoten lösen sich elegant und erhellend auf.

Zu Beginn noch in New York, lernt man durch Graces Augen die Mitglieder der oberen Gesellschaftsschicht kennen. Obwohl die Protagonistin immer wieder kritische Anmerkungen macht  (etwa zur Praxis, seine Kinder fast vollständig von einsamen, gastarbeitenden Kindermädchen aufziehen zu lassen), merkt man doch, wie sehr sie selbst in den dortigen Strukturen verhaftet ist und wie sehr sie Luxus genießt, den sie aber gar nicht als solchen wahrnimmt (zum Beispiel: die halbe Theke des Feinkostladens auf dem heimischen Küchentisch). Die New Yorker Figuren ist größtenteils klischeehaft gezeichnet, und die Autorin scheint auch davon auszugehen, dass jedem Leser das Bild der typischen „Glamorous Stay at Home Mum“ vor Augen steht, denn nähere Informationen zu den Figuren bekommt man nicht. Es klärt sich nie auf, warum genau die „fürchterliche Sally“ so furchtbar ist und was den alten ungarischen Geigenlehrer so grimmig hat werden lassen; hier hätte man sich ein bisschen mehr Liebe zum Detail gewünscht.

Als Leser weiß man sehr schnell, worum es geht: Die Protagonistin hält ihre Familie und ihr Leben für so wunderbar, dass sie nicht im Traum darauf käme, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt. Daher wirkt es sehr dick aufgetragen, wenn sie immer wieder ihren so „sensiblen und begabten“ Sohn lobt (und alle anderen Figuren mit einstimmen!) oder von ihrem Mann erzählt, dessen Verhalten sie nicht einmal ansatzweise hinterfragt. Parallel dazu schildert sie nämlich genau dieses Verhalten bei ihren Patienten als Grund dafür, dass ihre Beziehungen scheitern. Ob die Übertreibung hier ein Stilmittel ist, wird nicht recht deutlich, eher wirkt es so, als winke man dem Leser gleich mit einem ganzen Zaun.

Besonders ins Auge springt auch eine andere Unstimmigkeit: Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der jüdischen Identität der Protagonistin und dem Gesagten. Die Figur scheint in keiner Weise religiös zu sein oder sich über ihre Familie und Bekannten hinaus mit der jüdischen Community in New York verbunden zu fühlen. Dann aber lässt sie Sätze fallen wie „Das Auto war ein deutsches Modell, nichts, was ein sensibler Jude fahren sollte“ und als Leser reibt man sich ungläubig die Augen, denn dieser Satz steht in so gar keinem Zusammenhang mit ihrem bisherigen Verhalten und wirkt daher auffallend deplatziert.

Fazit: „Du hättest es wissen können“ ist insgesamt unterhaltsam, aber auch vorhersehbar. Die Protagonistin wirkt, obwohl die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt wird, seltsam unnahbar. Das ändert sich erst zum Schluss ein wenig, als sie ihren Schmerz in langen einsamen Tagen in einer eiskalten Hütte zulässt und man als Leser an ihren Gefühlen teilhaben kann. Die Art der Beschreibungen, besonders die streckenweise Detailarmut, lassen mutmaßen, dass sich das Buch gut für eine Verfilmung eignen würde. Ob es, wie bei „Admission“, einem anderem Roman der Autorin, dazu kommt, bleibt abzuwarten.

Jean Hanff Korelitz, „Du hättest es wissen können“ (OT: You should have known), Ullstein Taschenbuch 2016, 480 S., 12,99€.

 

Laksmi Pamuntjak: Alle Farben Rot

rotDas Rot zieht sich durch die Geschichte Ambas und der Menschen, die ihr begegnen. Im Indonesien der 60er Jahre ist es die Farbe des aufstrebenden Kommunismus, der Idee von einer besseren Gesellschaft, die die noch offenen Wunden der niederländischen Kolonialzeit heilen soll. Rot ist die Farbe des Blutes, das beim Kampf von Parteiverbänden und Jugendorganisationen im ganzen Land vergossen wird, das Familien trennt und neue Wunden aufreißt. Rot ist auch die Farbe der Liebe und Sinnlichkeit, die Amba und Bhisma verbindet, genauso, wie es in der hinduistischen Mythologie im Mahabharata[1] erzählt wird. Als sie Bhisma in den Wirren der Straßenkämpfe verliert, baut Amba sich ein neues Leben auf. Doch nach vierzig Jahren, als gealterte Frau, erfährt sie von seinem Tod weit weg auf der Insel Buru – einer ehemaligen Kolonie für politische Gefangene. Im Jahr 2006 macht sie sich auf und wandelt auf seinen Spuren in einem von Unsicherheit, Korruption und religiösen Spannungen geprägten Teil der Welt.

