Reso Tscheischwili: Die Himmelblauen Berge (1980/2017)

Der Alptraum eines jeden Schriftstellers: Nach Monaten der Qual, des Schreibens unter Aufbietung all seiner Kräfte (gar zur Gewichtsabnahme hat’s geführt) gibt man sein überarbeitetes Manuskript beim Verlag ab – und niemand liest es. Ein moderner georgischer Klassiker macht Lust auf das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018.

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Überhaupt erscheint der Verlag das Haus zu sein, das Verrückte macht: Alle beschäftigen sich mit irgendwas, nur nicht mit ihrer eigentlichen Arbeit. Schriftsteller Sosso, der monatelang an der Überarbeitung seines Manuskriptes gesessen hat, kommt nicht in den Genuss ehrlicher, fachkundiger Kritik an seinem Werk. Im Gegenteil: Sein Manuskript wird zerfleddert, liegt mal im Regen, einige Seiten sind plötzlich unauffindbar. So gehen die Monate ins Land und der Verlag kreist um nichts als sich selbst.

Die absurden Dialoge, ständige Störungen der Arbeit durch Belanglosigkeiten, auf die sich alle mit Feuereifer stürzen, statt ihrer eigentlichen Arbeit nachzugehen: Reso Tscheischwili (1933-2015) schrieb schon 1980 eine wunderbar treffende Allegorie auf die Fehler der Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Ein gutes Jahrzehnt, bevor es soweit sein sollte, beschreibt der Autor wenig zweideutig, wie sich tiefe Risse in die Wände des Verlagsgebäudes fressen und es immer wieder von kaum wahrnehmbaren Beben erschüttert wird. Der Direktor treibt sich lieber auf Banketten und bei großen Banken herum, als den Verlag zu leiten und lässt sich aus Bequemlichkeit (oder aus Angst vor echter Verantwortung) verleugnen. Für den Leser ist es geradezu zermürbend, die Dialoge zu lesen, lange Zeit nicht genau zu wissen, worum es eigentlich geht und was die einzelnen Figuren überhaupt für Aufgaben innerhalb der Verlagsstruktur haben. Bis zum Ende war ich fest davon überzeugt, dass einige schlicht gar keine Aufgabe hatten.

Als gesprochener Dialog, sei es auf der Bühne oder vor der Kamera, kommt „Die Himmelblauen Berge“ (übrigens der Titel von Sossos Manuskript) bestimmt noch schmissiger daher. Beim reinen Lesen zeigte sich aber schon, dass Tscheischwili als Meister seines Fachs gelten kann und es verstand, die Geduld seiner Leser ans Ende und die Absurdität seiner Geschichte in ungeahnte Höhen zu treiben. Eine Empfehlung für alle, die sich für georgische Literatur interessieren und die gut verpackte Sozialismuskritik nicht abschrecken kann.

Reso Tscheischwili, Die Himmelblauen Berge (aus dem Georgischen von Julia Dengg und Ekaterine Teti, mit einem Nachwort von Ilia Gasviani), Edition Monhardt 2017, 160 S., 22€, ISBN 978-3-9817789-2-2. Die Auflage ist begrenzt auf 1000 Exemplare.

Zum Buch auf die Verlagsseite


Weitere Meinungen zum Buch:
Dieter Wunderlich
Sätze&Schätze

Literaturtipps zu Georgien – Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018:
Kaukasische Literaturen
Georgische Literatur beim Deutschlandfunk

Auf diese Sachbücher freue ich mich im Frühjahr/Sommer 2018

2018 wird hoffentlich ein gutes Jahr für den Sachbuchmarkt, denn es stehen einige Ereignisse an, die auf interessante Literatur hoffen lassen: Vor 400 Jahren begann mit dem Zweiten Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg, der Europa verwüstete und der auch ein Religionskrieg war. Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Republik ausgerufen ein–  vorerst leider nur kurzes – Zwischenspiel in der Demokratiegeschichte Deutschlands. Vor 50 Jahren wurde der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King in Tennessee erschossen und Nelson Mandela würde seinen 100. Geburtstag feiern.

