Kleffner, Meisner (Hg.): Unter Sachsen (2017)

Unter Sachsen_VS-Cover_final.inddWer sich den Nachrichten nicht völlig versperrt, hört immer wieder von rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten, häufig in Ostdeutschland und besonders häufig in Sachsen. Aber warum gerade hier? Warum scheinen die Sachsen so anfällig zu sein für fremdenfeindliche Parolen und rechtes Gedankengut? Diesen Fragen geht das sehr wichtige Buch „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“ nach.

In einem Wechsel zwischen literarischen Texten, politischen Analysen und Interviews berichten bekannte und weniger bekannte Autoren, Journalisten und Kunstschaffende über verschiedene Aspekte rechtsextremer Gewalt in Sachsen. Da geht es um den Kleinstkosmos sächsischer Dörfer, in die sich zwar seit Jahren kein Ausländer verirrt hat, die aber wie selbstverständlich von dem örtlichen kriminell-rechtsextremen Vandalen terrorisiert werden. Wer nicht in die Schusslinie geraten will, hält besser den Mund. Neben den „offensichtlichen Zielscheiben“ wie Flüchtenden oder Deutschen mit Migrationshintergrund sind nämlich oftmals auch Helfer, gesellschaftlich engagierte Bewohner, die Willkommensinitiativen oder Gesprächskreise starten, von blankem Hass bis hin zu offenen Morddrohungen vom Nachbarn drei Häuser weiter betroffen. Längere Texte werden in „Unter Sachsen“ von kurzen „Zwischenrufen“, persönlichen Eindrücken von Politikern, lokalen Künstlern und Betroffenen abgelöst, die Erfahrungen mit Rechtsextremismus sächsischer Spielart konzentriert wiedergeben.

Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Autoren – mal sachlich-nüchtern, mal sehr persönlich – zeichnet „Unter Sachsen“ ein umfassendes Bild davon, wie das menschliche Miteinander in Stadt und Land unter der weiten Streuung rechtsextremen Gedankengutes leidet. Pauschal kritisiert werden „die Sachsen“ nicht; vielmehr sind die vielen vorgestellten Initiativen für Toleranz und respektvollen Umgang bemerkens- und begrüßenswert. Absolut deutlich wird dabei aber auch, dass diese ohne eine nachdrückliche Unterstützung aus Politik und einer mutigen Presse, die nicht zögert, Rechtsextremismus beim Namen zu nennen, nicht funktionieren können. Daher sparen viele der Autoren auch nicht mit Kritik an langjährig CDU-dominierter Regierung, an Polizeibehörden und schleppend laufenden Justizverfahren.

Meine Sorge, in diesem Buch mit lauter linker Rhetorik und damit einhergehenden Kampfbegriffen konfrontiert zu werden, hat sich nicht bestätigt. Sicher, viele der Beiträge sind streitbar, einige in ihrer Kritik zu tendenziös. Aber genau dadurch setzt beim Leser ein Denkprozess, eine eigene Meinungsbildung ein, die dazu anregt, am Rande des Bewusstseins vorbeiflatternde Nachrichtenfetzen in Zukunft mit mehr Aufmerksamkeit wahrzunehmen. „Unter Sachsen“ stößt gekonnt in eine Lücke, die jüngere gesellschaftliche Entwicklungen aufgetan haben und kommt daher genau zum richtigen Zeitpunkt.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.), Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Ch. Links Verlag 2017, 312 S., 18€, ISBN: 978-3-86153-937-7.

 

Bitterböse Lesung mit Jens Westerbeck

Gestern Abend lud die Random House Verlagsgruppe zur Buchpräsentation für Jens Westerbecks neuen Roman After-Show-Party ein. Mit dem schicken Club des The Grand nahe Alexanderplatz, landeten die Organisatoren einen Volltreffer, was Ambiente und Berliner Flair betraf. Im kleinen Kreis erzählte Westerbeck humorig Episoden aus seinem abwechslungsreichen Berufsleben als Yacht-Broker, Fernsehmann und BILD-Reporter. Auf sich aufmerksam machte er vor einiger Zeit mit seinem ersten Branchen-Roman „Boatpeople“ über das Leben zwischen Luxus-Yachten.

In After-Show-Party nimmt er die Medienbranche aufs Korn und beleuchtet die Berliner Medienlandschaft aus der Sicht eines heruntergekommenen Klatsch-Reporters, einer ambitionierten Konzern-Erbin und eines britischen Fernsehlieblings, der mit einem Skandal-Video erpresst wird. Themen wie Wahrheit und Lüge, der vermeintliche Niedergang der Printmedien und die dubiosen Methoden der Informationsbeschaffung werden dabei angesprochen und aufs Bissigste kommentiert. Westerbecks Vortrag, seine Einleitungen zu den jeweiligen Kapiteln und seine Kommentare zum Weltgeschehen ließen gewollt Rückschlüsse auf seine Vergangenheit als Gag-Schreiber für Comedians zu – ein Highlight der Lesung war seine treffende Imitation des x-beliebigen Berliner Taxifahrers.

Wer Lust auf direkten, teils auch derben Humor, viele Anspielungen und bissigen Witz hat, dem wird After-Show-Party gefallen. Westerbeck sollte sich überlegen, ob er nach all seinen bisherigen Stationen nicht auch bald ins Hörbuchgeschäft einsteigen will – Talent dafür war bei der Lesung deutlich zu erkennen.