 

Alle Farben Rot erzählt Ambas Geschichte und dadurch zugleich viele andere: Als junge Frau muss Amba sich gegen die herrschenden Konventionen stellen und ihre Familie verlassen, um in der nächstgelegenen Stadt studieren zu können. Immer wieder klingt die Geringschätzung von Frauen im Alltagsleben an, ebenso aber auch ihre fast göttliche Überhöhung. Mehr aus Kompromissbereitschaft gegenüber ihren Eltern denn aus Liebe verlobt sich Amba mit dem Lehrer Salwa, der – rechtschaffen und mit Aussicht auf eine Karriere – selbst aus einem Elternhaus stammt, in dem Religiosität und politische Orientierung immer wieder zu Konflikten führen. Er selbst versucht sich mehr schlecht als recht aus den politischen Wirren der Zeit herauszuhalten. Ganz anders der Arzt Bhisma, der in Leipzig studiert hat und mit dem Kommunismus sympathisiert. Durch ihn lernt Amba Künstler und Aktivisten kennen, wobei sie das Gefühl hat, dass der von jeher gut situierte Bhisma unter ihnen ein Außenseiter bleibt. Ihr Ehemann dann, ein Ausländer, bleibt allen Schikanen zum Trotz aus Liebe zum Land und zu ihr in Indonesien. Zusammen mit einem ehemaligen Gefangenen macht Amba sich nach seinem Tod auf zur Inselgruppe der Molukken, zu Menschen, von denen viele den Niederländern bis zum Schluss die Treue hielten, die dann nach einem unabhängigen Staat strebten und nun in Armut und einem immer wieder aufflammenden Konflikt zwischen den Religionen gefangen sind.

 

Der wunderschön gestaltete Einband – violette Holzmaserung der Buchdeckel, tiefes Rot des Umschlags und des Lesebändchens – lassen die Farbenpracht und Fülle von Eindrücken erahnen, die auf einen Besucher Indonesiens einstürmen. Schon beim Lesen des Romans meint man, immer wieder die Gerüche der Speisen und das dunkle Dickicht des Dschungels zu riechen. Anders als beispielsweise indische Autoren, die ich zu diesem Zeitpunkt kannte, verliert sich die Autorin Pamuntjak aber nicht in ausufernden Beschreibungen dieser Fülle. Ihr Stil neigt zum Ausschmücken, ohne langatmig zu sein. Bemerkenswert ist vor allem, wie sie ihre Protagonistin Amba aufbaut: Als junge Frau entscheidet sie sich gegen den für sie vorgezeichneten Weg der frühen Ehe und einem Leben als Mutter und Hausfrau, schließt dieses aber nie ganz für sich aus, solange es ihre Unabhängigkeit nicht beeinträchtigt. Sie analysiert ihre Umgebung und die gesellschaftlichen Gegebenheiten mit scharfem Blick und reflektiert auch ihre Beziehung zu Bhisma immer wieder. Obwohl die Figur Bhismas das Potenzial hat, klischeehaft und überhöht dargestellt zu werden, zeigt die Autorin durch Ambas Augen seine Fehler auf, lässt ihn selbst mit Ängsten und Sorgen zu Wort kommen und porträtiert ihn dadurch auf vielschichtige Weise. Dies trifft auf die meisten Figuren in Alle Farben Rot zu: Keine ist nur „Mittel zum Zweck“, alle Figuren haben ihre eigene Geschichte, ihre Gedanken und Gefühle, auf die die Autorin mal länger mal kürzer eingeht. Als Leser bekommt man dadurch das Gefühl, es mit realen Menschen zu tun zu haben, die genauso oder zumindest ähnlich leben könnten.

 

Die politische Situation Indonesiens ist die Grundlage, aus der die persönlichen Geschichten der Figuren erwachsen. Besonders dankenswert ist hierbei das angefügte Glossar, das eine kurze Erklärung der aus dem Indonesischen übernommenen Wörter bietet. Ich kam allerdings nicht umhin, häufig noch in anderen Quellen nach bestimmten Namen und Orten zu suchen, da ich bei meiner bis dato völligen Unkenntnis der indonesischen Geschichte nie sicher sein konnte, ob Personen, Orte und Geschehnisse real sind oder durch die Autorin hinzugedacht wurden, um die Geschichte abzurunden. Sehr hilfreich wäre eine Karte (Süd-)Indonesiens gewesen, denn viele Städte und gar ganze Inseln waren mir bis zur Lektüre des Buches unbekannt.