Beim Stöbern in den Verlagsvorschauen habe ich erfreut festgestellt, dass vermehrt Biographien über historische Frauenfiguren publiziert werden und das Tabuthema psychische Erkrankungen auf den Sachbuchmarkt drängt. Auch die weibliche Sexualität ist kein Tabu mehr, es erwartet uns ein Buch zweier norwegischer Medizinerinnen, das auch aufgrund seines prägnanten Titels Aufsehen erregen wird. Daneben habe ich noch einige viel versprechende Bücher aus dem Bereich der Ur- und Frühgeschichte gesehen; auch hier scheint der Humor nicht zu kurz zu kommen. Die Sachbücher im ersten Halbjahr 2018 sind bunt und vielfältig, da ist für jeden etwas dabei.

Georg Schmidt
Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Rüdiger Barth / Hauke Friederichs
Die Totengräber Der letzte Winter der Weimarer Demokratie

Sibylle Lewitscharoff / Najem Wali
Abraham trifft Ibrahim. Streifzüge durch Bibel und Koran

Christopher de Bellaigue
Die islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft

Andreas Guski
Dostojewskij. Eine Biographie

Norman M. Naimark
Genozid. Völkermord in der Geschichte

Gary Cox
Jean-Paul Sartre. Existentialismus und Exzess

María Hesse
Frida Kahlo. Eine Biographie

Hermann Kulke/Dietmar Rothermund
Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute

Malachy Tallack (Text) / Katie Scott (Illustrationen)
Von Inseln, die keiner je fand

Stefan Breuer
Wegbereiter des Rassenstaates. Die nordische Bewegung in der Weimarer Republik

Brenna Hassett
Warum wir sesshaft wurden und uns seither bekriegen, wenn wir nicht gerade an tödlichen Krankheiten sterben

Carolyne Larrington
Fit für Walhalla. Nordische Mythen für Einsteiger

Nina Brochmann / Ellen Støkken Dahl
Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht

Daphne Merkin
Mein fremdes Ich

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Habt ihr schon Sachbücher im Auge? Welche Themen interessieren euch im Jahr 2018; worüber wollt ihr mehr erfahren? Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern!

 

Neues und Altbewährtes im Jahr 2017 – Meine 10 Favoriten

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und das ist immer eine gute Gelegenheit, die Lektüre des Jahres Revue passieren zu lassen. Während mein Finger durch meine Leseliste wandert, stellen sich die Erinnerungen an gute und weniger gute Leseerlebnisse ein und schnell habe ich zehn Favoriten beisammen.

Neu erschienen und sofort bestaunt

Bendixen

Katharina Bendixen – Ich sehe alles
Ein deutsches Au-pair in Budapest, das langsam aber sicher verrückt wird. Kein Thriller zwar, aber ein beeindruckendes Debüt mit großer Treffsicherheit in das Herz des leserlichen Unbehagens.

Jonas Lüscher – KraftLüscher_Kraft
Überkandidelt und dabei unheimlich komisch. Über Lüschers abgebrannten Professor Kraft konnte ich herrlich schmunzeln und fand bestätigt: Hochmut kommt vor dem Fall. Manchmal begleitet sie ihn auch.

Kang_MenschenwerkHan Kang – Menschenwerk
Nach „Die Vegetarierin“ wartete ich gespannt auf das Erscheinen von Han Kangs „Menschenwerk“ in deutscher Sprache. Eine so intensive, bedrückende Geschichtsstunde wie diese hier über das Massaker von Gwangju und die Niederschlagung der Demokratiebewegung dort, habe ich selten erhalten. Das Werk eröffnet dem europäischen Leser einen ganz neuen Blick auf ein Korea fernab von Hightech, Leistungsdruck und K-Pop-Welle. Unbedingt lesen und sich davon bewegen lassen.

Deborah Feldman – Überbittencover_350x240
Obwohl ihr neuestes Werk für mich nicht ganz an ihr Debüt „Unorthodox“ heranreicht, habe ich diese umfangreiche Geschichte über Selbstfindung, Ankommen in Europa und Reisen auf den Pfaden einer längst verschwundenen Familie verschlungen. Feldmans Sprache (und auch die Literaturtipps, die sie einstreut) sind einfach lesenswert.

Hochgeschwender

Michael Hochgeschwender – Die Amerikanische Revolution
Nach historischen Versatzstücken aus etlichen High-School-Komödien wollte ich es einmal ganz genau wissen: Wie wurden die USA zu dem, was sie heute sind? Dass Hochgeschwender hier als wahrer Kulturkenner schreibt, machte das Lesen angenehm und führte dazu, dass auch Themen, die in reinen Geschichtsbüchern keinerlei Beachtung finden (die Zusammensetzung der Trecks, die den Armeen hinter herzogen!) aufgegriffen werden. Ein sehr informatives Werk, das die Entstehung des Amerikas aus der Sicht europäischer Einwanderer und ihrer Nachfahren beleuchtet.

 

Altbewährtes lieben gelernt

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Oscar Wilde – The Importance of Being Ernest
Selten habe ich beim Lesen so gelacht. Dieses alte Stück hat doch genau meinen Humor getroffen und weil ich es bislang immer noch nicht geschafft habe, eine Verfilmung anzusehen, steht weiterer Spaß mit Wildes Zeilen noch aus.

Lion Feuchtwanger – Jud Süß
Anfangs hatte ich mit Feuchtwangers Sprache ganz schon zu kämpfen. Manche Sätze wurden gar dreimal gelesen. Nach den ersten Seiten war ich dann aber begeistert von der Atmosphäre, die er für den Leser erschafft. Ich fühlte mich im historischen Württemberg angekommen und habe mit Oppenheimer geschimpft und gelitten. Feuchtwanger hat hier eine äußerst ambivalente und dabei zutiefst menschliche Figur geschaffen. Sein feiner Humor gekleidet in gehobene Sprache haben seinen „Jud Süß“ zu einem meiner Jahreshighlights werden lassen.

Antanas Skema – Das weiße Leintuch
Litauen war für mich stets ein weißer Fleck auf der Landkarte. Dann stieß ich zufällig auf die Erstübersetzung dieses Klassikers und wurde sofort gefangen genommen von Sprache und Stil Skemas. Litauische Mythen und Sagengestalten wabern durch seine Erzählung, die im New York des 20. Jahrhunderts spielt. Erstaunt war ich auch darüber, wie viel litauische Literatur in Displaced-Persons-Camps in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entstand.

Gustave Flaubert ­– Madame Bovary
Ich gebe es zu, die Schullektüre „Effi Briest“ habe ich nicht sonderlich gemocht. Umso skeptischer näherte ich mich diesem, im Thema ähnlichen Werk. Aber was für eine Überraschung! Viel weniger verschämt, einer gewissen Komik nicht abgeneigt, schildert Flaubert hier die Liebschaften einer jungen Frau, die ziemlich unzufrieden mit sich und der Welt ist und sich über weite Strecken ihres Lebens langweilt. Naiv ist sie, dabei aber auch ein wenig verschlagen. Ach, macht euch selbst ein Bild, denn dieses Werk ist einfach ein sprachliches Meisterstück.

George Orwell – 1984
So viel habe ich über dieses Buch gehört – und dabei so wenig daraus gelesen. Als es dann soweit war, kamen mir viele dystopische Elemente gar nicht mehr neu vor. Aber mit den drastischen Schilderungen und den vielen kleinen Grausamkeiten, die in den Medien nie zitiert werden, hatte ich dann doch nicht gerechnet. Die Lektüre war eine echte Bereicherung und dass das Werk mit Amtsantritt Donald Trumps wieder auf den Bestsellerlisten auftauchte, erschreckt mich jetzt umso mehr.

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Welche Bücher waren eure Favoriten in diesem Jahr? Habt ihr Neues oder doch eher Altbewährtes gelesen?

Euch allen ein gutes und gesundes Jahr 2018!