 

Alle Farben Rot war mein erster Roman aus dem Indonesischen und hat mich sehr beeindruckt. Ich wusste zuvor nur wenig über die Geschichte des Landes, die in diesem Buch eine so große Rolle spielt und so viel mehr Gelegenheit für weitere Erzählungen bietet. Das Straflager auf Buru, dessen menschenverachtende Organisation hier nur angedeutet wurde,[2] brachte z.B. die Buru-Tetralogie hervor, deren Autor Pramoedya Ananta Toer auch eine kleine Rolle in diesem Buch spielt. Bereits nach diesem Roman habe ich den Eindruck, dass die Frankfurter Buchmesse mit Indonesien 2015 ein so spannendes, vielschichtiges und interessantes Land ausgewählt hat, dass es sich durchaus lohnt, die dortigen Veröffentlichungen weiter zu verfolgen.

 

Laksmi Pamuntjak „Alle Farben Rot“, aus dem Indonesischen übersetzt von Martina Heinschke, ullstein 2015, ISBN-13 9783550080869, 672 S., 24,00€.

 

Tipp-BlaseIndonesische Geschichte, Kultur und Mythologie, Suharto, Massaker 1965–1966, Kommunismus in Indonesien, Strafkolonie Buru

 

[1] Eine vollständige Übersetzung des Mythos ist frei zugänglich: http://www.mahabharata.pushpak.de/ .

[2] Ein lesenswerter Artikel des Hamburger GIGA-Instituts zur Vergangenheitspolitik in Indonesien findet sich unter https://giga.hamburg/de/system/files/publications/gf_asien_1403.pdf .

 

„Alle Farben Rot“ wurde ebenfalls gelesen und besprochen von:

dem Leselupenblog
dem Lesekabinett Leipzig
Dragonviews

 

 

Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

K800_Kundera„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ – oft gehört und jetzt endlich einmal gelesen.

Kundera schreibt die Geschichte der Liebenden in Prag und in ihrem – nicht immer selbst gewählten – Exil. Zuerst die Geschichte von Tomas und Teresa. Tomas der Chirurg und Teresa, die Kellnerin vom Land, die ihn verzaubert, unverhofft in seine Prager Wohnung einzieht und sich die Stadt als Fotografin zueigen macht. Die weiß, dass sie sich mit einem unverbesserlichen Schwerenöter eingelassen hat, oft loskommen will, immer bleibt. Und Tomas, der weiß, dass er Teresa verletzt, aber auch die Künstlerin Sabina liebt. Dann die freie und unabhängige Sabina, die an ihrer Kindheit trägt und eine Affäre mit einem Hochschullehrer unterhält, der, unglücklich in seiner Ehe und Familie, sein Leben ändern, aufregender machen will. Dann Teresa, die raus aufs Land will, ein einfaches Leben auf dem Hof, ihren Hund im Schlepptau. Und Tomas, der ihr folgt, ein Paar, das aneinander hängt.

Milan Kundera erzählt die Geschichte der Menschen in Tschechien. Durch Tomas und Sabina im Exil, durch Teresa, die auch das Landleben kennt. Er beleuchtet die Gefühlswelt der Liebenden, die glücklich sein könnten, sich aber selbst im Wege stehen, sich einander das Leben schwer machen, die wirklich schwierigen Situationen – das neue Leben im Exil, die politische Verfolgung – meistern und sich dann aneinander aufreiben. All dies in einer wunderschönen Sprache, die einen als Leser gerade nicht fragen lässt, wann die Geschichte denn endlich vorangetrieben wird, warum all diese zeitlichen Brüche sein müssen. Einfühlsam sowohl aus männlicher als auch aus weiblicher Sicht, ohne die Protagonisten zu klischeehaft zu zeichnen  – der Arzt, die Künstlerin, das Mädchen vom Lande – sie alle gibt es in diesem Roman, sie alle interagieren auf eine Weise, die diese Rollen deutlich hervortreten lässt und doch sind sie vielschichtiger. Kunderas Schilderungen ihrer Gefühlswelten sind erheiternd, oft auch traurig. Der Leser schaut den Protagonisten nicht nur beim Leben zu, nein, er kann in den Kopf eines jeden einzelnen schauen und lebt mit. Das ist es, was „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins “ ausmacht: das Mit-leben, das Gefühl, ein Buch in den Händen zu halten, dem es gelingt, ein Stück Leben zu fassen.

Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (OT: Nesnesitelná Lehkost Byti), erstmals erschienen 1984, verschiedene Ausgaben.

Vanessa da Mata: Blumentochter

BlumentochterDie Protagonistin dieses Romans, die junge Adelgiza, lebt gemeinsam mit ihren beiden nur wenig älteren Tanten in einer alten Villa in einer brasilianischen Kleinstadt. Sie schildert ihre Kindheitserinnerungen an den bunten Garten, dessen Blumen an die ganze Stadt verkauft werden und an die Jagd auf die riesigen Ameisen, die gefräßig jedes Rosenblatt zu bedrohen scheinen. Nächte voller Geschichten in den Baumwipfeln gehören genauso dazu wie die Fruchtsaft verschmierten Gesichter nach dem Plündern der Mangobäume. Der Garten scheint alles im Überfluss zu haben. Die anfängliche Vertrautheit mit ihrer fast gleichaltrigen Tante und Spielgefährtin Florinda lässt jedoch nach, je älter Adelgiza wird. Die beiden Tanten scheinen ohne sie erwachsen werden zu wollen, sie fühlt sich ausgeschlossen, auch vom Rest der Stadt gemieden. Ihren Trost findet sie bei der Hausangestellten und in den vielen Liebesbriefen, Nachrichten von geheimen Liebschaften, die sie gemeinsam mit den Blumen ausliefert. Gerade volljährig geworden, packt sie die Lust auf Abenteuer und sie begibt sich, nie aus der Kleinstadt herausgekommen, in das entlegene Stadtviertel Vila Morena, von dem nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Adelgiza findet dort Freunde, die – Prostituierte und Trinker – so gar nicht in ihr bisher auf Wahrung von Sitte und Anstand gerichtetes Leben passen. Doch gerade dort, an diesem verrufenen Ort, erfährt sie, dass es in der verschlafenen Stadt tatsächlich Geheimnisse gibt – und sie im Mittelpunkt steht.

Vanessa da Mata ist in Brasilien vor allem als Sängerin und Songschreiberin bekannt. Das merkt man auch ihrem Roman an. Ihre Orts- und Personenbeschreibungen lesen sich sehr anschaulich, man hat das Gefühl, die schwere, feuchte Luft atmen zu können, selbst inmitten eines üppigen Gartens zu stehen, Blumen und Früchte zu riechen, gar zu schmecken. Mit dem Älterwerden Adelgizas fügen sich diesen Beschreibungen Betrachtungen über Sexualität hinzu. Neben üppigen Bäumen werden nun auch die Körper der Menschen im Umfeld der Protagonistin beschrieben. Ihre Tanten erscheinen anhand ihrer körperlichen Attribute noch anschaulicher; der Körper scheint den Charakter zu bestimmen. So erwachsen die beiden Tanten auch zu sein vorgeben, sie definieren sich, gerade dem Teenageralter entwachsen, hauptsächlich über die Zahl ihrer Verehrer, die Anzüglichkeit der Briefe, die sie erhalten. Adelgiza wird davon bewusst ausgeschlossen und sieht sich mit der alles beherrschenden Doppelmoral versteckter Hemmungslosigkeit auf der einen und der strikten, keuschen Moral der Kirche auf der anderen Seite konfrontiert. Je älter sie wird und je mehr eigene Erfahrungen sie – verbotenerweise – macht, desto mehr rückt Körperlichkeit in den Vordergrund, bis sie schließlich ihre Religion wird.

Da Mata schreibt anschaulich, der Leser taucht völlig ein in die Gerüche und die Hitze der Stadt. Nach einigen Seiten wünscht man sich allerdings eine Pause, wünscht sich, auch selbst einmal die Füße in den kühlen Fluss tauchen zu können. Wenn schließlich die üppigen weiblichen Formen der Tanten geschildert werden, kann man nur schwer umhin, immer wieder kritisch denken, dass da Mata hier von Teenagern schreibt. Unterschwellig, manchmal gar offen, bemerkt sie, dass die Mädchen erst wahrgenommen werden, sobald sie ihre Weiblichkeit kokett einzusetzen wissen. Dass sie sich in einem Sommerkleid nicht mehr in alle Gegenden trauen können und dass jede von ihnen Gegenstand des Stadtklatsches ist. Durch all diese Dinge, die sie die Protagonistin am eigenen Leib erfahren lässt, inszeniert da Mata gekonnt die Doppelmoral der Kleinstädter, die kaum einen Kirchgang auslassen, dabei aber gekonnt verschiedene Liebschaften unterhalten. Als Leser hätte man sich die Ausführlichkeit des Anfanges auch am Ende gewünscht. Allzu schnell lüftet sich das Geheimnis um Adelgiza – und das nicht etwa kunstvoll, sondern in einem Schwung durch einen Betrunkenen erzählt. Jener Teil, in dem sie in die Vergangenheit der Kleinstadt eindringt, erscheint nach dem üppigen Anfang nur allzu dürftig. Die Mischung von Realität und Fiktion ist interessant, gelingt aber nicht völlig. Einige Zufälle erscheinen einfach zu passend, einige Details zu unglaubwürdig, so etwa die Aussage, dass Adelgiza ihren Garten zwar jeden Tag besucht, ihn aber noch nie ganz erkundet hat.

Fazit: „Blumentochter“ besticht durch die anschaulichen Beschreibungen einer brasilianischen Kleinstadt und ihrer Einwohner. Die Schwächen der Geschichte können diese aber nicht ausgleichen.

Vanessa da Mata, Blumentochter, List 2015, 304 S., 18,00€.