 

Überraschtes Staunen und ein Hauch Magie

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Eine skizzenhafte Beschreibung und schon ist der Leser mittendrin in Altschäfers Geschichten. Mit weichen Strichen zeichnet sie in jeder ihrer Erzählungen eine Atmosphäre, auf die man sich gern einlässt, sich gar geborgen fühlt in der warmen Stube hinter den Gardinen oder belustigt dem streitenden Pärchen am Bahngleis lauscht. Immer dann eine unerwartete Wendung, ein Hauch Magie, der den Erzählungen eine fantasievolle Würze gibt ohne übertrieben zu wirken. Hin und wieder Wortneuschöpfungen, die muss man mögen; die abgedruckten Bilder der Autorin und Künstlerin, die Erzähltes illustrieren, wird man ganz sicher mögen.
Unterschiedliche Menschen, Orte und Zeiten; Tiere sind selten nur Begleiter, vielmehr prägen sie das Geschehen. Die Erzählungen haben auf den ersten Blick gar nichts miteinander gemein, doch ergeben sie in ihrer Auswahl ein stimmiges Ganzes und zeigen eine Welt, in der Unangenehmes nicht ausgespart wird, man sich aber trotzdem zu Hause fühlt.

Ich habe die Erzählungen in einem Rutsch gelesen und hatte bei jeder neuen das Gefühl, dass die Autorin inhaltlich und sprachlich ihren eigenen Ton gefunden hat. Mir gefielen die fantasievollen Begebenheiten und Wendungen der Geschichten sehr und ich hätte dem dicken schwarzen Kater wohl ohne Zögern den Bauch gekrault.

Martina Altschäfer, Brandmeldungen, mit 19 farbigen Zeichnungen und Textcollagen, Mirabilis Verlag 2017, 136 S., 24€, ISBN 978-3-9818484-4-1.

Fünf Bücher aus Guatemala

Zur Reihe „Fünf Bücher – Nischenliteratur und Weitgereistes“

Immer wieder entdecke ich Länder auf der Landkarte, deren Kultur mir völlig unbekannt ist. Wie es sich wohl dort lebt? Was man wohl dort liest? Literaturliebhaber gibt es überall auf der Welt; überall gibt es Menschen, die lesen und schreiben. Nur ein Bruchteil aller Werke wird ins Deutsche übersetzt. Wer auch auf Englisch liest, für den ist der Kreis erreichbarer Literatur schon ungleich größer.
Dann gibt es Bücher, die nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt sind, weil sie sich einem abseitigen Thema widmen, in kleinen Verlagen erschienen sind, wenig beworben wurden oder weil sie im Strudel der Geschichte verschwanden. Diese Bücher möchte ich aufspüren.

Die Reihe „Fünf Bücher…“ wirft ein Schlaglicht auf die Belletristik aus Staaten und Regionen, die nicht im Fokus der großen Buchmessen stehen oder die literarisch nach solch kurzer Berühmtheit wieder in Vergessenheit geraten sind. Auf Nischenbücher zu Themen, die abseits des breiten Lesepublikums verhandelt werden und über die dennoch geschrieben wird. Die Reihe soll Lust machen, neue Literatur fernab des Gewohnten zu entdecken und bei Interesse selbst mit dem Stöbern zu beginnen. Fünf Bücher können nur einen ganz kleinen Ausschnitt der jeweiligen Literaturszene abbilden, aber vielleicht ist der Funke ja dann schon übergesprungen.
Wo möglich, wird auf Schriftsteller im jeweiligen Land zurückgegriffen, bei Gelegenheit auch auf Exilschriftsteller oder Werke, die in besonderer Weise der Geschichte und Kultur eines Landes verbunden sind. Bitte hinterlasst unbedingt weiterführende Literaturhinweise in den Kommentaren.

Viel Spaß mit dem ersten Beitrag zu Guatemala!