Martin Suter: Der Koch

Suter- Der KochAls der Exil-Tamile und geschickte Koch Maravan seine Anstellung als Küchenhilfe in einem Schweizer Edelrestaurant verliert, entschließt er sich, gemeinsam mit seiner Kollegin Andrea einen Catering-Service der besonderen Art zu gründen: Love Food  – stimulierende Küche für Paare. Zunächst kochen die beiden für Patienten einer befreundeten Sexualtherapeutin, dann auch für die Eskapaden wohlhabender Geschäftsleute. Nebenbei suchen sie selbst ihr Glück. Maravan verliebt sich in eine eigensinnige Landsmännin, Andrea in eine hübsche Prostituierte.

Martin Suter verknüpft in seinem Roman geschickt die Einzelschicksale auf den ersten Blick völlig unterschiedlicher Figuren mit den Ereignissen der Finanzkrise im Jahr 2009. Neben Schweizer (Luxus-)Residenzen ist auch das vom Krieg und den Kämpfen der LTTE betroffene Sri Lanka Schauplatz. Auch im Exil ist der Protagonist Maravan nicht frei von heimatlichen Verpflichtungen. Er arbeitet, um Geld in die Heimat schicken zu können und verfolgt mit Schrecken das Schicksal eines jungen Familienmitgliedes, das sich als Kindersoldat verdingt. Auch muss er seinen moralisch nicht einwandfreien Job als „Sexkoch“ geheim halten, während er auch in der Schweiz von Unterstützern der LTTE bedrängt wird. Am Schicksal Maravans wird deutlich, dass Flüchtlinge im Exil einen Erfahrungsschatz sowohl positiver als auch negativer Erfahrungen haben, der dem in Sicherheit und verhältnismäßig sorglos aufgewachsenen Westeuropäer weitestgehend verborgen bleibt. Maravans Freundin Samira durchlebt den Konflikt der zweiten Generation und wirklich verstehen kann sein Leid nur die Prostituierte Makeba, die einst selbst vor einem Krieg in Äthiopien flüchtete.

Die Beschreibungen der phantasievollen Gerichte, die im Roman zubereitet werden, lassen dem Leser das Wasser im Mund zusammenlaufen und stellen das Kochen nicht als Notwendigkeit, sondern als Kunst dar. Die Rezepte im Anhang bieten dem ambitionierten Hobbykoch dann die Möglichkeit, das Gelesene nach zu kochen.

Martin Suter „Der Koch“, Diogenes 2011, 320 S., 10,90€

Violette Leduc: Die Bastardin

Bastardin„Die Bastardin“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die als uneheliche Tochter eines Sohnes aus gutem Hause und einer Magd bei Mutter und Großmutter aufwächst. Von wiederkehrenden Krankheiten gezeichnet, besucht sie nur unregelmäßig die Schule und verlässt schließlich, als ihre Mutter heiratet und ihren Bruder zur Welt bringt, das Haus ihrer Kindheit. Ihr Weg führt sie vom Land ins Paris der Vor- und Zwischenkriegszeit. Ihre Mädchenjahre hindurch unterhält sie Liebschaften mit Internatsgenossinnen und kann sich, den Verlockungen Paris‘ vollständig erlegen, nicht entscheiden zwischen ihrer Freundin, einem interessanten Mann und schließlich ihrem homosexuellen Gönner, den sie innig verehrt.

Durch „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ bin ich auf das bereits 1964 erschienene autobiografische Werk Violette Leducs (1904-1972) aufmerksam geworden. Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir versehen, erwartet den Leser Großes.  Schon während der ersten Seiten lässt sich erahnen, warum de Beauvoirs Vorwort so verklausuliert, so umfassend geworden ist. Die Autorin Leduc schildert ihre Jugend grob chronologisch, verweist dabei aber immer wieder auf ihre früheren – ebenfalls autobiografischen ­­– Werke, was das Lesen ohne Vorkenntnis beträchtlich erschwert. Hinzu kommt, dass ihre Sprache sehr umschreibend ist, Wesentlichkeiten werden in Halbsätzen versteckt, sodass sich ihre Wichtigkeit nicht immer gleich erschließt. Wenn dann hunderte Seiten später auf eben jene Ereignisse Bezug genommen wird, lässt sich schlussfolgern, dass jene Schilderung wohl bedeutsam für Leducs weiteres Leben gewesen sein muss.