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Traditionelle Masken (photo by pixabay.com)

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Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do (2012)

Johnson_Jun DoDer 2013 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman ist schon aus einem Grunde etwas ganz Besonderes: Er spielt fast durchgehend in Nordkorea. Der Geliebte Führer Kim Jong-il ist genauso Nebenfigur wie ein texanischer Senator und eine CIA-Agentin. Sie alle treten in das Leben des Waisenjungen Jun Do, der partout kein Waise sein will und nach Tunnelkämpfen unter Südkorea und Entführungen von japanischen Opernsängerinnen aus einem Straflager flieht, um die Rolle eines landesweit bekannten Kommandanten einzunehmen und sich um dessen Frau und Kinder zu kümmern. Weiterlesen

Theodor Fontane, Günter de Bruyn: Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862–1889/2017)

Fontane_WanderungenWenn man aus Westfalen nach Berlin zieht, erleidet man leicht einen kleinen Kulturschock. Die wochenendliche Flucht ins Umland hilft da zunächst nur wenig, denn es erwarten den Westfalen fremd klingende Ortsnamen und ein besonderer Schlag Mensch mit seinem ganz eigenen Humor. Und Sand. Viel Sand. Um das Berliner Umland einmal besser kennenzulernen und seine Geschichten zu hören, habe ich die Zusammenstellung des Fontane-Kenners Günter de Bruyn herangezogen. „Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ist eine Zusammenstellung der interessantesten Geschichten des umfangreichen Fontane-Werkes und zum Einstieg genau richtig. Weiterlesen

Meine literarische Nemesis

 

Nemesis

Ich brauche dieses Wort im Plural. Denn es gibt gleich drei Bücher, die ich als meine persönliche „literarische Nemesis“ bezeichnen kann (Übertreibung als Stilmittel). Während ich andere Bücher „weggeatmet“ habe, sind es diese drei Bücher, die sich bisher nicht bezwingen ließen – und damit vielleicht so etwas wie „ausgleichende Gerechtigkeit“ für all die, deren tiefere Bedeutung mir aufgrund des Schnelllesens vielleicht entgangen ist.

Bei zweien meiner drei Bücher bin ich bis zur Hälfte vorgedrungen, bei einem habe ich es nicht einmal bis dahin geschafft. Und der Ulysses, der brandneu und noch unaufgeschlagen im Regal steht, ist noch gar nicht dabei. Vielleicht hat jeder mindestens ein solches Buch: Ein Werk, das man unbedingt lesen will, das man aber aus irgendwelchen wichtigen oder weniger wichtigen Gründen abgebrochen hat und das seitdem halb ausgelesen herumsteht. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Bei mir können die Gründe fürs Abbrechen nicht so wichtig gewesen sein, denn ich erinnere mich nicht an sie. Irgendwann wanderte das Buch mitsamt des noch herausragenden Lesezeichens zurück ins Regal. Wo es seitdem steht und guckt. An schlechten Tagen anklagender als an anderen. Vielleicht ärgern sie sich auch nur über den Staub, den sie langsam ansetzen.

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Platz 1 der Nemesis-Liste: Thomas Mann – Der Zauberberg

Hans Castorp und ich gingen den Weg ins Sanatorium gleich zweimal zusammen. In der Mitte des Buches ließ ich ihn dann allein zurück und stelle mir jetzt manchmal vor, wie er in seinem Liegestuhl liegt und unter seiner Wolldecke hervor in die Berge schaut. Ohne mich allerdings. Aber irgendwann möchte ich den Zauberberg erklimmen, der Literaturschlüssel dazu steht nämlich schon ebenso lange im Regal wie das Buch selbst. Zehn Jahre müssen es mittlerweile sein.

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Platz 2: David Foster Wallace – Unendlicher Spaß

Dieses Buch habe ich mir ironischer weise als Belohnung nach einer bestandenen Zwischenprüfung gekauft. Es sah zu gut aus da auf diesem Büchertisch. Die Kraft, es gleich zu lesen, konnte ich damals nicht aufbringen. Und kann es bis heute nicht. Nach ein paar wenigen Seiten warf ich das Handtuch und habe seitdem wohl mehr über dieses Buch und den Autor gelesen als im Werk selbst. Dafür feiere ich mit jeder Bloggerin, die dieses Monstrum bezwingt (und noch Spaß dabei hat).