Das Innenleben der Protagonistin ist gelinde gesagt schwierig. Starke Gefühlsschwankungen, die sich ausdrücken in Beschreibungen wie „die Wimpern der Rinder deprimierten mich“, sind für den geneigten Leser interessant. Das Mitfühlen jedoch würde einen Kraftakt bedeuten, den man nicht jedem Leser zumuten will. Trotz etlicher Längen, trotz des starken Wunsches, die Autorin möchte doch jetzt einmal Klartext schreiben, fasziniert das Leben der Violette Leduc ungemein. Mit traumwandlerischer Sicherheit umgibt sie sich mit Personen, die mindestens genauso labil und wankelmütig erscheinen wie sie selbst. Sie wirft sich ihnen zu Füßen, bettelt, erniedrigt sich und andere, beleidigt, liebt. Die geschilderte Gefühlspalette dieser Erzählung geht über das hinaus, was Autoren heutzutage einem Leser zumuten würden. Als Leser bringt man nicht immer Wohlwollen, selten Mitleid für die Protagonistin auf. Manchmal sympathisiert man mit den anderen Figuren. Violettes Freundin Hermine zum Beispiel, der, so scheint es am Ende, Violette einfach zu anstrengend, zu kompliziert geworden ist mit ihrer Anhänglichkeit, ihrer Wut und ihren suizidalen Tendenzen, die sie letztendlich stets als Erpressung benutzt. Neben all den Figuren, unter denen sich auch viele Personen der Zeitgeschichte wiederfinden, die die Autorin kennengelernt hat, spielt Paris die Rolle einer eigenen, bedeutsamen Figur. Es wandelt sich mit Violette, wird mal als traumhaft schön beschrieben, dann wieder als Stadt, die die Protagonistin schnell hinter sich lassen möchte. Es schwankt zwischen Exzess und Biederkeit, Überfluss und bitterer Armut.  Es kommt der Verschwendungssucht der Protagonistin entgegen oder zeigt ihr in aller Deutlichkeit, was sie nicht haben kann. Frankreichfreunde werden besonders die vielen genannten Orte, die bekannten Cafés und Straßen, Quartiers, Designer und nicht zuletzt die damaligen Berühmtheiten der Literaturszene begeistern.

„Die Bastardin“ ist beileibe kein Buch für zwischendurch. Manchmal wird man es zur Seite legen, um über die Protagonisten-Autorin seinen Kopf zu schütteln. Man wird erschreckt sein, wie Menschen sich gegenseitig ins Unglück stürzen können, obwohl es ihnen objektiv so gut gehen könnte. Man wird Leduc dafür bewundern, zu jener Zeit so offen ihre lesbische Sexualität beschrieben zu haben. Zum Schluss wird man sich dann vielleicht mit Violette Leduc versöhnen, weil man ihr zumindest eines nicht absprechen kann: eine interessante Frau zu sein.

Violette Leduc, Die Bastardin (OT: La Bâtarde), Rowohlt 1978, 411 S.

Marilyn Yalom: Wie die Franzosen die Liebe erfanden

YalomIn ihrem neuen Werk „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ nimmt uns die Historikerin Marilyn Yalom mit auf einen Streifzug durch die französische Literaturgeschichte. Angefangen beim Minnesang erzählt sie von Abaelard und Heloise, dem französischen Pendant zu Romeo und Julia, ritterlichen Liebesschwüren, über die komische Liebe wie sie sich bei Molière findet. Von hemmungslosen Verführern über romantische Schriftstellerinnen, Liebe am Königshof und zu Zeiten der Französischen Revolution bis zur existenzialistischen Liebe Sartres und de Beauvoirs, werden hetero- und homosexuelle Gefühlswelten beleuchtet. Versehen mit Zitaten aus bekannten und weniger bekannten Werken gelangt sie so bis ins 21. Jahrhundert und zeichnet den Weg und Wandel der Liebe über die letzten neunhundert Jahre hinweg nach.

Marilyn Yalom liefert mit „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ einen unterhaltsamen, kurzweiligen, aber auch lehrreichen Gang durch die großen Werke der französischen Literatur und kommt an kaum einem der berühmten Schriftsteller (und Schriftstellerinnen) vorbei, denn über das universelle Thema Liebe, das zu allen Zeiten in all seinen Spielarten immer wieder die wichtigste Rolle in der Literatur einnimmt, hat sich fast jeder von ihnen geäußert. Yalom schreibt über die persönlichen Hintergründe historischer Figuren, das abenteuerliche Leben vieler Könige und ihrer Mätressen, aber ebenso über Frauen, die sich ihren Liebschaften mit so großer Leidenschaft widmeten, dass sie gerade dafür, für ihre anrührenden Briefe und Tagebücher, in Erinnerung geblieben sind. Das alles gespickt mit Zitaten aus den jeweiligen Werken, mit einleitenden Bildern zu jedem der sechszehn Kapitel und eigenen, teilweise Jahrzehnte zurückliegenden Erfahrungen, macht Yaloms Werk unterhaltsam, nie langatmig und zu einem Ausflug in die Welt der französischen Literatur. Die detailierten Anmerkungen im Anhang machen Lust darauf, sich mit der französischen Literatur zu beschäftigen. Lediglich im letzten Kapitel entsteht der Eindruck, als erschiene es ihr nicht mehr lohnenswert, sich mit der französischen Literatur der Jetztzeit zu beschäftigen, denn hier beginnt ein wahrer Galopp durch den französischen Film der letzten Jahrzehnte; Namen wie Godard und Truffaut werden hingeworfen, als gelte es, nach so viel Buch auch noch schnell noch etwas Film mitzunehmen.

Yalom ist Feministin, das kommt an einigen Stellen – nicht zuletzt, weil sie es selbst betont – durch und sorgt, entgegen meiner anfänglichen Erwartung, dafür, dass neben den vielen bekannten männlichen Schriftstellern auch viele schreibende Damen ihren Platz in der Geschichte erhalten. Yalom geht dabei immer wieder auf die Rolle der Frau im Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Strömungen ein und erläutert ihre Liebschaften so anschaulich, dass der Leser denkt, er sei dabei gewesen und sich an manch einer Stelle wundert, wer da mit wem zusammen war – handelt es sich doch fast durchweg um bekannte Namen. Geradezu aktuell wird Yaloms Werk zum jetzigen Zeitpunkt, zu dem die Presse Interesse am Liebesleben des französischen Präsidenten  Hollande findet, denn die Autorin geht in ihrem Werk darauf ein, wie (außereheliche) Liebschaften in Frankreich Teil der Kultur und auch bei großen Staatsmännern nie eine Seltenheit gewesen seien.
Yalom macht keinen Hehl aus ihren literarischen Lieblingen, betreibt dabei aber zu keinem Zeitpunkt Namedropping, sondern weiß zu jedem Literaten, zu jedem Werk eine Anekdote zu erzählen. Dieser Plauderton ist es, der „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ zu einem gelungenen Spaziergang durch die französische Literatur macht.

Marilyn Yalom, Wie die Franzosen die Liebe erfanden. Neunhundert Jahre Leidenschaft (OT: How the French Invented Love), Ullstein 2013, 443 S., 22,99€ 

♫ Tschingis Aitmatow: Dshamilja

In „Dshamilja“ berichtet der fünfzehnjährige Said von einer der schönsten Liebesgeschichten der jüngeren Literatur. Wo sie sich zuträgt? Im Kirgistan des Jahres 1943.
Während Saids älterer Bruder an der Front weilt, kehrt ein anderer, vom Krieg gezeichneter Soldat in sein Heimatdorf zurück. Danijar, der still und verschlossen stets Außenseiter bleibt. Doch als Dshamilja, die Saids Bruder geheiratet hatte, kurz bevor er eingezogen wurde, und Said mit dem nachdenklichen Danijar täglich Getreidelieferungen zum nächsten Bahnhof bringen müssen, verlieben sich die verheiratete Frau und der Kriegsheimkehrer. Der junge Said wird Mitwisser einer Liebe, die in der patriarchalischen Tradition des ehemaligen Nomadenvolkes nicht gebilligt wird.

Entweder, man findet Aitmatows „Dshamilja“ kitschig, oder aber wunderschön. Ich tendiere zu letzterem, denn nicht nur die zaghaft gegen alle Widerstände aufkeimende Liebe, sondern auch die Steppenlandschaft, die eben so wichtig ist, wie jeder der Protagonisten, wird in ihrer unglaublichen Schönheit beschrieben. Der Arbeitsalltag in der Kolchose, körperlich harte Arbeit als alles überstrahlender Lebensinhalt, das scheint uns heute ein wenig fremd. Aitmatow schildert die Getreideernte und die familiären Bindungen so eingehend, dass man das kirgisische Dorf vor sich sieht, den Duft der Steppe ebenso riecht, wie den Mist der Pferde.
Mal weiß man mehr als der fünfzehnjährige Said, der seine eigene Liebe Dshamilja, seiner Schwägerin gegenüber, noch nicht einzuordnen vermag. Dann wieder lässt man sich bereitwillig ein auf die reflektierten Äußerungen von Saids älterem Ich, das sich immer wieder erklärend zu Wort meldet.

Ulrich Matthes gelingt es mit seiner angenehmen Stimme, einfach vom einfachen Leben zu erzählen und Pausen einzustreuen, um die Tiefe der Emotionen auch dem geneigten Hörer zu überbringen. Er trägt Aitmatows poetische Schilderungen so schlicht vor, dass sich die herbe, unbekannte Schönheit der Steppe vor den Augen des Hörers darstellt; dass er das Ächzen der vollbeladenen Wagen und das kraftvolle Rauschen des Flusses zu hören meint.