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Platz 3: Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten

Die 1400 Seiten umfassende spannende und gleichermaßen verstörende fiktive Biografie eines homosexuellen SS-Offiziers tat schon beim Lesen weh. Die Schilderung von Massenerschießungen und anderen Grausamkeiten verlangt dem Leser einiges ab; gepaart mit einem Protagonisten, dessen Verhalten mir als stellenweise skurril in Erinnerung geblieben ist, ist Die Wohlgesinnten bestimmt keine gemütliche Feierabendlektüre. Nichtsdestotrotz lesenswert, denn man lernt so unglaublich viel über den Komplex Drittes Reich/Holocaust, dass man nach dem Lesen schlauer zurückbleibt. Oder halb-schlau wie ich, denn aus unerfindlichen Gründen habe ich genau auf der Hälfte der Strecke abgebrochen. Das Lesezeichen ragt seitdem mahnend genau aus der Hälfte des Buches hervor. Eigentlich könnte ich es genauso herausnehmen, denn ich habe das Buch vor vier Jahren begonnen und müsste sowieso von vorn anfangen.

Striche klein

Kommt euch das Beschriebene bekannt vor; habt ihr auch eine persönliche „literarische Nemesis“? (Der Titel kommt mir mittlerweile selbst übertrieben vor; nachdem ich die Bücher gelesen habe, wird er ja auch nicht mehr zutreffend sein.) Habt ihr euch vielleicht sogar auch an einem der Bücher von oben die Zähne ausgebissen? Oder sie souverän durchgelesen? Ich bin gespannt!

Ein Jahr Leseliste: Die Bilanz

Im Schweiße meines Angesichts habe ich damals meine 150-Bücher-Leseliste zusammen geschrieben. Seitdem ist ein Jahr vergangen und ich habe zwei Dinge bemerkt. Erstens, trotz aller Sorgfalt habe ich ein paar Bücher vergessen, die unbedingt noch drauf gehören:

Leseliste - fehlende Bücher

Aber der Zug ist abgefahren. Die 150er Liste steht felsenfest und obige Bücher packe ich vielleicht auf eine neue Liste oder schiebe sie zwischendurch (dann allerdings ohne das befriedigende Erlebnis des Abhakens) ein.

Zweitens: Es läuft super mit der Liste! 18 Werke haben im letzten Jahr einen Haken bekommen und das, obwohl viel anderes zwischendurch und drum herum gelesen wurde. Ein Blick auf die Liste macht die Buchauswahl leicht und spornt dazu an, Klassiker in die Hand zu nehmen. Von vielen Werken war ich begeistert, von einigen wenigen enttäuscht.

Striche klein

Die Highlights

Die Erwählten von Chaim Potok habe ich erwählt, weil mich der Hintergrund des Autors fasziniert hat: Selbst jüdisch-orthodox erzogen und zum Rabbi ausgebildet, war seine Familie von seinen schriftstellerischen Ambitionen gar nicht angetan. Nachdem Deborah Feldman mit Unorthodox mein Interesse für die chassidische Gemeinschaft in New York geweckt hatte, wollte ich einmal einen anderen (männlichen, positiven) Blick darauf werfen. Potok ist nicht unkritisch, nähert sich dem Thema aber sehr viel wohlwollender als Feldman und schafft es außerdem, den Zauber der Gelehrsamkeit und Bibliotheken aufleben zu lassen. Frauen kamen in diesem Buch leider mehr als kurz, aber davon abgesehen ist Die Erwählten eine wunderschöne Erzählung über die sehr ungewöhnliche Freundschaft zweier Jungen im New York der 40er und 50er Jahre. Der Folgeband Das Versprechen steht auf meiner Wunschliste.

Der Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész geht mit seinen kindlich-naiven Schilderungen der Schrecken des Holocausts unter die Haut. Gerade diese Erzählweise ist es, die das Buch von vielen anderen Erzählungen zum Thema abhebt und die bestimmt dazu beigetragen hat, Kertész zum Nobelpreisträger zu machen. Unbedingt lesen!

Wie ich merke, sind meine Highlights sehr vom Thema Judentum geprägt. Jud Süß von Lion Feuchtwanger hat mich nach einem schwierigen Einstieg mit seiner großartigen Sprache und seinen ambivalent-menschlichen Figuren beeindruckt. Er lässt das historische Württemberg vor dem Auge des Lesers auferstehen und auch, wer sich wie ich normalerweise nicht für historische Romane begeistern kann, findet Gefallen an den politischen Intrigen und Hinterzimmer-Machenschaften, die Feuchtwanger hier so glaubwürdig konstruiert. Religiöse Konflikte sind dabei allgegenwärtig und der Autor beweist seine herausragende Bildung immer wieder durch das Einstreuen von kleinen Details. Ich bin gespannt auf seine Jüdin von Toledo.

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Mein zuletzt beendetes Buch gehört definitiv zu den bisherigen Highlights der Leseliste: Madame Bovary von Gustave Flaubert. An alle, die in der Schule mit Effi Briest „gequält“ wurden – wenn ihr es noch mal, diesmal auf eigene Faust und besser, versuchen wollt mit jener Epoche, schnappt euch dieses Buch! Es lässt sich trotz seines Alters wunderbar lesen und Flauberts leise Ironie und sein scharfer Blick für die Fehler der Menschen machen es zu einem unterhaltsamen (und nicht gerade braven) Leseerlebnis. Madame Bovary verschwindet nicht mit ihren Geliebten „in den Dünen“ und überlässt den Rest der Fantasie des Lesers – so viel sei gesagt. Der Autor saß für diese Geschichte im Kittchen, also gebt Effis literarischem Vorbild eine Chance.

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Die Enttäuschungen

Enttäuscht war ich von Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena. Insgesamt zu albern, die Protagonisten, die demnächst über Wohl und Wehe ihres Königreiches entscheiden unreif, das Eintreten für einen geeinten deutschen Nationalstaat bestimmt zur damaligen Zeit berechtigt, aus heutiger Sicht aber ziemlich direkt, fast plump. Ich werde es zu gegebener Zeit noch einmal mit etwas Ernsterem von Büchner versuchen; mit seinem Lustspiel konnte er mich nicht überzeugen.

Auch von Frühlings Erwachen von Frank Wedekind hatte ich mir mehr versprochen. Überrascht war ich von der Offenheit, mit der entgegen aller wilhelminischen Zurückhaltung Sex thematisiert wurde. Genervt haben mich die ewig langen Monologe und das, was ich zunächst als positiv registriert hatte: Es wurde eben nur Sex thematisiert. Gewalt zu Hause und in der Schule, die konservativ vorgezeichneten Wege der Geschlechter, Obrigkeitshörigkeit: Andere Themen haben sich angeboten, wurden aber nicht aufgegriffen oder höchstens gestreift. Kann man lesen – oder sich die Verfilmung von Nuran David Çalış ansehen.

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Der Ausblick

Damit geht’s auf ins nächste Jahr mit der Leseliste und ich hoffe, ich kann die 18 Bücher im ersten Jahr toppen, denn ein ganzes Jahrzehnt sollte das Lesen eigentlich nicht dauern. Aber selbst wenn – der Weg ist ja bekanntlich das Ziel.

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10 Fragen zu Büchern – Stoff zum Nachdenken

Birgit von Sätze und Schätze hat schon vor einer Ewigkeit (2015) zehn Fragen zu Büchern gestellt, auf die sich Buchbloggerinnen und -blogger nur so gestürzt haben. An mir ist diese interessante Welle persönlicher Eindrücke damals vorbeigeschwappt und ich bin erst durch Xeniana von Familienbande darauf aufmerksam geworden als sie begonnen hat, jeder Frage einen eigenen Beitrag zu widmen. Über die Fragen musste ich manchmal ganz schon nachgrübeln, aber jetzt bin ich mit meinen Antworten zufrieden – und froh, dass immer nur nach einem einzigen Buch gefragt wurde.

10 Fragen zu Büchern

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