Obwohl mit „Krieg“ und „Kolchose“ immer wieder auf den Sozialismus verwiesen wird, ja, „Dshamilja“ sogar Pflichtlektüre in den Schulen der DDR war, ist der Inhalt von Aitmatows Erzählung kein Politikum. Die  Bedingungen des Kolchose-Lebens gehören ebenso wie der Islam und der Respekt vor den nomadischen Ahnen zur Lebenswelt der Protagonisten, die man als Hörer interessiert annimmt. „Dshamilja“ ist nicht einfach nur eine Liebesgeschichte- denn davon gibt es viele. Aitmatows Erzählung führte mich in eine faszinierende, unbekannte Welt, mit deren Existenz ich mich bisher noch nie befasst hatte. Dieses Hörbuch war ein wahrer Glücksgriff.

Kirgistan, Kriegserleben, Kolchose-Alltag, Leben in nomadischer Tradition

Heather Terrell: Jenseits des Mondes

Die junge Ellie hat mit Problemen zu kämpfen, die nur den wenigsten bekannt sind: Sie hat herausgefunden, dass sie und ihr Freund Michael Nephilim sind, die Kinder gefallener Engel und über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen. Doch nicht nur das, denn sie ist „die Auserwählte“, die am Ende der Zeit über alle Lebewesen richten soll. Völlig überfordert klammert sie sich an Michael, der, um Familie und Freunde zu schützen, vorschlägt, nächtliche Flugstunden andere aufsehenerregende Aktionen erstmal zu unterlassen. Denn die Gefallenen warten nur darauf, dass die Auserwählte sich über ihre Berufung klar wird, um einen Endzeit-Countdown auszulösen. Am Ende der Zeit soll Ellie also die Menschheit richten, die durch das Machtstreben der Gefallenen keiner rosigen Zukunft entgegenblickt. Sie muss die Abtrünnigen töten- doch wie tötet man Engel? Dass sie sich bei ihrer schwierigen Mission auf Michael verlassen kann, erscheint immer unwahrscheinlicher, denn er interessiert sich mehr für die kommenden Football-Spiele als für das drohende Ende der Menschheit. Da kommt Ellie ein neuer Freund und Beschützer gerade wie gerufen.

Der zweite Band der „Chronik der Nephilim“ bietet durch eine kurze Wiederholung zu Beginn auch einen guten Einstieg für alle Ellie-Neulinge. Durch verschiedene Anspielungen wird immer wieder auf den Show down am Ende des ersten Bandes verwiesen, an welchen „Jenseits des Mondes“ anknüpft. Doch der Beginn ist zugleich auch die stärkste Stelle, danach verschlechtert sich der Erzählstil ungemein: An entscheidenden Stellen fehlen dem Leser häufig Beschreibungen, die das Geschehen vielleicht etwas verdeutlichen könnten. So befreit Ellie ihre Eltern aus der Geiselhaft eines blutrünstigen Engels, nur um auf der nächsten Seite schon auf dem Weg zu einem Footballspiel zu sein. Kein Wort über den Verbleib der Eltern, geschweige denn über Ellies Gefühle bei ihrem  gefesselten und arg mitgenommenen Anblick.
Auch, dass die im Vorfeld als nahezu unbesiegbar dargestellten Gefallenen- immerhin haben sie sich ja seit Anbeginn der Zeit wacker auf der Erde gehalten- im Zwanzigseitentakt sterben, wirkt mehr als unglaubwürdig. Hier hätten mehr Seiten dem Buch definitiv gut getan, denn die Thematik ist interessant und das Ende der Menschheit dürfte, richtig angegangen, nicht nur Mädchen im Teenager-Alter interessieren. Die etwas plumpe Liebesgeschichte hingegen schon: Man muss schon stark von Ellies Lobgesängen auf Michael überzeugt gewesen sein, um zu verstehen, dass sie den ganzen Roman über an ihm festhält, nur, um einer Prophezeiung gerecht zu werden, an der sie zu zweifeln scheint. Leider verschießt Terrell ihr gesamtes Pulver als sie dem Leser einen Großteil der Informationen durch den Engel Raphael vorsetzt: Auf einen Schlag wird er ins Bild gesetzt und ist ab diesem Zeitpunkt erschrocken über das rasante Tempo, das die Autorin anschlägt. Gäbe es weniger Siegel, deren Öffnung es zu verhindern gilt, wäre eine Kurzgeschichte wohl das passende Medium für ihren Stil.
Das Cover hingegen ist so verträumt-schön, dass man schnell auf die angesprochene Zielgruppe schließen kann. Doch Vorsicht: Wer epische Länge und einen Einblick in die Nephilim-Thematik sucht, wird hier enttäuscht werden und hält sich vielleicht besser an die (Film-)Trilogie „Gefallene Engel“- er wird unweigerlich Parallelen finden.

Heather Terrell „Jenseits des Mondes“ (OT: Eternity) aus dem Amerikanischen von Sybille Uplegger, Ullstein TB 2011, 299S., 8,99€